Hi ihr Lieben!

Hier ist das nächste Kapitel, ich hoffe es gefällt euch!

Ich freu mich immer riesig über Reviews, also lasst doch einfach eins da 

Viel Spaß!

Wettschulden

Das Erste, das er wahrnahm, als der dunkle Schleier der Bewusstlosigkeit um ihn sich langsam legte, war die Stimme von Mick Jagger, die ‚You can't always get what you want' sang, doch das würde bedeuten, dass Wilson sich tatsächlich an seinen CD's vergriffen hätte. Das Zweite, was er hörte, war ein monotones Piepen, das ihn irritierte, da es so gar nicht in die Geräuschkulisse seiner Wohnung passte.

Erst dann bemerkte er, dass etwas in seinem Mund steckte. Mit einem Schlag war er wach und hatte die Augen aufgerissen. Sie waren etwas verklebt und das Licht blendete ihn. So hell war es in seinem Schlafzimmer nie! Auch die Matratze stimmte nicht. Unbewusst nahm er wahr, wie das Piepen schneller wurde.

Er war nicht zuhause, aber er hatte keine Ahnung wo er war, geschweige denn, was passiert war. Er wusste nur, dass ihm ein Schlauch im Mund steckte und einer in der Nase und wenn er dieses widerliche Gefühl richtig in seine Erinnerungen einordnete, dann steckte auch einer in seiner Harnröhre. Verdammt, was war hier los?

Verzweifelt versuchte er nach Luft zu schnappen, aber es ging nicht, dennoch blähte sich seine Lunge im ständig gleichen Rhythmus auf. Panik stieg in ihm auf. Er versuchte, sich zu bewegen, doch er fühlte sich viel zu schwach dazu. Aber warum? Langsam nahm er seine Umgebung wahr, eine helle Decke, Wände aus Glas, seltsame Apparate…

Das schnelle Piepen machte ihn zusätzlich nervös.

Dann erschien plötzlich ein Gesicht in seinem Blickfeld, gleichzeitig überrascht, erfreut und besorgt. Cuddy, das war Cuddy, fiel es ihm ein.

Beruhigend legte sie ihm ihre Hände an die Schultern, damit er keinen Blödsinn machen konnte und sah ihm fest in die Augen.

„Beruhigen sie sich House! Es ist alles in Ordnung. Sie sind auf der Intensivstation. Sie sind intubiert, versuchen sie also nicht zu sprechen. Wenn sie mich verstehen, blinzeln sie einmal."

Mit heftig schlagendem Herzen folgte er ihren Worten und verstand doch nichts. Intensivstation? Intubiert? WIESO VERDAMMT NOCHMAL?

Er blinzelte zögerlich.

Cuddy atmete erleichtert auf. „Blinzeln sie, wenn sie Schmerzen haben."

Langsam beruhigte sich sein Herzschlag wieder etwas und er lauschte in sich hinein. Ihm war schrecklich warm, er fühlte sich unglaublich schlapp und erschöpft und seine Brust tat ihm weh, wenn das Beatmungsgerät die Luft in seine Lungen presste. Wieder blinzelte er.

„Wo?"

Schwach hob er seine rechte Hand, die zum Glück auf seinem Bauch ruhte, und legte sie auf seine Brust.

„In der Brust?"

Er blinzelte.

„Beim Atmen?"

Wieder blinzelte er.

Cuddy atmete tief durch, dann zog sie sich einen Stuhl näher an seine Seite und setzte sich. Vorsichtig und schwerfällig wandte House seinen Kopf ein wenig, um sie weiterhin ansehen zu können. Mit einem Mal spürte er ihre Hand an seinem Oberarm.

„Sie haben eine Lungenentzündung, daher die Schmerzen beim Atmen. Ich werde sehen, was ich dagegen tun kann. House, erinnern sie sich, was geschehen ist?"

Angestrengt versuchte er es, doch alles war schwammig und dunkel, alles was er im Moment greifen konnte, war Schmerz, Dunkelheit, Staub, Wärme an seiner Seite, ein sanftes weiches Lachen und der Geschmack von Ananas und Birnen. Doch das ergab alles keinen Sinn. Diesmal blinzelte er nicht. Aber er sah, wie ein kurzer Schatten über Cuddys Augen huschte.

„Aber sie erkennen mich, oder?"

Was sollte die Frage jetzt? Natürlich. Genervt blinzelte er, was Cuddy nicht entging und ihr wieder etwas Mut machte.

