Hi ihr Lieben!
Hier ist das nächste Kapitel, ich hoffe es gefällt euch!
Ich freu mich immer riesig über Reviews, also lasst doch einfach eins da
Viel Spaß!
Entscheidungen
Vielleicht hatte Vic doch Recht, Beziehungen – welcher Art sie auch sein mögen – die in Extremsituationen entstanden sind, hatten keinen Bestand in der Normalität. Tabithas Hand griff nach der Tür, um sie aufzuschieben, da hörte sie ein leises ‚Warte' hinter sich.
Er hatte sie nicht gehen lassen können, es ging einfach nicht. Mit ihr war es anders als mit Cameron. Bei Cameron ging es ihm auf die Nerven, dass sie sich permanent nach seinem Befinden erkundigte und dass sie ihn als etwas wahrnahm, dass sie wieder richten wollte, aber im Grunde war es ihm egal, was sie in ihm sah, weil sie ihm egal war.
Aber es war ihm nicht egal, was Tabitha in ihm sah. Er wollte nicht, dass er ihr Mitleid erregte. Aber noch viel weniger wollte er, dass sie jetzt ging, denn er wusste, dann würde sie nicht mehr wieder kommen.
„Ich… bitte komm wieder her und setz dich."
Langsam kam sie seiner Aufforderung nach, den Mantel legte sie wieder über seine Füße.
House beobachtete sie, oder besser ihre Umrisse. Das matte Licht der Monitore drang kaum bis zu ihr vor. Doch bei dem, was ihm auf der Zunge lag, war er eigentlich ganz froh, wenn er sie nicht ansehen musste. Es fiel ihm schwer, diese Frage zu stellen, und sogar die wenigen Leute, die ihn näher kannten, würden es vermutlich nicht glauben, wenn man es ihnen erzählen würde. Und doch musste er sie loswerden, denn diese Frage entschied alles.
„Was siehst du in mir?" fragte er leise, seine Stimme rau und voller Ernst.
„Du meinst, hinter dem grünhäutigen Alien, der mir gerade entgegenschaut?" fragte sie neckend, ehe auch sie ernst wurde. „Greg, ich… wir waren zwei Tage zusammen eingeschlossen. Mir ist bewusst, dass ich dich im Grunde kaum kenne, aber… ich sehe einen intelligenten, cleveren Mann vor mir, der es liebt, Rätsel zu knacken, welcher Art sie auch sein mögen. Ich sehe einen Mann, der zwar einerseits meinen Lieblingswitz mit einem spröden ‚aha' abtut, mich aber andererseits mit seinem beißenden Sarkasmus zum Lachen bringt. Ich sehe eine seltsame Art von Charme, ebenso wie eine oft schon schmerzhafte Direktheit. Ich sehe einen Mann, der mir Vertrauen entgegen gebracht hat, wenn auch ein bisschen unfreiwillig…" Sie lachte leise und etwas unsicher. „Und ich sehe einen Mann, der mich vor dem Erfrieren gerettet hat und der mich geküsst hat, wie kein anderer jemals zuvor."
Röte stieg in ihre Wangen und sie war froh, dass sie im Moment im Dunkeln saß. Es erinnerte wirklich wage an diese erste Nacht, als die Finsternis alles möglich gemacht hatte.
Ihre Worte gingen ihm durch Mark und Bein, doch er war viel zu lange enttäuscht worden, um jetzt nicht misstrauisch zu sein.
„Was ist mit den Schläuchen, den Apparaten hier um mich herum? Was ist mit dem Krüppel, der einen Gehstock braucht? Was mit dem unsensiblen Arsch, der alle vor den Kopf stößt? Was mit dem Junkie, der keinen halben Tag ohne sein Vicodin auskommt?"
Er hatte bissiger geklungen, als er es beabsichtigt hatte. Und er hatte vermutlich die schlechteste Möglichkeit überhaupt gewählt, ihr von seiner Sucht zu beichten, auch wenn er seit dem Unfall kein Vicodin mehr genommen hatte.
