Und das nächste Kapitel!
Viel Spaß!
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Ein roter Lolli
Es war nichts Neues für ihn, dass er aufwachte und der Schmerz aus seinem Bein sich überdeutlich in sein Bewusstsein fraß. Neu war allerdings, dass nicht der Schmerz ihn aufgeweckt hatte, sondern ein penetrantes Husten. Sein Husten.
Zittrig hielt er sich eine Hand vor den Mund und wandte den Kopf etwas von Tabitha ab. Bald ließ der Hustenreiz nach und er schnappte erschöpft nach Luft. Sein Kopf sank zurück gegen ihre Stirn, wo er schwer liegen blieb. Er hört sein Blut in den Ohren durch seine Adern rauschen und ihm war ein bisschen schwindlig. Müde schloss er die Augen, während er fahrig und unbeholfen nach seinen Tabletten suchte.
Bei jedem Einatmen spürte er ein schmerzhaftes Ziehen in der Brust und hörte ein leises Pfeifen. Der Fernreisezug hatte also seine Lunge erreicht und die Passagiere tummelten sich sicherlich auch bereits in anderen Organen.
Endlich hatte er eine Vicodin in seiner Hand und steckte die Dose weg. Trocken schluckte er. Nur mühsam konnte er sie herunterwürgen. Heftig atmend und wieder hustend sank er erschöpft in sich zusammen, sein Herz klopfte heftig in seiner Brust. Da rührte sich etwas dicht vor ihm.
„Greg? Alsokay?" nuschelte sie kaum verständlich und definitiv nicht wach.
Behutsam schob er seine Hand wieder unter den Cardigan und legte sie auf ihr Schulterblatt. „Alles okay. Schlaf weiter!"
Seine Stimme klang rau und das Sprechen reizte ihn abermals zum Husten.
Ihr Gesicht kuschelte sich enger an seine Halsbeuge und ihre kalte Hand streichelte ihm den Hals. „Abadu husdes."
„Is nicht schlimm. Schlaf!"
Kurz darauf rutschte ihre Hand wieder zurück, als sie wieder im Reich der Träume versank. Er hatte sie nicht anlügen wollen, aber es war zu ihrem Besten.
Ein pfeifendes Geräusch drängte sich in ihr Unterbewusstsein und vermischte sich dort mit einem Keuchen. Sie dachte an den Teekessel ihrer Großmutter und an ihr Atmen, wenn sie die Treppe aus dem Keller hinaufgestiegen war. Doch das Ganze passte nicht. Das Keuchen klang anders, das Pfeifen viel leiser…
Mit einem Mal schlug sie die Augen auf. Alles um sie herum war dunkel, stockdunkel. Tabitha hatte keine Ahnung wie spät es war, aber offenbar irgendwann in der Nacht. Wieder hörte sie das Pfeifen und das Keuchen. Und diesmal wusste sie sofort, woher es kam: von Greg.
Seine Brust hob und senkte sich schneller. Er atmete schwer und jeder Atemzug hinterließ ein leises Pfeifen. Beunruhigt lauschte sie dem eine Weile, ehe sie ihre klammen Finger an ihm entlang tastete, bis sie seine Stirn gefunden hatten. Eiskalter Schweiß bedeckte seine Haut, doch als sie ihn wegwischte und ihre Hand darauf legte, spürte sie die Hitze. Er glühte förmlich. Auch seine Wangen waren heiß. Sie war sich nicht sicher, wie viel davon auf ihre eiskalten Finger und ihr verändertes Temperaturempfinden zurückzuführen war, doch sein Fieber war definitiv gestiegen.
An seinem Hals hielt sie ebenfalls inne und tastete nach seinem Puls. Nur allzu deutlich war sie sich ihres eigenen klopfenden Herzens bewusst, als sie nicht sofort die richtige Stelle fand. Dann tasteten ihre Finger etwas. Sein Puls raste und die einzelnen Schläge waren so dumpf, dass sie diese kaum tasten konnte. Ängstlich biss sie sich auf die Lippen. Was sollte sie jetzt tun?
