Und das nächste Kapitel!
Viel Spaß!
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Die Hoffnung aufgeben?
„Ich will nicht, dass du meinetwegen erfrierst."
Tabithas Mundwinkel zuckten leicht. Beinahe lächelnd wischte sie sich mit zitternden Händen die Tränen aus dem Gesicht und robbte zu ihm hinüber. Erst als sie näher kam bemerkte sie, dass auch er bibberte vor Kälte.
„Entschuldigung angenommen." meinte sie mit einem Lächeln, ehe sie sich neben ihm ausstreckte.
Irritiert klappte House der Mund auf. Bisher war Wilson der Einzige, der dazu fähig war, aus seinen Worten die Entschuldigungen herauszulesen, die er einfach nicht als solche formulieren konnte. Er erwiderte nichts, sondern hob einfach nur stumm den Cardigan ein Stück an, als sie sich dicht an ihn drückte und ihr Gesicht in seine Halsbeuge bettete. Ihre Hände an seiner Brust zitterten. Wortlos legte er den Cardigan über sie, ebenso wie seine Hand, und zog sie enger an sich. Ihr linkes Bein verschränkte sie mit seinem linken. Schon nach ein paar Minuten wurde es ihnen ein bisschen wärmer.
House schloss die Augen. Ihre Nähe war ihm angenehm, nicht nur ihre Wärme, auch ihren Atem an seinem Hals zu spüren. Er hielt sie einfach nur fest. Es war ihm ernst damit, dass er nicht wollte, dass sie hier drin ihr Leben ließ. Und er war bereit, zu tun, was nötig war, um ihre Chancen zu erhöhen. Denn wenn er es realistisch betrachtete, lagen die ihren nun mal wesentlich höher als seine. Er wusste nicht, ob er noch eine Nacht in dieser Kälte überstehen würde, nicht mit dem Fieber und den Bakterien in seinem Körper, die jeden Augenblick herausfinden konnten, dass seine Blutbahn ein idealer, billiger Fernreisezug war, der sie an exotische und aufregende Orte bringen konnte.
Er bemerkte, dass ein Teil von ihm sich langsam damit abfand, dass es auf diese Weise zu Ende gehen würde. Ein anderer Teil von ihm jedoch drängte zum Kampf, wollte nicht aufgeben. Doch er fühlte sich einfach zu müde zum Kämpfen.
Ob es so auch den terminalen Krebspatienten erging? Dass sie einfach zu erschöpft waren, um weiter zu machen?
Aber eigentlich war ihm das egal. Im Moment wollte er nur Tabitha im Arm halten und die Nähe ihres Körpers genießen. Ihm wurde plötzlich bewusst, dass er sie vielleicht nie wieder sehen würde, wenn er starb. Und er bedauerte es.
Unter Anstrengung schob er diesen Gedanken beiseite und zog sie stattdessen noch ein wenig dichter an sich. Davon wollte er jetzt nichts wissen. Ohne es so genau zu bemerken, stahl sich seine linke Hand zu ihrem Kopf und streichelte über ihr Haar.
Zischend zuckte Tabitha zusammen.
Seine Hand strich langsam und vorsichtig zurück und berührte ganz sacht eine große Beule an ihrem Hinterkopf.
„Vom Regal?" fragte er schon fast flüsternd.
„Mmh."
„Schmerzen?"
„Nur ein bisschen."
Nicht ganz überzeugt schob er seine Hand ein Stück weiter und streichelte ihr stattdessen über die Schläfe. Ihr ruhiger Atem und die gleichmäßige, langsame Bewegung beruhigten ihn irgendwie, ließen ihn beinahe vergessen, wo er war.
„Denkst du, sie finden uns bald?" fragte sie leise gegen seinen Hals.
„Ich hoffe."
Eigentlich hatte sie weiter fragen wollen, doch irgendwas hielt sie davon ab. Ihr Zittern hatte aufgehört, auch wenn ihr deshalb nicht warm war. Aber zumindest nicht mehr so kalt wie zuvor. Ohne nachzudenken fragte sie stattdessen etwas ganz anderes.
„Bist du Immunologe?"
House runzelte die Stirn. „Nein. Wird das jetzt deine Revanche für meine Mutmaßungen vor der Schwindelattacke?" Sie lächelte leicht, er spürte es auf seiner Haut.
„Wieso solltest nur du neugierig sein dürfen?"