Tabitha hörte ganz deutlich die Verbitterung aus ihm sprechen. Sie wusste nicht, was ihm widerfahren war, wusste gerade mal von Wilson, dass er seit einer Fehldiagnose humpelte, chronische Schmerzen hatte und beides mit Stock und Vicodin bekämpfte, mehr oder weniger. Mehr wusste sie nicht über die Vergangenheit dieses Mannes.
„Die Schläuche und Apparate hier, das ist nur Technik, kein Teil von dir. Es wirkt auf den ersten Blick vielleicht etwas einschüchternd, aber wieso sollten sie mein Bild von dir beeinflussen? Macht dich ein Herzmonitor zu einem anderen Menschen? Und die übrigen Dinge sind dann wohl das, was die Menschen normalerweise in dir sehen, wenn sie dich kennen lernen, oder? Okay, lass mich mal was ausprobieren. Drehen wir den Spieß um: was siehst du denn in mir? Was hast du für ein Bild von mir?"
Irritiert runzelte House die Stirn. Ihm war nicht ganz klar, worauf sie hinauswollte. Doch er war schon zu weit gegangen, um jetzt einen Rückzieher zu machen. Er räusperte sich, was zu einem Husten wurde und mit einem weiteren vollen Taschentuch endete. Aber sie machte keine Anstalten, ihm irgendwie helfen zu wollen.
„Du bist eine Frau, der man keinen Einkaufswagen in die Hand drücken sollte."
Tabitha musste grinsen über diesen ernst vorgetragenen Kommentar.
„Du bist im einen Moment völlig chaotisch und hektisch und im nächsten die Ruhe selbst. Du behältst die Nerven, wenn es brenzlig wird. Du bist intelligent und wahrscheinlich die einzige Frau, die ich kenne, die Mathe und Physik studiert hat. Du bist einfallsreich, fast die kleine Schwester von MacGyver, wenn ich an Schlüsseldosenöffner und Dosendeckelscheren denke. Du bist nicht gleich eingeschnappt, wenn man dir über den Mund fährt, zumindest nicht jedes Mal, und zur rechten Zeit weißt du definitiv zu kontern. Und du küsst wirklich nicht schlecht." fügte er noch grinsend hinzu, weil er wusste, dass sie sein Gesicht vermutlich besser sehen konnte, als er ihres.
Sie suchte mit ihrer Hand nach seiner rechten. Seine linke lag neben seinem Kopf, die andere fand sie unter der Decke an seiner Seite. Ihre Finger schlossen sich um seine Hand.
„Siehst du, genau das meine ich. Normalerweise, wenn ich neue Leute kennen lerne, halten sie mich für schusselig, total verplant, hoffnungslos chaotisch und mit meinem Leben überfordert. Sie denken, ich wäre nicht grade die hellste, und wenn sie erfahren, dass ich Schriftstellerin bin, stufen sie mich sofort in die Schublade ‚Groschenromane und anderes unnötiges und schlechtes Liebesgesülz'. Sie halten mich für ein ganz liebes, nettes Mädchen, als wäre ich noch 23 oder so.
Die wenigsten machen sich überhaupt die Mühe, mich näher kennen zu lernen, weil sie sich sicher sind, mich richtig eingeschätzt zu haben. Doch das, was sie gesehen haben und die Schlüsse, die sie daraus gezogen haben, waren falsch.
Wenn das Gebäude nicht eingestürzt wäre, hätte ich dich vermutlich als unfreundlichen Krüppel eingestuft und du mich als völlig unfähige Irre, die besser ihr Haus nicht verlassen sollte, wenn sie nicht mal einen Einkaufswagen schieben kann."
House musste sich eingestehen, dass sie vollkommen Recht hatte. Das war schließlich genau das, was er von ihr gedacht hatte. Vorher.
