Als die beiden Elfen Draennor in Kelethin `ablieferten`, hatte Jakum, einer der Barden in der Gildenhalle, eine Bemerkung gemacht, daß auf die beiden noch eine weitere Aufgabe warten würde, nachdem sich die Barden um den Neuankömmling gekümmert hätten. Darum saßen Oth und Ijo jetzt gemeinsam in einer Taverne nahe Ijos Elternhaus und probierten sich durch die vielen bunten Flaschen, die hinter der Theke standen. Oths spitze Ohren hatte er hinter einem roten Stirnband verborgen und so hielten ihn hier alle für einen Menschen. Er fand es interessant, wie unterschiedlich die Waldelfen den Hochelfen in manchen Punkten waren. Hier gab es rund um die Uhr Feste, in jeder Taverne fand man feiernde Elfen. Ja, das ganze Leben in Kelethin schien auf Genuß und Freude ausgelegt zu sein. Othender versuchte sich vorzustellen, wie es hier wohl sein müßte, ohne der ständigen Bedrohung durch die Orks und kam zu dem Schluß, daß die Waldelfen wohl nicht, wie in den Geschichtsbüchern geschrieben, Hochelfen waren, die in den Wald hinaus gezogen sind. Nein, die kleineren Fier`Dal mußten zu einem nicht geringen Anteil Halblingsblut in ihren Adern haben - aber er hütete sich, diese Vermutung laut auszusprechen.

Auch Ijo hatte Grund zum Grübeln. Er fand es seltsam, daß Othender die Abneigung der meisten Hochelfen gegen Alkohol und ausgelassenen Feierlichkeiten nicht teilte. Der haarige Hochelf schien sich hier sogar so wohl zu fühlen, daß es Ijo nicht sonderlich gewundert hätte, wenn er irgendwann dem Beispiel der anderen Waldelfen gefolgt wäre und sich von einer der vielen Frauen in ihre Hütte hätte führen lassen. In diesem Punkt waren die Wald und Hochelfen wohl am unterschiedlichsten. Während Waldelfen meist nur ein oder zwei Personen wirklich liebten, sahen sie überhaupt kein Problem darin, sich nebenbei noch mit unzähligen anderen zu vergnügen. Hochelfen hingegen wählten ihren Lebenspartner sehr sorgfältig aus. Manchmal war es Liebe, manchmal das Wissen, den besten Vater oder die besten Mutter für zukünftige Kinder gefunden zu haben, die die Hochelfen ihr Leben lang an eine einzige Person band.

Ijo wurde brutal aus seinen Gedanken gerissen, als jemand seinen Namen rief. Wobei rufen nicht ganz richtig war. Nicht lauter, als die übrigen Tavernengäste auch, aber mit so viel Authorität, daß dieses einzelne Wort alles andere übertönte. Unwillkürlich zuckte der Barde zusammen und drehte sich um. Das konnte nur sein Vater sein, und leider hatte er wiedereinmal recht. In der Türe der Taverne stand Sindl Talonstrike, Gildenmeister der Emerals Warriors, beide Hände in die Hüften gestemmt und funkelte seinen Sohn wütend an. Ijo erhob sich seuftzend und deutete Othender, ihm zu folgen. Als der kleine Waldelf vor seinem Vater stand, der ihn um beinahe einen ganzen Kopf überragte, sagt er: "Vater, darf ich dir Othender vorstellen. Er hat mich begleitet." Der Krieger funkelte Othender ebenfalls nicht gerade freundlich an und zische: "Jetzt läßt du dich schon mit Barbaren ein, Sohn? Was wirst du als Nächstes tun, um mich zu demütigen?" Ijo senkte den Kopf und war bereit, die nächste Strafpredigt über sich ergehen zu lassen, aber Oth dachte gar nicht daran, blickte den Waldelfenkrieger von oben herab an und sagte: "Ist das nicht etwas, das zuhause besprochen werden sollte und nicht hier in aller Öffentlichkeit?" der ältere Waldelf funkelte ihn wütend an und erwiederte: "Das ist eine Familienangelegenheit, die dich nichts angeht, Barbar!" Othender seuftzte, packte den unvorbereiteten Elfen und warf ihn sich über die Schultern. So perplex war Sindl Talonstrike, daß er sich nicht einmal wehrte. "Ijo, wo genau wohnst du?" Aber der Barde schüttelte den Kopf und flüsterte: "Das ist gar keine gute Idee... laß ihn wieder runter..." Hinter ihnen, in der Taverne, war teilweise Applaus, teilweise Gelächter zu hören. Talonstrike war bei den Emerald Warriors bekannt für seine strenge, authoritäre Art und viele seiner Schüler und ehemaligen Schüler hatten sich schon lange gewünscht, ihren Meister so sprachlos zu sehen.

