Und ein neues Kapitel.
Viel Spaß damit!
Verschüttet
Hastig suchten Tabitha's Augen die Umgebung ab. Dieser Mann schien schreckliche Schmerzen zu haben und sie wollte irgendwas tun. Ihre Hände tasteten sich zwischen Nudelverpackungen und Gemüsedosen umher, bis sich ihre Finger um ein kleines Plastikdöschen schlossen.
„Meinen sie das hier?" fragte sie aufgeregt.
Schwerfällig öffneten sich seine Augen und Erleichterung flackerte in ihnen auf, als er das orange Plastik erkannte. Er nickte und streckte seine Hand danach aus. Sie gab es ihm und sah ihm zu, wie er erst in die knapp halbvolle Dose starrte, als wolle er abwägen, für wie lange sie noch ausreichten, dann nahm er zwei Tabletten heraus und schluckte sie trocken. Fahrig verschloss er die Dose wieder und steckte sie in die Tasche seines Jacketts. Müde schlossen sich seine Augen wieder.
Sie betrachtete ihn eine Weile, ehe sie schließlich den weißen Cardigan, den sie um die Hüften gewickelt hatte, löste und zusammenfaltete.
„Nicht erschrecken!" warnte sie ihn, bevor sie vorsichtig seinen Kopf etwas anhob und ihm den Cardigan als Kopfkissen darunter schob. Er gab ein unwilliges Brummen von sich, aber mehr nicht. Erst einige Minuten später gab er wieder ein Lebenszeichen von sich.
Es dauerte eine Weile, bis das Vicodin wirkte und zumindest den schlimmsten Schmerz gedämpft hatte. Wenn er noch ein bisschen wartete, würde es noch besser werden. Endlich konnte er wieder etwas freier atmen und auch sein Gehirn ließ es wieder zu, für's Denken benutzt zu werden. Die weiche Unterlage für seinen Kopf war dabei nicht unwillkommen.
„Das Haus ist also eingestürzt." sagte er schlicht.
„Ja, sieht so aus."
House verdrehte die Augen. „Super, wirklich ganz toll. Das wirst du mir büßen, Wilson, drei- und vierfach sogar!" schimpfte er vor sich hin.
„Was waren das für Tabletten?"
„Schmerzkiller. Manchmal wirklich nützlich." Und das brachte ihn zum nächsten Punkt. Was war mit seinem Bein passiert?
Ganz vorsichtig versuchte er sich aufzusetzen.
„Das sollten sie lieber nicht tun…" warf die Frau neben ihm ein.
Genervt verdrehte er die Augen. „Jetzt hören sie mal zu, ich bin Arzt! Und ich würde gerne sehen, was da unten passiert ist, damit ich weiß, ob ich mich lieber gleich erschießen oder doch lieber auf die Rettungsmannschaften warten sollte."
Sie starrte ihn finster an. „Deshalb brauchen sie nicht gleich so bissig zu werden. Ich kann nichts dafür, dass das hier passiert ist. Und dieser Wilson genauso wenig!" Fügte sie noch schnippisch hinzu.
„Oh doch, normalerweise erledigt er den Einkauf!"
„Ach, wäre es ihnen lieber, er wäre hier verschüttet worden?" Dieser Kerl nervte sie jetzt schon. Hoffentlich würden sie bald hier rausgeholt.
Natürlich wollte House das nicht, auf keinen Fall sogar, aber Wilson wäre zum Einkaufszentrum gefahren und nicht hierher. Ihnen beiden wäre nichts geschehen und er läge jetzt gemütlich auf seiner Couch mit seiner Playstation oder würde am Klavier sitzen und nicht hier zwischen Beton und Dosen liegen.
Er schob seinen Oberkörper noch ein wenig höher und erhaschte schließlich einen ziemlich guten Blick auf den zerbeulten und zerquetschten Einkaufswagen und sein Bein.
