4 – Zweifelndes Vertrauen

Innerhalb von Sekunden hatte Harry die Situation erfasst. Er war nicht ganz sicher wie dies alles zu deuten war, aber dennoch beschloss er rasch zu handeln bevor er nicht mehr die Möglichkeit dazu hatte.

Kaum hatte er den rechten Fuß ein Stück angehoben hörte er Hermine neben sich aufkeuchen.

Er drehte sich zu ihr und versuchte ihr mit einem Blick klarzumachen, dass sie ruhig bleiben sollte.

Dass dies jedoch nicht geholfen hatte, merkte er, als er den Fuß ein Stück weiter vorn wieder absetzte und Hermine fast unhörbar „Nein, Harry" flüsterte.

„Wenn dir etwas an deinem Freund hier liegt, solltest du wirklich besser auf mich und deine kleine Freundin hören", sagte der Schlumpf auf Gargamels Brust, dessen Stimme viel zu tief für seine Erscheinung zu sein schien.

„Er ist nicht unser Freund", antwortete Harry.

„Willst du mich für dumm verkaufen?", fragte der Schlumpf, der, wie Harry jetzt erst auffiel, als einziger einen weißen Bart trug.

„Sie sind Papa Schlumpf, richtig?", antwortete Harry mit einer Gegenfrage.

„Ganz genau", entgegnete der Schlumpf.

„Sie müssen uns glauben, dass wir nicht mit diesem Kerl unter einer Decke stecken", sagte Harry nach kurzem Überlegen. „Wir wissen, dass er versucht Sie und die Ihrigen gefangen zu nehmen, um Gold aus Ihnen zu machen".

Nun traute sich auch Hermine einen Schritt nach vorn.

„Ja, und bei so etwas unmenschlichem würden wir niemals mitmachen".

„Wenn das der Wahrheit entspricht, frage ich mich doch warum ihr Schlumpfine ermordet habt", erwiderte Papa Schlumpf misstrauisch.

„Es war ein Unfall", antwortete Hermine.

„Und es tut mir wirklich furchtbar, furchtbar leid", ergänzte Harry.

„Dir soll verziehen sein", entgegnete Papa Schlumpf. „Aber ihm nicht".

Bei seinen letzten Worten hatte er auf Gargamel unter sich gedeutet und einen äußerst wütenden Blick an den Tag gelegt.

„Was haben Sie mit ihm vor?", fragte Hermine mit zitternder Stimme.

„Das werden wir entscheiden, wenn wir ihn in unser Dorf gebracht haben", antwortete Papa Schlumpf, der nun endlich den Ast gesenkt hatte, den Harry inzwischen als Zauberstab identifiziert zu haben glaubte.

„Sie werden ihm nichts Schlimmes antun, oder?", hakte Harry nach.

Die Schlümpfe waren ihm noch immer nicht ganz geheuer. Was wenn Gargamel doch die Wahrheit gesagt hatte und dieses Buch nur zufällig in seinem Regal stand?

Was, wenn diese Geschöpfe nun endlich ihre Gelegenheit am Schopf packen würden, um ihren Erzfeind endgültig zu beseitigen?

„Ich sagte bereits …", begann Papa Schlumpf, brach jedoch ab, als eine Stimme aus dem Wald hinter ihm drang.

Alle Schlümpfe reckten aufgeregt die Köpfe in Richtung Wald und begannen erregt zu tuscheln.

„Was ist das?", fragte Hermine verwirrt.

Harry bedeutete ihr ruhig zu sein und lauschte der Stimme. Als er sich genauer darauf konzentrierte, erkannte er, dass die Stimme sang.

„Wir müssen los", sagte Papa Schlumpf plötzlich.

„Es wäre trotzdem beruhigend, wenn Sie uns versichern könnten, dass Gargamel nicht zustoßen wird", erwiderte Hermine bissig.

„Ja, ja, wir werden ihm nur eine kleine Lektion erteilen", antwortete Papa Schlumpf genervt. „Wir gehen jetzt, denn die Gelegenheit, gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, bietet sich nicht alle Tage".