Oth verließ die Taverne mit einigen großen Schritten und stellte Ijos Vater mit den Worten: "Wenn du meinst..." wieder auf die eigenen Füße. Der ältere Waldelf blieb einige Augenblicke ruhig stehen und sammelte sich, dann allerdings zog er seine beiden Schwerter und sagte in gefährlichem Ton zu dem Hochelfen: "Das war ein tätlicher Angriff. Niemand darf mich ungestraft so behandeln! Verteidige dich Barbar, oder stirb gleich!" Sindl war mit einem reichlich verziertem Kettenhemd bekleidet und auch die beiden leichten Schwerter liesen Oth darauf schließen, daß der Waldelf auf Geschwindigkeit setzte. Der Hochelf zog ebenfalls seine Waffe, da er keinen anderen Ausweg sah, wählte dieses Mal allerdings nicht das Langschwert und den Parierdolch, sondern die beiden schlanken Schwerter, die er am Rücken trug. Ijo blickte seinen Freund entsetzt an. Das konnte nicht sein Ernst sein, die Herausforderung seines Vater anzunehmen bedeutet den sichern Tod für jeden, der nicht ebenfalls ein Schwertmeister war. Ijo nahm Othenders Rucksack, um ihn beiseite zu stellen und sagte leise: "Tunare sei mit dir..." "Das ist sie, die ganze Zeit." antwortete der Hochelf beinahe flüsternd.

"Blasphemie!" Mit diesem Ausruf stürzte sich Ijos Vater wutentbrannt auf den Hochelfen. Schon nach den ersten paar Schlägen hatte sich eine Menge Schaulustiger um die Kämpfenden versammelt und Ijo hörte, wie einige die Kampfstile und Chancen der Kontrahenten diskutierten. Öffentliche Duelle waren zwar selten in Kelthin aber nicht verboten. Es wunderte den Barden, daß Oth die erste Minute überstand, ohne daß sein Vater auch nur einen einzigen Treffer landen konnte. Während Sindl beinahe kopflos auf den größeren Gegner einschlug, schien der Hochelf in eine Art Trance gefallen zu sein und wehrte jeden Schlag ab, als hätte er ihn schon lange vorher kommen sehen. Erst nach einigen Augenblicken dämmerte Ijo, was er da gerade sah. Er hatte schon davon gehört, daß die Paladine Felwithes durch Tunares Segen diesen einzigartigen Kampfstil entwickeln konnten, aber er hatte noch nie solch einen Kampf mit eigenen Augen gesehen. Das war also der Beweis, Othender gehörte tatsächlich dem königlichen Orden an. Aber was Ijo nicht verstand, war die Tatsache, daß sein Freund mit zwei Schwertern kämpfte. Paladine war dazu da, um die Leute zu beschützen, sie wurden seines Wissens nach nicht in dieser offensiven Art des Kämpfens unterrichtet. Aber er war ja nur ein Waldelfenbarde, was wußte er schon, vom königlichen Orden und seinen Geheimnissen?

Es dauerte nicht lange, da forderte das Duell auf beiden Seiten ihren Tribut. Ijo bemerkte, daß sein Vater langsamer wurde, die Schläge weniger kraftvoll, dafür allerdings durchdachter. Während Sindls Wut anscheinend langsam verrauchte, schien Othender sowohl körperlich als auch geistig erschöpft zu sein. Als der Krieger dem Hochelfen seine Klinge in die Seite rammte, hatte Ijo entgültig genug. Er würde nicht zulassen, daß sein eigener Vater seinen Freund und Waffengefährten tötete. Der Barde hieb dem anderen Waldelfen mit Othenders Rucksack auf den Kopf, worauf der den wahrscheinlich lethalen Schlag vermasselte, und stellte sich zwischen die beiden Kontrahenten. "Es ist genug! Othender hat dir nichts getan, er verdient so eine Behandlung nicht! Du hast ihn die ganze Zeit beschimpft, dann wunder dich nicht, wenn er dich mit dem fehlenden Respekt behandelt!" Er hieb nochmals mit dem schweren Rucksack auf seinen Vater ein und hörte, wie darin etwas zerbrach. "Laß ihn in Frieden oder ich schwöre, ich stoße dich von der Plattform!"

