Und das nächste Kapitel!
Viel Spaß!
Witze und Rätsel
Leises Rascheln neben ihm lenkte seinen Blick zu seiner ‚Begleiterin'. Sie schüttelte gerade etwas träge den Staub aus ihren Ärmeln und wischte sich dann prustend das Gesicht etwas sauber, ehe sie sich langsam in eine sitzende Position aufrappelte und ihren Pulli noch ein bisschen mehr entstaubte. Sie sah wieder besser aus und als sie sprach war ihre Stimme auch nicht mehr so kratzig wie zuvor, sondern nur noch etwas heiser.
„Wie lang hab ich geschlafen?"
„Ein paar Stunden." antwortete er wage und abweisend. Er hatte jetzt wirklich andere Probleme als Small Talk.
Sie runzelte kurz die Stirn über seinen schroffen Tonfall, beschloss dann aber, ihn nicht zu beachten. „Danke für die Tablette, meinem Kopf geht es wieder viel besser." Und das stimmte auch, nur noch ein dumpfes Pochen, mit dem sie leben konnte, war ihr geblieben. Auch der Schwindel war weg und sogar das raue Kratzen in ihrem Hals war nur noch minimal vorhanden.
„Schön für sie." warf er ihr übellaunig entgegen. Ihr Kommentar erinnerte ihn nur daran, dass er in einem geistesabwesenden Moment eine seiner wertvollen Pillen an diese Frau verschwendet hatte.
Mit schief gelegtem Kopf musterte Tabitha ihren Mitgefangenen. Er hatte seine Liegeposition ein Stück verändert – sehr klug, denn auf diesem Boden holte man sich
schnell einen Dekubitus1, wenn man sich nicht bewegte. Außerdem wirkte er total angespannt. Vermutlich verloren die Schmerzmittel langsam ihre Wirkung und die Schmerzen kehrten zurück. Sie wollte sich gar nicht vorstellen, wie weh es tat, wenn einem das Bein durchbohrt worden war. Doch dann fiel ihr seine verkrampfte Haltung auf und wie er das freie Bein angezogen und die Beine zusammengekniffen hatte.
Langsam dämmerte es ihr, diese Situation kam ihr immerhin sehr bekannt vor. Es wäre ja auch nicht das erste Mal, dass ein stolzer, aber zur Untätigkeit verdammter Mann vor ihr lag und es nicht wagte, sie um Hilfe zu bitten, auch wenn er sie ganz offensichtlich brauchte. Schamgefühl und Stolz waren in dieser Lage eine überaus schlechte Kombination, das hatte sie schmerzlich lernen müssen.
Langsam robbte sie von ihm weg und begann in dem spärlichen, blasser werdenden Licht das Regal, das noch aufrecht stand, abzusuchen. Und schließlich fand sie etwas, das sie gebrauchen konnte. Im untersten Regal standen ein paar Gläser mit Essiggurken, Würstchen und welche mit Spargel. Zum Glück waren sie ganz unten einsortiert worden, sonst wäre ihre kleine ‚Höhle' über und über mit Scherben bedeckt. Sie zog ein großes Essiggurkenglas hervor, öffnete es und schüttete den Inhalt in einer Ecke in den Staub und den Schutt. Als es leer war, kroch sie zu ihm zurück und hielt ihm wortlos das Glas und den Deckel hin. Immer noch ohne Worte verschwand sie diskret zurück auf die andere Seite. Sie hatte Durst und kramte währenddessen nochmals die Regale durch, ob sie irgendwas fand, dass man trinken konnte, etwas anderes als Gurken- oder Wurstwasser.
Immer noch perplex starrte House das Gurkenglas in seiner Hand an. Einen kurzen Augenblick verstand er nicht, was er damit tun sollte und wieso sie ihm ein leeres Glas in die Hand drückte, bis der Druck auf seiner Blase ihm deutlich dessen Sinn zu verstehen gab. Aber woher wusste sie…?
Egal, es half alles nichts, er musste sich Erleichterung verschaffen und das gleich. Etwas ungelenk wegen seiner eingekeilten Position öffnete er seine Hose. Während er in das Glas pinkelte und die Erleichterung darüber ihn erfasste, war er froh, dass sie ihm dabei so viel Privatsphäre gönnte, wie nur möglich war. An dem sanften Klirren und Schaben im Hintergrund konnte er sogar erkennen, dass sie sich mit etwas anderem beschäftigte und ihn zumindest nicht unverhohlen beobachtete.
