1 – Plötzliche Stille
„Wo ist bloß dieser Gaggameeehl", äffte Ron den sauer dreinblickenden Harry nach.
„Sei still", keifte Hermine gereizt.
„Gaggameeeeeeehl", wiederholte Ron unter immer stärkerem Kichern.
„Hier", sagte Hermine und reichte Harry eine Hand voll Blätter, die sie von einem Baum gezupft hatte.
„Gagga ….", begann Ron erneut, brach jedoch mitten im Wort ab.
„Endlich Ruhe", keuchte Harry, der inzwischen schwankend auf einem Bein, von Hermine abgestützt, die klebrige Masse von seinem Schuh zu entfernen versuchte.
„Hast du dich wieder beruhigt?", fragte Hermine und drehte den Kopf in Richtung Ron.
Sie hatte noch etwas hinzufügen wollen, doch beim Anblick von Ron blieb ihr stattdessen der Mund weit offen stehen.
„Harry", flüsterte sie.
„Was?", fragte Harry genervt. „Dieses Zeug will einfach nicht abgehen".
„Harry", flüsterte Hermine erneut.
„Was ist denn?", erwiderte Harry, dessen Stimme nun noch einen Tick genervter klang.
„Lassen Sie das", kreischte Hermine plötzlich auf und sprang einen Satz vor.
Mit einem lauten Krachen von zahlreichen kleinen Ästen und einem lauten „Platsch", landete Harry, dessen Gleichgewicht zuvor nur durch Hermines stützende Schulter gehalten wurde, ausgestreckt auf dem Waldboden – mit dem Gesicht voran in die Reste der blauen Masse, welche sich nicht an seinem Schuh festgesetzt hatte.
„Sie sollen ihn loslassen", sagte Hermine, den fluchenden Harry nicht beachtend.
„Seid still", entgegnete der Mann, dessen rechte Hand sich im Gesicht von Ron befand – fest auf den Mund des nun erstarrten Jungen gelegt.
„Wer ist denn da?", fragte Harry. Er war gerade im Begriff sich wieder aufzurappeln, konnte jedoch kaum etwas sehen, da seine Brille bei seinem Sturz zwar ganz geblieben, jetzt jedoch ebenfalls von der zähen Masse bedeckt war.
„Gaggamehl", antwortete der Mann und weder Harry, noch Hermine vermochten aus seiner Stimmlage herauszuhören, ob ihn diese Verunstaltung seines Namens verärgerte oder gar belustigte.
Nun, wo Hermine wusste, dass dies der Mann war zu dem Dumbledore sie geschickt hatte, beruhigte sie sich etwas und betrachtete ihn genauer.
Er trug einen schlichten, etwas abgewetzten schwarzen Umhang und knallrote durchgelatschte Schuhe. Seine buschigen Augenbrauen lenkten von seiner hohen Stirn ab und waren genauso pechschwarz wie das verbliebene Haupthaar.
Alles in allem befand Hermine, dass sie ihn, hätte sie ihn unter anderen Umständen kennen gelernt, auch nicht als sympathisch empfunden hätte.
Erst jetzt bemerkte sie, dass der Zauberer seit sie ihn entdeckt hatte, durchgehend zu Harry starrte. Diese Tatsache weckte erneut eine große Unruhe in ihr.
Voldemorts Anhänger lauerten überall. Was, wenn auch Gargamel einer von ihnen war und Dumbledore sich erneut getäuscht hatte?
Harry hatte inzwischen seine Brille abgenommen, blinzelte in Richtung Gargamel und Ron und wischte gleichzeitig wie wild mit seinem Umhang über die verunstaltete Brille.
„Euer Freund hat von den Schlumpfbeeren gegessen, nicht wahr?", fragte Gargamel.
„Schlumpfbeeren?", fragte Harry, da er vermutete, dass auch in seine Ohren etwas von der blauen Masse geraten war und er sich dadurch verhört hatte.
„Kleine rote Beeren?", fragte Gargamel.
„Ja", antworte Hermine.
Panik stieg in ihr hoch. Würde der Zauberer ihnen gleich erklären, dass diese so genannten Schlumpfbeeren hochgiftig waren und Ron in Gefahr schwebte?
„Gehen wir zu meiner Hütte", sagte Gargamel nach einer Weile.
„Woher wissen wir, dass sie uns nichts tun wollen?", fragte Harry. „Vielleicht sind sie gar nicht Gargamel. Vielleicht haben sie diesen Namen nur durch Rons Gekreische aufgeschnappt".
„Dann wüsste ich aber nicht, dass der gute alte Albus Dumbledore euch zu mir geschickt hat", erwiderte Gargamel achselzuckend.
„Aber warum lassen sie Ron nicht endlich los?", fragte Hermine misstrauisch.
„Weil er uns verraten würde", antwortete der Zauberer.
„Verraten?", hakte Harry nach.
„Ich erklär euch gerne alles, wenn wir in meiner Hütte sind", entgegnete Gargamel, der ganz offenbar immer ungeduldiger wurde.
Noch immer starrte er Harry an und würdigte Hermine keines Blickes.
Hermine schaute zu Harry, konnte jedoch nicht erkennen, ob ihm dies auch auffiel.
„Okay", sagte Harry. „Dann gehen wir".
„Nein", entfuhr es Hermine.
Das erste Mal blickte Gargamel zu ihr.
„Was ist denn noch? Immer noch misstrauisch?", fragte Gargamel.
„Vor wem oder was fürchten sie sich so?", erwiderte Hermine.
„Das will ich euch doch erklären", antworte Gargamel, nun ganz offenbar kurz davor die Geduld völlig zu verlieren. „Aber im Schutz meiner Hütte".
„Wir werden uns nicht vom Fleck rühren bevor Sie uns nicht gesagt haben was hier los ist", versetzte Hermine.
„Aber Hermine …", begann Harry, wurde jedoch eilends durch sie unterbrochen.
„Nein Harry, das ist mein ernst", sagte sie.
Einige Augenblicke schwiegen alle. Gargamel starrte wieder zu Harry und als Hermine seinem Blick genauer folgte, stellte sie fest, dass er exakt auf den rechten Fuß ihres Freundes traf.
„Er hat einen von ihnen getötet", flüsterte Gargamel.
„Getötet?", fragte Harry entsetzt.
„Sie meinen, das war ein Lebewesen?", fragte Hermine und deutete entsetzt auf Harry.
„Sie werden sich rächen", entgegnete Gargamel, dessen Stimme immer leiser und nun noch dazu vollends ehrfürchtig klang.
„Wer?", fragte Ron.
Erst jetzt bemerkten alle Anwesenden, einschließlich Gargamel, dass er seine Hand gesenkt und Rons Mund frei gegeben hatte.
Gargamel wendete ihm sein Gesicht zu und keuchte: „Die Schlümpfe".