„Ich bin Arzt, es gehört zu meinem Job, alles wissen zu wollen." Sein Vicodin begann zu wirken und er entspannte sich ein wenig mehr. Dieses belanglose Geplänkel lenkte ihn ab, und es tat ihm gut, er genoss es irgendwie sogar.
„Und ich bin Naturwissenschaftlerin, da ist Neugierde Grundvoraussetzung!"
„Also hast du Mathe studiert." stellte er fest.
Sie nickte, was er spürte. „Ja, und Physik als Nebenfach. Ein bisschen anorganische Chemie war auch dabei. Aber du lenkst ab. Deiner Art nach, würde ich sagen, bist du weder Kinder- noch Frauenarzt."
„Hey, ich hab gewöhnlich schön warme Hände." meinte er gespielt beleidigt.
„Warme Hände sind nicht alles!" neckte sie ihn. „Auf jeden Fall bist du kein Chirurg."
„Wieso?"
„Dein Stock. Du bist durch den Laden gehumpelt, da glaub ich nicht, dass du stundenlang an einem OP-Tisch stehst, also kein Chirurg. Vielleicht Pulmologe oder Kardiologe, oder aber… nein, kein Augenarzt."
„So errätst du es nie!" lachte er leise.
„Dann verrat's mir!" verlangte sie.
Er seufzte. „Okay. Ich bin Diagnostiker und Nephrologe."
Tabitha war ein wenig verwirrt. „Allerdings, da wär ich nie drauf gekommen. Was genau macht denn ein Diagnostiker?"
„Fälle lösen, an denen sich andere erfolglos die Zähne ausgebissen haben, weil sie immer nur das Gewöhnliche in Betracht ziehen." meinte er schulterzuckend.
Sie grinste. „Hobby gut in den Beruf integriert, was?"
Das Reden über seinen Beruf stimmte ihn nachdenklich. Es ließ ihn an Wilson, Cuddy und an sein Team denken. Er fragte sich, was sie wohl gerade machten, und ob sie wussten, wo er war. Oder dachten sie vielleicht sogar, er würde sich einen derben Scherz erlauben und spurlos verschwinden, nur um sie zu ärgern? Er hoffte es nicht, er hoffte es wirklich nicht.
Sein rechtes Bein spürte er kaum noch vor Kälte, sein Kopf fühlte sich warm und schwer an und sein ganzer Körper war völlig ausgelaugt. Er fror noch immer trotz ihrer Wärme so dicht an seiner Seite. Er machte sich nichts vor, das hier konnte er nicht mehr überstehen, es überstieg seine Kräfte, seine Grenzen. Auch wenn er nicht so hatte enden wollen, so war er doch wenigstens nicht allein.
Er sah Foreman vor sich, mit mürrischem Gesichtsausdruck, um somit deutlich zu machen, dass er definitiv nicht seiner Meinung war.
Und Chase, wie er mit gespielt entsetztem Gesichtsausdruck am Tisch saß und sagte ‚Oh mein Gott, was wäre, wenn es PTSD ist?'. Offenbar hatte er sogar auf den australischen Milchbubi etwas abgefärbt.
Und da war Cameron, wie sie ihn fassungslos angestarrt hatte, als er ihr gesagt hatte, dass er sie lieben würde, um an eine Speichelprobe für ihren HIV-Test ranzukommen.
Er sah Cuddy, wie sie ihm vor die Nase knallte ‚Es war Kochsalz. Ich hab ihnen einen Placebo gegeben.'
Und er dachte an Wilsons unschuldigen Gesichtsausdruck, als er am Boden neben den Trümmern seines Stockes gelegen hatte. ‚Sieht fast so aus, als hätte jemand deinen Stock heimlich angesägt.'
Diese Erinnerungen verursachten ihm einen harten Knoten im Magen. Würden sie um ihn trauern, wenn man seine Leiche hier aus den Trümmern zog? Oder hatte er es geschafft, und alle dermaßen vergrault, dass er ihnen völlig egal war.
Wilson würde da sein, keine Frage. Und Cameron. Cuddy vielleicht noch, aber sonst? Seine Mutter. Ja, sie wäre wohl auch an seinem Grab.
„Greg? Bist du okay? Schläfst du?" Es war inzwischen fast völlig dunkel.
