Und das nächste Kapitel!

Viel Spaß!

Körperwärme

Draußen wurde es ganz allmählich dunkel, doch die Feuerwehr und die Rettungsteams, einschließlich der Hundestaffel, waren im Einsatz, aber da die Häuser in dieser Gegend sehr dicht standen und auf dem Trümmerfeld akute Einsturzgefahr herrschte, konnten sich die Retter nur ganz langsam Stück für Stück von vorne nach hinten durchtasten.

Im Princeton Plainsboro saßen immer noch Kayla und Jeff im Warteraum der Notaufnahme und sprangen bei jedem neu eingelieferten Patienten auf. Doch Tabby war nie dabei.

Ein paar Zimmer weiter stellte Wilson gerade den Tod bei einem jungen Mann fest. Er war Kassierer im Supermarkt gewesen und hatte gerade vor dem Haus die Reihen der Einkaufswägen kontrolliert und die herumfliegenden Wägen wieder ordnungsgemäß eingereiht, als das Gebäude zusammengestürzt war. Er war der Erste, den die Rettungsmannschaften aus den Trümmern bergen konnten, doch seine inneren Verletzungen waren zu schwerwiegend gewesen.

„Zeitpunkt des Todes, 18.07 Uhr."

In dem Augenblick ging die Tür auf und Foreman trat ein. Auf seinem Gesicht lag ein so ernster Ausdruck, wie ihn Wilson noch nie zuvor gesehen hatte, und das wollte was heißen.

„Dr. Wilson, ich… sie sollten sich das besser ansehen." sagte er nur.

Wilson runzelte die Stirn. „Was ist denn los?"

„Kommen sie mit!"

Mit einem unguten Gefühl folgte er Foreman den Flur entlang in den Aufenthaltsraum der Schwestern, wo auch ein kleiner Fernseher in der Ecke stand. In dem Raum befanden sich Cuddy und Cameron und auch Chase traf gerade zeitgleich mit ihm ein.

„Was ist denn hier los?" fragte Wilson alarmiert.

„Ja, was ist so wichtig? Ich hab gerade einen Patienten." wollte auch Chase wissen.

Cuddy und Cameron wandten sich zu ihnen um. Cameron war bleich wie die Wand und in ihren Augen schimmerte es, als würde sie jeden Augenblick zu weinen anfangen. In Cuddys Gesicht dagegen spiegelte sich abgrundtiefe Sorge. Als sie sprach, war ihre Stimme leise und gefasst und so ernst, wie Wilson und Chase es noch nie erlebt hatten.

„Bitte sagen sie mir, dass dieses Auto jemand anderem gehört!" verlangte sie fast drängend und trat einen Schritt zur Seite, so dass die beiden Neuankömmlinge den Bildschirm sehen konnten.

Dort wurden gerade Nachrichten über die Rettungsaktion nach der Explosion gezeigt. Es waren Aufnahmen aus der Luft. Man sah das Ausmaß des Schadens, überall standen Feuerwehrfahrzeuge und Rettungswägen herum und zwischen all dem lag der kleine Parkplatz des Supermarktes, auf dem kaum erkenntlich, aber dennoch vorhanden eine feuerrote Corvette parkte. Ein Betonbrocken hatte die Motorhaube völlig eingedrückt, die Windschutzscheibe war gesplittert und Glasscherben, Staub und Schuttbröckchen bedeckten das Auto. Als dann auch noch der Kamerawinkel schwenkte und er das Kennzeichen erkennen konnte, bestand kein Zweifel mehr.

Chase, der eins und eins zusammenzählen konnte, schaute ebenfalls wie die anderen gespannt auf Dr. Wilson, der der einzige war, der die unausgesprochene Frage, die fast schon plastisch im Raum hing, beantworten konnte.

