Und das nächste Kapitel!
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Verrauchende Wut
Wie gebannt starrte Wilson auf den kleinen Bildschirm. Adrenalin jagte durch seinen Körper. Seine Hände zitterten, doch das lag vermutlich mehr am übermäßigen Kaffeekonsum der letzten Stunden. Er war blass und dunkle Schatten lagen unter seinen müden Augen.
Den ganzen Vormittag hatte er versucht, sich mit Arbeit abzulenken. Er hatte nach seinen Patienten gesehen, hatte Papierkram erledigt, wobei er aber eher nur die Buchstaben angestarrt als wirklich etwas erledigt hatte, und er war in der Klinik gewesen, um sich dort um die Patienten zu kümmern. Alles zog an ihm vorbei, als würde er auf dem Highway aus dem Auto schauen. Ständig war er abgelenkt und fand seine Konzentration nur schwer wieder. Immer wieder waren seine Gedanken zu House geschweift.
Vor einer halben Stunde hatte er sich schließlich in House' Büro geschlichen und hatte die Playstation Portable aus dessen Schublade gezogen. Zusammen mit einem Kaffee in der Hand hatte er sich in den Konferenzraum an den Tisch gesetzt, die Antenne ausgerichtet und einen Nachrichtensender gesucht und gefunden. Eine Sondersendung zu dem Unglück. Nur am Rande hatte er über seinem Kaffee mitbekommen, dass eine Bombe als Ursache der Explosion vermutet wurde, da verdächtige Teile gefunden worden waren.
Erst vor fünf Minuten war live zurückgeschaltet worden, als die Nachricht eintraf, dass gerade wieder eine verschüttete Person gefunden worden war. Rettungshelfer waren auf eine Hand gestoßen, die zwischen den Trümmern hervorschaute. Seither starrte Wilson auf den kleinen Bildschirm und hatte alles um sich herum völlig ausgeschaltet. Nur die Bilder und die Worte aus dem Gerät zählten jetzt.
Ein spezielles Rettungsteam hatte zusammen mit Feuerwehrleuten einige Trümmer beiseite geräumt und gerade waren sie dabei, die Person aus ihrem unnachgiebigen Gefängnis zu befreien. Es war nur undeutlich zu sehen, da das Kamerateam hinter der Absperrung nahe eines Rettungswagens stand. Eine hübsche Reporterin verdeckte zudem die halbe Bildfläche.
„… höre gerade, dass es sich bei der Person um einen Mann mittleren Alters handelt. Wie es aussieht ist er verletzt und nicht bei Bewusstsein, aber er lebt."
Wilsons Herz schlug ihm bis zum Hals, es fiel ihm schwer, seine Hände ruhig zu halten und seine Lippe blutete bereits ein bisschen, so stark hatten seine Zähne ihr schon zugesetzt. „Bitte Greg…" flüsterte er.
„Die Feuerwehrmänner tragen ihn gerade aus den Trümmern. Sie scheinen ein paar Schwierigkeiten damit zu haben… jetzt liegt er auf der Trage… die Rettungssanitäter kümmern sich um ihn… vielleicht ist heute der Glückstag dieses Mannes, wenn er es schafft. Bisher konnten aufgrund widriger Umstände nur drei Personen geborgen werden, eine von ihnen starb kurz darauf im Krankenhaus. Die Rettungskräfte hier vor Ort hoffen, noch viele Menschen vor Einbruch der Nacht zu finden, da bei diesen Temperaturen die Überlebenschance für die Verschütteten mit jeder weiteren Stunde sinkt. Die Untersuchungen der Polizei ergaben, dass sich vermutlich noch drei nicht gefundene Personen im Friseursalon aufhielten, darunter auch der Inhaber Luka Bruni. Über die Zahl der Supermarkt-Besucher ist noch nichts Genaueres bekannt, aber sie wird auf 6 bis 10 geschä… oh, da kommen die Sanitäter…"
Wilson hörte ihr nicht mehr zu, als die Trage durch das Bild gerollt wurde und er einen kurzen Blick auf den Mann erhaschen konnte. Augenblicklich gefror sein Blut zu Eis und all die Hoffnung, die sich in ihm angestaut hatte, platzte mit einem gewaltigen Knall, als er eine Glatze und einen tätowierten Unterarm ausmachen konnte.
