Erinnerungen
Im Nu waren zwei Wochen vergangen. Hermine hatte Draco jeden Tag im Krankenflügel besucht, meistens alleine, manchmal auch in Begleitung von Luna oder Harry.
Severus hatte das Fach Zaubertränke wieder übernommen und die meisten Schüler hatten mehr oder weniger ohne große Umstände den neuen, alten Professor akzeptiert. Er selber war vom Lerneifer seiner Schüler überrascht und freute sich ganz, ganz tief in seinem Inneren darüber.
Heaven arbeitete so oft wie möglich an ihrem Projekt und war fast damit fertig. Die, für alle Schüler eingeführte Stunde, in welcher die Geschehnisse des Krieges besprochen und aufgearbeitet werden sollten, hatte leider nicht den nötigen Erfolg gebracht. Diese Tatsache bestärkte Heaven, noch intensiver an ihrem Projekt zu arbeiten.
Nach zwei Wochen Aufenthalt im Krankenflügel, sollte Draco heute entlassen werden. Der Grund für seinen Zusammenbruch war immer noch nicht gefunden, jedoch konnte und wollte Madam Pomfrey den blonden Slytherin nicht noch länger auf der Krankenstation behalten.
Draco erwachte gerade, als er die schlanke Gestalt neben seinem Krankenbett wahrnahm. Die Sonne fiel durch das hohe Fenster auf Hermines Haar und ließ es goldig schimmern. Er lächelte selig, als er seine Freundin beobachtete. Seine Freundin - es fühlte sich immer noch merkwürdig an, von Hermine als seiner Freundin zu denken. Aber das war sie ja nun mal.
„Guten Morgen", murmelte er verschlafen, „ich habe dir doch gesagt, dass du heute nicht kommen brauchst." „Ja, schon, aber ich musste dich einfach sehen", lächelte sie ihn liebevoll an. Schritte nährten sich und Madam Pomfrey trat ans Bett. „So Mister Malfoy, hier sind ihre Sachen, ziehen sie sich an und dann dürfen sie in die große Halle zum Frühstücken gehen", sagte die Heilerin.
Draco sprang förmlich aus seinem Bett, zog sich in Windeseile an und verließ zusammen mit Hermine den Krankenflügel. Das junge Paar begegnete Heaven auf dem Flur. Diese musste über das Glück, welches die beiden ausstrahlten, lächeln. Sie ging davon aus, dass der junge Mister Malfoy sie heute noch in ihren Räumlichkeiten aufsuchen würde. Ihre Gedanken kreisten weiterhin um ihn, als sie die Bibliothek betrat.
Sie bemerkte nicht, dass sie beobachtet wurde. Severus fragte sich schon seit geraumer Zeit, an was für einem Projekt die blonde junge Frau arbeitete. Er hatte in letzter Zeit vermehrt mitbekommen, wie sie sich in der großen Halle leise flüsternd mit der Schulleiterin unterhalten hatte. Seit etwa einer Woche versuchte er heraus zu bekommen, was Heaven plante. Allerdings hatte er noch nicht den kleinsten Anhaltspunkt und nahm an, dass er auch heute mit seiner Recherche nicht weiterkommen würde. So beschloss er, ebenfalls in die Bücherei zu gehen, um vielleicht einige Informationen zu erhalten. Heaven bewegte sich langsam durch die Buchreihen, zog einige Bücher heraus, blätterte kurz in ihnen und stellte sie wieder zurück.
Plötzlich blieb ihr Blick an einem Buchrücken mit dem Titel „Magie und Trauma" hängen. Sie zog es aus dem Regal und stellte schmunzelnd fest, dass es eine ihrer Schulfreundinnen geschrieben hatte und zwar genau diejenige, der sie eine Eule geschickt hatte und auf deren Antwort sie immer noch wartete. Sie nahm das Buch mit und legte es der Leiterin der Bibliothek auf den Tresen.