„Okay, sie waren im Supermarkt, als in der Etage darüber eine Bombe explodierte. Das ganze Gebäude ist eingestürzt und sie wurden verschüttet. Ihr Bein ist dabei verletzt worden und sie…"

Seine Gedanken drifteten schlagartig ab, als die Bilder gestochen scharf vor seinem inneren Augen erschienen. Der Einkaufswagen, der ihn traf, das Regal über seinem Kopf, der Metallstab in seinem Bein, Tabitha, die ihm Obstkonserven hinstellte, Tabitha, sie sich dicht an ihn kuschelte, Tabitha, die er zärtlich küsste…

Wieder wurde das nervige Piepen schneller.

„House? House, ist alles in Ordnung?"

Drängend sah er sie an. Er versuchte, zu sprechen, sie nach Tabitha zu fragen, doch es klappte nicht. Wie sollte er ihr nur klarmachen, was er wollte. Er versuchte seine Frage in den Blick seiner blauen Augen zu legen, doch Cuddy deutete diesen verzweifelten Ausdruck falsch.

„Bleiben sie ruhig, House. Bitte, sonst muss ich ihnen was spritzen, ihr Kreislauf verträgt diese Aufregung im Moment nicht. Machen sie sich Sorgen um ihr Bein? Das brauchen sie nicht. Es wird noch eine Weile dauern, bis die Wunde sich schließt und verheilt, aber sie haben unglaubliches Glück gehabt!"

Mühsam schüttelte er ganz minimal und langsam seinen Kopf. Es kostete ihn unheimlich viel Kraft, aber sie musste verstehen.

„House, bitte… ich weiß nicht…" Da bemerkte sie einen Block auf dem Nachttisch und griff danach. „Ich hoffe, das klappt!"

Sie hob seine linke Hand auf seinen Bauch und drückte ihm den Block hinein, doch er konnte ihn nicht richtig halten, er kippte fast völlig um, auf seinen Bauch hinab. In seine rechte steckte sie ihm einen Stift. Er verwand seine gesamte Konzentration und Kraft auf dieses eine schmale Ding in seinen kraftlosen Fingern. In Zeitlupe brachte er den Stift übers Papier und setzte ihn auf, wobei ihm fast der Stift aus den Fingern glitt. Wütend über seine eigene Schwäche hätte er das Ding am Liebsten durch das Zimmer an die Wand geschleudert, doch das klappte natürlich noch weniger.

Wackelig zog er eine krumme, hauchdünne Linie und setzte den Stift wieder höher, um dort noch eine waagerechte zu zeichnen, die aber noch schiefer wurde. Seine Finger verloren den Halt und sackten nutzlos auf seinen Bauch, der Stift kullerte über die Decke. Verzweifelt schloss er die Augen.

„T?" fragte Cuddy nachdenklich.

Hoffnungsvoll blinzelte er.

„Tag? Wollen sie wissen, welcher Tag heute ist? Es ist der 18. November, ein…"

Niedergeschmettert ließ er seinen Kopf noch ein bisschen zur Seite sinken.

„Nicht? Okay, dann… meinen sie den Tubus? House, den kann ich ihnen noch nicht herausnehmen. Sie waren beinahe zwei Wochen darauf angewiesen, sie wissen selbst, dass wir sie dann langsam davon entwöhnen müssen, um ihre Lungen wieder an das selbstständige Atmen zu gewöhnen. Gerade mit ihrer Lungenentzündung."

Schwach tippte er mit seinem Finger gegen den Block, hoffte, dass er auf das ‚T' deutete.

Hilflos folgte Cuddy dem Geräusch und sah wieder auf das ‚T'. Das hatte er auch nicht gemeint. Fieberhaft überlegte sie, bis ihr nur noch eins einfiel, doch das war das Letzte, womit sie gerechnet hätte.

„Tabitha Myers?" fragte sie in einem letzten Versuch. Die Frau war zwar fast täglich hier gewesen, doch das bedeutete nicht, dass sich House auch für ihr Wohl interessierte. Nicht House. Anscheinend hatte sie sich geirrt, das sagten ihr jedenfalls seine hellwachen, blauen Augen und sein hektisches Blinzeln.

House war gerade nach fast zweiwöchiger Bewusstlosigkeit aufgewacht, er hatte mehr Glück als Verstand gehabt und das Erste, was er wissen wollte, war, wie es Tabitha Myers ging? Das war nicht typisch für House. Überhaupt nicht. Wäre er mit Wilson da drin gewesen, hätte sie es nachvollziehen können, aber so…

„Es geht ihr gut. Sie wurde letzte Woche entlassen."

House verstand selbst nicht so genau, wieso ihn diese Antwort so unglaublich beruhigte. Erleichtert sank er etwas tiefer ins Kissen und schloss die Augen. Es ging ihr gut, sie war wieder gesund.

Da hörte er das Geräusch einer sich öffnenden Tür und eine Stimme, die ihn hätte lächeln lassen, wenn die Halterung des Tubus nicht im Weg gewesen wäre.