Fassungslos starrte er auf das Bild, ohne etwas zu erkennen, auch der Ton ergab keinen Sinn mehr in seinen Ohren. Alles, was ihm durch den Kopf ging, war die Tatsache, dass sein Freund noch immer unter den Trümmern lag.
„NEIN!" schrie er auf und sprang von seinem Stuhl, dass dieser rittlings zu Boden fiel.
Aufgescheucht lief er durch den Raum, Verzweiflung, Wut und Angst kämpften in ihm um die Vorherrschaft, als er sich schließlich in House' Büro wieder fand. Außer sich schlug er mit der Faust gegen die Wand, schlug immer wieder darauf ein, bis die Wut genauso plötzlich verrauchte, wie sie von ihm Besitz ergriffen hatte. Und sie ließ nur noch nackte Verzweiflung zurück.
Seine Schläge verebbten und er presste schließlich seine flache Hand an die Wand, während seine Beine langsam unter ihm nachgaben und er zu Boden sank. Er hatte wirklich geglaubt, dieser Mann wäre Greg, er hatte all seine Hoffnung an diesen kleinen Strohhalm geklammert, doch der Strohhalm war abgebrochen. Die Stimme der Reporterin hallten in einem Kopf wieder, immer und immer dieselben Worte sprechend ‚die Überlebenschance für die Verschütteten mit jeder weiteren Stunde sinkt'.
Er zitterte am ganzen Leib und doch fehlte ihm die Kraft, sich zu bewegen. In diesem Moment schlug alles über ihm zusammen, die Erschöpfung, die Angst, die Verzweiflung und die fälschlicherweise investierte Hoffnung. Eine Träne rollte ihm über die Wange, doch er merkte es nicht.
Stöhnend kam House wieder zu sich. Dumpfes Pochen hatte ihn geweckt. Er fühlte sich völlig benommen und gerädert. Schmerzen zogen sich durch seinen Körper und dann ertönte das Pochen wieder, es klang blechern. Eine Dose auf Regal. Da erst bemerkte er, dass sein Kopf auf etwas Weichem lag. Verwirrt schlug er die Augen auf. Es war düster um ihn herum, aber er erkannte das Gesicht der Frau, die lächelnd zu ihm herunterschaute. Tabitha. Und sein Kopf ruhte in ihrem Schoß. Angestrengt versuchte er sich zu erinnern, wie er dorthin gelangt war, doch er schaffte es nicht.
„Was ist passiert?" Seine Stimme war leise und klang ein wenig verwaschen, was vermutlich daher rührte, dass er sich noch nicht ganz wach fühlte.
„Dein Kreislauf hat schlapp gemacht." sagte Tabitha leise. Sie war froh, dass er wieder aufgewacht war, auch wenn seine Grimasse kurz vorm Aufwachen und das Stöhnen ihr sagten, dass er wieder Schmerzen hatte. Ihr war kalt ohne ihren Pulli, sogar verdammt kalt, aber es war ihr egal im Moment. Sie hatte weiterhin Klopfzeichen gemacht und zwischendrin war es ihr gelungen, sich eine Dose Aprikosen zu öffnen, ohne dass sie ihre Position hatte ändern müssen. Trotz den paar Früchten hatte sie noch Hunger.
House schloss einen Moment die Augen. Abgesehen von den Schmerzen und den Fiebersymptomen fühlte er sich ganz passabel. Es wunderte ihn nicht, dass die ganzen Strapazen hier für seinen Blutdruck einfach zuviel geworden waren. Aber jetzt im Liegen bemerkte er keine Anzeichen mehr davon, kein Schwindel, nichts. Er fühlte sich nur müde und ausgelaugt, ihm war kalt, wenn auch nicht mehr so stark wie zuvor und sein Kopf kam ihm so warm vor. Während er tief einatmete, fuhr er sich mit seinen Händen übers Gesicht. Jetzt spürte er, dass seine Stirn sich wieder etwas wärmer anfühlte. Automatisch hielt seine Hand auf ihrem Rückweg an seinem Hals inne und fühlte seinen Puls, er war zu schnell.
