Kapitel 5: Madam Octa

„Du bist spät, die Sonne geht bald unter."

Im Zelt des Vampirs sah alles aus, wie am Abend zuvor als Darren hier angekommen war. Darren sah sich neugierig um, aber Gillian fuhr ihn an: "Was glotzt du? Beeil dich, häng den Mantel auf."

Sie deutete auf eine Schneiderpuppe, und Darren hängte den Mantel darüber.

Doch Gillian war nicht zufrieden: „Etwas ordentlicher, bitte!"

Sie trat neben Darren und strich die Falten des Stoffes glatt und besah sich den Saum. "Ich hoffe die Flecken sind komplett raus?"

Darren zuckte die Schultern. In dem dämmrigen Licht des Zeltes konnte man sowieso nichts genaueres erkennen.

„Und? Was nun?", fragte Darren.

Gillian kniff die Augen zusammen.

„Wie wäre es, wenn du Madam Octa fütterst? Schließlich bist du hier, um dich nützlich zu machen."

Sie lächelte böse, und strich einen Vorhang beiseite der einen Teil des Zeltes abtrennte. Dort stand auf einem Tisch der Käfig mit der großen, blau-roten Spinne darin.

Gillian ging zu dem Tisch herüber und nahm eine Pinzette und ein Glas mit toten Fliegen aus einem Regal. Sie legte beides neben den Käfig, so dass die Spinne hungrig ans Gitter kam, und ihre haarigen Beine durch die Stäbe streckte, nach dem Glas tastend.

Furchtlos ging Darren auf den Käfig zu, und öffnete das Glas mit den Fliegen.

Gillian beobachtete ihn, die Arme vor der Brust verschränkt und lässig gegen eine Zeltstange gelehnt.

Darren kippte das Glas um, und schüttete sich ein paar Fliegen auf die Hand. Er wollte zur Pinzette greifen, überlegte es sich dann aber anders und ließ sie liegen. Stattdessen löste er den kleinen Riegel am Käfig, und öffnete das Gitter.

„Was tust du?!"

Madam Octa, die große haarige Spinne, kam erfreut herausgekrabbelt. Darren hielt ihr die offene Handfläche mit den Fliegen entgegen, und Octa krabbelte darauf.

„Bist du verrückt!", rief Gillian entsetzt, und stürzte von der Zeltstange zu Darren.

Dieser hob die Hand vors Gesicht, so dass er auf einer Augenhöhe mit der Spinne war. „Na, meine Hübsche. Lass es dir schmecken."

Erstaunt sah Gillian wie Madam Octa vorsichtig die Fliegen befühlte, und dann begann, eine langsam zu verspeisen.

„Sie…sie mag dich". Gillian konnte es nicht glauben. „Diese Spinne ist sehr selten und gefährlich. Und sehr giftig. Niemand darf sie so auf die Hand nehmen, außer Master Crepsley", hauchte Gillian fast ehrfürchtig.

Sie glotzte Darren an, als sähe sie ihn zum ersten Mal.

Darren grinste.

Gillian legte den Kopf schief und die Stirn in Falten.

Das war es also.

Der Junge hatte keine Angst vor Spinnen.

Im Gegenteil, er kam sehr gut mit Madam Octa klar.

Das war es sicher, was Mr Crepsley über den Jungen herausgefunden hatte.

Er hatte den Meistervampir beeindruckt, weil seine Spinne ihn mochte.

Gillian kannte die besondere Verbindung ihres Meisters zu dem Krabbeltier.

Sie selbst konnte die Spinne nicht ausstehen, hatte sich aber wohl oder übel an sie gewöhnen müssen. Aber niemals wurde sie aus dem Käfig genommen, ohne dass der Meistervampir dabei gewesen wäre.

Dieser Junge dagegen schien ein angeborenes Talent zu haben, mit Spinnen umgehen zu können.

Gillian war erleichtert.

Larten Crepsley wollte diesen Jungen als Assistenten.

Als Assistenten für die Show!

Er sollte sich um Madam Octa kümmern, vielleicht sogar ein Teil der Nummer werden.

