Verrat

Die Nacht brach schnell über Ellesméra herein. Doch müde waren die Drachenreiter noch nicht. Wie jeden Abend besuchte Daray die Dracheneier, eine Angewohnheit die er schon seit Jahren hatte. Lilu saß auf einer Wiese und wartete auf ihren Drachen. „Dürfen wir uns zu dir setzten", erklang Nolans Stimme hinter ihr. Lilu wandte sich um, hinter ihr standen Eragon und ihr Zwillingsbruder. Sie nickte leicht: „Wo sind Saphira und Ailia." Sie setzten sich und Eragon antwortete lächelnd: „Saphira zeigt Ailia, wo es hier die besten Plätze für die Jagd gibt." Bevor Nolan etwas anfügen konnte, dröhnte Darays wütendes Gebrüll durch die Luft. Ohne ein weiteres Wort sprang Lilu auf und rannte los. Sie war erstaunlich schnell und kam problemlos an den Elfen vorbei, die sich versammelt hatten, um zu sehen, was geschehen war. Vor den Toren des Raumes, in dem die Eier lagen, standen zwei verschreckte Wachen, die Daray hinausgejagt hatte. Als Eragon und Nolan sich durch die Menge gekämpft hatten, war es Lilu gelungen, ihren Drachen ein wenig zu beruhigen. Doch noch immer peitschte sein Schwanz wild durch die Luft. Vor Islanzadi preschte Darays Schwanz auf den Boden. Erschrocken trat die Elfenkönigin, die gerade gemeinsam mit Arya erst eingetreten war zurück, sie war sich sicher, dass dies kein Unfall war, genau so wie Eragon. Lilu strich sanft über die Halsschuppen ihres Drachen, doch scheinbar sah sie keine Notwendigkeit, ihren Drachen zu rügen. Vorsichtig trat Eragon vor den wütenden Drachen und seine Reiterin. „Was ist in euch gefahren? Wo ist dein Respekt geblieben?" Der lilane Drache knurte bedrohlich. Respekt muss man sich verdienen, genau so wie Vertrauen und beides haben wir ihnen im Voraus gegeben. Sie haben es in wenigen Tagen geschafft, alles zu verspielen. Brüllte Daray in den Geist der Anwesenden. „Was hat das alles zu bedeuten?" Arya war schützend vor ihre Mutter getreten, denn Daray hob seinen Schwanz wieder an. „Was das bedeutet?" Lilus Stimme klang Unheil verkündend ruhig. „Ihr habt gewusst, dass es in eurem Volk ein Verräter geben muss und ihr habt nichts getan um ihn zu finden. Gar nichts! Ihr glaubt, dass Galbatorix euch hier nichts anhaben kann, doch sein Arm reicht bis hier her! Nun bezahlen wir für eure Arroganz." „Lilu", unterbrach der erschrockene Nolan seine Schwester. „Still", fauchte sie ihn an und wirbelte herum. „Wir haben ihnen die Dracheneier anvertraut, die unser Volk ein Jahrhundert lang beschützt hat und sie lassen sie sich in wenigen Tagen stehlen." Eragons blick wanderte zum Tisch auf dem die Eier ruhten. Er trat an sie heran, eines nach dem anderen begutachtete er sie. An dem orangenen und dem braunen fiel Eragon nichts auf, doch als er die beiden anderen betrachtete, schien sein Herz einen Schlag auszulassen. Normalerweise strahlten Dracheneier etwas aus, eine ganz besondere Lebenskraft doch bei diesen beiden spürte er nichts. „Er hat die Weibchen gestohlen und was glaubt ihr, wo er sie hinbringt?" Lilu war den Tränen nah. Ohne Arya oder Islanzadi eines weiteren Blickes zu würdigen verließen Daray und Lilu das Gebäude. Draußen angekommen, kletterte das Mädchen in den Sattel und sie flog davon.

„Verzeiht", meinte Nolan knapp. „Meine Schwester hat sich im Ton vergriffen." Doch mit keinem Wort erwähnte er, dass er glaubte, sie habe Unrecht. „Ist es wahr?" fragte Islanzadi geschockt. „Haben wir uns zwei der Eier stehlen lassen?" Eragon strich sachte über eines der ‚Eier'. Leise murmelte er einige Worte. Als er sich zu Islanzadi umwandte hielt er einen einfachen Stein in den Händen. „Ich fürchte ja." Nolan schloss die Augen und atmete tief durch. „Daray besucht die Eier jeden Abend, dass heißt, der Dieb muss sie nach seinem Besuch gestern gestohlen haben."