„Aber das Gebäude ist eingestürzt. Wir hatten die Gelegenheit, uns unter nicht normalen Bedingungen etwas kennen zu lernen, die Chance hinter den ersten Eindruck zu blicken. Wir können diese Chance nutzen oder wir können es bleiben lassen." Es wurde still im Raum. „Ich für meinen Teil," sagte Tabitha leise, „würde mir das nur ungern entgehen lassen."
House ließ sich ihre Worte durch den Kopf gehen. Normalerweise umschrieben ihn unbekannte Leute auf der Straße oder im Wartezimmer als ‚humpelnd' oder ‚armen Mann', die Schwestern nannten ihn ‚den sarkastischen Bastard' oder ‚das übellaunige Arschloch', sein Team und Cuddy bezeichneten ihn als ‚genialen Arzt, aber ein misanthropischer Mistkerl'. Sogar Wilson benutzte das Wort ‚Freund' meist erst im zweiten Anlauf, was er ihm, wenn er ehrlich war, auch nicht verdenken konnte.
Vielleicht war es Zeit über seinen eigenen Schatten zu springen.
„Ich sollte wohl zugreifen, wer weiß, wann ich das nächste Mal verschüttet werde und noch mal die Gelegenheit dazu kriege."
Tabitha grinste. Es war ein flapsiger Kommentar, ein Witz, der wohl seine Nervosität überspielen sollte, aber es brachte sie zum Grinsen.
„Wenn das so ist… dann komm ich morgen wieder." Sie stand auf und küsste ihn sanft auf die Stirn, noch war es schließlich dunkel. „Du hast immerhin noch ein Rätsel zu lösen!" fügte sie neckisch hinzu, bevor sie aufstand und die Vorhänge wieder öffnete und ihren Mantel anzog.
House hob etwas verwundert von ihrem plötzlichen Aufbruch die Augenbraue. „Hab ich ‚unberechenbar' vorhin mit aufgezählt?"
„Nein!" grinste Tabitha. „Aber das ist eine meiner Spezialitäten. Bis morgen, Greg."
Immer noch überrumpelt sah er ihr nach. Ein Teil von ihm wollte nicht, dass sie jetzt ging, doch insgeheim war er froh darüber, denn er war müde und hatte eine Menge, worüber er nachdenken musste.
Es war schon spät, als Wilson endlich am 22. Dezember die Klinik verließ und in sein Auto stieg. Heute war sein letzter Arbeitstag gewesen, bevor er sich jetzt vier Tage Auszeit gönnte, um Weihnachten mit seinem Freund zu feiern, der gestern endlich entlassen worden war. Die Lungenentzündung war ganz allmählich abgeheilt, dank Antibiotika und Schleimlösern, und auch seine Nierenwerte hatten sich stetig verbessert. Er musste zwar noch die nächsten vier Wochen einmal wöchentlich zur Dialyse und durfte solange keinen Alkohol trinken oder gar auf die dumme Idee kommen, Vicodin zu schlucken, aber danach wäre wieder alles wie zuvor.
Mit dem Schmerzpflaster kam House gut zurecht. Es enthielt Buprenorphin, ein Schmerzmittel, das ähnlich dem Vicodin wirkte, allerdings nicht über die Nieren ausgeschieden wurde, diese also nicht schädigte. Und Cuddy hatte ihm dasselbe Medikament vorsichtshalber in Tablettenform ausgehändigt, für den Notfall. Eigentlich hatte sie ihm lieber nichts geben wollen, aber sie befürchtete, dass er sonst beim ersten Stechen oder Brennen zu Vicodin greifen könnte, das er in seiner Wohnung noch irgendwo versteckt hatte. Und das würde ihm mehr schaden als nützen.
