Und das nächste Kapitel!
Viel Spaß!
Überwindung
Tabitha hatte das Essen beiseite geräumt, nachdem sie die Reste in eine Dose gefüllt hatte, damit House den Saft aus der anderen einfacher trinken konnte. Sie hatte ebenfalls etwas getrunken und sich dann wieder zum Waschbecken zurückgezogen, um etwas nachzudenken. Seit einer Weile schlug sie jetzt schon in regelmäßigen Abständen mit einer Dose gegen das Keramik, damit sie vielleicht von jemandem gehört wurde.
Ihre Gedanken kreisten abwechselnd um ihre Freunde, um House, um letzte Nacht und schließlich zurück zu der Furcht, die sich langsam aber sicher in ihren Eingeweiden festfraß.
House lag derweil am Regal und versuchte ohne sich großartig zu bewegen eine bequemere Position zu finden. Sein Rücken schmerzte ein wenig vom harten Boden und auch die Seitenlage verschaffte keine wirkliche Abhilfe im Moment. Seine Gedanken verweilten bei Wilson. Inzwischen wusste dieser sicher, dass irgendwas nicht in Ordnung war. Aber hieß das, dass er wusste, was mit ihm geschehen war?
Bald würde sein Dienst im Krankenhaus beginnen, wenn er nicht hier begraben läge.
„Denken sie, wir kommen hier wieder heil raus?" durchbrach ihre Stimme seine Gedanken und sprach doch das aus, was ihm permanent im Hinterkopf kreiste.
„Ich weiß es nicht." antwortete er wahrheitsgemäß. „Unsere Chancen ständen vielleicht besser, wenn wir etwas näher am Eingang gewesen wären und nicht hier hinten in den Eingeweiden des Ladens."
Sie schloss ihre Arme um ihren Körper, als könnte sie das schützen. „Aber wir haben hier Nahrung und auch was zu Trinken. Wir müssten doch eine Weile durchhalten."
Er legte den Kopf in den Nacken, so dass er sie einigermaßen sehen konnte. „Ja, und die sonnigen, tropischen Ananas verbreiten ja auch so ein herrliches Klima hier drin, dass wir es nachts angenehm und warm haben, wie unter Palmen am Strand."
Seine Stimme hatte schärfer geklungen, als er beabsichtigt hatte, doch daran konnte er jetzt auch nichts ändern.
Tabitha musste ihm Recht geben. Es war Anfang November und sie lagen quasi ungeschützt im Freien. Draußen schien zwar ganz offensichtlich die Sonne und es wurde auch langsam ein klein wenig angenehmer hier drin, aber nicht warm. Sie begann wieder damit, das Klopfen fortzusetzen.
Eine Weile herrschte Stille zwischen ihnen, es war House ganz recht. Das Vicodin wirkte im Moment ganz passabel, doch es konnte ihn nicht davon ablenken, dass dort, wo seine Schulter und sein Becken am Boden auflagen, der Druck langsam aber sicher Schmerzen verursachte. Und das war schlecht!
Er stützte eine Hand auf den Boden, mit der anderen hielt er sich am Regal fest, dann biss er die Zähne zusammen, ehe er sich langsam hochzog. Die Bewegung schmerzte dennoch, als sein Unterschenkel unweigerlich gegen den Stab bewegt wurde. Seine Arme zitterten unter der Anstrengung. Schmerz und Kälte mussten ihm mehr zugesetzt haben, als er angenommen hatte. Gerade als sein linker Arm unter der Last einknickte und er umzufallen drohte, hielten ihn plötzlich zwei Hände an den Schultern fest.
Tabitha war durch das Rascheln von Kleidung auf ihn aufmerksam geworden und hatte gesehen, dass er sich aufzusetzen versuchte. Als sie das Zittern seiner Arme bemerkt hatte, war sie hinübergeeilt und das gerade noch rechtzeitig. Er fiel mit seinem ganzen Gewicht gegen ihre Hände. Sie rutschte ganz dicht an ihn ran, so dass sie seinen Oberkörper mit ihrem abfangen konnte. Sein Kopf kam keuchend auf ihrer Schultern zu liegen. Sie sah die Schweißperlen auf seiner Stirn und fühlte sein erhitztes Gesicht ganz dicht an ihrem Hals. Während er um Atem rang, runzelte sie die Stirn.
Sie hob eine Hand an und legte sie auf seine Stirn.
„Sie sind ganz warm." stellte sie nicht besonders glücklich fest.
„Die… Anstrengung…" presste er hervor, doch sie hob nur skeptisch eine Augenbraue, ließ es aber dabei bewenden.