Sindl hatte seinen Sohn noch nie so in Rage erlebt. Schützend hob er eine Hand über den Kopf, aber der befürchtete Schlag blieb aus. Der Schwertmeister stützte sich auf seine Waffe und versuchte die Sterne vor seinen Augen zu ignorieren, als er vorsichtig nickte. "Dein Freund kämpft gut. Ich denke, wir hatten einen schlechten Start... laßt uns nach Hause gehen, ein wenig ausruhen und die ganze Sache vergessen." Ijo mußte sich zusammenreißen, um seinen Vater nicht mit offenem Mund anzustarren. Er hatte nachgegeben! Noch niemals hatte Sindl einen Fehler eingestanden. Aber der Krieger hatte seine eigenen Gründe für diesen Schritt. Auch ihm war der Kampfstil nicht entgangen. Er hatte schon zahllose Kämpfe mit dem Schwert gesehen und würde jederzeit ein Mitglied des königlichen Ordens von Koada`Vie erkennen. Dieser Barbar war mit großer Wahrscheinlichkeit ein Paladin im Auftrag des Königs, der sich verkleidet hatte und Sindl wollte auf keinen Fall König Tearis Thex verärgern.

Während Elytan Starwatcher, ein hochelfischer Heiler, der gerade Gast der Bardengilde war, Othenders Wunde fachmännisch betrachtete, stand Ijo in der Türe des kleinen Gästezimmers und beobachtete seinen Freund nachdenklich. Es tat ihm leid, daß der Elf gleich am ersten Tag mit seinem Vater Ärger hatte und der Waldelf wünschte sich nichts sehnlicher, als sein Elternhaus so rasch als möglich wieder zu verlassen. Als der silberhaarige Heiler fertig war, schob er den Barden sanft aber bestimmt aus dem Raum. "Euer Freund braucht Ruhe. Die Wunde ist tief, aber sie wird heilen. Es braucht viel Kraft, um so zu kämpfen, Kraft, die Euer Freund anscheinend nicht im benötigten Ausmaß hat. Gebt ihm ein wenig Zeit, dann ist alles wieder beim Alten." Der Hochelf hatte sich schon zum Gehen gewand, als er sich nochmals umdrehte und mit leiser, eindringlicher Stimme sagte: "Ijo, Ihr solltet nicht darüber sprechen. Ich werde auch Euren Vater anweisen, Stillschweigen zu wahren. Ihr mischt Euch sonst in etwas ein, das Ihr nicht versteht. Tunare beschütze Euch."

Das war tatsächlich etwas, das Ijo nicht verstand und er nahm sich vor, Othender endlich auf seine Vergangeheit anzusprechen. Die nächsten beiden Tage allerdings schlief sein Freund und erwachte kein einziges Mal. Jeden Morgen kam Elytan Starwatcher, um nach ihm zu sehen und versicherte den Waldelfen, daß kein Grund zu Sorge bestand und die schwere Wunde gut verheilte. Allerdings dauerte es noch weitere drei Tage, bis Oth sich stark genug fühlte, um das Bett wieder zu verlassen. Ijo war beinahe die ganze Zeit in der Gildenhalle der Barden und mußte jede Einzelheit seiner Reise berichten. Ihm entging natürlich nicht, wie die Gildenmeister ihn auszufragen versuchten, um alles über den Hochelfen zu erfahren. Und immer war Starwatcher anwesend, saß still auf einem Stuhl in der Sonne und schien ganz auf seinen Humpen Bier konzentriert. Aber Ijo wußte es besser, als sich von dem Schauspiel täuschen zu lassen.

Als er am vierten Tag Othender auf Geheiß der Barden zur Gildenhalle brachte, wirkte der Hochelf noch immer erschöpft und ausgemergelt. Ijo bemerkte erschrocken, daß die Augen seines Freundes dunkel, beinahe schwarz waren. Er konnte sich nicht mehr an ihre eigentliche Farbe erinnern, glaube aber, daß die blau oder grün gewesen waren, als sie sich kennengelernt hatten. Die Barden versuchten auch Oth auszufragen, allerdings erfuhren sie noch weniger als Ijo. Der Hochelf tischte ihnen die selbe unbefriedigende Geschichte auf, die er auch seinem Freund zu beginn erzählt hatte. Allerdings mußten sich die Barden damit abspeisen lassen, denn Elytan Starwatcher unterbrach das Verhör bald mit den Worten: "Werte Freunde, Ihr seht, daß Ijos Kammerad noch immer nicht gänzlich wiederhergestellt ist. Ich denke, das war genug für heute." Gezwungenermaßen zeigten sich die Barden einverstanden, was Ijo verwunderte. Normalerweise ließ sich kein Barde so schnell von irgendjemanden vorschreiben, was er zu tun oder zu lassen hatte. Als er die Tore der Gildenhalle hinter ihnen schloß, hörte er den Hochelfen drinnen sagen: "Hoffentlich können wir nächste Woche mit dem Training beginnen..." Dann schluckten die schweren Holztüren jegliche weiteren Worte.