Das Bild des zerstörten Autos brannte sich in seine Netzhaut wie eine Zigarette in Haut. Er spürte, wie seine Beine nachgaben, und er taumelte rückwärts, bis er gegen die Wand stieß und sank langsam daran zu Boden, den Blick immer noch starr und ungläubig auf den Fernseher gerichtet. Zum ersten Mal wurde er sich bewusst, wie zerstört das Gebäude war, wie viel Schutt und Beton, Glas und Gebälk da auf den Supermarkt hinunter gekracht waren. Und irgendwo da drin sollte…

Er wagte es nicht, den Gedanken zu beenden. Er bemerkte nicht mehr, wie Cameron zu weinen begann, wie Cuddy entsetzt ihre Hand vor den Mund geschlagen hatte, wie Chase mit offenem Mund auf den Bildschirm starrte und wie Foreman ehrlich bestürzt heftig schluckte, während er Cameron in den Arm nahm. Mit zittrigen Händen kramte Wilson nach seinem Pager, sein Handy wäre ihm lieber gewesen, doch das lag in seinem Büro.

„Das hab ich schon versucht, Wilson." sagte Cuddy sanft, aber mit brüchiger Stimme.

Irritiert sah Wilson zu ihr auf. „Wie meinen sie das?"

„Ich… sobald die Oberschwester mich darauf aufmerksam gemacht hat, hab ich bei ihm angerufen, zuhause, auf dem Handy, und ich hab ihm eine Pagernachricht geschickt."

Fahrig strich sich Wilson mit den Fingern übers Gesicht und holte zittrig Luft. „Bitte sagen sie mir, dass sie Erfolg hatten!" Seine Stimme klang dünn und in seinem Blick lag solch ein Flehen, dass es Cuddy fast das Herz zerriss.

Und doch wusste Wilson wie ihre Antwort ausfallen würde. Als sie kaum merklich den Kopf schüttelte, sah er sich bestätigt. „Ans Telefon ging er nicht ran, auf den Pagerruf kam keine Antwort. Ich hab auch im General angerufen, dort ist er auch nicht."

Wilson fühlte sich, als hätte man ihm den Boden unter den Füßen weggezogen und jetzt fiel er in ein bodenloses Loch. Verzweifelt verbarg er sein Gesicht in den Händen. Wieso musste dieser Idiot auch gleich den nächstbesten Supermarkt nehmen und konnte nicht bis ans Ende der Stadt fahren? Gott, er hatte ihn zum Einkaufen überredet! Hätte er doch einfach klein beigegeben wie sonst auch. Schuld kroch in seine Eingeweide und fraß sich zusammen mit der Sorge und der Hilflosigkeit tiefer in ihn hinein.

Eine Hand legte sich auf seine Schulter, doch er wagte es nicht, aufzusehen.

„Hey, ich bin sicher, es geht ihm gut. House ist zäh, den bringt so schnell nichts um!" meinte Foreman zuversichtlich.

Ein freudloses Lachen bahnte sich durch Wilsons Kehle. „Auch nicht Tonnen von Beton?"

Daraufhin sagte erstmal keiner mehr was. Foreman zog schließlich sachte Cameron aus dem Zimmer und versprach Cuddy, dass er sich um sie kümmern würde. Geschockt, aber gefasst, verließ Chase den Raum, um zu seinem Patienten zurückzukehren, doch es fiel ihm schwer, sich auf etwas anderes zu konzentrieren, als das eben gehörte.

Cuddy kniete sich neben Wilson. „Gehen sie nach Hause, Wilson."

Entsetzt sah er sie an. „Nach Hause? In House' Wohnung? Jetzt? Das kann ich nicht! Was ist, wenn sie ihn herbringen?"

„Dann legen sie sich ein wenig in ihr Büro, auf jeden Fall sollten sie sich etwas Ruhe gönnen."

Er nickte schwach, ergriff ihre dargebotene Hand und ließ sich aufhelfen. Noch immer waren seine Beine wackelig, aber er konnte wieder laufen ohne zusammenzubrechen. Weiß wie ein Gespenst und mit völlig hohlem Blick stakste er an Cuddy vorbei, durch die Notaufnahme und zum Aufzug. Die letzten Stufen zum Dach schaffte er auch noch. Oben angekommen ließ er sich an der Wand entlang zu Boden sinken und lehnte den Kopf nach hinten.

