Und das nächste Kapitel!
Viel Spaß!
Gespenster der Nacht
Diesmal erwachte Tabitha wesentlich angenehmer: Licht schien ihr ins Gesicht. Sie blinzelte ein wenig und wandte das Gesicht ab. Draußen ging die Sonne auf, hatte sie etwa wieder einmal vergessen, die Vorhänge zuzuziehen?
Offenbar hatte sie auch vergessen, das Fenster ganz zu schließen, denn ihr war ziemlich kalt. Also kuschelte sie sich instinktiv näher an die Wärmequelle, die halb neben, halb unter ihr lag. Regelmäßig hob und senkte sich die Brust, auf der sie lag, und kratzige Stoppel pieksten ihr in die Stirn.
Abrupt versteifte sie sich, als ihr wieder einfiel, was passiert war und wo sie war. Und vor allem, wer da unter ihr lag. Und sie erinnerte sich an das, was in der Nacht geschehen war. Leise stöhnend kniff sie ihre Augen zusammen und schalt sich einen Narren. Was war da nur über sie gekommen?
Tief durchatmend öffnete sie die Augen. Das Licht erhellte ihre komfortable Unterkunft weit genug, dass sie sich darin zurechtfinden konnte, ohne sich wieder vorwärts tasten zu müssen. Vorsichtig hab sie ihren Kopf und entwand sich behutsam aus House' Griff. Fröstelnd kniete sie neben ihm und deckte ihn wieder mit dem Cardigan zu. Zum Glück war er nicht aufgewacht. Dennoch nahm sie sich jetzt die Zeit, ihn zu mustern.
Er schlief. Sein Gesicht war zur Seite geneigt und ihr zugewandt, sein Mund stand ein Stückchen offen und sie hörte ihn leise atmen. Sie wusste nicht, ob es am spärlichen Licht oder der Kälte lag, aber er sah ziemlich blass und abgespannt aus. Wenn sie es genau bedachte, dann atmete er auch ein bisschen zu schnell. Aber er schlief ruhig und quälte sich nicht wie letzte Nacht mit grässlichen Schmerzen.
Der Gedanke an letzte Nacht ließ sie etwas hastig Abstand suchen. Sie zog sich in ihre Ecke am Waschbecken zurück und suchte als erstes einmal ihr Spargelglas auf. Anschließend rieb sie ihre kalten Glieder ein bisschen warm; besonders ihre Beine, die nicht unter der improvisierten Decke gelegen hatten, fühlten sich taub an. Schließlich zog sie sich vorsichtig und langsam ihre Schuhe aus und massierte ihre kalten Füße, um ihre Durchblutung anzuregen.
Ihre Gedanken krochen dabei unweigerlich zu letzter Nacht zurück. Es war nur logisch gewesen, sich gegenseitig zu wärmen. Doch wie war dabei seine Hand um ihre Taille gekommen? Und was hatte sie dazu veranlasst, ihn zu küssen? Einen Mann, den sie gar nicht kannte? Einen Mann, den sie nicht einmal besonders mochte? War es Mitleid gewesen, weil er so schreckliche Schmerzen gehabt hatte? Doch sie schüttelte den Kopf. Das war es nicht. Sie konnte es nicht erklären, dort in der Dunkelheit war es einfach über sie gekommen. Ein fixer Gedanke, der sich jeder Erläuterung entzog.
Nebenbei zog sie ihre Schuhe wieder an.
Es war ein Fehler, sie hätte es nicht tun sollen. Dieser Mann interessierte sie nicht.
Sie seufzte leise, als sie sich eingestehen musste, dass das so nicht ganz stimmte. Er war faszinierend, die spontanen Wechsel zwischen seiner schroffen Art, seiner Neugier und seinem Sarkasmus, der schon fast amüsant war, den Momenten, wo man ihn einfach nur an die Wand klatschen wollte, bis hin zu dieser unglaublichen Zärtlichkeit.
Ihre Finger wanderten unweigerlich zu ihren Lippen und strichen sachte darüber. Noch nie war sie so zärtlich, so sanft geküsst worden.
Fast schon ein bisschen zu hastig griff sie nach einer großen Dose mit Ananas und holte ihren Schlüssel hervor. Sie musste sich ablenken. Ihr Blick glitt noch einmal zu ihm hinüber. Sie fürchtete sich ein bisschen davor, dass er aufwachte. Denn das würde sie mit letzter Nacht konfrontieren, doch sie wusste ja selbst nicht mal, was sie davon halten sollte.