„Was ist los? Die Schwester hat mich angerufen, ich solle sofort herkom… Mein Gott, ist er WACH?"

Cuddy nickte. „Ich denke, sie sollten eine Weile bei ihm bleiben. Ich geb ihnen den restlichen Tag frei. Aber passen sie auf, dass er sich nicht aufregt." Damit verließ sie um eine Sorge erleichtert den Raum.

„House!" rief Wilson freudig und noch immer ungläubig. Er setzte sich auf den Stuhl von Cuddy und griff nach House' Hand, als müsse er ihn berühren, um glauben zu können, dass er wirklich wach war. „Ich bin ja so… Du glaubst ja gar nicht…" stammelte er zusammenhanglos.

House starrte seinen besten Freund an, der da völlig aus dem Häuschen an seiner Seite saß. Dieses Gebrabbel und Erleichterungs-Gesäusel brauchte er nun wirklich nicht. Genervt rollte er mit den Augen und bedachte Wilson mit dem finstersten Blick, den er in seinem Zustand zusammenbrachte.

Als Wilson den ersten Euphorieschub überwunden hatte, atmete er tief durch, erinnerte sich daran, neben wem er hier saß und grinste House schließlich neckisch an.

„Du schuldest mir 200 Mäuse!"

Verwirrt über diese Willkommen-im-Leben-Äußerung runzelte er leicht die Stirn, woraufhin Wilson unschuldig die Schultern zuckte.

„Naja, als Mitte letzter Woche die Antibiotika endlich angeschlagen haben und sich auch deine Nierenwerte ständig besserten, da sah es endlich so aus, als wärst du überm Berg. Also haben wir gewettet, wann du uns wieder mit deiner geistigen Anwesenheit beehrst."

Wilson klang dabei leichtfertiger, als die ganze Sache gewesen war. Klar, House' Werte hatten sich gebessert, doch es stand immer noch nicht gut um ihn, gerade weil er noch nicht wieder zu Bewusstsein gekommen war. Die Wette war aus der Situation heraus entstanden und hatte mehr den Zweck gehabt, ihre Moral zu stärken, sie ihre Hoffnung nicht verlieren zu lassen.

Fassungslos starrte House Wilson böse an. Er starb fast und sein bester Freund schloss Wetten darauf ab, wann er die Augen wieder aufmachte. Das durfte doch nicht… wenn er es genau betrachtete…

Hätte er Lachen können, er hätte es getan. Seine Wangen zogen sich jedoch verräterisch ein Stück nach oben und seine Augen funkelten über den fiebrigen Glanz hinweg.

Wilson kannte diesen Ausdruck und grinste jetzt auch. Er war so unglaublich froh, wieder Leben in diesem Körper zu sehen. Jetzt wusste er, dass House wieder werden würde. Er wusste es einfach.

„Cameron hat auf letzten Freitag getippt, sie war sehr optimistisch wegen deiner sich bessernden Werte." House wunderte das überhaupt nicht. „Foreman dagegen meinte, sie würden an Weihnachten wieder aufwachen um Jesus die Show zu stehlen. Cuddy hat sich geweigert mitzumachen, demnach hast du Chase gerade – mal überlegen – 600 Dollar in die Hand gespielt. Er hat sich den heutigen Tag rausgesucht, weil," Wilson verdrehte theatralisch die Augen, „seine australische Lieblingsschauspielerin Peta Wilson heute Geburtstag hat."

House fühlte sich zu erschöpft, um sich darüber zu ärgern, aber er wollte wissen, worauf sein Freund getippt hatte und dann wollte er wissen, was mit ihm genau passiert war!

Schwach deutete er mit seinem Zeigefinger auf Wilson und sah ihn fragend an.

Der hob eine Augenbraue und deutete auf sich. „Ich? Du willst wissen, worauf ich getippt hab?" Um seine Lippen spielte ein schelmisches Grinsen. „Auf den 24. November, da läuft nämlich abends um kurz vor zwölf ‚Das lesbische Peitscheninferno' im Fernsehen und ich war mir sicher, dass du das nicht verpassen wolltest."

„Stell das weg!"

Mit hochgezogenen Augen blickte House zu Wilson, der gerade sein Zimmer betrat, dann sah er zurück auf den Teller mit Pfannkuchen und Ahornsirup vor sich.

„Und aus welchem Grund bitte soll ich auf mein Frühstück verzichten? Hast du für heute einen Test angeordnet für den ich nüchtern bleiben muss, nur um mich zu ärgern? Oder kennst du Geschichten aus der Küche, die ich besser auch wissen sollte?"