„Bitte Greg, du darfst nicht tot sein!" flüsterte er verzweifelt zu den Sternen und sah zu, wie die Dampfwolken seines Atems langsam in der klaren, kalten Luft verflogen.

Tabitha hatte gereizt ihre Pfirsiche gegessen und anschließend die scharfe Dose weggepackt, damit sich keiner mehr dran verletzte. Ihre Finger blutete nicht mehr, aber es tat weh. Sie war immer noch sauer auf House und seine letzte Bemerkung. Nachdem sie ein Spargelglas geleert und als Behelfsmäßige Toilette missbraucht hatte, lehnte sie sich missgelaunt ans Regal und zog ihre Beine an. Nebenbei hob sie eine Dose auf und schlug damit immer wieder an das Waschbecken, vielleicht würde ja endlich jemand ihr Klopfen hören.

Doch ihre Gedanken flohen aus diesem kleinen, dunklen und langsam auch ziemlich kaltem Gefängnis zurück in ihre Wohnung und zu ihren Freunden, die heute hatten kommen wollen. Sie hatten sicher schon von dem Ereignis gehört, in den Nachrichten oder im Radio, Vic wusste garantiert davon, vermutlich hatte er sogar ausrücken müssen und war dort draußen, unweit von ihr und doch so unerreichbar fern. Aber wussten die vier, dass sie hier war? Dass sie gerade beim Einkaufen gewesen war, als es passierte? Oder standen Jeff und Kayla gerade vor ihrer Tür und wunderten sich, wieso sie nicht öffnete? Sie wünschte, sie könnte ihnen eine Nachricht zukommen lassen, ihnen sagen, dass es ihr gut ging und dass sie sich keine Sorgen machen brauchten. Aber sie konnte es nicht, weil sie ihr verdammtes Handy mal wieder vergessen hatte!

Wütend auf sich selbst presste sie ihre Augen zusammen und hielt sich krampfhaft davon ab, ihre Faust gegen den Beton zu schlagen. Das würde nur noch mehr Verletzungen nach sich ziehen.

Ganz allmählich wurde es immer dunkler, das Tageslicht schwand und zurück blieb nur Dunkelheit und Kälte. Es war zwar ein unglaublich milder Oktober gewesen, der seine Ausläufer auch jetzt noch in den Anfang des Novembers erstreckte, aber nichtsdestotrotz war es November und die Nächte waren kalt. Schwach erkannte sie zwischen den Ritzen künstliches Licht, doch es war zu weit weg, um ihre kleine Unterkunft zu erhellen. Fröstelnd rieb sie ihre Arme und Beine. Jetzt hatte sie schon extra ein Shirt, ein langärmliges Top und einen Pulli an, nicht zu vergessen den Cardigan, auf dem dieser House gerade lag, doch ihr war trotzdem kalt. Als sie gar nichts mehr sehen konnte, legte sie die Dose resigniert zur Seite und kroch langsam und um sich tastend zurück zu ihm. So ganz allein in der Dunkelheit wurde ihr mulmig zumute. Und Arschloch oder nicht, er war Gesellschaft.

Währenddessen lag House auf der Seite und versuchte sich vom Schmerz abzulenken. Doch es gelang ihm nicht mehr. Er wünschte, er konnte herumlaufen, so wie er es zuhause oder in der Klinik machen würde. Solange umherlaufen und seinen Muskel beschäftigen, bis er wieder einigermaßen kooperativ war. Die langsam in seinen Körper ziehende Kälte war da auch nicht hilfreich. Er schloss sein Jackett und zog sogar den Cardigan hervor und legte ihn über sich, doch ihm war trotzdem kalt. So bewegungslos wie er hier auf dem Boden herumlag wunderte es ihn nicht, dass auch das Shirt unter dem Pulli nichts mehr brachte.

Seine Füße und seine Hände waren eiskalt. Es half nichts. Mit klammen Fingern griff er nach dem Vicodin und schluckte trocken eine Tablette hinunter. Vorsichtig steckte er die Dose zurück in die Tasche und legte sich wieder hin. Inzwischen war es stockdunkel hier drin und er fühlte, wie die Furcht wieder nach ihm griff. Er hatte Angst, dass dieses Regal nicht halten würde, dass es gänzlich herunterfallen würde. Und er wollte noch nicht sterben. Sein Leben war vielleicht nicht so, wie er sich das erhofft hatte, aber das war kein Grund, sterben zu wollen.