Sie schlug ihren Schlüssel in das Blech der Dose und mühte sich damit ab, den Deckel mit Gewalt auf dieselbe Weise wie die Pfirsichdose vom Vortag zu öffnen.
Die Kälte, die sich langsam vordringlicher in seinen Körper drängte, zerrte ihn aus dem Schlaf. Benommen blinzelte er gegen das sanfte Licht, das ihm ins Gesicht schien. Fahrig hob er eine Hand und fuhr sich damit übers Gesicht und durch die Haare. An seiner Stirn hielt er einen Moment inne und zog verwirrt seine Augen zusammen.
Der Schmerz in seinem rechten Bein erinnerte ihn schließlich noch bevor er seine Umgebung richtig wahrnahm daran, wo er war und was passiert war. Er stöhnte leicht auf, bei diesem Gedanken. Er ließ seinen Kopf zur Seite sinken und sein Blick wanderte unweigerlich an seine Seite, wo heute Nacht noch jemand gelegen hatte, daran erinnerte er sich. Sie hatte sich am Abend an ihn gedrückt, damit sie sich gegenseitig wärmen konnten, was in gewissem Maß auch erfolgreich gewesen war, doch seine Beine waren völlig taub, besonders sein rechtes. Alles, was er von dort fühlte, war Schmerz.
Ein dumpfes Klopfen sagte ihm, dass sie irgendwo hinter ihm an einer Dose zu Gange war. Wieso hatte er nur aufwachen müssen? Er hatte so einen schönen, anzüglichen, definitiv ablenkenden Traum gehabt. Wenn er nur dran dachte, glaubte er fast, diesen süßen Pfirsichgeschmack auf seinen Lippen zu spüren.
„Guten Morgen!" sagte sie leise und nebensächlich.
Es war, als würde ihre Stimme auch die letzte Tür zu seinem Bewusstsein knacken, und mit einem Mal war ihm wieder klar, dass er nicht geträumt hatte. Das war real gewesen, er hatte sich von dieser Frau, die er gar nicht kannte, küssen lassen, und er hatte zurückgeküsst. Und wie! Was war nur in ihn gefahren?
Und wie auf Kommando kehrte auch die Erinnerung an die Schmerzen zurück. Es war schon erstaunlich, wie schnell das Gehirn unangenehme Erinnerungen beiseite schob, wenn es nur etwas Positives hatte, auf das es sich konzentrieren konnte.
Der Schmerz musste ihm das Hirn vernebelt haben. Anders konnte er es sich nicht erklären. Oder hatte er wirklich schon solange keine Frau mehr im Bett gehabt, dass sich sein Unterbewusstsein auf jede sich bietende Gelegenheit stürzte, wie absurd sie auch sein möge? Er war verwirrt und das war ein Zustand, den er über alles hasste. Sie würde sich jetzt doch wohl keine blühende Zukunft mit ihm vorstellen, nur weil er einmal nicht Herr seiner Sinne gewesen war?
Er entgegnete ihrem Morgengruß gerade mal mit einem unwilligen Grummeln, als er versuchte, sich etwas anders hinzulegen, wobei ihm jedoch der Schmerz durch die Glieder jagte. Stöhnend griff er in seine Tasche und nahm eine Vicodin. Mit ungutem Gefühl starrte er die übrigen 4 Tabletten an und schickte ein Stoßgebet los, wo auch immer es ankommen möge, dass sie doch bitte vorher gefunden werden mögen.
Als er wieder seitlich am Regal lehnte, hielt er sich völlig still, um dem Schmerz nicht noch mehr Nährboden zu geben. Er fühlte sich nicht besonders. Seine Bewegungen waren fahrig von der Kälte und er wickelte sich instinktiv enger in den Cardigan. Sein Mund war ganz trocken und seine Zunge fühlte sich irgendwie schwer an. Er wusste, was das bedeutete, aber er wollte sich damit jetzt nicht auseinandersetzen, zumal es eh nichts gab, das er tun konnte.
Tabitha atmete tief durch. Sie würde das Thema einfach umgehen und gar nicht anschneiden. „Was halten sie von Ananas und Pfirsich zum Frühstück? Ich kann auch noch Birnen anbieten und Aprikosen, außer sie hätten lieber was Deftigeres wie Wiener und Essiggurken."
Erleichtert schloss er die Augen, als sie nicht auf ihren Kuss zu sprechen kam. Er zwang seine Gedanken wieder in die richtige Richtung, nämlich auf das, was sie gesagt hatte. „Was sie wollen. Ich hab sowieso keinen Hunger."