„Stellen sie ihr linkes Bein an!" meinte sie stattdessen.
„Wozu?"
Sie verdrehte genervt die Augen. „Können sie nicht einmal was tun, ohne es zu hinterfragen?"
„Nein!" keuchte er, zog aber dennoch sein linkes Bein an.
„Geht doch!" erwiderte sie spitz und machte sich daran, ihn vorsichtig aufzurichten. „Lehnen sie sich nach vorne über ihr Bein!"
Sie schob ihn einfach weiter, bis er mit gekrümmtem Rücken über sein angezogenes Knie lehnte. Langsam beruhigte sich seine Atmung wieder ein bisschen. Er spürte, dass sie immer noch hinter ihm saß und ihn beobachtete. Er wünschte sich, sie würde ihn einfach in Ruhe lassen, doch ein kleiner Teil von ihm war dankbar für ihre Hilfe.
Er spürte ihre Hand, wie sie sich auf seinen Rücken legte. Sachte und gelassen streichelte sie darüber, bis…
„Auu! Verdammt, nehmen sie endlich ihre Finger da weg!"
Sie hatten ihren Daumen mit ziemlich viel Druck über sein Schulterblatt gezogen und dabei genau den Punkt an seinem Rücken erwischt, der wehtat. Ein bisschen zu zielsicher.
„Sie sollten besser eine Weile sitzen bleiben."
„Ach!" kommentierte er nur bissig. „Da gibt es nur dieses kleine Hindernis, das mich ein wenig in meiner Bewegungsfreiheit einschränkt. Aber sie wissen ja sicher, wie das ist, wenn einem ein Stück Metall im Bein steckt."
Ungerührt von seinem Gezeter zog sie mit der zweiten Hand sein Jackett gerade, ehe sie diese zu ihrer anderen auf seinen Rücken legte. Behutsam strich sie mit ihren Handflächen neben seiner Wirbelsäule entlang ein Stück nach unten, bis sich ihre Hände trennten und zu den Seiten hin dem Verlauf seiner Rippen folgten. Kreisförmig kehrten sie zu seiner Wirbelsäule zurück und strichen wieder etwas tiefer.
Es tat weh, wenn sie seine Schulterblätter berührte, aber ansonsten fühlte es sich gegen seinen Willen ziemlich angenehm und beruhigend an. Nachdem sie zum zweiten Mal seinen Rücken auf diese Weise von oben bis unten bearbeitet hatte und er zugeben musste, dass sich seine Atemfrequenz endgültig beruhigt und sich sogar ihren Bewegungen angepasst hatte, fand er endlich seine Sprache wieder.
„Was soll das?" Doch seiner Frage fehlte die Schärfe.
Sie lächelte in sich hinein, als sie seiner Stimme anhörte, dass es ihm gut tat, ihn ein wenig entspannte. Und genau deshalb konnte sie es sich nicht verkneifen, sich ganz nah an ihn zu beugen, bis ihre Lippen beinahe sein Ohr berührten.
„Fühlt sich gut an, hä?" Sie lehnte sich wieder zurück und machte weiter. „Das haben sie in ihrem Medizinstudium wahrscheinlich nicht gelernt. Das nennt sich eine Atemstimulierende Einreibung. Normalerweise führt man sie auf nackter Haut mit etwas Lotion aus, aber normalerweise sitzt man dabei auch in einem gut beheizten Raum. Trotzdem könnte es hilfreich sein, wenn sie das Jackett ausziehen."
Das hatte sie eigentlich nur so vor sich hingesagt, sie hätte nie damit gerechnet, dass er dem nachkommen würde.
Doch diese atemstimu… was auch immer es war… lenkte ihn vom Schmerz ab und von seinen düsteren Gedanken, seine unmittelbare Zukunft betreffend. Die Berührungen taten gut, wärmten und lockerten seine von der Kälte völlig verkrampften Muskeln. Er fühlte sich einen Moment an die Masseurin erinnert, die Wilson ihm damals bei seiner Wette mit Cuddy besorgt hatte. Ohne nachzudenken öffnete er das Jackett und zog es aus. Er legte es als zusätzliche Schicht über seinen Oberschenkel.
Er spürte, wie sie seinen Pulli glatt zog und wieder mit ihren Händen an seiner Wirbelsäule entlang strich, diesmal mit mehr Druck. Als sie zur Seite wanderten und an seinen Rippen entlang nach oben fuhren, verminderte sie den Druck, was ihm die Möglichkeit gab, tief einzuatmen. Sobald sich ihre Hände wieder seiner Wirbelsäule näherten, atmete er aus, durch den Druck quasi geleitet. Er verschränkte seine Arme auf seinem Knie und legte seinen Kopf darauf.