Ailia und Saphira landeten nur Augenblicke später. Eragon, was ist hier geschehen? Die Drachendamen spürten Spannung, die in der Luft hing. „Jemand hat zwei der Dracheneier gestohlen", erklärte Eragon knapp. „Daray und Lilu beben vor Zorn", meinte Nolan. „So wütend habe ich sie noch nie gesehen." Ailia schnaubte wütend. Wütend, warum nur? „Ai nicht", bat Nolan. „Lilu hat schon einiges wenig Nettes von sich gegeben." Wieder schnaubte die gelbe Drachin. Valeska schob sich an den Drachen vorbei. „Das überrascht dich. Diese Dracheneier bedeuten Lilu und Daray alles. Ihr leben lang haben sie sie beschützt. Sie ertragen den Gedanken einfach nicht. Das eines von ihnen bei einer von Galbatorix Marionetten schlüpfen könnte." Über Islanzadis Wangen rannen Tränen, die Worte der Tänzerin hatten sie tief getroffen, zumal das Mädchen in ihren Augen Recht hatte. Arya hatte ihrer Mutter immer hin erzählt das Galbatorix den Wahren Namen seines Reiters und dessen Drachen kannte und da er kein Elf war, gab es dafür nur eine Möglichkeit. „Jemand wird für diesen Verrat teuer bezahlen."

Doch zuvor mussten sie herausfinden wer der Verräter war. Eragon hielt es für sehr wahrscheinlich, dass es ein Magier sein musste. Wer sonst hätte einfache Steine wie Dracheneier aussehen lassen können. Schnell stellte sich heraus, dass einer der Magier verschwunden war. Zoren hatte alles zurückgelassen. Islanzadi fragte sich, wie lange er wohl schon für Galbatorix arbeitete. Niemand glaubte, dass Zoren zurückkehren würde. Dennoch verstärkte man die Sicherheitsvorkehrungen.

Lilu und Daray blieben die Nacht über verschwunden. Stundenlang saßen die beiden hoch oben auf einem Hügel und starrten in die Ferne. „Ihr habt ein hartes Urteil gefällt, dass Islanzadi tief verletzt hat." Kurz vor Morgengrauen hatten Oromis und Gleadr sie gefunden. „Wir waren wütend", antwortete Lilu kurz angebunden. Tränen glitzerten in ihren Augen. Sie war sehr unvorsichtig, brummte der lilane Drache. Der Kopf seiner Reiterin ruhte auf seiner Vorderklaue und Daray strich mit der Schnauze sanft über ihren Kopf. „Ich denke nicht, dass ihr wütend auf Islanzadi seid, ihr habt Angst um die Eier. Ihr fürchtet, dass sie genau so leiden werden wie Dorn und sein Reiter." Daray schnaubte. Nein, es sind Weibchen. Wenn sie tatsächlich schlüpfen, werden sie noch mehr leiden, als Dorn. Einen Augenblick lang herrschte Schweigen, dann erhob Glaedr das Wort es ist geschehen. Daran könnt ihr nichts ändern. Ihr könnt nur eines tun, stärker werden, um Galbatorix endlich zu besiegen und die ungeborenen Drachen befreien. Lilu lächelte traurig. „Mein Bruder hat eine Idee, wie wir vielleicht auch den Roten und Murtagh retten könnten." Sie erzählte Oromis von der Idee. „Doch wir hielten es für besser Eragon nichts zu sagen. Es ist sehr schwierig und wir wollen ihm keine Hoffnungen machen." „Ich verstehe. Habt ihr denn, was nötig ist?" Lilu nickte seufzend. „Es scheint so, als hätte mein Bruder es während seiner Suche nach unserer Mutter gefunden." „Und du glaubst, dass ihr ihn so retten könnt?" fragte Oromis. „Das werden wir sehen." Es kommt wohl darauf an, was Lyza mit ihm gemacht hat, fügte Daray an. „Ich habe gehört, dass euer Volk Tränke kennt, die alles bewirken können." Wieder nickte Lilu. „Verbotene Tränke. Diese und die schlimmst Folter können alles bewirken."