Wilson hatte die letzten zwei Wochen beobachtet, dass Tabitha Myers oft am Nachmittag bei House zu Besuch war. Anfangs hatte er sich gewundert, doch inzwischen musste er jedes Mal Grinsen, wenn er sie im Krankenhaus sah. Dass sie ihn nach so vielen Tagen immer noch regelmäßig besuchte, bedeutete, dass sie ihn mindestens mochte und er ihre Anwesenheit nicht als lästig empfand. Und das hieß schon viel bei House.
Seine Laune war deutlich besser und angenehmer, was nicht hieß, dass er nicht weiterhin auf Foreman, Chase und Cameron herumhackte und Witze über Cuddys Brüste machte. Aber wenn Wilson mit House zusammen war, dann lachte er öfter. Doch auf direkte Fragen zum Thema Tabitha erhielt er partout keine präzisere Antwort als ‚delikater Arsch, findest du nicht auch?'. Also musste er sich seinen Teil eben denken.
Nach einer Weile parkte er vor House' Wohnung. Er hatte beschlossen, sich zu Beginn des nächsten Jahres nach etwas Eigenem umzusehen. Gedankenverloren steckte er den Schlüssel ins Schloss und sperrte auf. Die Wohnung vor ihm lag im Dunkeln. Irritiert runzelte er die Stirn. War House schon im Bett? Es war zwar spät, aber so spät nun auch wieder nicht.
Er ist gerade aus dem Krankenhaus entlassen worden, Wilson, er ist noch nicht wieder ganz fit, das ist alles. rief er sich in Erinnerung und machte das Licht an.
Leise schlich er sich den Flur hinunter und öffnete die Schlafzimmertür einen Spalt breit. Doch das Bett war leer.
„Greg?" rief er schließlich. Er lag doch hoffentlich nirgends bewusstlos. „Greg?"
Er warf einen Blick ins Bad, doch auch das war leer, also zurück in die Küche. Dort lag ein Zettel auf der Anrichte, daneben sein Pager, aber sein Handy lag nicht daneben, das hatte er offenbar eingesteckt – wenigstens lernte er dazu.
Warte nicht auf mich! Und wage es ja nicht, mir hinterher zu telefonieren!
Den Kopf schüttelnd öffnete Wilson den Kühlschrank und suchte sich etwas, das er zu Abend essen konnte.
„Hier wohnst du? Das ist ja dieselbe Adresse wie von Sherlock Holmes." stellte Tabitha grinsend fest.
House zog eine Augenbraue hoch. „Für den Meister gerade richtig." sagte er selbstgefällig, was sie zum Lachen brachte.
Tabitha hatte ihn heute entführt. Er war gerade dabei einen abendlichen Inspirationsspaziergang zu machen – er brauchte ein Geschenk für Wilson und er weigerte sich einfach, ihm eine Krawatte zu schenken – als sein Handy geklingelt hatte und Tabitha ihn gefragt hatte, ob er etwas vorhätte. Zwanzig Minuten später hatte sie ihn auf der Straße aufgegabelt und in ein gemütliches Irish Pub entführt, wo sie es sich in einem dunklen Eckchen gemütlich gemacht hatten.
Auch wenn die Bedienung sie ziemlich komisch angeschaut hatte, als sie beide Apfelschorle bestellt hatten, war es ein sehr schöner und lustiger Abend gewesen. Schon bei ihren Besuchen im Krankenhaus hatten sie beide festgestellt, dass sie sich sehr gut miteinander unterhalten konnten. Sie verfügten beide über großes Allgemeinwissen und fundiertes Spezialwissen, was zu mancher hitzigen Debatte geführt hatte. Sie hatte ihn sogar zum Darten überredet, auch wenn sie dabei dann jämmerlich verloren hatte.
Die Geschichten aus ihrem Leben hatten ihn zum größten Teil köstlich unterhalten und irgendwas an ihrer unverfänglichen Offenheit hatte sogar ihn dazu gebracht, etwas von sich zu erzählen.