Kurz darauf war sie mit zwei geöffneten Dosen neben ihm, wie auch immer sie sie aufgekriegt hatte. In ihren Augen spiegelte sich Sorge.
„Sie sollten aber etwas essen. Gerade sie müssen bei Kräften bleiben, bis wir hier rausgeholt werden."
„Seit wann sind sie auch noch Ärztin?" fragte er unfreundlich. Er wusste nicht, wie er mit dem Geschehenen umgehen sollte, oder mit ihrer Sorge, also machte er das, was er immer tat, er reagierte schroff und ekelhaft, in der Hoffnung, in Ruhe gelassen zu werden. Doch es half nicht.
Sie setzte sich demonstrativ neben ihn und schob ihm die Dose mit den Ananas zu. „Keine Sorge, ich mache ihnen ihren Posten hier nicht streitig. Aber da sie der Arzt sind, müssten sie am besten wissen, dass ich Recht habe. Also essen sie etwas."
Er sah sie angriffslustig an. „Vielleicht bin ich ja Onkologe und weiß, dass es keinen Sinn hat, Patienten zum Essen zu zwingen, weil sie es anschließend meistens wieder auskotzen?"
Sie ließ die Ananas, die sie in der Hand hielt, sinken und sah ihn mit schief gelegtem Kopf an. „Ist ihnen schlecht?"
Resigniert seufzte House genervt auf, ehe er wütend ausspie: „Nein, Herrgottnochmal!"
Innerlich erleichtert, hob Tabitha ihre Ananas wieder und biss hinein. „Wissen sie, ich glaube nicht, dass sie Onkologe sind. Die meisten Onkologen, die ich kenne, sind freundliche Menschen, die nichts so schnell aus der Ruhe bringt. Sie passen da irgendwie nicht so ganz ins Bild."
In diesem Moment wurde House klar, dass er diese Frau nicht so einfach loswurde. Er wusste nicht, was auf einmal mit ihr passiert war, dass es ihr nichts mehr ausmachte, wenn er sie anschrie oder dumm anmachte, aber sie ließ sich nicht beirren. Geschlagen senkte er seinen Kopf und griff schließlich in die Dose und fischte sich eine Ananas heraus, auf der er lustlos herumkaute. Er hatte wirklich keinen Hunger, aber ihm war auch nicht schlecht.
Als er die dunkle und völlig stille Wohnung betrat, wäre er am liebsten gleich rückwärts wieder hinausgestolpert. Wilson zwang sich dazu, das Licht anzumachen. Es erschien ihm viel heller als sonst, und seltsam steril. Alles wirkte mit einem Mal völlig anders.
Die große Couch direkt vor ihm lud ihn nicht dazu ein, sich hinzulegen oder ein Spiel im Fernsehen zu schauen, sondern sie fungierte wie eine Art Mahnmal, denn sie war leer. Er riss seine Augen davon los und schloss die Tür hinter sich. Ein Blick in die Küche zeigte ihm zweierlei Dinge: dass nicht abgespült war – was ihm einen Stich ins Herz versetzte, weil es ihn so an Greg erinnerte, dass es wehtat – und dass House' Handy und Pager auf der Küchenanrichte lagen. Das Handy zeigte einen Anruf in Abwesenheit, der Pager eine Nachricht.
Wilson biss sich auf die Lippe und zwang sich dazu, das zu tun, weswegen er überhaupt hergekommen war. Er suchte sich frische Klamotten raus und ging duschen, alles ziemlich schnell, denn er wollte so bald wie möglich zurück ins Krankenhaus.
In Rekordzeit war er fertig. Hätte House mitbekommen, wie kurz er nur im Bad gewesen war, er hätte es nicht geglaubt. Dieser Gedanke versetzte ihm abermals einen schmerzhaften Stich. Hastig packte er deswegen zwei weitere Kleidungsgarnituren in eine Tasche – für den Notfall – und verließ die Wohnung, ausnahmsweise ohne sich die Haare zu fönen.
Als er am Krankenhaus ankam, ging gerade die Sonne auf. Es sah so aus, als würde es ein warmer Tag werden, so warm es eben Anfang November wurde. Zielstrebig trat er durch den Eingang und als erstes zum Empfang, wo er sich bei der Schwester erkundigte, ob in seiner Abwesenheit weitere Patienten eingeliefert worden waren. Doch sie verneinte. Seit kurz nach Mitternacht war niemand mehr hergebracht worden – ein alter Mann, dem von herabstürzenden Dachbalken die Hüfte zertrümmert worden war. In Anbetracht seines Alters würde das wohl nie wieder weit genug abheilen, um laufen zu können.