Zuhause angekommen wirkte Othender so erschöpft, daß Ijo befürchtete, sein Freund würde es nicht mehr bis ins Bett schaffen. Zur Erleichterung des Barden erholte sich der Hochelf in den nächsten Tagen tatsächlich wieder und verbrachte immer mehr Zeit mit Ijo und mit seiner Familie. Der Waldelf fand es sonderbar, daß sein Vater sich plötzlich so gut mit Oth verstand und ihn höflich und zuvorkommend behandelte, wie sonst niemanden. Was der junge Barde aber noch weniger verstand war, daß seine kleine Schwester Aleena, mit ihren 60 Jahren nach elfischen Maßstäben noch beinahe ein Kind, den haarigen Elfen äußerst anziehen zu finden schien. Er hätte sich eher gedacht, daß die vielen Haare Frauen eher abschrecken würden, aber Aleenas Blicke konnte man nicht mehr falsch verstehen. Sindl schien das nicht aufzufallen, aber Ijo beschloß, am Abend mit Othender darüber zu sprechen.

Das Gespräch entwickelte sich anders als erwartet und als Ijo das Gästezimmer verlies, war er verwirrter denn je. "Ich werde deine Schwester nicht anfassen. Tunare verbietet es. Bitte richte ihr meine Hochachtung und mein Bedauern aus." Mehr wollte der haarige Hochelf zu dem Thema nicht sagen. Der Barde lag an diesem Abend noch lange wach in seinem Bett und dachte über seinen Freund nach. Er wurde aus seinem Waffenbruder nicht schlau und die Art, wie Starwatcher auf ihn reagierte... Mit einem Seuftzen stand Ijo wieder auf, zog sich seine Hose an und kletterte aus dem Fenster auf die Plattform seines Elternhauses. Wiedereinmal saß er dort, ließ sich die milde Nachtluft über die nackte Haut streichen und beobachtete das rege Treiben auf den anderen Plattformen. Zahllose Lampions und magische Lichter hüllten die Stadt in ein buntes aber dämmriges Licht. Leise drang auch Gesang an seine feinen Ohren.

Nach einiger Zeit, als Ijo eigentlich schon wieder durchs Fenster in sein Zimmer klettern wollte, hörte er Stimmen. Er dreht den Kopf ein wenig verwirrt und stellte fest, daß er sich nicht geirrt hatte, die Geräusche kamen aus Othenders Raum. Durch das geöffnete Fenster hörte er, wie sich sein Freund mit jemandem unterhielt - mit einer Frau! Aleena?! Angestrengt lauschte der Barde weiterhin den Stimmen, konnte aber kaum etwas verstehen. Nein, Oth unterhielt sich auf Hochelfisch und die zweite Stimme war viel zarter, viel klarer als die seiner kleinen Schwester. Ijo versuchte seine Neugierde zu unterdrücken, schaffte es allerdings nicht allzu lange. Er mußte einfach wissen, wer die Frau mit dieser bezaubernden Stimme war. Beinahe wäre er zum Fenster geschlichen und hätte einen Blick riskiert, aber Oth hätte ihn dann sicherlich entdeckt und Ijo wollte nicht, daß sein Freund dachte, er würde ihm nachspionieren. Also kletterte der Waldelf wieder in sein Zimmer, öffnete leise die Türe und schlich auf den Gang hinaus, vor Oths Zimmer. Dort blieb er einige Sekunden stehen, atmete tief durch, suchte nach Mut, während er weiterhin angestrengt lauschte. Ja, die Stimmen waren noch da. Er öffnete die Türe und ließ seinen Blick schweifen, während er leise sagte: "Ich hab Stimmen gehört... ist alles in Ordnung?" Der haarige Hochelf lag völlig entspannt im Bett ganz so, als würde er schlafen. Das Zimmer wurde nur von dem spärlichen Licht, daß durch das Fenster fiel, erhellt, dennoch sah Ijo genug um zu erkennen, daß sein Freund ganz offensichtlich alleine war. Aber er hatte die Stimme doch gerade eben noch gehört, wenn die Frau durch das Fenster geflüchtet war, mußte sie flinker sein als jedes Tier, daß der Barde kannte. "Nein... Ich bin alleine... keine Stimmen..." Oths Stimme klang tatsächlich so, als hätte er bis eben tief und fest geschlafen. "Ab und zu rede ich im Schlaf... vielleicht hast du das gehört. Leg dich wieder hin... gute Nacht." Ijo schloß seuftzend wieder die Türe und schlurfte in sein Zimmer zurück. Der nächste Hochelf, der glaubte, ihn mit seinen Schauspielkünsten auf die falsche Fährte zu locken. In dieser Nacht fand der Waldelf nicht allzu viel Schlaf.