Traumatisierte Schüler

Die nächsten drei Wochen vergingen wie im Flug und ehe sie sich versah, war der September beinah vorüber. Von Draco hatte sie nichts mehr gehört und sie glaubte ehrlich gesagt auch nicht mehr daran, dass er noch zu ihr kommen würde. Nächste Woche würde Severus Snape wieder Zaubertränke unterrichten, das hiess für Heaven wesentlich mehr Freizeit, in der sie weiter an ihrer Idee arbeiten konnte. Das Grundgerüst hatte schon einmal Form angenommen, jetzt musste sie es nur noch mit konkreten Vorschlägen ausschmücken. Sie schmunzelte leicht als sie daran dachte, wie alle fünf Minuten ein Schüler bei ihr an der Tür klopfte und sie bei jedem noch so kleinem Problem um Rat fragte. Was sie jedoch wunderte war, dass nicht nur Schüler aus ihrem Haus zu der Haulehrerin kam, sondern Schülern aus allen Häusern, vor allem aus Slytherin. Na ja ihr sollte es egal sein, solange sie nicht bei der Arbeit behindert wurde, denn durch den hohen Ansturm musste sie Samstags eine Zusatzschicht einlegen. Doch nach dem Heaven mehr als einmal Schüler die an ihre privaten Räume oder nicht während der Sprechzeiten geklopft hatten mit einem freundlichen Verweis auf ihre Freizeit zu einem der andern Hauslehrern geschickt hatte, kamen sie nur noch während der Sprechzeiten und standen Schlange. Was dazu führt, dass Heaven anfing Termine mit den Schülern zu vereinbaren. Jeder Schüler hatte eine viertel Stunde Zeit um sein Problem zu erörtern. Ging es um eine Lappalie, wie zum Beispiel Streit mit Freund, gab sie Tipps und damit war für sie das Problem geklärt. Doch hin und wieder kamen einige Schüler mit wirklich schwer wiegenden Probleme zu ihr, meist durch den Krieg gegen Voldemort ausgelöst. Ein junge aus dem dritten Jahrgang ihres Hauses, beklagte den Tod seiner Eltern und seiner fünf Jahre ältere Schwester die bei der grossen Schlacht ums Leben gekommen war. Doch viel erschreckender war für Heaven, die Anzahl der älteren Schüler, die unter Tränen von den schlimmen Erlebnissen im Krieg berichteten. Nicht wenige mussten sich verstecken oder hatten an erster Front gekämpft. Heaven war sich sicher, dass viele dieser Schüler ein schlimmes Trauma hatten und es brach ihr fast das Herz die Schüler ohne einen hilfreichen Tipp zu Madame Pomfrey schickte, damit diese ihnen ein paar Fläschchen »traumlos Schlaf« gab. Doch damit war das Problem nicht behoben und das liess Heaven immer verbissener an ihrem Plan arbeiten und ihn auszuweiten. Irgendwie musste man diesen jungen Menschen helfen können, da war sie sich sicher und wenn kein andere erkannte wie schlecht es um die Jugend stand, dann musste sie sich halt selber darum kümmern. Die Tür schloss sich hinter ihrem letzten Termin für heute, erschöpft lehnt sie sich in ihrem Stuhl zurück. Sie unglaublich erleichtert, nächste Woche die Hälfte ihrer Stunden an ihren Kollegen abzugeben. Heaven schloss die Augen und versuchte damit das Gedanken-Karussell zum Stehen zu bringen. Ihr fiel ein, dass sie unbedingt Adam und Paul schreiben musste, ihr letzter Brief war schon zweieinhalb Wochen her, die beiden machten sich sicher schon Sorgen. Sie griff zu Feder und Pergament, als die Bürotür ohne Vorwarnung aufgeworfen wurde. „Jetzt nicht, ich habe keine Sprechzeit mehr", sagte sie energisch. „Ja, ja aber, aber", schluchzte eine aufgelöste Stimme. Heaven sah auf und erblickte Hermine Granger, einem Zusammenbruch nahe, zitternd in der Tür stehen, Tränen liefen ihre Wangen hinab. „Bei Merlins Bart, Miss Granger was ist passiert?" Heaven machte sich ernsthaft Sorgen um die junge Brünette. Völlig zusammenhanglos begann Hermine irgendwelche Wörter aneinander zu reihen. „Bitte, Miss Granger, konzertieren sie sich, ich verstehe kein Wort von dem was sie mir sagen wollen", sagte sie zu Hermine. „Harry…Draco...Klo, sechste Etage…Er stirbt!" Daraufhin brach Hermine entkräftete zusammen. „Merlin, Hermine, wach auf alles wird gut. Hey, komm schon", bersorgt schüttelte sie Hermine leicht. Dann erst kam bei ihr an, was Hermine ihr gerade eben versucht hatte zu erzählen. Hin und her gerissen, was sie jetzt machen sollte, stürmte sie auf den Flur und kollidierte dabei fast mit Ron Weasley, Ginny Weasley und Luna Lovegood. „Alles in Ordnung mit ihnen Professor?", fragte Luna mit ihrer typisch verträumten Stimme. „Es ist ganz und gar nichts in Ordnung. Bitte, kommen sie schnell", sagte sie und die drei folgten der aufgelösten Lehrerin in das Büro. „Was bei Merlin ist mit ihr passiert", hauchte Ginny und stürzte auf die am Boden liegende Hermine zu. „Bringt sie in den Krankenflügel, ich muss mich dringend um etwas kümmern", wies die Heaven an und verschwand schon wieder mit wehendem Umhang. „Und was machen wir jetzt mit ihr?", fragte Ron blöd. „Na in den Krankenflügel bringen", fuhr ihn seine Schwester an.

