Kapitel 7: Darren Shan

Master Crepsley hatte sie schon ungeduldig erwartet. Rasch ging er in den hinteren Teil des Zeltes, in den Teil, den Darren mied.

Dort stand der Sarg des Vampirs.

Larten Crepsley öffnete den Sargdeckel und deutete ungeduldig hinein.

Darren zögerte.

„Geh schon", zischte Gillian und schubste ihn unsanft vorwärts.

Darren stolperte nach vorne und sah zu seiner Überraschung, dass der mit Samt ausgeschlagene Sarg keinen Boden hatte.

Stattdessen führten ein paar steinerne Treppenstufen in die Tiefe.

„Beeil dich".

Gillian drängte ihn vorwärts, und Darren blieb nichts anderes übrig, als über den Sargrand zu klettern und die Stufen in die Dunkelheit hinab zu steigen.

Mr Crepsley hielt den Deckel auf, und wartete bis Gillian ebenfalls hineingeklettert war. Dann machte er Anstalten, ihn zu schließen.

„Kommt ihr nicht mit?". Gillian drehte sich erschrocken zu ihm um.

Crepsley beugte sich zu ihr herunter.

„Ich komme nach. Passe auf Darren auf." Und der Deckel schloß sich über ihnen.

Darren stolperte die Stufen hinunter.

Vor ihm tat sich ein Raum auf, der wie ein Teil der Kanalisation aussah. Ein paar große hölzerne Kisten standen an den Wänden aufgereiht, und ganz hinten befand sich ein weiterer Sarg.

Gillian kam kurz nach ihm.

Sie blickte immer wieder über die Schulter, als hoffe sie, Master Crepsley hätte es sich anders überlegt und würde ihnen doch noch folgen.

Darren versuchte, in eine der Kisten zu gucken, aber sie waren zugenagelt.

„Was ist das hier?"

„Siehst du doch. Ein Geheimversteck."

Darren kletterte auf eine der Kisten, lehnte sich an die Wand und ließ die Beine baumeln.

„Und wie lange müssen wir hier unten bleiben?"

„So lange, bis Master Crepsley sagt, wir können wieder herauskommen", sagte Gillian gereizt und fing an, im Raum auf und ab zu gehen.

„Wer ist dieser Mr Tiny?"

„Ein sehr gefährlicher Mann. Es ist nicht gut, das Master Crepsley ihm entgegen treten will." Sie kaute auf ihrer Unterlippe.

Gillian hatte Angst. Es gefiel ihr gar nicht, hier unten sein zu müssen, ohne mitzubekommen, was draußen vor sich ging.

Was, wenn Larten angegriffen wurde?

Sie wünschte sich, sie könnte bei ihm sein.

Wenn Darren nicht wäre, hätte er sie nie weggeschickt.

Paß auf Darren auf, hatte er gesagt.

Deswegen musste sie hier unten ausharren, während sie lieber an seiner Seite wäre. Und auf diesen nervtötenden Halbvampir aufpassen mußte.

Sie verabscheute Darrens Anwesenheit.

Auch wenn sie sich damit abgefunden hatte, und sich dem Willen ihres Meisters beugte.

Sie konnte noch immer nicht glauben, dass Darren der neue Schüler Crepsleys werden sollte.

Andererseits bedeutete seine Anwesenheit, dass ihre Ausbildung bald ein Ende hatte.

Bald würde Master Crepsley sie zu einem Vampir machen.

Sie konnte es kaum erwarten.

Ein kribbeliges Gefühl durchfuhr sie jedes Mal, wenn sie daran dachte, und sie konnte ein Lächeln nicht unterdrücken.

Aber der Junge.

Sie warf ihm einen scheelen Seitenblick zu.

Sie hatte sich noch immer nicht an ihn gewöhnt, obwohl er jetzt schon einige Wochen im Cirque war.

Was fand der Meister nur an ihm?

Er war laut, nervig, aufsässig, ungehorsam und faul.

Zugegeben, er konnte mit der Spinne umgehen, und manchmal war er ganz nett. Zu nett. Fast niedlich in seiner Naivität.

Er hatte hier nichts zu suchen.

Er sollte kein Vampir sein. Das war einfach falsch.

„Jetzt hocken wir hier also im Keller…" Darren wippte mit den Füßen und sah sich gelangweilt um. „Ich wünschte, ich könnte das Steve erzählen. Der dachte nämlich, Vampir zu sein, wäre eine aufregende Angelegenheit."

„Was hast du da gesagt?"

„Ich meinte nur, wenn mein Freund das hier sehen könnte, würde er es sich vielleicht überlegen, und nicht mehr ein Vampir sein wollen."