Sie rutschte etwas an ihm herunter und legte ihr Ohr auf seine Brust. Das Rasseln bei jedem seiner Atemzüge, welches das Pfeifen begleitete, hörte sie sogar ohne Stethoskop. Aber wo kam das so schnell her? Vor ein paar Stunden war er doch noch in Ordnung gewesen? Zumindest weitgehend.
Da begann er sich neben ihr unruhig zu winden. Er hustete leicht ehe er aufstöhnte. Tabitha glaubte zu erkennen, dass er wieder Schmerzen hatte, immerhin hatte sie seinen Geräuschen hier unten lange genug gelauscht, um sie einigermaßen deuten zu können. Sie würde ihn aufwecken, beschloss sie schließlich.
Ihre Hand schloss sich um seine Schulter und rüttelte ihn sanft, aber er reagierte nicht.
„Greg?" Sie schüttelte ihn fester.
Sie wiederholte beides eine schiere Ewigkeit, schlug ihm hin und wieder leicht gegen die Wange, dennoch dauerte es eine ganze Weile, bis er darauf reagierte, indem er grummelnd seinen Kopf abwandte und unkoordiniert nach ihrer Hand schlug.
„Greg? Greg, bist du wach?"
„Jetzt schon." nuschelte er leise und müde, ehe er erneut leise aufstöhnte.
Sie spürte, wie seine rechte Hand sich nach unten bewegte und hörte kurz darauf das leise Klappern seiner Tablettendose. Plötzlich schepperte es lauter und House stöhnte auf.
„Was ist?" fragte sie sofort, doch sie ahnte es bereits.
„Runtergefallen…"
„Warte, ich such sie!" sagte sie schnell. Da sie nichts gespürt hatte, vermutete sie, dass das Döschen auf seiner rechten Seite in das Regal gerutscht war.
Sie setzte sich langsam auf und tastete vorsichtig nach dem Regal. Sobald sie sich aufgerichtet hatte, fühlte sie, wie House zurück in die Rückenlage rutschte. Um Ruhe bemüht, beugte sie sich über ihn und tastete mit tauben Fingern über die Regalböden hinweg, bis sie endlich auf Plastik stieß. Außerdem fingerte sie noch nach der Birnendose, die sie bereits geöffnet hatte, indem sie die Deckel der Dosen prüfte. Als sie auch diese gefunden hatte, kniete sie sich an seine Seite. Unbeholfen und unkoordiniert öffnete sie die Dose und fischte die letzte Tablette heraus.
„Greg, ich hab sie." Sie tastete sich zu seinem Gesicht und er öffnete leicht den Mund, als sie mit der Pille gegen seine Lippen stieß. „Warte, trink etwas." Sich völlig auf ihren Tastsinn verlassend, hob sie seinen Kopf ein Stück an und hielt ihm die Birnendose an die Lippen. Sie hörte, wie er schluckte, zweimal, dreimal, dann hustete er.
Schnell zog sie die Dose zurück und stellte sie beiseite. „Greg?"
Er antwortete nicht, auch nicht, als sein Husten langsam abklang. Vorsichtig rutschte sie zurück an seine Seite und bettete den Cardigan über sie beide. Besorgt presste sie sich an seinen inzwischen zitternden Körper und hörte leise, wie seine Zähne klappernd aufeinander schlugen. Angst keimte in ihr auf. Instinktiv begann sie mit ihrer Hand über seine Brust zu reiben, in der irrwitzigen Hoffnung, ihn so noch ein wenig zu wärmen.
Da fing er plötzlich wieder an zu husten. Sie konnte es richtig brodeln hören in seinem Brustkorb.
„Greg? Greg, sag doch was!"
„Hm?" gab er schwach von sich.
„Was passiert hier? Was ist los?" Ihre Furcht war deutlich aus ihrer Stimme herauszuhören.
Wieder hustete er heftig und schnappte anschließend nach Luft. „Lungen… entzündung." keuchte er atemlos und leise.
„Aber…" fing Tabitha an. „Woher so plötzlich? Vor ein paar Stunden ging es dir doch noch gut? Da hast du noch nicht so schlimm gehustet!"