Gillian lächelte und sah zu, wie Darren der fressenden Spinne sanfte Worte zuflüsterte.

Sie schalt sich selbst.

Wie dumm sie doch gewesen war.

Zu glauben, ihr Meister wolle sie, seine Schülerin, von sich stoßen und durch einen dummen Teenager ersetzen.

Gillian, Gillian gib es zu, du warst eifersüchtig.

Sie lachte in sich hinein und legte Darren wohlwollend einen Arm um die Schulter.

Dieser sah erstaunt zu ihr auf, und runzelte die Stirn, ob dieser vertraulichen Geste.

„Gut, gemacht", sagte Gillian, gab Darren einen Klaps auf die Schulter und drehte sich beschwingt um, und ging hinüber zum Sessel.

„Du wirst Master Crepsley in der Show assistieren. Deine Aufgabe wird es sein, dich um Madam Octa zu kümmern."

Insgeheim war Gillian froh, diese Aufgabe abgeben zu können.

Darren sah ebenfalls glücklich aus.

Liebend gern kümmerte es sich um die Spinne.

Sollte Gillian doch die Wäsche waschen und das Hausmädchen spielen.

Er senkte die Hand und ließ Madam Octa zurück in den Käfig krabbeln.

„Hast du gehört?", flüsterte er ihr zu.

„Ich darf mich um dich kümmern. Ich werde auf dich aufpassen, das verspreche ich dir. Es tut mir leid, was passiert ist. Ich werde nicht wieder zulassen, dass dir etwas passiert…"

Darren hatte nicht gemerkt, dass Gillian neben ihn getreten war und zuckte zusammen, als sie ihn anzischte: "Was hast du da gesagt? Was tut dir leid?"

„Nichts!", beeilte sich Darren zu sagen, und wich zurück.

Gillian kam ihm nach. Ihre kohlschschwarzen Augen funkelten gefährlich.

„Du", sie starrte ihn an. „Du warst das. Du bist der Junge, der Octa entführt hat!"

Darren wurde bleich, und stammelte:" Es war ein Fehler…" Er wich weiter vor Gillian zurück, und stolperte fast über eine Kiste.

„Du hast sie entführt. Master Crepsley war außer sich. Er hat den Dieb verfolgt, und ist lange weg gewesen. Als er wiederkam, hatte er Octa dabei. Die Spinne war verletzt. Ich habe gedacht, er hat den Dieb getötet, stattdessen tauchst du hier mit ihm auf. Und er nennt dich seinen Assistenten."

Darren war bis in die äußerste Ecke zurückgewichen, und tastete sich an der Zeltplane entlang Richtung Ausgang.

Gillians starrte ihn zornig und ungläubig an, und sie erinnerte an eine zum Sprung bereite Katze.

„Ja, ich bin sein Assistent. Er hat mir verziehen. Du darfst mir nichts tun!".

„Was ist? Hast du etwa Angst vor mir?", diese Vorstellung schien ihr zu gefallen, denn sie lächelte böse.

„Das solltest du auch. Vergiss niemals, ich bin seine Schülerin."

Sie blieb stehen.

Sie kniff die Augen zusammen und schürzte die Lippen.

Es war als lauschte sie auf ein Geräusch.

„Er hat dir also verziehen? Weil du mit Spinnen umgehen kannst?"

Sie lockerte ihre Haltung.

„Nun, denn. Assistent Darren. Willkommen im Cirque."

Gillian wand sich von ihm ab.

Darren entspannte sich ein wenig. „Da…Danke.", stotterte er, verblüfft über diesen erneuten plötzlichen Sinneswandel.

Sicherheitshalber blieb er, wo er war, in der Nähe des Eingangs, und beobachtete, wie Gillian mit eleganten ruhigen Bewegungen, den Sessel zurechtrückte, Kerzen entzündete und die Karaffe und ein Glas bereit stellte. Dabei ging sie so still und routiniert vor, als hätte sie dieselben Vorrichtungen seit einer langen Zeit abend für abend vollbracht.

Sie ignorierte Darren als wäre er Luft.