„Außerdem wird die Durchblutung angeregt," erläuterte Tabitha weiter, „und das ist unumgänglich auf diesem harten Boden, wenn sie sich keinen Dekubitus zulegen wollen."
Seine Augenbraue schoss in die Höhe, doch er sagte nichts. Stattdessen gestattete er sich, einfach zu genießen. Sein Rücken wärmte sich langsam ein bisschen, seine Muskeln lockerten sich ein wenig und die Stellen an seinen Schulterblättern schmerzten weniger, als sie nach einer ganzen Weile damit aufhörte.
„Sie sind eine ungewöhnliche Frau." sagte er schließlich, während er sich sein Jackett wieder anzog und sich schließlich sitzend seitlich an das Regal lehnte. Den Cardigan legte er über seinen rechten Oberschenkel.
Tabitha kroch hinter ihm hervor und setzte sich neben ihn, damit er sie sehen konnte.
„Ich finde, es wird langsam Zeit, dass wir das lassen."
Irritiert warf er ihr einen unschlüssigen Blick zu, er war sich unsicher, worauf sie hinauswollte. Sie war ihm gerade körperlich ziemlich nahe gekommen, genauso wie letzte Nacht, und das Letzte, was er jetzt wollte, war irgendeine Bemerkung dazu.
„Was? Unser kleines Versteckspiel hier unten? Natürlich, wir sollten endlich rauskriechen und die anderen auslachen, weil sie uns nicht finden konnten." Wie jedes Mal rettete er sich in Sarkasmus.
Sie biss sich kurz auf die Lippe. Er war wirklich schwierig, gerade eben noch so ruhig und umgänglich und jetzt wieder sarkastisch. Doch langsam lernte sie ein wenig, damit umzugehen, immerhin hatte sie ihn seit beinahe 24 Stunden permanent am Hals.
„Nein, ich meine das ‚Sie'. Nennen sie mich Tabby."
„Tabby?" fragte House mit gehobenen Augenbrauen. „Das klingt wie Teletubby. Wie alt sind sie? Drei?"
Sie seufzte und verdrehte die Augen. „Spitznamen wird man nicht so schnell wieder los, vor allem nicht, wenn sie von Müttern kommen, aber irgendwann gewöhnt man sich dran. Also ja, Tabby!"
„Ich könnte sie Myers nennen."
„Vergessen sie's. Das klingt genauso wie bei meinem Biologielehrer in der High-School."
„Sie waren wohl keine besondere Leuchte in Biologie."
„Sie lenken vom Thema ab!"
Er lehnte den Kopf ans Regal und musterte sie von der Seite. „Gaz."
Sie runzelte die Stirn. „Wie bitte?"
Er grinste und seine Augen funkelten dabei schelmisch auf. „Gaz klingt viel besser!"
„Aber das hat gar nichts mit meinem Namen zu tun!"
„Wirklich?" fragte er unschuldig. „Wenn mich mein Wissen nicht trügt, dann ist Tabitha ein hebräischer Name und bedeutet soviel wie Gazelle. Und die Kurzform von Gazelle ist Gaz."
Düster und unheilvoll blickte sie ihn an. Bitte, wenn er ein Spielchen wollte, sollte er eins haben. „Bitteschön. Dann eben Gaz, aber ihr ‚Gaz' geht mit meinem ‚Grischa' einher, das ist die Koseform für Grigorij im Russischen."
„Grischa?" fragte House mit übertriebenem, aber nicht völlig gespieltem Entsetzen. „Wieso nicht gleich Grischanja? Das würde selbst den stärksten Russen umhauen, wo sie schon die schrecklichen Koseformen von Müttern aufgeworfen haben."
Tabitha grinste bis über beide Ohren. „Entweder Gaz und Grischa, oder wenn sie Tabby so grauenerregend finden, eben Tabitha. In dem Fall dürfen sie sich auch was aussuchen." Sie zwinkerte ihm linkisch dabei zu, was schlussendlich dazu führte, dass er sich wie ein kleines Kind vorkam, das außerdem noch auf den Arm genommen wurde.
„Greg." antwortete er widerwillig. Es war seltsam, diesen Namen auszusprechen. Er benutzte ihn nie, überhaupt, die einzigen Personen, die ihn Greg nannten, waren Stacy – und an die wollte er jetzt nicht denken – und Wilson gelegentlich. Es war seltsam, ihn aus seinem Mund zu hören, und noch viel seltsamer würde es werden, ihn aus ihrem Mund zu hören. Ganz davon abgesehen, war Wilson der einzige, der ihn duzte, bisher. Aber er würde sie sowieso nie wieder sehen, wenn das hier vorbei war.
