Kapitel 6: Mr Tiny
„Gib dir gefälligst mehr Mühe. Du musst aufmerksamer für deine Umgebung werden."
Darren war außer Atem.
Seit Stunden übte er mit Gillian „ausweichen". Sie waren auf einer vom Mond beschienenen Wiese in der Nähe des Cirque du Freak.
Darren sollte seine halbvampirischen Instinkte wecken, und Gillian „half" indem sie immer wieder mit der Nacht verschmolz, und sich an ihn heranschlich.
Das war eine ihrer Spezialfähigkeiten: sie konnte Dunkelheit und Schatten um sich hüllen wie einen Schal und praktisch nahezu unsichtbar werden.
Außerdem war sie lautlos wie eine Katze auf Samtpfoten und Darren hatte keine Chance, zu erahnen, aus welcher Richtung sie als Nächstes kommen würde.
Er wusste dass sie es genoss, ihm überlegen zu sein, daher wählte sie unter all den Übungen die sie machen konnten, immer am liebsten diese.
Er gab sich Mühe.
In anderen Übungen war er schon ganz gut.
Zum Beispiel hatte er gelernt zu „flitten".
Sich mit der übernatürlichen Geschwindigkeit eines Vampirs zu bewegen, war eine berauschende Erfahrung, und Darren wurde es nie müde, sich auch nur für kurze Strecken so zu bewegen. Anfangs war er oft mit Gegenständen oder Personen kollidiert, bis er gelernt hatte, rechtzeitig zu bremsen.
Jetzt war das Flitten seine einzige Chance, Gillians Faust zu entkommen, die ihm jedes Mal gnadenlos eine verpasste, wenn er ihr nicht auswich.
Gillian konnte ebenfalls mühelos flitten und oft erahnte sie welche Richtung er nehmen würde, und holte ihn ein.
Darren hatte schon überall blaue Flecken von Gillians schnellen harten Schlägen.
Jetzt hatte er auch noch Seitenstechen.
„Ich geb mir doch Mühe. Ich brauch ne Pause."
„Pause?". Gillian kreuzte die Arme. „Im Kampf gewährt dir dein Gegner keine Pause."
„Welcher Gegner? Als ob Vampire pausenlos kämpfen würden."
Darren war jetzt schon mehrere Wochen im Cirque und er hatte den Vampir Larten Crepsley begleitet, als dieser auf der Jagd nach Blut gewesen war.
Meißtens besorgte er Blut von Tieren; Kaninchen, Ratten, streunenden Hunden oder auch mal eine Ziege..
Aber manchmal besorgte er sich Menschenblut.
Dabei kämpfte er nie, stets hatte er seine Opfer betäubt, und von ihnen getrunken, ohne dass sie etwas bemerkten.
Der Vampir hatte Darren ebenfalls aufgefordert, Menschenblut zu trinken, doch Darren hatte sich bis jetzt geweigert.
Allerdings hatte er Tierblut trinken müssen.
Und er hatte gesehen, dass auch Gillian Blut trank.
Sie war zweifelsohne „mehr Vampir" wie er, obwohl er annahm, dass sie auf demselben Weg zum Halbvampir gemacht worden war, wie er.
Genau wusste er es jedoch nicht.
Er nahm an, dass ihre gesteigerten Kräfte und ihre unheimliche Fähigkeit, die Dunkelheit um sich zu sammeln, davon kam, dass sie schon länger ein Halbvampir war, wie er.
Jedoch hatte sie noch nie darüber gesprochen.
Eigentlich wusste Darren fast gar nichts über die Studentin des Meistervampirs.
„Nein, nicht pausenlos. Nicht mehr. Na gut, machen wir Schluß für heute." Gillian seufzte und setzte sich an einen Baum und sah zum Mond hoch.
„Früher allerdings… da war alles schwieriger gewesen. Und Vampire wie Master Crepsley haben sich oft gegen Angreifer wehren müssen. Im Krieg."
Darren setzte sich neben sie.
„Wie lange bist du schon bei ihm?"
Gillian antwortete nicht und sah ihn nachdenklich an, als überlege sie, wie viel sie ihm sagen wolle.
Darren kam schon zu dem Schluß, dass er sich zu weit hervorgewagt, und etwas zu persönliches gefragt hatte.
Da blickte sie zu Boden und sagte:" Im Oktober sind es fünfzehn Jahre."
Darren war sprachlos.
Fünfzehn Jahre?
Und sie war immer noch nicht zu einem Vampir gemacht worden?
Sollte seine Ausbildung etwa genauso lange dauern?
„Was ist? Was glotzt du?". Ihre Stimme klang gereizt.
„Ich glotze nicht. Ich…".
„Du fragst dich, wie alt ich bin."
Das hatte sich Darren nicht gefragt.
Zumindest nicht gerade, in der Vergangenheit schon, es war schwer einzuschätzen, wie alt sie war. Zwanzig? Fünfundzwanzig? Aber wenn sie schon fünfzehn Jahre bei dem Vampir war, dann…
„Ich war zweiundzwanzig, als ich ihn traf." Sie sah Darren an.
„Du…", er rechnete schnell im Kopf ." Du siehst nicht aus wie…"
„Halbvampire altern langsamer."
Sie lächelte. „Du wirst also noch eine ganze Weile aussehen wie vierzehn."
Gillian stand auf und wischte Staub von ihrem Rock.
„Ich bin sechszehn!".
„Aber so siehst du nicht aus!", lachte sie, doch er wusste, sie wollte ihn nur ärgern.
Darren stand ebenfalls auf. „Peinlich für dich, dass einer der aussieht wie vierzehn, schneller flitten kann wie du."
Gillian grinste und ging drauf ein. "Ach, ja? Wer zuerst bei der Eiche ist?"
Darren nickte.
Er konzentrierte sich, blickte nach vorn und spannte all seine Muskeln an.
Da legte Gillian ihm plötzlich die Hand auf den Arm, und hielt ihn zurück.
„Was ist?", fragte er alarmiert.
Sie schwieg und deutete mit gerunzelter Stirn auf den Waldrand.
Darren lauschte.
Jetzt hörte er es auch.
Jemand kam.
Angespannt warteten sie, bis eine Gestalt am Waldrand auftauchte.
Darrens Muskeln entspannten sich wieder.
Es war Evra Von.
Doch Gillian blieb angespannt. Evra kam raschen Schrittes auf sie zu und Gillian fragte:" Was ist passiert?"
Evra war außer Atem. „Mr Tall schickt mich. Ihr zwei sollt sofort zu Master Crepsleys Zelt. Ein Wagen ist auf dem Weg hierher."
Gillian warf Evra einen fragenden Blick zu.
„Der Wagen gehört Mr Tiny."
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