House konnte sich nicht erinnern, wann er sich das letzte Mal so amüsiert hatte. Tabitha legte einfach eine ungezwungene, unaufdringliche Fröhlichkeit an den Tag, die ihn irgendwie angesteckt hatte – auch wenn ihm nicht klar war, wann und wie. Sie brachte ihn zum Lachen, zum Staunen, zum Grübeln und wenn er wieder seinen allseits bekannten ‚Charme' auspackte, dann gab sie es ihm ordentlich auf gleiche Weise zurück.
Jetzt saßen sie beide in ihrem Auto vor seiner Haustür und irgendwas in ihm wollte nicht gehen. Seit Stacy hatte er sich nicht mehr erlaubt, andere Menschen an sich heran zu lassen, aber mit Tabitha war es anders. Seit langem fühlte er sich wieder bereit, auf sein Gefühl zu hören und seinen Verstand nur eine untergeordnete Rolle spielen zu lassen. Sie war nicht wie Stacy und bei Gott, sie war auch nicht wie Cameron. Er befürchtete schon fast, dass sie zu perfekt war.
„Bei dir brennt Licht, kann das sein?"
„Das ist Wilson. Hätte nicht gedacht, dass er schon zuhause ist. Eigentlich bin ich davon ausgegangen, dass er sich noch auf die Weihnachtsfeier der Schwestern stiehlt und ihnen schöne Augen macht."
Tabitha musterte ihn unauffällig von der Seite. Es war ein wirklich schöner Abend gewesen. Dieser Mann war ein absolutes Unikat, aber eines, an dem sie sich nicht satt sehen konnte, seltsamerweise. Er war kantig und schroff und doch auch witzig, intelligent und er brachte sie zum Lachen – was auch an ihrem Faible für trockenen Humor und Sarkasmus liegen könnte. Und sie wollte nicht, dass er jetzt ausstieg, sie wollte…
House erkannte die Chance in Wilsons Anwesenheit und beschloss alles in eine Waagschale zu legen, bevor sein Verstand ihn wieder zu einem Rückzieher zwang – in solchen Angelegenheiten nicht gerade typisch für ihn.
„Fahr weiter. Oder hast du auch so einen nervigen Untermieter, der sich auf deiner Couch eingenistet hat?"
Ein breites Grinsen spielte um ihre Lippen. „Jetzt wo du's sagst, ich hab Freddie vergessen."
House sah sie nur skeptisch von der Seite an, während sie den Gang einlegte.
„Freddie ist meine Hausstaubmilbe, wehrt sich vehement gegen den Staubsauger." erklärte sie so strohtrocken und ernst, dass House sich einen Moment nicht sicher war, ob sie nicht den Verstand verloren hatte. Doch als sich ihre Blicke trafen, mussten sie beiden lachen.
Tabitha fuhr los.
„Du hast mir immer noch nicht gesagt, was für Bücher du schreibst." brachte House das Thema nun schon ungefähr zum zehnten Mal an diesem Abend darauf.
Abwehrend hob sie ihre rechte Hand. „Halt, das stimmt so nicht ganz. Du bist noch nicht auf die Lösung des Rätsels gekommen, das ist ein bisschen was anderes."
Seit ihren Krankenbesuchen versuchte er sich nun schon am Rätsel ‚Tabitha'. Er hatte das mit ihrem Vater herausgefunden und sie hatte ihm die Details erzählt, dass ihre Mutter gestorben war, als sie gerade 13 war und dass die Krankheit ihres Vaters sie direkt nach ihrem Studienabschluss überrumpelt hatte. Er wusste auch, dass sie durch die lange Zeit der Pflege von ihrem eigentlichen Berufsfeld abgeschnitten war und deshalb anschließend keinen Job gefunden hatte, darum hatte sie es mit dem Hobby ihrer Jugend versucht, dem Schreiben. Doch jeder seiner Vorschläge bezüglich ihrer Bücher war bisher falsch gewesen, egal wie gut er seine Wahl begründen konnte.