Der Gedanke jagte ihm, ohne dass er es wollte, die Röte ins Gesicht. Sie würde ihm doch nicht heimlich dabei zusehen, wie er in ein Gurkenglas pisste, oder? In Momenten wie diesem war er sich noch sicherer als sonst, dass es keinen Gott geben konnte.
Als er fertig war, verschloss er das Glas sorgfältig und stellte es neben sich ganz weit hinten ins Regal. Es interessierte ihn, woher sie gewusst hatte, dass er dringend pinkeln musste, es war ein Rätsel, das er lösen wollte, doch dazu musste er sie darauf ansprechen und das wollte er nicht.
„Haben sie…"
Noch bevor sie zu Ende sprechen konnte, knurrte sein Magen, was sich seltsam laut anhörte in ihrer beengten Umgebung.
„… das war schon Antwort genug. Ich hab hier Wiener, Essiggurken und Spargel im Angebot, außer sie haben ein Taschenmesser dabei, dann kann ich auch noch die diversesten Obst- und Gemüsesorten anbieten, und kalte Ravioli und Hühner-Nudelsuppe."
Wie sie da das Essen aufzählte, ganz egal, dass ihn nichts davon vom Hocker haute, schon gar nicht in kalter Form, begann sich sein Magen noch stärker zusammenzuziehen. Wenigstens hatten sie etwas zu essen da, doch etwas zum Trinken war viel wichtiger, wenn sie hier länger eingesperrt sein sollten. Ohne Flüssigkeit überlebte man wesentlich weniger lang. Doch sie lagen neben dem Konservenregal…
„Sie haben nicht zufällig was Trinkbares gefunden, in das nicht irgendwas eingelegt ist?"
„Leider nicht. Mögen sie Ananas oder lieber Pfirsich?"
Verwirrt runzelte er die Stirn. „Inwiefern?"
Sie seufzte kurz auf und kehrte dann mit einem Glas Würstchen, einem Glas Essiggurken und je einer Dose eingelegter Ananas und Pfirsiche zurück. Wortlos zog sie ihren Schlüsselbund aus der Hosentasche und richtete den Autoschlüssel an der Oberseite der Ananasdose aus. Mit der linken hielt sie ihn fest, mit der rechten holte sie aus und schlug mit ihrem Handballen kräftig drauf. Sie verzog das Gesicht, als dumpfer Schmerz einen Augenblick ihre ganze rechte Handfläche betäubte. Aber es war eine Delle im Blech.
Ihre Augen suchten kurz umher, dann griff sie sich eine der herumrollenden Dosen und benutzte diese als Hammer. Und schon nach zwei weiteren Schlägen war ein Loch im Blech. Sie grinste.
„Na also, geht doch! Und da sag noch einer, wir würden verhungern."
House zog eine Augenbraue hoch. „Da ich das nie behauptet hab, muss ich annehmen, sie hören Stimmen in ihrem Kopf…" Er sagte es vollkommen ernst, doch als sie ihn ansah, während sie ihren Schlüssel am Rand der Dose wieder in Position brachte, konnte sie ein seltsames Glitzern in seinen Augen erkennen.
Sie schmunzelte. „Ich hab auf einen Witz angespielt." Im nächsten Moment schlug sie wieder auf ihren Schlüssel ein und machte ein zweites Loch in die Dose.
„Aha, ein Witz. Glauben sie, wenn sie genügend Löcher in die Dose schlagen, dann können sie den Deckel öffnen?" fragte er spitz.
Sie verdrehte die Augen. „Erstens, ja, das würde vermutlich funktionieren, zweitens, ich hab vor, den Saft aus einer dieser Dose zu trinken und das geht nun mal leichter, wenn ein Loch zum Trinken UND ein Luftloch vorhanden sind und drittens, ja ein Witz, aber sie kennen vermutlich nicht besonders viele Witze, so unglaublich humorvoll wie sie sind. Wollen sie jetzt Ananas oder Pfirsich?" Ihrem Tonfall war deutlich anzuhören, dass er langsam ihre Geduld strapazierte.
Genervt griff er nach der Ananasdose. „Ananas!" verkündete er und hob den Kopf etwas an, um ein paar Schlucke des unglaublich süßen Saftes zu trinken. Nichtsdestotrotz, es war Flüssigkeit und der Geschmack war sicherlich angenehmer als der von Wurstwasser.