„Das Bein…" presste er hervor, ehe ihn ein weiteres Husten schüttelte. „Blutvergiftung…" Und wieder hustete er.
Tränen der Verzweiflung standen ihr in den Augen. „Kann ich irgendwas tun? Irgendwas?" fragte sie drängend.
Zittrig holte er Luft, es rasselte und pfiff dabei leise. Sie spürte sein kaum merkliches Kopfschütteln an ihrem Kopf, noch bevor er leise sprach.
„Nein… gar nichts…"
Sie zitterte und ihre heißen Tränen zogen warme Spuren über ihr kaltes Gesicht. „Was… was passiert jetzt?"
Er atmete schwer und sie spürte, wie sich seine Hand langsam zu ihrem Gesicht tastete. Seine Finger waren eiskalt, als sie über ihre Wange strichen.
„Wird… schlimmer… Organe versagen… ich werde… sterben." Seine Stimme war kaum mehr als ein leiser Hauch, doch sie hatte keine Mühe ihn zu verstehen, denn die Worte fuhren ihr durch Mark und Bein. Panik stieg langsam aber sicher in ihr auf.
„Greg…" sagte sie mit zittriger, brüchiger Stimme. „… du machst mir Angst!"
Da spürte sie, wie sein Kopf mit einem Mal schwerer an ihrem ruhte und wie seine Finger von ihrer Wange rutschten.
„Greg?"
Keine Reaktion. Sie schüttelte ihn.
„Greg? Greg!"
Doch er reagierte nicht mehr.
Wilson konnte es immer noch nicht fassen. Völlig betäubt von Trauer und Schmerz stand er einfach nur da, die Schultern hängend, seine Arme wie lebloses Fleisch an seiner Seite baumelnd. Den Kragen seines Wintermantels hatte er aufgestellt und zusätzlich einen Schal um seinen Hals gewickelt, doch der kalte Wind ließ ihn dennoch frösteln. Erste Schneeflocken verfingen sich in seinem Haar. Sonst hatte es nie so früh geschneit in Princeton, das war ungewöhnlich.
Eine Anomalie. Das hätte Greg gefallen.
Aus geröteten Augen starrte er leer auf die Szenerie vor sich. Er empfand nichts, weil es nichts mehr gab, dass er empfinden hätte können. Die letzten Tage hatten ihn geschröpft, ihm jede Kraft, jedes Gefühl aus dem Leib gezogen.
Cameron neben ihm sah auch nicht besser aus. Sie war blass und stumme Tränen rannen ihr über die Wangen, die sie immer wieder mit einem Taschentuch wegwischte. Sie wirkte in ihrem langen, schwarzen Mantel noch viel zerbrechlicher als sonst.
Cuddy dagegen machte einen gefassten Eindruck, doch ihre geröteten Augen sprachen Bände.
Sogar Chase und Foreman waren gekommen, sie standen hinter den beiden Frauen, quasi als Rückhalt.
Rechts von ihm standen John und Blythe House, sie weinte, er wirkte verwirrt, als könne er immer noch nicht glauben, dass in dem Sarg, der vor ihnen in dem ausgehobenen Grab stand, sein Sohn liegen solle. Doch dem war so.
Wilson brauchte eine Weile, bis er bemerkte, dass der Priester seine Rede beendet hatte. Er schnappte zittrig nach Luft, ehe er vortrat und sich an den Rand der Grube stellte. Wortlos ließ er eine Schaufel voll Erde auf den Buchenholzsarg fallen, den seine Eltern ausgesucht hatten und den er für völlig unpassend hielt. Das Holz war fiel zu hell, viel zu makellos, es passte nicht zu dem Greg House, den er gekannt hatte. Auch die schnörkeligen Verzierungen und Schnitzarbeiten wirkten total fehl am Platz. House war keine feinverzierte Schnitzerei, eher ein kantiger Rohling, der sich gegen jede Art der Bearbeitung sträubte.