Madam Pince notierte sich den Titel und Heavens Namen und gab das Buch an sie zurück. „Schönen Tag noch, Professor", sagte sie freundlich. „Das wünsche ich ihnen auch", erwiderte Heaven und verließ die Bibliothek. Servus, vom Gespräch der beiden Damen angelockt, trat aus einer der Bücherreihen und stellte fest, dass Heaven gerade dabei war, die Bücherei zu verlassen. Er wollte ihr folgen, doch irgendetwas Unbestimmtes hinderte ihn dran, er seufzte leise und blickte sich in der Bücherei um.
Dort hinten am Tisch, vor dem großen Fenster, an dem nur zwei Stühle standen, hatte er manchmal mit Lily gesessen. Er dachte nicht gern an diese Zeit zurück, als er unsterblich in die Rothaarige verliebt war. Immer wieder fragte er sich, warum er nicht früher mit ihr gesprochen hatte. Er war feige gewesen und hatte sich nicht getraut. Er lächelte, als er an jenen besonderen Tag dachte, an dem er… „Severus reiß dich zusammen!", mahnte er sich in Gedanken. Er setzte seine gleichgültige, kalte Maske wieder auf, wandte seinen Blick vom Fensterplatz ab und verließ die Bücherei.
Er realisierte gar nicht, dass er den Weg an Heavens Räumen vorbei wählte. Erst als er die leisen Töne eines Flügels wahrnahm, merkte er, wo er sich befand. Er verstand nicht wieso, aber die junge Frau kam ihm bekannt vor. Bereits als er sie das erste Mal gesehen hatte, war er sich sicher, der Frau schon einmal begegnet zu sein. Er wusste nicht warum, aber sie erinnerte ihn sehr an Lily. Seit sie seinen Weg gekreuzt hatte, begann er mehr und mehr über sich und Lily nachzudenken. Es verwirrte ihn, als er feststellen musste, dass seine Liebe zu Lily nicht mehr so tief war wie früher.
Dass er immer noch auf dem Flur vor Heavens Räumen stand, wurde ihm erst bewusst, als er angesprochen wurde.
„Guten Tag Onkel Severus", sagte Draco verwundert und registrierte ein seltenes Lächeln auf den Lippen seines Onkels. „Guten Tag Draco", sagte dieser und schien aus seinen Gedanken aufzuschrecken, denn sofort verschwand das Lächeln aus seinem Gesicht. Draco stutzte, denn das Verhalten seines Onkels kam ihm mehr als merkwürdig vor. Jedoch beschloss er, ihn nicht darauf an zu sprechen, weil er wusste, dass Severus sehr heftig reagieren würde. Allerdings nahm er sich vor, seinen Onkel gut im Auge zu behalten. Dann ging er auf die Räume zu, hinter deren Tür man die wundervollen Töne des Flügels vernehmen konnte.
Draco klopfte an, die Töne verstummten, Schritte waren zu hören und dann wurde die Tür geöffnet. „Guten Tag Mister Malfoy, ich habe sie schon erwartet, kommen sie doch herein", begrüßte Heaven den blonden Slytherin. Bevor sie die Tür hinter dem jungen Mann schloss, fiel ihr Blick auf Severus.
„Guten Tag, Severus", grüßte sie auch ihn und schenkte ihm ein warmes Lächeln. „Guten Tag, Miss Adam", erwiderte dieser. Draco erhaschte einen Blick auf seinen Onkel und wollte seinen Augen nicht trauen, als er die Augen seines Onkels kurz aufblitzen sah.
Allerdings war ihm ein zweiter Blick auf seinen Onkel vergönnt, denn Heaven hatte die Tür zu ihren Räumen bereits wieder geschlossen. Konnte es sein, dass sein Onkel die junge Frau mochte? Nein, er verwarf diesen Gedanken ganz schnell wieder. Wahrscheinlich hatte die Sonne ihm einen Streich gespielt und war dafür verantwortlich, dass die Augen seines Onkels kurz aufgeblitzt hatten oder er hatte sich komplett vertan und es war ihm nur so vorgekommen als ob. Allerdings könnte er seinen Onkel gut verstehen. Auch er war zu Beginn des Jahres von der jungen Professorin sehr angetan gewesen.