Darren wusste nicht, wohin mit sich, und kam sich fehl am Platze vor.

Gerade hatte er sich entschieden, sich aus dem Staub zu machen, und zu seinem Zelt zu Evra zu gehen, da Gillian sich eh nicht mehr um ihn kümmerte, da trat der Vampir Larten Crepsley hinter dem Vorhang hervor.

Darren erhaschte einen Blick auf einen dunklen Sarg

Gillian lächelte ihn an, und der Vampir nickte ihr zu.

Darren war in der Bewegung erstarrt und wagte es nicht, das Zelt zu verlassen.

Er war sich sicher, dass Crepsley ihn schon gesehen hatte.

Der Vampir begab sich ohne ein Wort zu seinem Sessel, und Gillian machte sich daran, ihm ein Glas zu füllen.

Sie reichte es den Vampir, der grunzte und es ihr abnahm.

Darren fragte sich, ob ein Halbvampir auch Blut würde zu sich nehmen müssen.

Gillian jedenfalls schenkte sich kein Glas ein.

Darren hob die Hand und befühlte die halbmondförmigen Male an seinen Fingerkuppen.

Dort wo Mr Crepsley ihn mit seinen messerscharfen Fingernägeln geschnitten und ein wenig Blut mit ihm getauscht hatte.

Gillian hatte ihn beobachtet.

Als er sich über die empfindlichen Fingerspitzen fuhr, trat sie rasch an ihn heran, packte sein Handgelenk, und zog seine Hand dichter ans Kerzenlicht.

Sie starrte auf seine Fingerkuppen.

„Was ist das?", keuchte sie.

Er wand sich in ihrem Griff und versuchte, sich ihr zu entziehen, aber sie hielt sein Handgelenk mit einer erstaunlichen Kraft fest, dass er sich fühlte wie in einem Schraubstock.

„Master Crepsley…", keuchte sie und ließ die Hand los.

„Dass…ihr… ihr habt doch nicht…!"

Der Vampir saß ruhig in seinem Sessel und blickte seine Schülerin wortlos an.

Gillian schüttelte den Kopf, ihr seidenschwarzes Haar flog hin und her, und Tränen schossen ihr in die Augen.

„Gillian." Crepsley hob in einem beruhigenden tiefen Ton an und in seiner Stimme lag Autorität.

Die Schülerin hörte auf den Kopf zu schütteln und sah ihren Meister mit großen Augen an.

„Warum habt ihr das getan?", flüsterte sie.

Der Damm brach und die aufgestauten Tränen quollen aus ihren Augen hervor und liefen ihre blassen Wangen herunter, so dass sich Strähnen ihres schwarzen Haares verklebten.

„Keine Tränen, Gillian", sagte Crepsley streng.

Gillian wimmerte leise und es sah aus, als würde sie zusammensacken oder vor dem Vampir in die Knie gehen.

„Beherrsch dich!", donnerte er los, so dass Gillian und Darren gleichzeitig zusammenzuckten.

Rasch stand er vom Sessel auf und baute sich vor ihr auf.

„Keine Tränen", knurrte er.

„Du weißt, dass ich keine Tränen dulde."

Gillian nickte und schniefte laut, in dem Versuch ihre Tränen zu unterdrücken.

Larten Crepsley sah ihr in die Augen. „Du musst lernen dich zu beherrschen", sagte er streng und Gillian straffte sich. Sie hob das Kinn. Ein letzter Tropfen rollte ihr über die Wange und verlegen wischte sie ihn weg.

Mr Crepsley wandte sich von ihr ab zum Tisch und schenkte sich selbst aus der Karaffe ein.

Er schwenkte das Glas und sah eine Weile zu wie die rote Flüssigkeit hin und her schwang.

Gillian hatte ihre Fassung wiedererlangt und strich sich das Kleid glatt.

Sie würdigte Darren keines Blickes und trat neben den Vampir, um die Karaffe wieder zu verschließen.

Der Vampir sah über den Rand des Glases zu ihr.

„Denn wenn du das nächste Mal weinst, werden es blutige Tränen sein."

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