„Es tut mir Leid." flüsterte er leise. Dann warf er einen der roten Lollis aus der Klinik auf den Sarg. Mit einem lauten Pochen traf der Lutscher das Holz, kullerte ein bisschen umher und blieb dann darauf liegen, ein leuchtend roter Fleck auf dem hellen Holz. Der Lolli wirkte schrecklich bunt und fröhlich und war doch der einzig wahre Anhaltspunkt in dem ausgehobenen Loch, der ihm sagte, dass sein Freund dort unten lag. Es war das Einzige, das ihn wirklich repräsentierte.
Cuddy lächelte schwach bei dieser Geste, Cameron schluchzte auf, Foreman schmunzelte und Chase zog eine Augenbraue hoch. Der Priester verzog verständnislos seinen Mund. Und House' Eltern sahen ihn entsetzt an, als hätte er ihren Sohn damit entehrt oder ins Lächerliche gezogen. Aber es war ihm egal, ob sie es verstehen würden.
Da ertönte ein Pochen. Erschrocken fuhr er herum und…
…fand sich in House' Büro wieder. Verwirrt wanderten seine Augen hektisch umher, doch es bestand kein Zweifel an seinem Aufenthaltsort. Er war nicht auf dem Friedhof, Greg war nicht tot, es war alles nur ein Traum gewesen. Und das Pochen eine zugefallene Tür.
Zitternd und mit wild schlagendem Herzen fuhr er sich übers Gesicht und durch die Haare. Fahrig erhob er sich vom Boden, ließ Kissen und Decke aber einfach liegen. Wie ein Geist wandelte er durch die leeren, nur spärlich beleuchteten Flure und betrat die Toilette. Schwer stützte er sich auf das Waschbecken, wobei er sich fragte, ob das wirklich er selbst war, der ihm da aus dem Spiegel entgegensah. Er drehte den Kaltwasserhahn auf, füllte seine hohlen Hände und benetzt damit prustend sein Gesicht.
Frustriert warf Cuddy die Decke zurück und setzte sich auf. Es hatte keinen Sinn, sie konnte nicht schlafen. Sie strich sich ihre Kleidung glatt und fuhr sich mit den Fingern locker durchs Haar, um es ein bisschen zu bändigen, ehe sie zurück in die Klinik trat. Das helle Neonlicht stach in ihren müden Augen und sie musste ein paar Mal zwinkern, ehe sie keine hellen Flecken mehr durch ihr Sichtfeld tanzen sah. Die Nachtschwester nickte ihr lächelnd zu, was sie flüchtig erwiderte. Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass es bereits zwanzig nach drei war.
Der Unfall lag jetzt schon 37 Stunden zurück und draußen war es bitterkalt. Sie schüttelte den Kopf, um diese Gedanken los zu werden – eine Taktik, die bereits seit Stunden kläglich versagte – und machte sich auf dem Weg zum Kaffeeautomaten.
Mit dem heißen Becher in der Hand lehnte sie sich an den Empfang und ließ ihren Blick träge und nachdenklich schweifen. Es war ruhig, keine Patienten, nur die zwei aus dem Wartebereich waren noch da. Sie überlegte eine Weile, bis ihr die Namen wieder einfielen.
Jeff Hayes und Kayla Sallyfield. Jeff lag quer über den unbequemen Plastikstühlen und schlief unruhig, Kayla stand in eine Decke gehüllt am Fenster und starrte hinaus. Auch für die beiden hatte es noch keine positive Nachricht gegeben. Und auch keine negative. Zwei weitere Passagiere an Bord ihres Schiffes auf dem Meer der Ungewissheit.
Gedankenverloren nippte sie an ihrem Kaffee. Das Automatenzeug schmeckte grauenhaft, aber es enthielt Koffein. Nach ihrem Besucht bei Chase und Cameron war Foreman einmal gegen elf Uhr zu ihr gekommen, um ihr mitzuteilen, dass zwei weitere Opfer geborgen werden konnten. Der Friseur und das Kind einer direkten Anwohnerin, die ihrem Sohn erlaubt hatte, sich einen Lutscher zu kaufen. Beide waren bereits tot. Der Friseur war an den Schnittwunden eines Spiegels verblutet, das Mädchen erfroren.
Cuddy spürte ihre Hoffnung immer mehr schwinden und konnte nichts dagegen tun.