„Es bleibt ja schon nix mehr übrig, oder? Und ich bleib dabei, dass du keine Krimis schreibst, das passt einfach nicht. Wenn das so weiter geht, landest du als X-Akte in meiner Schub…"
Abrupt hielt er inne und starrte mit schief gelegtem Kopf scheinbar ins Leere. Wer ihn kannte oder mit ihm arbeitete, der wusste, dass dieser Gesichtsausdruck bedeutete, dass ihn irgendwas, das zufällig im Gespräch gefallen oder das er zufällig beobachtet hatte, auf die Lösung des Falles gebracht hatte oder dieser zumindest ein Stück näher.
Langsam stahl sich ein selbstgefälliges Grinsen auf seine Lippen.
„Natürlich. Du hast Naturwissenschaften studiert, was liegt also näher als Science Fiction. Da kannst du deine Fantasie mit deinem Wissen verbinden."
„Ich dachte schon, du kommst nie drauf." neckte sie ihn.
Kurze Zeit später öffnete sie die Tür zu ihrer kleinen, aber feinen Wohnung. Sie streifte ihre Schuhe und ihren Mantel ab und verschwand gleich geradeaus in die Küche.
„Das Wohnzimmer ist gleich nebenan, ich komm gleich rüber."
Aber House stand immer noch wie erstarrt an der Tür, die hinter ihm ins Schloss fiel. Geistesabwesend zog er die Schuhe aus und auch den Mantel, während seine Augen völlig fassungslos seine Umgebung sondierten.
Er befand sich in einem kleinen, schlichten Flur mit dunklem Laminat, beigefarbenen Wänden und alten Holzmöbeln. Direkt vor ihm stand die Tür in die Küche offen, daneben war die zum Wohnzimmer, die gegenüber führte vermutlich ins Schlafzimmer und am Flurende war das Bad, auch hier stand die Tür offen.
Hatte er bisher gedacht, dass Tabitha in vielen Dingen unberechenbar und chaotisch war, so wusste er jetzt, dass er das Ausmaß bei weitem unterschätzt hatte.
Der Blick ins Bad war wie ein Ausblick auf eine Blumenwiese. Die Bodenfliesen waren dunkelgrün, Dusche und Waschbecken hellgrün, die Wände weiß mit zahlreichen bunten Fliesen in rot, gelb, orange und blau dazwischen. Handtücher, Abfalleimer, wirklich alle Utensilien darin hatten eine andere Farbe.
In der Küche dagegen erwarteten einen dunkles Laminat und dunkle Arbeitsflächen zusammen mit leuchtend gelben Küchenfronten. Nur langsam wagte er sich zur Wohnzimmertür. Als er sie öffnete, konnte er nur langsam den Kopf schütteln, ihm fiel nicht mal mehr ein Kommentar dazu ein.
Derselbe dunkle Boden, dazu weiße Schränke, eine dunkelrote Couch mit passendem Teppich, rote Vorhänge und rote Bilder. Nur die Kissen waren wieder weiß.
Und doch zauberte dieses Wohn-Farb-Chaos ein Lächeln auf sein Gesicht, er konnte gar nicht beschreiben, wieso.
„Hier, das musst du unbedingt probieren!"
Tabitha betrat das Wohnzimmer durch einen Durchgang zur Küche, in ihren Händen hielt sie zwei kleine Gläser mit… rotem Inhalt. House Grinsen wurde noch breiter.
„Was?" fragte Tabitha irritiert.
Er zog nur amüsiert eine Augenbraue hoch. „Ich nehme an, Eierlikör servierst du nur in der Küche, oder? Und frische Kuhmilch, die gibt's im Bad."
Zuerst zeugte ihr Gesichtsausdruck von völligem Unverständnis, ehe es sich langsam aufhellte. Sobald er sein Glas genommen hatte, versetzt sie ihm einen leichten Stoß gegen die Schulter.