„Wie hieß dein Freund?" Gillian hatte die Augen zusammen gekniffen.

„Steve. Wieso?"

„Ich kenne diesen Namen."

Darren wurde plötzlich unwohl zumute. Gillian musterte ihn so durchdringend.

„Vielleicht hab ich ihn mal erwähnt, oder so…"

„Nein, hast du nicht…" Gillian starrte ihn an, als könne sie die Erinnerung daran, wo sie den Namen schon einmal gehört hatte, aus ihm heraussaugen.

„Steve?" Gillian murmelte vor sich hin. „Steve, der gerne Vampir wäre?"

Plötzlich weiteten sich ihre Augen. „Dein Freund ist der Verrückte, der Master Crepsley und Gavner Purl angefleht hat, ihn zum Vampir zu machen!"

Darren erbleichte. „Was? Wie kommst du denn auf so etwas…"

Gillians Kopf ruckte herum und ihre Augen wurden zu Schlitzen. „Dein Freund und du, ihr ward in der Vorstellung."

Langsam kam sie näher.

„Nach der Show hast du dich in das Büro geschlichen und Octa entwendet, während dein Freund für ein Ablenkungsmanöver sorgte."

Darren wurde übel bei der Erinnerung an diesen Abend. Nicht nur, dass er in einem Schrank versteckt hatte mit anhören müssen, wie sein bester Freund sich einem Vampir an den Hals warf, er hatte auch um seiner selbst willen Todesängste ausgestanden, denn er hatte die giftige Lieblingsspinne des Vampirs unter seiner Jacke versteckt gehabt.

„Nein, so war es nicht!"

„Ach, nein?"

„Steve war kein Ablenkungsmanöver. Er wusste nicht, dass ich da war. Er wollte wirklich ein Vampir werden. Das hat er sich schon immer gewünscht."

Gillian war in Reichweite von ihm stehen geblieben, und Darren zog seine Beine zu sich heran, damit sie ihn nicht packte.

„Aber er hat nicht bekommen, was er wollte. Stattdessen bist du hier", sagte sie nachdenklich.

Darren traten Tränen in die Augen. „Nicht nur das", hauchte er. „Octa hat ihn gebissen. Er wäre fast gestorben. Und ich war Schuld."

Jetzt blickte Gillian ihn interessiert an. „Octa hat deinen Freund gebissen?"

„Ja. Ich habe Crepsley angefleht mir das Gegenmittel zu geben."

Gillian öffnete erstaunt ihren Mund.

„Er hat es mir gegeben. Unter der Bedingung, dass ich sein Assistent werde."

Schweigen senkte sich über den Raum.

„Du hast es nicht gewollt…", flüsterte Gillian, und es war unklar, ob sie den Biss der Spinne meinte, oder seine Verwandlung in einen Halbvampir.

Darren hatte die Arme um seine Knie geschlungen.

Er schüttelte schweigend den Kopf.

Gillian trat von der Kiste auf der er saß zurück, und ging zum anderen Ende des Raumes, wo sie sich, in Gedanken versunken, ebenfalls setzte.

Eine Stunde mochte vergangen sein, in der beide schweigend ausgeharrt hatten, als ein Geräusch sie ihre Köpfe zum Ausgang drehen ließ.

Der Vampir Larten Crepsley kam die Treppe herunter, sein roter Mantel schleifte über die Steinstufen.

Gillian sprang auf. „Master Crepsley! Ist alles in Ordnung?"

Mr Crepsley hob beruhigend die Hand. „Gewiß."

Gillians Augen leuchteten und sie sprang auf ihn zu. „Ich habe mir Sorgen gemacht."

Sie sah aus, als wolle sie sich in seine Arme werfen, doch der Vampir ging an ihr vorbei, ohne sie zu beachten.

„Wir werden den Tag hier verbringen. Mr Tiny ist zwar wieder weg gefahren, aber ich will nicht dass der Cirque in Schwierigkeiten gerät."

„Was wollte er?", fragte Gillian.

Crepsley drehte sich zu ihnen um. Er sah beide lange und durchdringend an. Dann deutete er mit dem Kinn auf Darren: „Den Jungen."

Gillian und Darren hielten den Atem an.

„Ich habe es mir allerdings zur Politik gemacht, Mr Tiny nicht zu geben, was er will." Und zu Darren gewandt fügte er hinzu: "Du bist hier sicher. Gillian wird tagsüber auf dich aufpassen. Vorsichtshalber werdet ihr beide heute diesen Raum nicht verlassen."

Gillian nickte.

Der Vampir öffnete den Deckel des Sargs und kletterte hinein.

Er warf Gillian noch einen eindringlichen Blick zu, dann schloß er den Deckel wieder.

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