Da hörte er Rascheln. Seine Gefährtin kehrte zurück. Er lauschte den Geräuschen und wusste, dass sie ganz in der Nähe war, doch er konnte nicht sehen wo. Eine ziemlich unheimliche Erfahrung. Mit einem Mal berührte etwas Weiches seinen Unterbauch, nahe seines Schrittes. Unwillkürlich zuckte sein Körper erschrocken zusammen.

„Das ist wohl kaum der richtige Moment für einen Blowjob!" zischte er leise.

Augenblicklich hielt ihre Hand inne und zog sich schließlich langsam zurück. „Tut mir leid." Hätte er sie sehen können, da war er sicher, dann wären ihre Wangen jetzt knallrot. „Ich wusste nicht, wo genau sie sind, oder was genau ich da grade anfasse."

„Schon gut." Der Schmerz hatte ihn erschöpft, ebenso wie die Kälte, und er hatte jetzt einfach keine Lust, weiter zu streiten. Seufzend legte er seinen Kopf wieder hin und hörte ihrem Geraschel zu.

Bis er plötzlich ihren Körper spürte, der sich an seinen drückte. Und diesmal der gesamten Länge nach. Irritiert versteifte er sich augenblicklich wie ein Brett.

„Was – wird – das?" Er betonte jedes Wort davon so deutlich, als wäre es ein eigener Satz.

„Es ist saukalt und ich friere. Und wenn sie nicht der einzige poikilotherme1 Mensch auf dieser Erde sind, dann ist ihnen auch kalt. Sie als Arzt sollten wissen, dass in Situationen wie der unseren die Körperwärme das Einzige ist, das einen warm halten kann. Oder sind sie tatsächlich Pathologe und nur an Gefrierfächer gewohnt?"

Er seufzte. Sie hatte Recht und er konnte auch nicht leugnen, dass die Wärme, die ihr Körper ausstrahlte, ihm gut tat. Ein letztes Mal tief Luft holend gab er entgegen seiner üblichen Art einfach auf. Die Kälte brachte ihn zum Zittern und Zittern verursachte mehr Schmerz durch die Bewegung im Bein. Kuscheln war also eine Art Schmerzbekämpfung, wenn er so wollte.

Er protestierte nicht, als sie sich mit ihrem Rücken noch enger an seine Brust presste und an dem Cardigan zog, so dass er ausgebreitet über ihnen beiden als Deckenimprovisation lag. Er konnte den Staub in ihren Haaren riechen, und er spürte, dass sie zitterte. Langsam setzte die Wirkung des Vicodins ein und machte den Schmerz erträglich und somit hatte seine Müdigkeit auch wirklich eine Chance ihn einzuschläfern.

„Ich bin kein Pathologe." nuschelte er leise.

Tabitha lächelte vor sich hin bei diesem Kommentar. Ihr war noch immer schrecklich kalt und sie hatte ihre Hände schon in ihre Ärmel zurückgezogen und sich ganz eng zusammengerollt. Seine Körperwärme war angenehm und sie fühlte sich mit einem Mal schrecklich müde.

House driftete immer mehr ins Reich des Schlafes ab. Wie ein Schwamm saugte er die Wärme des Körpers vor sich auf und ließ sich davon einlullen. Ganz von selbst schob sich seine Hand unter dem Cardigan vorwärts und schloss sich um ihre Taille, bis sie an ihrem Bauch zum Liegen kam.

Tabitha nahm die Berührung nur mehr am Rande war, doch schon kurz darauf griff sie im Halbschlaf nach dieser Hand und hielt sie fest. Bald danach waren sie beide eingeschlafen.

TBC

1 wechselwarm, poikilotherme Tiere passen ihre Körpertemperatur der Umgebungstemperatur an, siehe z.B. Reptilien