„Weißt du eigentlich, wie schwer das ist, die Leute in den richtigen Räumen zu halten, wenn man eine Party gibt?" fragte sie gespielt ernst.
Vorsichtig schnüffelte er an seinem Glas, es roch fruchtig. Er probierte ein bisschen. „Was ist das?"
„Erdbeerpüree mit Ananassaft und Soda. Es gibt nichts Besseres."
Mit einem Glitzern in den Augen legte er den Kopf schief und stellte sein Glas neben sich ins Regal.
„Ich wüsste da schon was Besseres!"
Er zog sie näher an sich und senkte seine Lippen auf ihre. Er stellte auch ihr Glas ab. Sie lehnte sich an ihn und ihre Hand glitt in seinen Nacken, während er ihren Rücken streichelte. Schon bald wurde der zärtliche Kuss wilder und fordernder. Leidenschaftlicher.
Keuchend ließ er von ihr ab, ein Schmunzeln lag auf seinem Gesicht, während sie ihn irritiert musterte.
„Mit wem genau hab ich's hier zu tun?" fragte er.
Verwirrt runzelte sie die Stirn.
„Naja, in deiner Küche sahst du aus wie Homer Simpson im Kernreaktor, in deinem Bad bist du vermutlich so ein hüpfendes Blumenkind mit Schlaghosen und selbst-gemachtem Batik-Shirt, und hier drin…"
Jetzt hatte sie kapiert, worauf er hinaus wollte. Er wollte sie aufziehen. Doch so leicht war das nicht. Kokett grinste sie ihn an und schmiegte sich aufreizend an ihn.
„Hier drin bin ich Satin."
Sie war jetzt plötzlich unglaublich nah, was sein Denken ein wenig einschränkte. „Die… die Edelhure aus dem Moulin Rouge?"
Tabitha grinste. Langsam neigte sie sich zu seinem Ohr. Mit ihrer Zunge fuhr sie dessen Außenkante nach, ehe sie ihm leise hineinhauchte. „Genau die." Dann verschwand sein Ohrläppchen zwischen ihren Lippen.
Seufzend lehnte er den Kopf zurück. „Wie könnte ein Mann dazu nein sagen?" grummelte er leise vor sich hin.
Ihre Hände wanderten unter seinen Pulli und erkundeten neugierig seinen Bauch, während sie ihn wieder küsste.
„Im Schlafzimmer bin ich einfach nur ich selbst." flüsterte sie gegen seine Lippen.
„Du machst es einem nicht leicht." lächelte er. „Du oder die Hure…"
Doch da brauchte er nicht lange zu überlegen. Seinen Stock ließ er unbeachtet im Wohnzimmer an der Wand lehnen, als er Tabitha Schritt für Schritt mit sich über den Flur hinweg zum Schlafzimmer zog, ohne dabei von ihren Lippen abzulassen. Erst an der Tür hielt er abrupt inne.
„Warte!"
„Was ist?" fragte sie alarmiert, sie hatte sein Humpeln bemerkt. Ob er Schmerzen hatte?
Er sah sie aus gespielt flehenden Augen an. „Wenn da drin jetzt das rosa Prinzessinnenzimmer auf mich wartet, dann sag mir das lieber gleich, dann geh ich nämlich zurück in den Puff."
Grinsend schloss sie ihn wieder in ihre Arme und küsste ihn, während sie mit einer Hand die Tür öffnete. „Keine Prinzessin und kein rosa."
Doch ein bisschen erleichtert atmete House aus, ehe er sich völlig auf Tabitha einließ. Sie hatte Recht gehabt. Sie war eine Chance, die Beste, die er sich vorstellen konnte und diesmal würde er sie beim Schopf greifen und völlig auskosten.
Leise fiel die Tür hinter den beiden ins Schloss.
ENDE