Sie zog ihre Beine an ihre Brust und umschloss ihre Unterschenkel mit ihren Armen. Das Kinn legte sie auf ihr linkes Knie. Dann sah sie ihn aufmerksam an.
„Gut, dann wär das ja geklärt. Zurück zum Thema. Wieso bin ich eine ungewöhnliche Frau?"
House fiel wieder ein, dass er das vor ihrer Namensdiskussion gesagt hatte. Doch er hatte jetzt keine Lust, es weiter zu erörtern.
„Weil du so nervtötend bist wie keine andere!"
Damit wandte er das Gesicht ab und schloss die Augen zur Verdeutlichung, dass er jetzt keine Lust mehr hatte auf Small Talk.
Als Victor sein Auto auf einem der Besucherparkplätze parkte und den Motor abschaltete, atmete er erstmal tief durch und starrte das Auto, das direkt vor ihm stand blicklos an. Es war kurz vor neun Uhr. Sie waren von der Tagesschicht abgelöst worden. Er hatte nicht gehen wollen, immerhin musste er Tabitha finden, doch sein Chef hatte ihm unmissverständlich klar gemacht, dass er nach Hause fahren sollte. Vor heute Abend bräuchte er sich auf keinen Fall wieder blicken lassen, er solle sich ausruhen und neue Kräfte tanken. Aber er hatte leicht reden, er kannte ja niemanden von den Verschütteten.
Er hatte einen kurzen Stopp bei sich zuhause eingelegt, um zu duschen und sich umzuziehen. Zum Glück war seine Frau gerade für ein paar Tage zu ihrer alleinstehenden, schwangeren Schwester gefahren, um mit ihr Babykleidung und lauter so Zeugs einzukaufen. Er wusste nicht, ob er jetzt die Kraft gehabt hätte, ihr alles zu erklären.
Erschöpft lehnte er seinen Kopf nach hinten an die Kopfstütze. Er musste Gil anrufen, sie war auch mit Tabby befreundet, wenn sie auch keine ihrer engsten Freundinnen war. Sich auf die Lippe beißend beschloss er, diesen Anruf noch ein wenig hinauszuschieben, er wollte sie nicht unnötig ängstigen.
Schließlich stieg er aus dem Auto und marschierte dem Eingang des Krankenhauses entgegen. An Schlaf brauchte er gar nicht denken, also würde er die Stunden erzwungener Ruhe mit seinen Freunden verbringen. Schon nach wenigen Schritten erkannte er die schlaksige Gestalt von Jeff, der unruhig im Wartebereich zwischen einigen wenigen Patienten auf und ab lief. Kayla saß in einer Ecke in eine Decke gehüllt und kaute abwesend auf einem Sandwich. Ohne zu zögern eilte er zu den beiden.
„Vic!" rief Jeff überrascht und eilte auf den muskulösen, großgewachsenen Feuerwehrmann mit den schulterlangen, dunkelbraunen, wirren Locken zu. Sie umarmten sich kurz.
Jeff stand total unter Strom, die Unruhe und Nervosität und Anspannung stand ihm ins Gesicht geschrieben, ebenso wie die Sorge. „Hast du sie gefunden?"
Vic presste die Lippen zusammen und schloss kurz die Augen, als er sie wieder öffnete, stand auch Kayla vor ihm und sah ihn hoffnungsvoll an. Er schüttelte lautlos den Kopf, er hätte alles gegeben, um ihnen etwas anderes mitzuteilen.
Jeff fuhr sich mit den Händen durch sein ohnehin schon völlig verstrubbeltes Haar und begann wieder hin und her zu wandern. Kayla dagegen atmete tief durch. Er legte einen Arm um ihre Schultern und führte sie zurück zu ihrem Platz. Wortlos setzte er sich neben sie und schloss sie in seine Arme, um auch weiterhin auf Neuigkeiten zu warten.
Er hob den Arm und hielt ihn besser ins Licht, doch deshalb gefiel ihm auch nicht besser, was er da sah. Es war gerade mal elf Uhr vormittags. Und es ist der fünfte November, erinnerte ihn eine leise Stimme in seinem Hinterkopf, doch sie war völlig unwichtig. Elf Uhr, das bedeutete, seine letzte Pille lag nicht einmal ganz vier Stunden zurück, aber der Schmerz fraß sich bereits wieder wie Säure durch seine Adern und Nerven sein Bein hinauf.