„Vorhin war er nur knapp über dem Normalbereich." sagte Tabitha, als sie sah, was er tat.
„Wo?" Er hatte keinen Elan sich zu bewegen, außerdem war dieser Platz recht bequem.
„Bei 84."
„84…" sagte er nachdenklich. „Normalerweise ist er bei ungefähr 64." Seine Hand tastete sich weiter zu seiner Tasche, wo sich seine Finger um die Tablettendose schlossen. Das Klappern war jetzt ziemlich laut, weil die wenigen Pillen genug Platz zum Umherfallen hatten. „Das bedeutet, in Anbetracht der Unterkühlung, wohl eine ungefähre Temperatur von 38,5°C." Er schluckte eine Vicodin und versuchte die Tatsache zu ignorieren, dass sich nur noch zwei weitere in dem Behältnis befanden.
Erstaunt sah Tabitha ihn an. „Wie kommst du darauf?"
„Weil… die Erhöhung der Körpertemperatur um ein Grad mit einer Pulserhöhung von etwa 10 Schlägen pro Minute einhergeht. Da die Pulsfrequenz bei einer Unterkühlung aber auch ansteigt, liegt das Fieber vermutlich etwas niedriger, also bei ca. 38,5°C." Sein Mund fühlte sich trocken und heiß an. „Hast du was zu trinken?"
Sie hatte zuvor noch eine weitere Birnenkonserve geöffnet, als Reserve, wenn es dunkel wurde. Sie packte eine davon und hielt sie ihm hin.
Eine Dose schob sich wackelig in sein Blickfeld, dicht gefolgt von einer zitternden Hand. Seine Augen verengten sich. Er packte ihr Handgelenk und stellte die Dose neben sich ab. Ihm entging keineswegs, dass sie ihren schwarzen, dicken Pullover nicht trug, sondern nur ein langärmliges Top.
Böse funkelte er sie von unten herauf an. „Was soll der Blödsinn? Wollen sie sich umbringen? Wo ist ihr Pulli?" rief er energisch. Hektisch sah er sich um, ohne sie loszulassen, bis er ihren Pullover auf seinen Oberschenkeln entdeckte. Deshalb war ihm etwas wärmer gewesen. Doch diese Entdeckung machte ihn nur wütender. Mit seinen klammen Fingern packte er zu und schleuderte ihr den Pulli ins Gesicht. Er atmete schwer, doch nichtsdestotrotz funkelten seine fiebrigen Augen sie aufgebracht an.
Völlig perplex griff Tabitha nach dem Pullover, bevor er auf sein Gesicht fallen konnte. Was war denn jetzt passiert? Verwirrt sah sie ihn an und konnte die unverhohlene Wut in seinem Gesicht erkennen, was mit einem Mal auch ihren Zorn schürte. Sie rutschte abrupt ein Stück zurück und bemerkte das dumpfe Geräusch, als sein Kopf auf den Boden schlug, gar nicht.
„Ich lass mich doch hier nicht von dir anschreien, weil ich versucht hab, dir zu helfen! Falls es dir noch nicht aufgefallen ist: dein Bein ist ein fröhlicher Bakterienbrutkasten, du hast Fieber und bist umgekippt. Ich hab mir verdammt noch mal Sorgen um dich gemacht!"
Sein Hinterkopf dröhnte leicht von dem unerwarteten Aufschlag, doch das war ihm im Moment egal. „Sie sind wie Cameron!" sagte er gleichzeitig genervt und verächtlich. Ihm war bisher gar nicht aufgefallen, dass er in seiner Rage wieder zum ‚Sie' gewechselt war. „Vom Mitgefühl für den Gequälten übermannt geben sie auch noch ihr letztes Hemd, um ihn zu retten. Denken sie verflucht noch mal auch an sich!"
„Ihnen ist nicht mehr zu helfen!" keifte sie ihn an. Dann streifte sie ihren Pulli wieder über und kroch so weit sie konnte von ihm weg, was schwieriger war als erwartet, da ihre Beine eingeschlafen waren.