Als er ihre Stimme hörte, erschien ihm plötzlich alles so klar, so eindeutig, so selbstverständlich. Ohne daran zu zweifeln, ließ er seine rechte Hand über ihren Körper wandern, zu ihrer Taille, an ihrer Seite entlang über ihren Oberarm, ihr Schlüsselbein, ihren Hals hinauf. Zuerst spannte sie sich kurz an, doch dann ließ sie sich in seine langsamen, zarten Berührungen sinken. Als er ihr Gesicht erreicht, atmete sie ein bisschen schneller.
Sanft schob er mit seiner Hand an ihrem Kinn ihren Kopf ein Stück von sich weg und neigte sich dann zu ihr hinunter. Als seine Lippen die ihren berührten, war es um sie beide geschehen. Sie versanken in diesem Kuss, der genauso sanft, so zärtlich war wie der letzte. Und auch wenn seine Lippen ausgetrocknet und rissig waren und seine Mundhöhle heiß und trocken, so schmeckte er doch nach süßen Birnen.
Sein Denken schaltete sich völlig ab, denn es war egal, das Morgen spielte jetzt keine Rolle mehr. Seine Hand schob sich in ihren Nacken, zog sie enger zu sich und war nicht bereit, sie los zu lassen. Ihre Lippen schmeckten nach Aprikosen. Es reichte ihm so nicht mehr. Seine Zunge wurde vorwitziger, fordernder, seine Hand streichelte über ihren Rücken, während ihr Kuss immer leidenschaftlicher wurde.
Ihre linke Hand tastete sich in seinen Nacken, wühlte durch das Haar an seinem Hinterkopf und hielt ihn fest. Ihre rechte streichelte über seine Brust, soweit es ihr möglich war.
Als sie sich irgendwann voneinander lösten, atmeten sie beide schwer. Ihre Lippen schwebten gerade mal Millimeter vor den seinen und er roch die Aprikosen in ihrem Atem.
„Ich…" fing er an, nicht ganz sicher, was er eigentlich sagen wollte.
„Psch!" zischte sie leise und berührte seine Lippen ganz zart mit den ihren, ehe sich diese über sein Kinn hinweg einen Weg seinen Hals hinunter küssten, bis zu seiner Halsbeuge, wo sie ihren Kopf hineinkuschelte. Sie zog ihre Hand langsam aus seinem Haar und ließ ihre Fingerspitzen dabei über seinen Hals zu seiner Brust hinunter wandern. „Sag jetzt nichts." flüsterte sie leise.
Und er tat es. Er zog sie einfach noch ein bisschen enger an sich und lehnte seine Wange an ihre Stirn.
Sie zog den Cardigan ein Stück höher unter ihr Kinn und lauschte einfach seinen etwas schnellen, aber regelmäßigen Atemzügen, als er langsam einschlief.
„Irgendwas Neues?"
Leise schloss Cuddy die Türe hinter sich und lehnte sich erschöpft an die Wand daneben. Am Tisch des Konferenzraumes saßen Chase und Cameron, die beide gerade die Acht-Uhr-Nachrichten an House Playstation verfolgten.
Cameron schüttelte wortlos den Kopf. Foreman hatte ihr am Tag zuvor etwas zur Beruhigung gegeben, worauf sie die ganze Nacht in Cuddys Büro durchgeschlafen hatte. Heute Morgen war sie kurz nach Hause gefahren, doch dort hatte sie es nicht ausgehalten, also war sie zurückgekommen. Sie hatte sich inzwischen wieder einigermaßen gefasst, doch die Angst um ihren Boss zehrte noch immer stark an ihren Nerven.
Chase war nachts gegen vier Uhr nach Hause gefahren und hatte geschlafen, wenn auch sehr schlecht. Am frühen Nachmittag war er wieder hergekommen. Zusammen mit Cameron hatte er sich eine Weile um die Klinikpatienten gekümmert, bis sie die Nachrichten hier hoch gelockt hatten, wo sie jetzt gespannt, oder besser angespannt, mitverfolgten, was es Neues gab.
„Seit den letzten beiden, die sie heute Nachmittag rausgezogen haben, hat sich nichts mehr getan." informierte er Cuddy.
Auch sie schaffte es nicht, nach Hause zu fahren, nicht bevor sie Bescheid wusste. Nachdem Cameron gefahren war, hatte sie sich ein wenig Ruhe auf ihrer Couch gegönnt, doch sie hatte kaum ein paar Stunden vor sich hingedöst, ehe ihre Ruhelosigkeit sie wieder in die Flure getrieben hatte. Dunkle Schatten lagen unter ihren Augen, die sich mit Make-up nicht mehr überdecken ließen.