Da erblickte sie eine Bewegung aus dem Augenwinkel. Es war Wilson, der gerade aus dem Aufzug stieg. Seine Gesichtsfarbe sah wieder etwas gesünder aus, doch seinen Augen fehlte der Glanz und sie lagen tief in den Höhlen, auch seine Wangen wirkten eingefallen. Sein Haar stand auf einer Seite ein wenig ab, nicht schlimm, aber absolut untypisch für ihn.
Wie ein geprügelter Hund schlurfte er auf sie zu. „Gibt es hier irgendwas zu tun?" fragte er flehend.
Langsam schüttelte sie den Kopf. „Nein, es ist fast schon unnatürlich ruhig."
Seufzend schloss er die Augen und lehnte sich neben sie. „Ich muss irgendwas tun. Dieses Warten bringt mich um."
Aus der Wartehalle ertönte plötzlich das Klingeln eines Handys. Sofort ruckte der Kopf der Nachtschwester aus einem kleinen Zimmer, in dem sie gerade die Desinfektionslösungen auffüllte. Cuddy gab ihr mit einem Winken zu verstehen, dass es ausnahmsweise okay war. Sie schaute kurz durch das Glas, wie Kayla in ihrer Tasche kramte und schließlich ranging. Jeff war vom Klingeln aufgewacht und starrte sie gebannt an. Doch Cuddy wandte sich wieder Wilson zu, sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Ihr fielen einfach keine tröstenden Worte mehr ein, da sie nicht mal mehr wusste, wie sie sich selbst beruhigen und vertrösten sollte.
Es schimmerte in seinen braunen Augen, als er sie ansah. „Heute ist der sechste November."
Erfolglos versuchte sie den Kloß herunterzuschlucken, der sich bei diesem Satz in ihrem Hals gebildet hatte. „Ich weiß." hauchte sie leise. „Ich…"
Weiter kam sie nicht, als sie von einem fast schon panischen ‚Kayla? Mein Gott Kayla, sag doch was! Kayla bitte, was… was ist passiert?' unterbrochen wurde.
Ihr Blick traf sich ganz kurz mit dem von Wilson, ehe sie beide in den Warteraum schauten, wo Kayla inzwischen fast schon apathisch auf einem der Stühle saß. Ihr Mund stand offen, ihre Augen waren aufgerissen und Tränen liefen ihr übers Gesicht, ihr Handy rutschte aus ihrer Hand auf den Stuhl daneben. Jeff kniete vor ihr am Boden und hatte ihre Oberarme gepackt. Verzweifelt versuchte er, sie zum Sprechen zu bewegen.
„War das Vic? Hat er angerufen?" wollte er mit zitternder Stimme wissen.
Sie nickte leicht, nur ganz allmählich fokussierten sich ihre Augen auf ihn.
Wilson stieß sich vom Empfang ab und ging geknickt den Gang hinunter. Er wollte nicht dabei sein, wenn die beiden in Tränen ausbrachen, er wollte nichts davon wissen, dass schon wieder jemand tot aus den Trümmern gezogen worden war. Alles, was er wollte, war seinen Freund lebendig wieder zu sehen, seine Hand in die seine zu nehmen, seinen warmen, festen Griff spüren, er wollte, dass diese astralblauen Augen ihn spitzbübisch anfunkelten, während er sich irgendeinen verletzenden Witz auf seine Kosten anhören musste.
Beklommen sah Cuddy ihm nach, sie konnte ihn verstehen. Vielleicht sollte sie auch besser gehen. Ihr Blick wanderte noch ein letztes Mal über die Zwei, ehe sie sich abwandte, nur um abrupt inne zu halten. Verdutzt schaute sie zurück. Tatsächlich, Kayla lächelte. Ihre Augen strahlten und ihre Lippen lächelten, während ihr die Tränen übers Gesicht liefen. Wie magisch angezogen trat Cuddy näher an die Flügeltüre, die sie von dem Wartebereich trennte. Lautlos stellte sie sich hinter den geschlossenen Flügel und schaute hinein.
„Tabby lebt!" flüsterte sie ergriffen.