Harry beachtete den Schlumpf nicht.

Mittlerweile hatte er sich so sehr auf die Stimme konzentriert, dass er ihre Worte trotz des Gemurmels um ihn herum verstehen konnte.

Das Lied des Unbekannten war so mitreißend, dass Harry am liebsten mit eingestimmt hätte.

„Warum bin ich so fröhlich, so fröhlich, so fröhlich, bin ausgesprochen fröhlich, so fröhlich war ich nie.", drang die melodische Stimme aus dem Wald zu Harrys Ohren.

„Wer ist das?", fragte Harry.

„Alfred, der schlimmste Beerendieb hier in der Gegend", sagte einer der vielen Schlümpfe.

„Halt den Mund, Clumpsy", zischte Papa Schlumpf.

Harry fixierte den zurecht gewiesenen Schlumpf nun sehr eingehend. Es schien als wäre sein blau plötzlich nicht mehr so intensiv wie noch kurz zuvor. War das ein Zeichen von Angst?

Mehr und mehr beschlich Harry das Gefühl, dass Gargamel die volle Wahrheit gesagt hatte. Papa Schlumpf war jedenfalls nicht der freundlichste Zeitgenosse, der ihm je begegnet war.

„Wir hätten sie nicht mit ihm davon ziehen lassen dürfen", sagte Harry verzweifelt.

„Du hast doch gesehen was er für ein widerliches Buch hier hatte. Wie kannst du da noch denken, dass die Schlümpfe die Bösen sind und nicht Gargamel?", erwiderte Ron während er sich eine weitere Scheibe von einem Laib Brot abschnitt, dass sie in einem kleinen Vorratsschrank gefunden hatten.

„Mir kam dieser Papa Schlumpf aber auch ziemlich komisch vor", sagte Hermine.

„Ach, was. Ihr redet euch schon wieder Probleme ein, die gar nicht existieren", entgegnete Ron kopfschüttelnd. „Macht euch lieber mal Gedanken darüber, was wir jetzt machen."

„Was meinst du?", fragte Harry, dem der Kopf von zu vielen Fragen schwirrte.

„Na, hier bleiben können wir jetzt wohl kaum noch weiterhin, oder wie seht ihr das?", antwortete Ron.

„Darüber können wir uns morgen immer noch Gedanken machen", sagte Hermine. „Die heutige Nacht verbringen wir erstmal hier".

„Aber hier gibt er nur ein Bett", erwiderte Ron.

„Gargamel wird sich doch sicher etwas überlegt haben für uns", überlegte Harry.

„Ich kann jedenfalls nichts entdecken, was nach einer Schlafgelegenheit aussieht", entgegnete Ron leicht säuerlich. „Spätestens jetzt sollte euch klar sein, dass Gargamel kein guter Mensch ist".

„Weil er keine Betten für uns hat, ist er für dich also gleich ein schlechter Mensch",

stellte Harry mit gespielter Verblüffung fest.

„Einigen wir uns darauf, dass er zumindest nicht sehr zuverlässig ist", schlichtete Hermine den aufflammenden Streit.

„Und nun?", fragte Ron, nicht ohne Harry einen letzten bösen Blick zuzuwerfen.

„Es sollte doch wohl klar sein wer das Bett bekommt, oder?", fragte Hermine grinsend.

Harry schreckte hoch.

Ein stechender Schmerz im rechten Ohr hatte ihn geweckt.

Verwirrt blinzelte er durch den dunklen Raum und erst jetzt fiel ihm langsam wieder ein wo er war. Er warf einen Blick zu Ron, der in eine Decke gehüllt auf dem Boden neben ihm lag.

Als er in die andere Richtung schaute, zuckte er erschrocken zusammen.

„Was macht ihr hier?", fragte er mit völlig klarer Stimme, obwohl er noch vor zwei Sekunden absolut schlaftrunken gewesen war.

Die beiden Schlümpfe, die neben ihm standen blickten sich ängstlich an.

Dann schupste einer von ihnen den anderen ein Stück nach vorne, so dass er Harry noch näher war.

„Sie werden ihn töten", flüsterte er.