Auf dieselbe Art und Weise bearbeitete sie die Pfirsichdose, dann schraubte sie die zwei Gläser auf und stellte sie in die Mitte.
„Guten Appetit!" meinte sie voller Ironie und trank einen Schluck Pfirsichsaft, ehe sie sich eine Wiener aus dem Glas fischte und sich ein Stück Brot dazuwünschte.
House sträubte sich nicht lang und griff sich ebenfalls eine Wurst. Während er kaute, ruhten seine Augen auf ihrem Gesicht und er konnte einfach nicht anders, seine Neugier war nun mal schwer unterdrückbar.
„Was für einen Witz meinten sie?" wollte er wissen.
Tabitha schmunzelte, als sie sah, dass ihm die Neugierde geradezu ins Gesicht geschrieben stand.
„Okay, ich erzähl ihn. Also, ein Experimentalphysiker, ein theoretischer Physiker und ein Mathematiker werden getrennt voneinander in kleine Zellen gesperrt, wo sie Wasser und Dosennahrung bekommen, jedoch keinen Dosenöffner. Da sie nicht verhungern wollen, geht jeder von ihnen das Problem auf seine Weise an.
Der Experimentalphysiker packt sich eine Dose und wirft sie solange gegen die Wand, bis sie aufplatzt und er sie mit den Händen auseinanderbiegen kann und an den Inhalt herankommt.
Der theoretische Physiker schnappt sich einen Stift und kritzelt die ganze Wand mit Skizzen und Berechnungen voll, bis er am Ende ganz genau berechnet hat, von wo aus und wie stark er eine Dose wogegen werfen muss, damit sie exakt an der idealsten Stelle aufbricht. Er tut genau das und siehe da, die Dose ist offen.
Nach zwei Wochen werden die Türen wieder geöffnet, die beiden Physiker sind putzmunter, doch der Mathematiker wird nur noch tot gefunden. Alle Dosen sind geschlossen. Sämtliche Wände sind mit Berechnungen voll gekritzelt, doch über all dem steht die Zeile: ‚Es wird angenommen, die Dose sei offen'."
Tabitha musste wie jedes Mal, wenn sie diesen Witz hörte, in sich hineingrinsen, doch von ihrem Gegenüber war die einzige Reaktion ein ‚Aha'. Vermutlich hatte er einfach keinen Humor, oder er verstand die Zusammenhänge nicht. Naja, das war auch egal. Sie schnappte sich eine Essiggurke und noch eine Wurst.
Mit schief gelegtem Kopf betrachtete sie ihn. Er kaute gerade gedankenverloren auf einer Gurke und beachtete sie gar nicht. Er hatte ein schmales, markantes Gesicht, das durch den Dreitagebart sogar noch ansprechender wirkte. Seine Augen waren unglaublich, so ein strahlendes, durchdringendes Blau hatte sie noch nie gesehen, wobei sie sich das jetzt eher aus ihrer Erinnerung saugen musste, denn in diesem düsteren Licht wirkten sie einfach nur grau. Sein Blick war hellwach und intelligent. Seine Kleidung verriet ihr, dass er nicht übermäßig viel Wert auf sein Äußeres legte. Die Bluejeans waren verwaschen, die Haare völlig zerstrubbelt und der hellgraue Pulli mit der Kiss-Zunge passte überhaupt nicht zu dem schwarzen Jackett, das er darüber trug. Und dann war da noch sein Stock, der wohl verschüttet worden war, da sie ihn nirgends sehen konnte.
„Was ist mit ihrem Bein passiert?" fragte sie schließlich das, was ihr schon so lange auf der Zunge lag. Denn nicht nur er war neugierig.
Er warf ihr einen abschätzenden, finsteren Blick zu. „Aufgespießt, von ihrem Einkaufswagen, schon vergessen?"
„Das meinte ich nicht!" gab sie genauso scharf zurück.
Einer seiner Mundwinkel zog sich zu einem verschmitzten Grinsen hoch. „Ich weiß." Doch mehr sagte er nicht, er aß nur still sein Essen weiter.
Er wollte offenbar nicht darüber sprechen, das konnte sie akzeptieren, deshalb hielt sie den Mund und aß noch ein paar Gurken, ehe sie ihr karges Mahl mit ein paar Schlucken zuckersüßem Pfirsichsaft beendete. Er aß noch und sein Blick ruhte unverhohlen auf ihr.