Wilson verdrehte die Augen. „Bitte, dann iss! Guten Appetit!" Er betonte die letzten beiden Worte ganz besonders und setzte sich auf den Stuhl neben House' Bett. Leise pfiff er vor sich hin, im Takt zur Musik, die aus dem CD-Player kam. Ihm war vollkommen bewusst, dass dieses Frühstück erst das zweite richtige, feste Essen war, seit er vor zwei Tagen endgültig extubiert worden war.

House dagegen schüttelte nur den Kopf und öffnete gerade den Ahornsirup, als ihm das Ganze irgendwie suspekt vorkam. Irritiert hielt er mitten in der Bewegung inne und starrte ein paar Sekunden scheinbar völlig ins Leere, ehe er Wilson mit schief gelegtem Kopf skeptisch musterte.

„Du willst nicht, dass ich mein Essen anrühre, und wenn ich es dann doch tue, fängst du an zu pfeifen?" Mit akribischem Blick musterte er seinen Freund. „Was ist in deiner Aktentasche?"

Wilson runzelte die Stirn. „Papierkram, den ich zu erledigen hab?"

House schüttelte den Kopf. „Nein, sie ist viel dicker als gewöhnlich, nahezu ausgebeult. Du schleppst etwas Ungewöhnliches in deiner Tasche herum, willst mich vom Essen abhalten und du hast dieses Glitzern in den Augen."

Langsam verzogen sich seine Lippen zu einem Grinsen. Bedacht stülpte er den Deckel zurück über seinen Teller und stellte ihn zur Seite.

„Was immer du gekocht hast, her damit!"

Den Kopf schüttelnd griff Wilson nach seiner Tasche und legte sie sich auf die Beine.

„Du bist unglaublich. Aber das wird dir schmecken! Haggis, eine schottische Spezialität! Das ist ein Schafsmagen, gefüllt mit Herz, Lunge und Leber und…"

„Willst du mich umbringen? Noch ein Wort und ich reiher' dich gleich schlimmer zu als einer deiner Chemo-Patienten." knurrte House aufgebracht, was Wilson endgültig zum Lachen brachte.

„Seit wann bist du so leichtgläubig? Ich hab dir Pekannusspfannkuchen mitgebracht, du Dummkopf!"

House' Miene wechselte von verärgert zu überrascht zu erleichtert, zurück zu verärgert und schließlich zu einem verhaltenen Grinsen. „Idiot!"

„Trottel!"

„Es is nicht nett, einen schwerkranken Mann so zu veräppeln." sagte House ernst und fischte den ersten Pfannkuchen aus der Dose auf den Teller, den Wilson aus dem Konferenzraum mitgebracht hatte.

Wilson lachte. „Ja, weil du ja so ein Heiliger bist! Jetzt halt die Klappe und iss oder ich bring dir morgen wirklich Haggis mit."

Glücklich und zufrieden schaute Wilson seinem Freund beim Essen zu. Seit es House besser ging und es abzusehen war, dass er wieder völlig gesund werden würde, konnte ihn nichts mehr aus der Ruhe bringen. Das Schicksal hatte ihm vor Augen geführt, wie wichtig ihm sein Freund war, und jetzt war er nur noch froh und erleichtert, dass er ihn wieder hatte. Den alten, mürrischen, grummeligen House, dem die fiesen Witze und Sprüche nie ausgingen, der jeden in den Wahnsinn treiben konnte, der stur war wie ein Esel und den er noch immer zum Lachen bringen konnte.

House derweil verwöhnte seinen Gaumen, der die letzten zwei Tage nur Brühe und Tee, dann Suppe und Toast und schlussendlich Griesbrei und sogar ein Käsebrot mit Tomate geschmeckt hatte, mit den besten Pfannkuchen der Welt und genoss es in vollen Zügen.

Es war inzwischen der 6. Dezember und draußen lag bereits eine dünne Schicht von puderzuckerartigem Schnee.

Das Abgewöhnen von der Beatmung hatte volle 15 Tage gedauert, dank der Lungenentzündung. Noch nie hatte er sich so hilflos gefühlt, wie in dem Moment, als die Maschine seine Lungen erst auf den Input seines eigenen Einatmens hin füllten und es ihm bereits nach drei Atemzügen nicht mehr gelungen war, genug Kraft dazu aufzubringen. Er hatte geglaubt, zu ersticken, und die Sekunden, bis das Gerät wieder umgestellt war, waren ihm wie Stunden erschienen. Doch das war vorbei, keine Beatmung mehr, und vor allem kein Absaugen der Lunge mehr. Es gab keine unangenehmere und beängstigendere Tätigkeit auf der Intensivstation.

Seit gestern war er endlich auf einer normalen Station. Sein Bein heilte langsam aber sicher, seine Nierenfunktion besserte sich allmählich und die Dialyse war somit auf vier Nachmittage die Woche reduziert worden. Außer ein paar hellen Pigmentflecken an seinen Füßen und Zehen war ihm von den Erfrierungen nichts mehr geblieben.