„Scheiße!" fluchte er herzhaft. Der Metallstab war durch die Jeans gestoßen und hatte sein Bein völlig durchschlagen. Und dank des ganzen Schutts war alles so eingekeilt, dass er festsaß. Nicht, dass er sein Bein sonst herausgezogen hätte, das wäre zu gefährlich. Er konnte nicht wissen, ob das Metall nicht eine Arterie verletzt hatte. Aber was er wusste, war, dass dieses Ding in seinem Bein alles andere als hygienisch sauber war. Doch da konnte er überhaupt nichts tun, er musste warten, bis sie hier rausgeholt worden waren.
Vorsichtig ließ er sich wieder zurücksinken und legte sich hin, das war die angenehmste Haltung. Noch.
Seine Gedanken rasten. Der Knall hatte sich angehört, als wäre etwas explodiert. Vielleicht eine Gasleitung? Aber das davon ein ganzes Haus zusammenstürzte? Wie viele Stockwerke hatte dieses Haus noch mal gehabt? Zwei oder drei? Er wusste es nicht mehr genau. Auf jeden Fall dürfte eine Menge Beton, Schutt und sonstiger Kram über ihnen liegen. Sie hatten Glück gehabt, dass dieses Regal so stabil war, oder war da noch etwas anderes, das sie geschützt hatte? Nur so ein Regal hielt schließlich keinen fallenden Beton. Wie lange würden die Bergungsmannschaften brauchen, um sich zu ihnen vorzuarbeiten? Wenn er an derartige Vorfälle in den Nachrichten dachte, dann dauerte das oft Tage, weil die Überreste einsturzgefährdet waren und man die Rettungsleute nicht gefährden wollte, ebenso wenig wie noch Verschüttete. Sie mussten sich irgendwie bemerkbar machen, irgendwie auf sich aufmerksam machen, damit man sie fand. Damit man wusste, wo man suchen musste. Und er musste ins Krankenhaus.
„Haben sie ein Handy?" fragte er schließlich. Er hatte seins auf dem Küchentisch liegen gelassen.
Resigniert schüttelte sie den Kopf. „Das liegt in meinem Auto. Draußen vor der Tür."
„Verdammt!" fluchte House lautstark.
„Irgendwas anderes? Einen Pager, irgendwas, womit man eine Nachricht schicken kann?" Seinen Pager hatte er natürlich auch nicht dabei, nicht wenn er frei hatte – und auch sonst trug er ihn nicht immer bei sich.
„So was hab ich nicht, ich bin Schriftstellerin, keine Ärztin."
Er hob überrascht eine Augenbraue. „Ihrem überdrehten, höchst verwirrtem Auftreten von zuvor nach, hätte ich sie eher für eine von diesen durchgeknallten Schulpsychologinnen gehalten oder für so eine Umweltaktivistin, die am Strand Robbenbabies das Öl vom Leib putzt."
Empört, aber nicht sonderlich beeindruckt, funkelte sie ihn böse an. „Sie wirken auch eher wie ein verbitterter, misanthropischer Kriegsveteran, der allen das Leben zur Hölle macht, als wie ein Arzt. Aber wahrscheinlich sind sie Pathologe und der Mangel an menschlichem Umgang hat sie einfach nur ziemlich verkorkst. Sie sollten öfter mal rausgehen, ich könnte sie da zu meiner nächsten Robbenbaby-Putzaktion mitnehmen!"
House lachte trocken. „Okay, also Liebesromane verfassen sie ganz sicher nicht. Ich tippe auf Lebenshilfe-Ratgeber. ‚Finden sie ihr inneres Selbst' oder ‚So halten sie sich unerwünschte Kerle vom Leib'."
Tabitha verdrehte die Augen. „Knapp daneben." erwiderte sie spitz. „Ich nehme an, sie haben ihren Pager und ihr Handy auch nicht dabei, sonst würden sie nicht fragen."
Zähneknirschend wandte House den Blick ab. „Wir müssen irgendwie auf uns aufmerksam machen, damit sie uns finden. Außer natürlich, sie wollen noch länger als nötig hier bleiben. Ich für meinen Teil würde lieber früher als später von diesem Schaschlikspieß runter."
Sie überlegte kurz. „Wir müssen wohl zum altbewährten Mittel greifen. Schreien und Klopfen." Doch sie fühlte sich bei weitem nicht so zuversichtlich, wie sie klang. „Ich bin übrigens Tabitha Myers."