Kurzzeitig war er eingenickt, hatte tatsächlich ein klein bisschen Schlaf gefunden, indem er sich ans Regal gelehnt hatte. Dennoch fühlte er sich erschöpft und ihm war immer noch verdammt kalt. Sein Mund war völlig trocken. So brachte er keine Vicodin hinunter.
Instinktiv griff seine Hand nach seinem Oberschenkel und massierten ihn vorsichtig. Die noch vorhandenen Muskeln waren steinhart und verspannt von der Kälte und der Bewegungslosigkeit. Seine Narbe spannte schmerzhaft.
Er brauchte etwas zu trinken. Er hatte solchen Durst und brauchte etwas gegen die Schmerzen. Als er sprach, hörte sich seine Stimme ein bisschen kratzig an.
„Hat die Minibar irgendwas zu bieten, das nicht wie Zuckerwasser schmeckt?"
Tabitha gab gerade wieder Klopfzeichen. Sie hatte ihn allein gelassen, als sie bemerkt hatte, dass er eingeschlafen war. Er hörte sich abgekämpft an.
„Nur das Zeug von Wienern, Essiggurken oder Spargel."
Er gab ein undeutbares Grummeln von sich, ehe er nach einer Weile ergeben seufzte. „Dann nehm ich einmal Spargel-Martini, geschüttelt, nicht gerührt."
Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, während sie ein Spargelglas aus dem Regal fischte. Den Spargel fischte sie vorsichtshalber raus und legte ihn ins Regal neben ein paar Dosen, auch wenn sie nicht glaubte, dass sie noch auf ihn zurückgreifen würden. Als sie ihm das Glas brachte, fiel ihr auf, dass er sich seinen Oberschenkel rieb und dabei schmerzhaft das Gesicht verzog.
„Hier." sagte sie leise.
Erst jetzt öffnete er seine Augen und ließ von seinem Bein ab. Skeptisch hob er sich das Glas unter die Nase und schnüffelte daran. Sein ganzes Gesicht verzog sich zu einer angeekelten Maske. Er kniff die Augen zu und rümpfte die Nase, doch er schluckte das Zeug zum Teil hinunter. Immerhin war es flüssig und nicht süß. Dafür schmeckte es nach Spargel und er hasste Spargel. Aber das Essiggurkenwasser war viel zu salzig und auf dem Wurstwasser schwamm vermutlich eine Fettschicht.
Das Zeug schmeckte echt widerlich, aber er versuchte sich einzureden, dass es wirklich ein Martini sei. Mit der anderen Hand fischte er seine Tabletten hervor und ploppte die Dose auf. Er ließ eine Pille in seinen Schoß fallen und steckte die Dose wieder weg. Diesmal kostete es ihn noch größere Überwindung, das Glas an die Lippen zu setzen, doch er spülte damit die Vicodin hinunter.
Als er das Glas zur Seite stellte, streckte er vor Ekel die Zunge raus und verzog das Gesicht. „Das war der schlechteste Martini meines gesamten Lebens!"
Mit ihrem herzhaften Lachen hatte er nicht gerechnet. Er zog eine Augenbraue hoch. „Wollen sie vielleicht probieren?"
Immer noch lachend schüttelte sie den Kopf. „Mit dieser Fähigkeit zur Gesichtsakrobatik sollten sie über eine Karriere als Comedian nachdenken!" grinste sie, noch immer unterbrochen von vereinzelten Glucksern.
„Ja, und Angelina Jolie sollte mit diesen Lippen darüber nachdenken, das Gewerbe zu wechseln. Sie würde viele Männer glücklich machen." Der Geschmack hing ihm im Mund wie der Geruch von Zigarettenrauch an der Kleidung nach einem Barbesuch.
Er legte seinen rechten Arm auf eine Regalablage und bettete dann seinen Kopf darauf. Ihm war ein bisschen schwindelig, doch das verging kurz darauf wieder. Sein Handrücken berührte seine Stirn. Er konnte sich nicht mehr vor der Wahrheit verschließen. Außerdem veränderte sich der Schmerz in seinem Unterschenkel, wurde brennender. Und er fühlte sich warm an, auch wenn er seine Zehen kaum spürte.
Ihm blieb keine Wahl, er musste wissen, wie schlimm es war. Er atmete tief durch, denn das hier war nicht gerade eine seiner Lieblingsübungen.
„Tabitha?" fragte er leise.
Sofort horchte sie auf. Irgendwas war anders, sie hörte es an seinem Tonfall, erkannte es daran, dass er ihren Namen benutzte. Sie rutschte an seine Seite, doch sein Kopf lag noch immer auf seinem Arm und er sah sie nicht an.
„Ja?"
„Ich… ich brauche deine Hilfe."
TBC