Doch das Fieber war noch da, wenn auch niedergekämpft auf 38°C. Und die Lungenentzündung. Jeden Morgen bekam er Schleimlöser und im Laufe des Tages wurden das Husten und die abgehenden Schleimbröckchen immer ekliger. Auch der Zentrale Venenkatheter war gezogen und durch einen gewöhnlichen Zugang an seinem Arm ersetzt worden, durch nur gelegentlich Kochsalz und die Antibiotika liefen.

Er fühlte sich noch schwach und wurde schnell müde, aber er konnte wieder aufstehen, er konnte wieder sprechen und sich verständlich machen, er konnte sich wieder selbst waschen und er konnte endlich dafür sorgen, dass ihm niemand mehr mit einem Rasierer zu nahe kam. Auch musste ihm keiner mehr die Zähne putzen. All diese erniedrigenden, demütigenden Erfahrungen hatte er ganz schnell in die hinterste Ecke seines Verstandes gesteckt und weggeschlossen.

Auch die Entzugserscheinungen vom Vicodin hatten fast völlig nachgelassen und dank dem Butrans-Schmerzpflaster auf seiner Schulter – gegen das er sich anfangs vehement gewehrt hatte, weil er wusste, wie lange diese Dinger brauchten, um ihre Wirkung zu entfalten – konnte er sich inzwischen doch nicht beklagen.

Nachdem er vor 18 Tagen aufgewacht war, war seine Mutter zu Besuch gekommen und hatte kaum noch seine Seite verlassen, was ihm ziemlich auf die Nerven gegangen war. Als es ihm besser ging, war auch sein Vater zu ihm gekommen und gestern hatte er sie endlich davon überzeugen können, wieder abzureisen, weil er wieder werden würde. Dafür hatte er versprechen müssen, anzurufen, wenn er entlassen wurde.

Auch Stacy war einmal hier gewesen, doch er hatte sich geweigert, sie zu sehen. Seit an dem Tag, an dem er aufgewacht war, Tabitha in sein Zimmer gekommen war, hatte er außer Cuddy, Wilson und seinen Eltern niemanden mehr zu sich ins Zimmer gelassen. Am liebsten hätte er sich außer Cuddy – der behandelnden Ärztin – und den nun mal notwendigen Schwestern keiner Menschenseele gezeigt, da es auch so schon demütigend genug war, hilflos in der Intensivstation zu liegen. Doch ihm war bewusst gewesen, dass er seine Mutter und Wilson niemals davon hätte abhalten können.

Tabitha war fast jeden Tag draußen vor dem Fenster gestanden. Er hatte sich schlafend gestellt oder sich abgewandt. Es hatte ihm irgendwo wehgetan, ihr so die kalte Schulter zu zeigen, aber er wollte nicht, dass auch sie nur einen Kranken, einen Leidenden sah, dem man helfen musste.

Vor einer Woche hatte Wilson ihm mitgeteilt, dass die Ursache der Explosion inzwischen geklärt war. Der italienische Friseur – der bei dem Anschlag ums Leben kam – hatte wohl Ärger mit der Mafia, da er seine Schutzgelder nicht bezahlt hatte. Die Rache darauf folgte durch eine kleine Bombe mit Zeitzünder, die in einer Aktentasche versteckt war. Normalerweise hätte eine Bombe mit dieser Sprengkraft kein Haus zum Einsturz gebracht, aber dieses Gebäude war alt und der Besitzer war offenbar nicht besonders gründlich beim Beheben der Mängel gewesen.

Jedenfalls hatte die ganze Sache dazu geführt, dass die ganzen Gebäude der Umgebung nun untersucht wurden, ob auch sie Mängel oder gar Fehler in der Bausubstanz aufwiesen.

Doch im Grunde war es House egal. Es war passiert, er konnte nichts mehr dran ändern und sein Auto war Schrott, aber er lebte und würde wieder völlig gesund werden. Er hatte Glück gehabt.

Heute Morgen vor dem Frühstück hatte er Cuddy angewiesen, die Besuchssperre für sein Team aufzuheben, aber nur für sein Team. Es ging ihm besser und langsam wurde ihm langweilig in seinem Zimmer.

„Ich hab noch was in meiner Aktentasche."

„Hä?" fragte House aufgeschreckt. Er war völlig in Gedanken versunken gewesen und blickte jetzt irritiert auf.

„Ich sagte, ich hab außer den Pfannkuchen noch was in meiner Aktentasche."

„Ja," grummelte House und schob sich ein weiteres Stück Pfannkuchen in den Mund, „deinen Papierkram."