„Schön für sie."
Sie seufzte. Von allen Menschen, mit denen sie hier hätte eingeschlossen werden können, musste sie ausgerechnet diesen Idioten erwischen. „Neuer Versuch. Haben sie auch einen Namen, Herr Doktor?" fragte sie sarkastisch.
Schließlich gab er klein bei. „Gregory House."
„Sie haben wirklich Glück gehabt, Miss Tarringhold. Die Schnitte sind alle nur oberflächlich und es werden wohl kaum Narben zurückbleiben. Ich werde die Hautstellen jetzt betäuben und hole ihnen dann jemanden, der ihre Wunden näht."
Die junge Frau nickte beklommen. „Danke, Dr. Wilson."
Sorgfältig bereitete er die Lidocain-Spritze vor und begann das Gewebe um die Schnitte an ihrer Wange, ihrem Oberarm und ihrem Handgelenk zu betäuben.
„Wir haben mittwochs immer früher aus und Donnie, mein Freund, hat mich nach Hause begleitet. Wir wollten nach dem Essen zum Minigolf fahren und dort ein paar Freunde treffen. Normalerweise kommen wir gar nicht an diesem Supermarkt vorbei, wir biegen zuvor ab, aber Donnie hat dieses Auto gesehen. Keine Ahnung, was das war, aber es sah teuer aus, und er musste es sich unbedingt ansehen. Wir waren noch nicht mal richtig dort, dann gab es diesen Knall und auf einmal flog alles durch die Luft. Ich hab gespürt, dass sich irgendwas in meinen Arm gebohrt hat, dann hat mich Donnie zu Boden gerissen. Alles war so laut…"
Ihre Stimme verhallte und Wilson sah deutlich den Schrecken in ihren hellblauen Augen.
„Ist ihr Freund dabei verletzt worden?" erkundigte er sich mitfühlend.
„Ich weißt nicht genau, er hat aus dem Ohr geblutet und gesagt, dass er nicht mehr richtig hört…"
Wilson nickte. „Machen sie sich keine Sorgen. Das wird schon wieder. Das Schmerzmittel müsste in den nächsten Minuten zu wirken beginnen. Ich hole jemanden, der ihnen das näht."
Sie nickte nur. Nachdenklich verließ Wilson das Untersuchungszimmer. Die meisten Verletzten, die bisher zu ihnen gebracht worden waren, hatten mehr oder weniger schlimme Schnittverletzungen, Knochenbrüche, waren von umherfliegenden Trümmern teils ziemlich schwer verletzt worden und ein halb verbranntes Opfer war in der Notaufnahme gestorben. Man nahm an, dass der Mann in unmittelbarer Nähe der Explosionsquelle gestanden hatte und dann auf die Straße geschleudert worden war.
Wilson atmete tief ein, um etwas Kraft zu sammeln, denn bisher war kein Ende in Sicht. Zügig eilte er zu der Schwester, die am Empfang alles koordinierte. Er informierte sie über seine Patientin und sie versprach, ihr jemanden zu schicken.
Noch im selben Moment wurde schon der nächste auf einer Trage hereingefahren.
„Harold Ruby, 49 Jahre alt. Schädeltrauma, multiple Knochenbrüche im Brust- und Beckenbereich. Außerdem Verbrennungen an Gesicht und Brust. Er hat 0,5 Morphium bekommen, ist wach und ansprechbar."
Wilson beugte sich über den Mann. „Ich bin Dr. Wilson. Wie ist das passiert, Mr. Ruby?"
„Ich… war gerade dabei, im Büro des Chefs die Fenster zu putzen, da flog plötzlich alles in die Luft. Ich hab mich umgedreht und… es war brennend heiß… es hat mich einfach aus dem Fenster gedrückt und über die Straße auf ein Auto geschleudert…"
„Bringen sie ihn in die drei. Chase!" rief er den Australier, als er ihn gerade an einer Ecke erspähte. „Kommen sie mit!"
Tabitha kroch auf allen Vieren zurück zur anderen Seite ihrer Höhle und stocherte mit ihren Händen in den Lücken im Beton. Vielleicht konnte sie etwas lockern und sich einen Weg nach draußen graben, oder zumindest etwas mehr Licht herein lassen.