Etwa eine viertel Stunde früher im Klo der sechsten Etage
Todesser, Verräter, Verrückter, all diese Worte kreisten durch seinen Kopf. Er hatte es nicht mehr ausgehalten, er hatte diesen Idioten seine Meinung gesagte und was war das Ergebnis gewesen. Beschimpft hatten sie ihn, beschimpft auf das Schlimmste. Von überall hatten ihm diese Fratzen entgegen gelacht, egal wohin er sah. Verzweifelt war er davon gerannt, was hatte er nur gemacht. Nun stand er hier, hier wo ihm Harry vor ungefähr eineinhalb Jahren, fast umgebracht hätte. Warum hatte er damals nicht einfach sterben können, jämmerlich verrecken, dann müsste er das jetzt nicht alles durchstehen und da waren sie plötzlich wieder, all die Gedanken die verschwunden waren, seitdem er mit Professor McAdam gesprochen hatte. Sie brachen über ihn herein und er konnte es nicht verhindern, nicht kontrollieren, sie überrollten ihn einfach. Er schrie, nein eigentlich wusste er gar nicht ob er schrie, das einzige, was wer wusste war, dass er keine Luft mehr bekam. Draco brach zusammen, wie eine Marionette, der man die Fäden zerschnitten hatte. Er würde jetzt sterben, da war er sich sicher, alleine, verlassen und ungeliebt. Plötzlich war da jemand der versuchte ihn zu beruhigen mit ihm zu sprechen. Als er erkannte, dass es Harry und Hermine waren, atmete er wieder etwas gleichmässiger, bevor er erneut zu schreien begann.
Harry und Hermine blickte erschrocken auf das Schauspiel, das sich ihnen bot. „Harry mach doch was", wimmerte Hermine. „Was denn, du bist doch die, die immer alles weiss", fuhr er sie an. „Ich… Ich weiss nicht was ich machen soll, Harry. Was? Was soll ich machen? Ich habe keine Ahnung, ich Hermine Granger, habe kein Ahnung was ich machen soll", schrie sie hysterisch. „Hermine beruhig dich, es bringt uns gar nichts, wenn du jetzt durchdrehst", schrie er zurück. Er warf sich neben Draco auf die Knie und bettete dessen Kopf in seinen Schoss. „Draco, hörst du mich, du musst atmen, ein und aus, ein und aus. Verdammt, Hermine, es hilft nichts, was sollen wir machen?" Jetzt waren auch Harrys Nerven am Ende, er hatte sich immer auf Hermine verlassen können, sie hatte ihm immer helfen können, immer alles gewusst, doch jetzt… Er wusste das Dracos Leben gerade auf dem Spiel stand, sie mussten Handeln uns zwar schnell. „St-st-starke Schu-schu-schulter… Pro-pro… McA-A-Adam", hauchte Draco fast unhörbar, bevor er wieder zu schreien begann. Harry erwachte aus der starre in die er verfallen war und blickte panisch zu Hermine. „Hermine, lauf zu Professor McAdam, sage ihr wir brauchen sie hier, sofort", schrie er verzweifelt. Hermine starrte ihn einen Moment ungläubig an, bevor sie aus der Toilette rannte. Vor der Toilette hatte sich eine Menschentraube gebildet. „Verschwindet alle, das ist alles eure Schuld. ER STIRB VIELLEICHT UND IHR STEHT HIER RUM UND GUCKT BLÖD! LOS VERSCHWINDET SOFORT!", schrie sie verzweifelt und Tränen rannen ihr die Wange herunter. Durch den Ausbruch Hermines erschrocken stob die Masse in alle Richtungen davon, doch keiner dachte daran, in irgendeiner Weise zu helfen. Harry der den Ausbruch von Hermine drinnen mit angehört hatte, beugte sich besorgt über Draco, der nach dem er aufgehört hatte zu schreien, wieder nach Atem rang. „Hey Draco, komm schon, du kannst jetzt nicht einfach aufgeben, hey, hallo, du musst atmen, ein aus, ein aus, komm schon." Sollte es nicht helfen wenn man mit Verletzen sprach. Wobei Harry zur nächsten Frage kam, war Draco überhaupt verletzt. Und überhaupt, wo blieb eigentlich Hermine, sie müsste schon längst wieder hier sein. Plötzlich war es still, zu still. Harry blickte auf Draco. Er hatte aufgehört zu atmen. „Verdammt Draco, atme, du musst atmen, Hermine holt Hilfe, sie sind gleich hier, los verdammt atme." Innerlich flehte Harry alle heiligen an die er kannte. Und plötzlich hob und senkte sich Dracos Brust wieder. „Ein aus, ein aus, los weiter." Das ‚los weiter' ging in Dracos Schrei unter. Was hatte er bloß, hatte er Schmerzen, oder warum schrie er so. Warum war eigentlich noch keiner auf ihn und Draco aufmerksam geworden, man musste Dracos Geschrei doch im ganzen Schloss hören.