Wilson grinste mehrdeutig. „Und das hier!" Er zog einen weißen Umschlag hervor und reichte ihn House, der ihn mit gerunzelter Stirn entgegen nahm.

„Was ist das?"

„Sieh selber nach."

Misstrauisch legte House die Gabel zur Seite und öffnete den Umschlag. Seine Augen wurden groß, als er den Inhalt erkannte. Zwei Karten für die Jahreseröffnungs-Monstertruck-Show im Januar in Baltimore. Und es waren phantastische Karten, er konnte sich gut vorstellen, wie viel Wilson dafür gelöhnt hatte.

„Wie bist du da rangekommen?" fragte er sprachlos.

Gelassen lehnte sich Wilson zurück. „Die klein-Schulmädchen-Masche. Hat super funktioniert."

House' rechte Augenbraue zuckte ruckartig nach oben. „Du hast dem Typ vom Ticketverkauf was vorgeheult?"

Wilson zuckte die Schultern. „Ich wollte die Karten, die ich zuvor für deinen Geburtstag gekauft hatte, umtauschen. Ich hätte den Dialyse-Apparat niemals in mein Auto bekommen. Also hab ich dem Jungen am Telefon von deiner Story vorgejammert und wie es sich herausstellte, war seine große Schwester eine der Überlebenden aus dem Friseursalon. Und weil er die Geschichte so gut nachvollziehen konnte und Mitleid gekriegt hat, hat er sich für mich um die besten Karten gekümmert, die er kriegen konnte."

House schüttelte grinsend den Kopf. „Du benutzt mein Elend um an bessere Karten für eine Monstertruck-Show ranzukommen? Und da sagen die Leute, ich wäre unmoralisch…"

„Ich hab nie gesagt, sie wären unmoralisch. Sondern unethisch."

Überrascht wandten sich House und Wilson Foremans Kopf zu, der durch die geöffnete Tür hereinlugte. Da alle Vorhänge zugezogen waren – nach den Wochen auf der gläsernen Intensivstation griff House nach jedem Zipfel Intimsphäre, den er kriegen konnte – hatten die beiden nicht bemerkt, dass er kam.

Schließlich trat Foreman ein, dicht gefolgt von Cameron und Chase.

„Na sieh mal einer an, Tick, Trick und Track kommen Onkel Dagobert besuchen." meinte House spöttisch.

„Es ist schön, dass es ihnen wieder besser geht. Wir haben uns wirklich Sorgen um sie gemacht." sagte Cameron lächelnd.

House dagegen verdrehte nur genervt die Augen und legte sein Besteck weg. „Mein Gott, ich hab ihre Durchgangssperre hier nicht aufgehoben, damit sie mich zusülzen können. Dagobert möchte gerne ein Bad in seinem Geldspeicher nehmen. Also, was haben sie für mich?"

Cameron wirkte vor den Kopf gestoßen, Foreman schüttelte grinsend den Kopf – er war wirklich froh, dass House wieder ganz der Alte war, naja, vielleicht müde, ausgezehrt und definitiv zu dünn nach den Strapazen, aber wieder sein altes Selbst – und Chase zuckte mit den Schultern, während er antwortete.

„Wir würden unserem ‚Onkel'," dabei grinste er House ganz besonders dämlich an, „gerne behilflich sein, aber die böse Hexe Gundel Gaukeley hat den Schlüssel zum Geldspeicher geklaut und über uns drei hat sie einen fiesen Zauber der Verschwiegenheit gelegt."

Wilson konnte nicht anders, er prustete los und krümmte sich schon bald vor Lachen. Gelegentlich konnte man zwischen seinen Lachern Wortfetzen erkennen, die sich wage anhörten wie ‚Gundel Gaukeley'.

Irritiert blickten die drei auf den Onkologen. Sie hatten den Mann noch nie so ausgelassen erlebt wie gerade eben. House dagegen verdrehte nur abermals die Augen.

„Beachten sie Donald hier gar nicht. Hab ich ihnen denn gar nichts beigebracht? Seit wann hören sie denn auf Cuddy? Ich bin ihr Chef. Also, geben sie mir was, womit ich arbeiten kann. Ich werde jetzt springen und ich hoffe für sie drei, dass bis spätestens zu meiner Landung zumindest ein bisschen Geld zum Baden da ist und ich mir nicht den Schädel einschlage."

Nachdenklich betrachtete Tabitha die Tür vor sich. Sie konnte nur einen Stuhl in der Ecke, ein Fenster und das Fußende des Bettes durch das Glas erkennen, die gläsernen Wände waren völlig mit Vorhängen abgedichtet. Jetzt konnte sie ihn nicht mal mehr sehen.