Er bedankte sich bei der Schwester – Lydia – und ging auf den Aufzug zu. Dabei fielen ihm zwei Personen im Wartebereich auf. Kayla und Jeff. Er hatte gestern noch mit Cuddy gesprochen und in Anbetracht der Lage hatte sie nichts dagegen, wenn die beiden dort blieben. Jeff saß hohlwangig auf einem der Stühle im Schneidersitz, die grüne OP-Decke, die er ihnen gegeben hatte, hing um seine Schultern. Kayla lag quer über den Sitzen, den Kopf in seinen Schoß gebettet und in die zweite Decke gewickelt. Sie sahen beide müde und abgespannt aus, aber sie schliefen nicht. Das konnte er nachvollziehen. Auch wenn er zwei Stunden in seinem Büro auf der Couch gelegen hatte, war es ihm nicht möglich gewesen, Schlaf zu finden.
Er ging weiter zum Aufzug und fuhr nach oben. Als er ausstieg, kam ihm Foreman entgegen. Auch er sah müde aus und war offenbar auf dem Weg nach Hause, verdient nach dieser langen Nacht. Ihre Blicke trafen sich kurz, doch keiner wagte es zu sprechen.
Als Wilson endlich in seinem Büro ankam, ließ er sich erschöpft auf seinen Stuhl fallen und warf die Tasche mit der Ersatzkleidung einfach zu Boden. Er rieb sich die Augen und den Nacken, doch das konnte weder seine Müdigkeit noch seine Anspannung vertreiben. Sein Blick fiel unweigerlich auf die unterste Schublade seines Schreibtisches. Wie magisch angezogen musste er sie öffnen. Unter all dem Krimskrams, der dort drin lag – Stifte, Tesafilm, Rezeptblock… – spitzte ein weißer Umschlag hervor. Er wusste, dass er das nicht tun sollte, doch er zog ihn hervor und öffnete ihn. Wie erwartet fiel sein Blick auf zwei Karten für das nächste Monstertruckrennen in zwei Wochen.
Eine eiskalte Hand griff nach seinem Herzen und drückte es zusammen. Schnell biss er sich auf die Lippe und packte den Umschlag wieder weg. Er musste sich mit etwas anderem beschäftigen. Sich ablenken. Doch wie lenkte man sich von der Unsicherheit ab, ob sein bester Freund noch lebte oder tot war?
Mechanisch zog er seinen Kittel über und ging in die Cafeteria, die gerade ihre Pforten öffnete. Er suchte sich ein abgepacktes Hühnchen-Schinken- und ein Käse-Sandwich aus und zahlte. Auf dem Weg zurück in die Notaufnahme blieb er an einem Kaffeeautomaten stehen und ließ drei Becher Kaffee heraus. Zwei Plastiklöffel zum Umrühren und zwei Zuckerpäckchen steckte er in die Tasche, dann balancierte er alles zusammen in den Wartebereich und stellte sich vor die zwei blassen Gestalten.
Überrascht blickte Jeff auf, Kayla dagegen lächelte leicht.
„Ich dachte, sie könnten etwas Kaffee gebrauchen." sagte er freundlich und hielt den beiden zwei Becher hin, dann reichte er ihnen auch noch die Löffel und den Zucker, aber beide lehnten ab, was sie brauchten war purer, schwarzer Kaffee.
Kayla hatte Jeff noch gestern Abend von Wilson erzählt und dass auch er jemanden kannte, der von den Trümmern verschüttet worden war. Aus ihrem Verhalten schloss Jeff nun, dass dieser Mann James Wilson war.
„Danke!" Er nickte zu seinem Kaffee und trank einen Schluck. Er fühlte sich grauenhaft, doch Kayla und auch dieser Arzt sahen nicht so aus, als würde es ihnen besser gehen.
„Ich hab ihnen auch etwas zum Essen mitgebracht, falls sie Hunger haben." Wilson zog die Sandwiches aus der Kitteltasche und reichte sie ihnen.
„Das wär nicht nötig gewesen." sagte Kayla leise.
„Ich weiß." sagte Wilson leise.
Gemeinsam tranken sie schweigend ihren Kaffee, nur getröstet von dem Wissen, dass es ihnen allen gleich erging.
TBC