Sie hatten von den beiden letzten ‚Geretteten' gehört. Sie hatten beide nur noch tot aus den Trümmern geborgen werden können. Ein Rentner, dem von einem herabstürzenden Regal im Supermarkt der Schädel zertrümmert worden war, und eine junge Frau aus dem Friseursalon, die an den Folgen einer ernsten Unterkühlung noch vor ihrer Rettung gestorben war.
Cameron schluckte. „Glauben… Glauben sie, dass… dass er noch am Leben ist?" fragte sie leise.
Chase presste die Lippen zusammen und sah zu Boden, Cuddy seufzte und schloss einen Augenblick die Augen. Müde und nachdenklich rieb sie sich die Stirn. Das war eine Frage, die sie sich schon den ganzen Tag zu stellen weigerte und doch über nichts anders nachdenken konnte. Ihr Verstand sagte ihr, dass es unwahrscheinlich war. All die Trümmer und dann bargen sie inzwischen nur noch Tote aufgrund der Temperaturen…
Andererseits wollte sie sich auf keinen Fall damit abfinden, bevor sie Gewissheit hatte. Ja, sie war andauernd mit House aneinander geraten. Zu Anfang hatte sie das schrecklich gestört und genervt, doch über die Jahre war es eine Art Konstante geworden, fast schon ein Spiel. Zwei Sturköpfe maßen sich aneinander und sie genoss es, dabei letztendlich am längeren Hebel zu sitzen. House war ihr ans Herz gewachsen, trotz oder gerade wegen seiner unverwechselbaren Art. Er war ein genialer Arzt und Diagnostiker und eine Nervensäge, aber er war auch eine Art Freund, irgendwie. Sie wollte ihn nicht verlieren.
Als sie die Augen wieder öffnete, sah Cameron sie aus leicht geröteten Augen gespannt an.
„Ich…" Sie suchte nach den richtigen Worten, ehe sie verwarf, was sie sagen wollte, zugunsten eines anderen Satzes, der ihr aus der Seele sprach. „Ich muss es einfach glauben, Cameron!"
Stumm verweilten sie ein paar Momente, nur der Fernseher säuselte leise im Hintergrund, wo gerade der Wetterbericht für die nächsten drei Tage verkündet wurde.
Schließlich stieß Cuddy sich von der Wand ab und trat leise in den Raum. Vorsichtig spähte sie durch die Glastüre in das abgedunkelte Büro von House wo Wilson schlafend am Boden lag, den Kopf auf ein Kissen gebettet und mit einer Wolldecke zugedeckt.
„Wie geht es ihm?" fragte sie eigentlich überflüssigerweise.
Als Chase bei seiner Ankunft den Konferenzraum betreten hatte, hatte er im Zimmer nebenan Wilson gefunden, der an der Wand entlang zu Boden gesunken dalag. Erschrocken hatte er seine Vitalzeichen kontrolliert und erleichtert aufgeatmet, als er festgestellt hatte, dass er nur schlief. Da er so völlig ausgezehrt und erledigt gewirkt hatte, hatte er es nicht über sich gebracht, ihn zu wecken – schon gar nicht in Anbetracht der Umstände – sondern hatte das Büro abgedunkelt und ihn mit einem Kissen und House' Wolldecke – für kalte Nächte auf dem Balkon – versorgt.
„Er ist seitdem nicht mehr aufgewacht. Es… war wohl alles ein bisschen viel für ihn. Mir war bisher gar nicht bewusst, dass diese Freundschaft doch so eng ist."
Cameron warf ihm einen bösen Blick zu, doch Cuddy nickte verstehend, sie wusste, was Chase zu sagen versuchte. Ihr war es anfangs auch schwer gefallen, sich vorzustellen, dass Wilson tatsächlich einen Freund in diesem selbstgefälligen Mistkerl sah und dass es für House tatsächlich einen Menschen gab, der ihm etwas bedeutete, auch wenn das schwerer zu beobachten war.
„Lassen sie ihn schlafen. Die Ruhe tut ihm ganz gut."
Die beiden nickten und sahen ihr hinterher, als sie den Raum verließ und langsam den Flur hinunter verschwand.
TBC
