Höllenqualen

Tief bewusstlos lag Murtagh auf einem bequemen Lager in einem der Wagen des fahrenden Volkes. In den Jahren in denen Galbatorix herrschte, hatten sie gelernt Dinge zu verstecken, egal wie groß sie waren. Hier war er durch Magie auch vor der Traumsicht Geschützt, mit der der König ihn unter Garantie suchen würde. Eine Weile lag Murtagh nur ruhig da, einzig sein Brustkorb, der sich regelmäßig hob und senkte, zeigte das der junge Mann noch lebte. Dorn lag draußen neben dem Wagen, so dicht bei seinem Reiter, wie er nur konnte. Auch Eragon wich nicht von der Seite seines Bruders. Murtagh glühte geradezu vor Fieber. Plötzlich riss Murtagh die Augen weit auf. Schmerz und blankes Entsetzen standen ihm ins Gesicht geschrieben. Der dunkle Drachenreiter versuchte sich auf zusetzten. Ruhig kleiner, es ist alles gut, erklang Dorns tiefe Stimme. Doch sein Reiter schien ihn nicht zu hören. Auch Eragon kam nicht zu ihm durch. „Es ist gut, du bist hier in Sicherheit." Hätte Murtagh genug Kraft gehabt, hätte er um sich geschlagen, aber er konnte nicht einmal den Arm heben. Er zitterte am ganzen Körper. Von draußen her erklang die Melodie eines alten Kinderliedes. Eine der Frauen hatte angefangen zu singen. Zu Eragons Überraschung, entspannte Murtagh sich langsam. Eragon ergriff die Hand seines Bruders und Murtagh klammerte sich an ihm fest. Ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit strömte in den kleinen Wagen und umgab die Brüder. Eragon sah, dass Murtagh etwas sagen wollte und schüttelte leicht den Kopf. „Versuch zu schlafen, dir wird hier nichts geschehen." Noch während Eragon seinen Bruder in eine Decke einpackte, schlief Murtagh wieder ein.

Es dauerte eine ganze Weile, bis Murtagh wieder erwachte. Sein Kopf war relativ klar, dafür fühlten seine Innereien sich an, als wäre ein Drache darüber getrampelt. Er rollte sich zusammen, in der Hoffnung, die Schmerzen zu lindern. Doch es half nichts. Dorn, rief er ängstlich. Ich bin hier draußen, mein Kleiner. Hab keine Angst. Murtagh schlang die Arme um seinen Körper. Es tut so weh. Dorn brummte leise. Hilfe kommt. Er hatte nicht gehört, wie die Tür sich geöffnet hat, plötzlich kniete sie einfach neben ihm und legte sanft eine Hand auf seine Schulter. Er erschrak, als er ihr Gesicht sah. Sie Sah Galbatorix Kräuterhexe erschreckend ähnlich, allerdings war sie jünger, als Lyza und das sanfte Lächeln, dass sie ihm schenkte, zeigte ihm, dass sie es nicht sein konnte. „Kannst du versuchen, dich auf zusetzten?" Ihre Stimme war nur ein Flüstern und doch war es voller Wärme. Er zögerte, erst als er Dorn hörte, der ihm versicherte, dass sie ihm wirklich helfen wollte, setzte er sich vorsichtig auf. Schnell reichte sie ihm einen Becher, mit einer dampfenden Flüssigkeit. „Das ist ein Kräutertee, er wird helfen." Er schloss die Hände um den Becher, doch konnte er ihn kaum halten. Lilu legte ihre Hände ebenfalls um den Becher und half Murtagh, ihn zum Mund zu führen. Der Tee schmeckte ein wenig bitter, aber eigentlich gar nicht schlecht. Einen Augenblick später setzte die Wirkung auch schon ein, die Schmerzen ließen langsam nach. Als Murtagh den Kopf hob, sah er, dass noch jemand im Wagen schlief. Eragon lag kaum eine Armlänge entfernt dicht an der Wand. Lilu folgte seinem Blick. „Er wollte dich nicht allein lassen." Lilu glaubte ein Lächeln in Murtaghs Mundwinkeln zucken zu sehen. Vorsichtig streckte Lilu ihre Hand nach ihm aus. Zu seiner eigenen Überraschung ließ er sie gewähren. „Wenigstens ist dein Fieber gesunken." Wieder begann er zu zittern, ihm war eiskalt. „Was passiert nur mit mir?" kam es ihm leise über die Lippen. „Weißt du, wie du hier her gekommen bist?" Murtagh schüttelte den Kopf. „Ich erinnere mich an eine Zelle in Urû'baen, ein Mädchen, das versucht, mich mit Geschichten abzulenken und an das eiskalte Lächeln der Kräuterhexe und dann gar nichts. Ich bin hier wieder aufgewacht und weiß nicht mal, warum es mich nicht wieder zurückzieht." Er war lauter geworden, als er es eigentlich wollte. Eragon hob verschlafen den Kopf. Bevor jemand antworten konnte, klopfte es an der Tür ein Mädchen von vielleicht 12 Jahren trat ein. „Mama wollte, dass ich euch etwas zu essen vorbeibringe." Sie hielt Lilu eine Tasche hin. „Danke, Misa." Die Kleine lächelte schüchtern. Bevor sie sich zum gehen wandte, meinte sie. „Es ist schwierig an diesem lilanen Drachen vorbeizukommen. Er ist so groß." Lilu schmunzelte und bat Daray, das Mädchen durchzulassen. „Keine Sorge, Daray ist zur Seite gegangen." Sie lächelte und ging. „Lila Drache?" fragte Murtagh. „Er gehört zu mir, dass ist Teil der langen Geschichte. Eragon wird dir alles erzählen." Sie wollte sich erheben und gehen. „Kannst du bleiben?" bat Murtagh sie. „Ich komme gleich wieder, erst will ich sehen, wo mein Bruder steckt, ich habe da ein merkwürdiges Gefühl." Lächelnd verließ sie den Wagen. „Und wer ist Nolan?"