Sie hockte sich stumm in ihre Ecke und bewegten ihre Beine, um die Durchblutung wieder in Gang zu bekommen. Ihre Lippen waren fest zusammengepresst. Sie fühlte sich ehrlich verletzt. Sie hatte Angst um ihn gehabt, hatte sich Sorgen gemacht, hatte ihm zumindest ein bisschen Erleichterung bieten wollen und er schrie sie als Dank einfach nur an.
Ihr Blick glitt zu den Ritzen im Beton neben dem Waschbecken. Es wurde langsam dunkler, bald würde das Licht völlig verschwunden sein. Trotz des Pullovers kroch die Kälte ihr langsam tiefer in die Glieder. Ob sie überhaupt noch gerettet werden würden? Diese Frage setzte sich in ihrem Schädel fest. Angst schnürte ihr langsam aber sicher die Kehle zu. Würde sie hier unten sterben? Erfrieren? Würde sie zusehen müssen, wie Greg starb, ehe sie jemand hier finden würde?
Mit einem Mal wurden ihr die Sorgen und Zweifel einfach zu viel. Stumme Tränen rannen ihr über die Wangen und sie schloss ihre Arme um ihre angezogenen Beine und rollte sich wie ein Igel zusammen, doch es bot ihr keinerlei Schutz gegen all das, was ihr zu schaffen machte, weder gegen Kälte und Dunkelheit, noch gegen ihre Ängste.
House zog sich derweil etwas schwerfällig und mit zusammen gebissenen Zähnen auf die Seite und ließ sich schwer gegen das Regal sinken. Seine Schulterblätter schmerzten ein wenig vom Liegen. Stur griff er nach der Dose und trank sie gierig leer, auch wenn ihr Inhalt eiskalt war. Es grummelte unangenehm in seinem Magen, aber in seiner Kehle wirkte die kühle Flüssigkeit wie ein Balsam.
Eine Weile schloss er die Augen und atmete nur ruhig ein und aus. Seine anfängliche Wut war fast genauso schnell wieder verraucht, wie sie gekommen war. Es war viel zu anstrengend, wütend zu sein. Doch er fühlte sich nur erschöpft und würde alles dafür geben, jetzt in einem herrlich warmen Bett zu liegen und drei Tage lang durch zu schlafen.
Den Cardigan hatte er eng um sich gewickelt, doch er konnte sein Zittern dennoch nicht verhindern. Ihm war unglaublich kalt. Als er die Augen wieder aufschlug, war es dunkler als zuvor. Bald würde er gar nichts mehr sehen hier drin. Er seufzte. Langsam legte er den Kopf in den Nacken und schielte zu Tabitha hinüber. Undeutlich konnte er ihre Gestalt in der Finsternis ausmachen, ihre zitternde Gestalt wohlgemerkt. Als er sie jetzt so sah, tat es ihm Leid. Er hatte sie nicht so anschreien wollen. Er war nur einfach so erschrocken gewesen, dass sie bereit war, ihr eigenes Leben aufs Spiel zu setzen, um seines zu retten. Sie hätte es in Kauf genommen, zu erfrieren, damit er ein bisschen länger überlebte. Das war so dumm, sah sie denn nicht, dass er kaum Chancen hatte, hier noch rauszukommen?
„Komm her!" sagte er sanft.
Stille. Erst als er schon dachte, sie hätte ihn vielleicht nicht gehört, reagierte sie.
„Wieso?" Ihre Stimme war leise und brüchig. Er wusste selbst nicht wieso, aber es tat ihm weh, sie so zu hören.
Unschlüssig leckte er sich über die spröden Lippen. „Weil du frierst. Und weil es dunkler wird und weil mir mal jemand gesagt hat, dass man sich in Situationen wie dieser hier am Besten mit Körperwärme wärmt."
Tabitha schluckte. Sie wusste nicht, worauf er hinauswollte. Tat es ihm Leid? Oder war ihm nur kalt und er suchte einen Ofen zum Aufheizen? Sie wusste, dass sie nicht so denken sollte, er war schließlich krank, aber sie konnte nicht anders.
Als sie nichts sagte und sich nicht rührte, schloss House die Augen und biss sich einen Moment auf die Lippen. Als er sprach, konnte sie ihn kaum verstehen, so leise war seine Stimme. „Ich will nicht, dass du meinetwegen erfrierst."
TBC