Sie war vor drei Wochen entlassen worden, dennoch hatte sie ein inneres Bedürfnis täglich wieder hierher gezogen und sie hatte Greg besucht, war an seiner Seite gesessen und hatte mit Wilson gesprochen, wenn sie ihn getroffen hatte. Doch seit dem Tag, an dem er endlich wieder aufgewacht war und er sie aus großen, fiebrig glänzenden Augen angestarrt hatte, hatte sie sein Zimmer nicht mehr betreten dürfen. Er wollte sie nicht sehen.

Seine Entscheidung hatte sie verletzt. Immerhin waren sie beide zwei Tage gemeinsam unter Trümmern eingeschlossen gewesen, sie waren sich näher gekommen und jetzt stieß er sie einfach so weg? Hatte sie sich die Geschehnisse in ihrer ‚Höhle' nur eingebildet?

Sie hatte lange Zeit gehabt, über alles nachzudenken, sie hatte mit ihren Freunden darüber gesprochen und dabei war ihr klar geworden, dass sie diesen Mann trotz seiner oft rücksichtslosen Art dort unten irgendwie gerne hatte. Er war anders, etwas Besonderes, und damit hatte er sich einen Platz in ihrem Herzen erobert. Tabitha wollte nicht, dass er wieder aus ihrem Leben verschwand, sie wollte Gregory House kennen lernen, wollte herausfinden, was für ein Mensch er war.

Aber er verwehrte ihr diese Chance!

Oder hatte Jeff Recht und er hatte einfach nicht gewollt, dass sie ihn in seinem Zustand sah? Waren wirklich alle Männer so unglaublich stolz? Sie hatte ihn gehalten, als er vor Schmerzen nicht mal mehr hatte sprechen können; sie hatte ihm den Rücken massiert, als er nicht mehr liegen konnte, und sie hatte ihn gewärmt, als er frierend um sein Leben gehustet hatte. Wieso sollte es dann noch etwas ausmachen, wenn sie neben ihm saß, während er im Bett lag mit ein paar Schläuchen und Monitoren am Körper?

Beinahe täglich war sie vor seinem Zimmer gestanden, hatte auf ein Zeichen gehofft, dass sie eintreten durfte, doch es kam nie. Doch gestern war er dann auf die normale Station verlegt worden. Es ging ihm besser und heute hatte sie nicht vor, sich wieder aussperren zu lassen. Sie wollte ihn sehen, mit ihm sprechen.

Vorsichtig drehte sich House auf die linke Seite, immer darauf bedacht, dass sich die Klebepads, die noch immer seinen Herzschlag routinemäßig kontrollierten, nicht lösten und der Alarm losging. Er knautschte sich sein Kissen zurecht und zupfte ein bisschen an dem Schlauch seiner Nasensonde, die ihm eine bessere Sauerstoffversorgung gewährte.

Nachdem seine drei Lakaien ihm von ihrem aktuellen Fall berichtet hatten, er seine Meinung dazu eingeworfen hatte und sie endlich wieder verschwunden waren, war ihm aufgefallen, dass er doch noch nicht so fit war, wie er vermutet hatte. Die kurze Unterhaltung, das Fachsimpeln und angestrengt Nachdenken hatten ihn so ermüdet, dass es ihm schwer gefallen war, das Ganze zu einem Ende zu bringen, bevor er einfach umkippte. Den ganzen Vormittag hatte er dann schließlich verschlafen und jetzt nach dem Mittagessen mit vollem Magen kehrte die Müdigkeit ein wenig zurück.

Gerade wollte er sich die Ohrstöpsel seines MP3-Players in die Ohren stecken, als sich wieder ein brodelndes Husten seine Kehle hinaufarbeitete. Schnell griff er nach einem Taschentuch – die Box stand schon bereit – und füllte ein weiteres Tempo mit den ekelhaften, gelben Schleimbröckchen. Angewidert von sich selbst und genervt, weil diese blöde – aber nötige – Husterei ihn noch mehr anstrengte, warf er das Tuch in den Müllbeutel, den die Schwester extra neben seinem Bett angebracht hatte.

Wage vernahm er das leise, schabende Geräusch der Schiebetür. Wilson konnte es nicht sein, der kam immer morgens und abends nach seinem Dienst und wenn es seine Zeit erlaubte, in der Mittagspause, auch die Schwestern kamen nicht in Frage, die machten selber Mittag, sobald sie das Essen ausgeteilt hatten, blieben nur ‚Tick, Trick und Track'.

Er atmete kurz tief ein – so tief es ging ohne dabei husten zu müssen – im Moment fühlte er sich einer weiteren medizinischen Diskussion ehrlich nicht gewachsen, auch wenn er das nie zugegeben hätte.