Während sie am Schutt kratzte und am Waschbecken ruckelte, schrie sie immer wieder Dinge wie ‚Hilfe, wir sind hier drüben' und ‚Kann mich jemand hören?', doch bisher ohne Erfolg. Es drangen aber auch kaum Geräusch von draußen in ihren kleinen Kokon herein, gerade mal leises Knirschen und fernes Dröhnen.
Schließlich griff sie nach einer Dose, die am Boden lag und schlug damit gegen die Betonbrocken. Doch ihr Erfolg war mehr als mäßig.
House lag einfach nur still da. Mit dem Ärmel seines Jacketts hatte er sich das Blut aus dem Gesicht gewischt, das ihm langsam ins Ohr gelaufen war, ansonsten hatte er sich nicht bewegt. Das Vicodin, das er geschluckt hatte, entfaltete langsam seine volle Wirkung, es wischte den schlimmsten Schmerz beiseite und den, welchen es nicht nehmen konnte, packte es in Watte. Sein Kopf fühlte sich immer leichter an und der Schmerz wurde zu einem dünnen Surren, das er gar nicht mehr bemerkte, nicht mehr nach all den Jahren. Was er aber bemerkte, war das leichte Gefühl der Übelkeit in seinem Magen. Kein Wunder, nachdem er drei Tabletten so kurz hintereinander geschluckt hatte.
Es ärgerte ihn, dass er alles, was er jetzt hätte brauchen können, nicht bei sich trug. Wieso hatte er auch das Handy liegen lassen? Sonst hatte er es immer dabei. Doch dann fiel ihm wieder ein, dass er sich geweigert hatte, es mitzunehmen, weil er befürchtet hatte, dass Wilson anrufen würde, um ihn ans Einkaufen gehen zu erinnern. Und nach ihrem Streit am Morgen hatte er keine Lust auf so einen Kontrollanruf gehabt.
Im Moment wäre er froh darum, Wilsons Stimme zu hören.
Und sei es nur, damit er die Rufe und das dumpfe Schlagen hinter sich nicht mehr hören musste. Ihm war klar, dass sie genau das Richtige tat, doch auf die Dauer war es nervtötend.
„Was machen sie dahinten?" fragte er schließlich scharf.
„Ich versuche, ob ich einen dieser Schuttbrocken zur Seite schieben kann, oder vielleicht auch das Waschbecken, aber das ist zu verkeilt."
House runzelte die Stirn. „Waschbecken?"
„Jepp. Hier drüber ist… war… ein Friseursaloon. Ein ziemlich guter sogar. Hervorragende Arbeit für wenig Geld. Naja, bis jetzt zumindest. Hoffentlich ist Luka nichts passiert." fügte sie mit besorgtem Unterton hinzu.
„Der schwule Friseur?"
„Luka ist nicht… haben sie das auch gehört?" Sie klang plötzlich alarmiert.
Sofort horchte House auf, suchte in der Geräuschkulisse nach Schritten, Hundebellen, Stimmen, irgendwas, doch alles, was er hörte, war ein bedrohliches Knirschen. Er kam nicht mehr dazu, etwas zu sagen. Im nächsten Augenblick knarzte das Regal, das über ihnen hing, ganz bedenklich und rutschte ein paar Zentimeter tiefer, begleitet von einer allgegenwärtigen Erschütterung, die sich auch durch den Metallstab in sein Bein hinein fortsetzte. Gequält verzog er das Gesicht und hielt sich einen Arm über Augen und Nase, als Staub durch sämtliche Ritzen quoll. Aus der Ferne ertönte ein Dröhnen und Scheppern, irgendwas hatte dem Druck wohl nachgegeben und war zusammengebrochen.
Er hörte einen erschrockenen Schrei hinter sich, dicht gefolgt von einem dumpfen Schlag, der wieder einen spitzen Schrei zur Folge hatte. Dann folgte Husten, heftiges Husten. Es hörte sich an, als würde sie jeden Moment ihre gesamte Lunge hervorwürgen.
TBC
Eure Meinung ist gerne erwünscht!