Jeff starrte sie nur aus großen Augen an. Es dauerte eine Weile, bis die Nachricht zu ihm durchdrang. Sein Unterkiefer begann leicht zu zucken und seine Lippen verzogen sich ganz langsam zu einem Lächeln.
„Wirklich?" fragte er vorsichtig, ungläubig.
Kayla nickte. „Sie lebt! Sie haben sie gefunden!"
Jeff schlug seine Hände über dem Kopf zusammen und drehte sich fassungslos im Kreis. „Das… das ist… mein Gott! Sie lebt!" Vor Erleichterung schwer atmend hielt er sich die Brust. „Wann bringen sie sie hierher?"
Jetzt zog doch ein kurzer Schatten über Kaylas Gesicht. „Sie steckt noch fest. Die Rettungshelfer haben ein Klopfen gehört und sie hat auf deren Rufe reagiert. Die wissen jetzt, wo sie buddeln müssen. Sie werden sie bald da rausholen. Jeff, es geht ihr gut, sie ist nicht verletzt."
Überwältigt sank Jeff auf einen der Sitze und vergrub sein Gesicht in seinen Händen.
Cuddy selbst war fast den Tränen nahe. Es war eine ergreifende Szene und sie freute sich für die beiden, doch gleichzeitig wünschte sie, dass sie jetzt dort sitzen würde und die Nachricht verkünden konnte, dass House unverletzt sei. Sie schluckte hart und warf Wilson noch mal einen Blick zu, der gerade der Treppe einen missbilligenden Blick schenkte und zum Aufzug weiter schlich. Langsam trat sie zurück, um den beiden ihre Privatsphäre zu gönnen.
„Es geht… ihr wirklich… gut?" fragte Jeff, als könne er diese Nachricht gar nicht oft genug hören.
Kayla nickte glücklich. „Ja, ja, es geht ihr gut. Ein Mann ist zusammen mit ihr eingeschlossen, ich weiß nicht mehr genau, ich glaube, er hieß Mouse oder so."
Es war, als wäre Cuddy gegen eine Wand gelaufen. Mit einem Mal reagierte ihr Körper viel schneller, als ihr Kopf noch hinterher kam. Sie wirbelte auf dem Absatz herum und schrie gleichzeitig den Flur entlang: „WILSON!"
Sie fiel beinahe in den Warteraum, weil sie in ihrer Hast mit der Schulter gegen die geschlossene Flügeltür stieß. Kaum eine Sekunde später war Wilson an ihrer Seite. Da war etwas in ihrer Stimme gewesen, das ihn alarmiert hatte.
„Was ist?" fragte er nervös.
Erschrocken sahen Jeff und Kayla zu den beiden Ärzten auf. Dieser Überfall hatte sie völlig überrumpelt.
Ohne Umschweife oder Erklärungen kam Cuddy zur Sache. „Hieß der Mann vielleicht House?"
Wilson horchte auf, sein ganzer Körper war augenblicklich gespannt wie eine Bogensehne.
Kayla runzelte kurz die Stirn, ehe sie ganz langsam nickte. „Jaaa, ja doch, so hat Vic ihn genannt."
„Lebt er?" fragte Wilson drängend.
Kayla fühlte sich ein wenig überrumpelt. Sie hatte kaum noch aufgepasst, was Vic gesagt hatte, nachdem sie erfahren hatte, dass es Tabby gut ging. Angestrengt versuchte sie sich an seine Worte zu erinnern.
Zögerlich nickte sie wieder. „Ja, Vic sagte, sie seien beide am Leben…"
Wilson konnte nicht mehr. Es fühlte sich an, als würde eine zentnerschwere Last von seinen Schultern fallen. Seine Beine trugen sein Gewicht nicht mehr und er sank auf einen der Stühle. Die Erleichterung trieb ihm Tränen in die Augen. „Er lebt." flüsterte er leise, musste wissen, wie sich diese Worte in seinem Mund anfühlten.
Auch Cuddy fühlte sich völlig überwältigt. Sie schlug ihre Hände vor ihrem Mund zusammen und seufzte laut auf, ehe auch sie sich auf einen der Stühle fallen ließ.
Leise beendete Kayla ihren Satz: „… aber er ist verletzt."
TBC