„Wenn sie jetzt erst wieder kommen, dann haben sie nichts gefunden. Oder sie hatten eine unbedeutende Kleinigkeit bemerkt, aber halten sie erst jetzt, da sie sonst nichts entdeckt haben, für ein mögliches Indiz. Also, was ist es? Eine winzige Masse in der MRT, die sie für einen Schatten hielten? Oder ein leicht anormaler Blutwert? Etwas bei der LP?"

„Hi Greg."

Er erstarrte augenblicklich. Mit dieser Stimme hatte er nicht gerechnet: Tabitha. Aber er hatte doch angeordnet, dass sie nicht zu ihm durfte.

„Wer hat dich reingelassen?" fragte er abweisend und ohne sich zu ihr umzudrehen.

Tabitha zog entschlossen hinter sich die Tür zu und umrundete langsam das Bett.

„Ich hab gewartet, bis die Schwestern im Schwesternzimmer verschwunden waren und die eine, die zur Aufsicht draußen blieb, in ein Zimmer geeilt ist, wo es geklingelt hat." erklärte sie. „Ich wollte dich sehen, Greg."

Er schloss kurz die Augen, ehe er zu ihr aufblickte. Sie sah gut aus, stellte er fest. Ihr haselnussbraunes Haar fiel ihr in sanften Wellen ums Gesicht, ihre Wangen waren von der Kälte draußen noch leicht gerötet. Ein grauer Mantel und ein gestrickter Schal in giftgrün und orange gestreift hing über ihrem Arm. Sie trug dieselben Stiefel wie bei ihrem Abenteuer, darüber eine dunkelblaue Jeans und einen eng anliegenden weißen Pullover, auf dem völlig konfus verschieden große schwarze Punkte aufgedruckt waren. In diesem Outfit fielen ihre runden Hüften und ihre Oberweite dem Betrachter sofort ins Auge.

Dennoch fixierte er seinen Blick auf ihre Augen. „Ich will dich aber nicht sehen."

Er sah, wie ein kurzes Zittern durch ihren Unterkiefer lief, entweder vor Anspannung oder weil sie gleich anfangen würde zu heulen. Er wollte sie nicht weinen sehen, aber er wollte auch nicht, dass sie ihn wie Cameron als etwas sah, das man pflegen, das man reparieren musste.

Doch sie überraschte ihn mal wieder.

Tabitha hatte nicht vor, so schnell aufzugeben. Das war nicht ihre Art. Das Leben hatte sie gelehrt, dass nicht immer alles so kam, wie man es sich vorstellte, und dass man kämpfen musste, wenn man nicht untergehen wollte.

Entschlossen warf sie ihren Mantel und ihren Schal auf das Fußende des Bettes und holte sich den Stuhl aus der Ecke an sein Bett heran. Während sie sich setzte, musterte sie ihn aufmerksamer. Sein Gesicht war leicht gerötet, er wirkte viel dünner und ausgezehrt, aber seine Augen blickten nur leicht glänzend und mit der gewohnten Intelligenz zurück.

„Wieso?" fragte sie schlicht und einfach, aber mit soviel Nachdruck, dass ihm klar wurde, dass er sie nicht loswerden würde ohne ihr eine zufrieden stellende Antwort zu liefern. Nichtsdestotrotz versuchte er es zuerst auf seine Art.

„Weil ich es gewohnt bin, dich nicht zu sehen? Um das aufrecht zu erhalten, muss ich allerdings den Mangel an Dunkelheit mit einem Mangel deiner Anwesenheit ausgleichen."

Tabitha starrte ihn einen Augenblick einfach nur an, dann stand sie wortlos auf, ging zum Fenster und schloss die Vorhänge auch dort. Mit wenigen Schritten war sie bei der Tür und zog dort die Vorhänge mit einem Ruck auch über die Tür hinweg. Ohne das spärliche Tageslicht dieses düsteren Wintertages und ohne das Licht vom Flur war es fast völlig dunkel im Raum.

„Dunkel genug?" fragte sie provokant, während sie sich wieder auf ihren Stuhl setzte und seine von den Lichtern der Monitore schwach grünlich erhellten Konturen ansah.

House wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Diese Frau war unglaublich, sie verwendete seine eigenen Methoden gegen ihn und das obwohl sie ihn eigentlich gar nicht kannte. Wilson und Cuddy hatten Monate gebraucht, um ihm richtig Kontra zu geben, und teilweise Jahre, um ihn bis zur Sprachlosigkeit vor den Kopf zu stoßen.

Er schluckte nur.

Eine ganze Weile herrschte Stille. Schließlich stand Tabitha auf und griff nach ihren Sachen auf seinem Bett. Kurz vor der Tür wandte sie sich noch mal um.

„Es tut mir Leid, dass ich dich mit dem Wagen erwischt hab. Ich hab dir nicht wehtun wollen."

TBC