Minuten später zog Lilu ihren Zwillingsbruder in den Wagen. „Spielverderberin"; brummte er nur. „Du warst zu lange nicht unter unseresgleichen", giftete Lilu zurück. „Oder du hast einfach nur eine miserable Menschenkenntnis." Er ist ein Kind, das in einen Topf voller Süßigkeiten gefallen ist, schnappte Ailia „Noch ein Drache?" fragte Murtagh verwirrt. Lilu wandte sich Eragon zu: „Du hast noch nicht angefangen?" „Nein, ich wollte warten, bis ihr wieder da seid."

„Du hast mich getötet?" Eragon nickte mit einem merkwürdigen Geschmack im Mund. Was sollte er darauf antworten. „Wie hätten wir dich sonst retten sollen?" meinte Nolan, der junge Mann wusste genau, wie komisch das klang. „Du lebst", schloss Lilu an. „Und was bringt mir das?" Noch hatte Murtagh scheinbar die ganze Tragweite seines Todes nicht verstanden. Lilu saß neben ihm und lächelte schief. „Einfach alles." Vielleicht lag es am Fieber, noch immer verstand er nicht. „Die Eide, alles was du Galbatorix geschworen hast, erlosch mit deinem Tod", erklärte Eragon ihm. „So ist es nun einmal mit Eiden." Bevor Murtagh weiter fragend konnte, fuhr Lilu fort. „Das Selbe gilt auch für deinen wahren Namen. Wenn ein Mensch stirbt, dann vergeht sein wahrer Name. Wir haben den Tod betrogen und dir mit deiner … … … Wiedergeburt einen neuen wahren Namen verschafft. Du und Dorn, ihr könnt von vorn anfangen." Murtagh ließ das alles einen Moment lang auf sich wirken. Dann sackte er plötzlich zusammen. Lilu atmete tief durch. „Er ist nur ohnmächtig", stellte sie beruhigt fest.

Murtagh kam wenig später wieder zu sich, zusammengerollt und warm eingepackt. Schwerfällig setzte er sich auf und zog die Decke um sich. Er war allein, doch die Tür des Wagens stand offen. Neben seinem Lager lag ein Laib Brot, daneben stand ein weiterer Becher Tee. Einen Augenblick lang überlegte er, denn sein Magen rebellierte, doch schließlich siegte der Hunger. Gierig verschlag er das Brot und trank den Tee. Langsam ging es ihm besser. Vorsichtig wagte er es schließlich aufzustehen. Seine Beine drohten im ersten Moment drohten sie nachzugeben, doch er blieb stehen. Langsam ging er auf die Tür zu, auch wenn er sich an der Wand abstützen musste. Unter Anstrengung hatte er die wenigen Schritte geschafft und trat hinaus. Ihm bot sich ein erstaunlicher Anblick. Eragon saß auf der Treppe des Wagens, neben links und rechts lagen die vier Drachen. Gemeinsam beobachteten sie einfach aber doch ziemlich bunt gekleidete Leute. Das fahrende Volk hatte sein Lager aufgeschlagen und nun, da die Arbeit getan war, genossen sie den Tag. Dorn entdeckte seinen Reiter als erster. Sacht stupste er ihn mit der Schnauze an. Es geht dir scheinbar besser, brummte der rote Drache. Murtagh strich behutsam über die Schuppen seines Drachen. „Ja, es geht. Aber ich erinnere mich immer noch nicht daran, was geschehen ist." „Vielleicht wirst du das auch nie, das Larith ist ein Teufelszeug und es hat eine Menge Nebenwirkungen." Erklang Lilus Stimme zwischen Daray und Saphira. Die Drachenreiterin nutzte den Schwanz ihres Drachen als Kissen. „Du weißt, was Lyza mit mir gemacht hat. Eine Weile schwieg das Mädchen. „Ich ahne es." „Was ist das eigentlich für ein Zeug?" Nolan lag auf der anderen Seite zwischen Ailia und Dorn. Lilu seufzte kaum hörbar und setzte sich so, dass sie Eragon und Murtagh sehen konnte. „Ein Gift, das seit hunderten von Jahren verboten ist. Mein Volk stellt seine Benutzung unter schwere Strafe. Ich dachte eigentlich, dass niemand mehr weiß, wie man es herstellt." „Also gehört Lyza zum fahrenden Volk?" Murtagh lehnte sich zurück. „Mehr oder weniger? Sie hat uns verlassen, als ich noch ein Kind war." „Du kennst sie also?" vermutete der dunkle Drachenreiter. Ein merkwürdiges Lächeln legte sich über ihre Lippen und auch Nolan hatte sich erhoben. Die beiden Tauschten einen Blick und Nolan nickte seufzend. „Nein, kennen ist zu viel gesagt. Sie ist unsere Mutter."