„Ist ihr Freund Physiker?" fragte er schließlich völlig unvermittelt.
Verwundert hob sie die Augenbrauen. „Nein… wieso fragen sie?"
Er schob sich mit seinem Arm etwas höher, so dass er noch seitlicher lag, und lehnte sich ans Regal. Kurz biss er die Zähne zusammen, als seine Nerven spitze Signale von seinem Unterschenkel an sein Gehirn sandten. Langsam verebbte der Schmerz wieder einigermaßen.
„Weil die wenigsten Frauen, die Lebenshilfebücher schreiben, sich über Physikerwitze amüsieren."
Sie musste grinsen, als sie verstand, worauf er hinauswollte. „Ihre analytischen Fähigkeiten sind wirklich beachtlich, Mr. House, aber leider gehen sie von den falschen Gegebenheiten aus. Ich habe nämlich weder einen Freund, noch bin ich verheiratet, noch schreibe ich Lebenshilfebücher."
Er neigte überrascht den Kopf. Damit hatte er nicht gerechnet, aber es hielt ihn bei Laune, solange er hier festsaß. „Kinderbücher?"
Sie schüttelte amüsiert den Kopf.
„Wenn sie jetzt auch noch sagen, dass sie weder Kochbücher schreiben, noch Comichefte oder Mangas zeichnen, dann könnten sie auf meiner Achtungsskala glatt eine Stufe höher steigen."
Empört stand ihr Mund eine Weile offen. „Wenn ich also Kinder- oder Kochbücher schreiben würde, hätten sie keine Achtung vor mir? Was sind sie denn für ein verkorkster Mistkerl?"
Diesmal grinste er. „Und, tun sie's?"
„Nein! Zufrieden?" Damit packte sie wütend die leeren Gläser weg, schüttete die Flüssigkeit aber nicht aus, wer weiß, ob sie die noch brauchen konnten. Aufgebracht setzte sie sich mit ihrer Pfirsichdose in eine weit entfernte Ecke und stocherte mit ihrem Schlüssel in einem der Löcher herum. Mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte, versuchte sie, den Schlüssel am Rand entlang durch das Blech zu ziehen. Es war überaus mühsam und funktionierte wesentlich schlechter als sie dachte, doch es lenkte sie von ihrer Wut auf diesen angeblichen Arzt ab. Wie konnte man nur so eine ätzende Einstellung vertreten?
Ruckartig zog sie an ihrem Schlüssel und der Deckel der Dose sprang ab und ratschte ihr über den rechten Zeigefinger. Mehr erschrocken als vor Schmerz schrie sie auf und zog hastig ihre Hand zurück.
„Verflixte Scheiße!"
Zornig auf sich selbst, weil sie nicht aufgepasst hatte, steckte sie sich den blutenden Finger in den Mund.
House beachtete sie nicht. Er hatte sich den Cardigan unter den Kopf gezogen und es sich in seiner seitlichen Lagen so gemütlich wie möglich gemacht. Ein dumpfes Pochen begann sich in seinem Schenkel bemerkbar zu machen und auch das Brennen der geschädigten Nerven in seinem Oberschenkel wurde wieder deutlicher. Das Vicodin ließ endgültig nach, doch er war nicht bereit, jetzt schon eine weitere Tablette zu nehmen. Er durfte nicht, er musste haushalten.
Sein Magen war gefüllt, seine Blase leer, er musste also etwas anderes finden, das ihn vom Schmerz ablenkte. Also begann er über Tabitha Myers zu grübeln. Wieso fand sie Physikerwitze lustig? Und was für Bücher schrieb die Frau? So verwirrt und verplant sie bei ihren ersten Zusammenstößen auch auf ihn gewirkt hatte, so gelassen war sie jetzt. Er war heilfroh, dass sie nicht in Panik verfiel und nur herumkreischte, das wäre das Letzte gewesen, das er jetzt hätte brauchen können. Und sie war nicht auf den Kopf gefallen – naja, sie hatte einen Schlag auf den Kopf abbekommen – aber sie war nicht dumm. Noch eine Tatsache, die er begrüßte.
TBC
1 Druckgeschwür, auch Wundliegegeschwür; Druck und/oder Scherkräfte führen zu einer Minderdurchblutung des Gewebes, was Hautverlust bis hin zu schwerwiegenden Nekrosen nach sich ziehen kann; häufig an Steißbein oder Ferse bei unzureichender Pflege bettlägeriger Patienten
