Kapitel 8: Gillian

Gillian hatte die Arme gekreuzt und stand an den Steinstufen Wache. Darren hatte versucht auf der harten unbequemen Kiste zu schlafen, war aber bisher erfolglos gewesen.

Außerdem hatte er Angst.

Wer war dieser Mister Tiny, und was wollte er von ihm?

Und wenn er so gefährlich war, war dann die Halbvampirin Gillian wirklich in der Lage, ihn zu beschützen? Würde Crepsley aufwachen können, wenn draußen die Sonne schien?

Hier unten fühlte er sich jedenfalls in der Falle.

Gillian dagegen war ganz ruhig. Sie hatte keine Angst. Jetzt nicht mehr.

Master Larten Crepsley war ganz in der Nähe, er ruhte in seinem Sarg, und wenn Gefahr drohte, würde er es sofort spüren.

Außerdem war sie sehr wohl in der Lage, sich zu verteidigen. Ihre halbvampirischen Kräfte waren gut ausgebildet. Sie spürte, dass sie am Limit dessen war, was ein Halbvampir leisten konnte. Ihre Kräfte würden erst stärker werden, wenn sie endlich zu einem richtigen Vampir wurde.

Bald.

Wieder spürte sie ein aufgeregtes Kribbeln in der Magengegend. Wie Schmetterlinge. Wie verliebt sein.

Sie wünschte es sich so sehr, und schon so lange. Jahrelang hatte sie dem Vampir treu gedient, war geduldig, loyal und gehorsam gewesen. Sie hatte gelernt, ihm zu vertrauen.

Und doch… doch hatte es Zeiten gegeben, in denen sie an ihm gezweifelt hatte.

Gezweifelt, ob er sie jemals zu seinesgleichen machen würde.

Ebenbürtig.

Sie hatte manchmal das Gefühl gehabt, dass er ihre Verwandlung unnötig herauszögerte.

Sie war soweit. Lange schon. Ihre Ausbildung war abgeschlossen.

Worauf wartete er?

Gillian warf einen Blick auf den Jungen.

Darren lag auf dem Rücken und starrte an die Decke. Er konnte nicht einschlafen, wahrscheinlich machte er sich Gedanken.

Der Assistent des Vampirs.

Hatte Crepsley gewartet, bis er einen Ersatz für Gillian als Schülerin gefunden hatte?

Nein, das konnte nicht sein, denn sie wußte, dass es vor ihr niemanden an der Seite des Vampirs gegeben hatte, ja, sogar, dass er niemals jemanden hatte ausbilden wollen.

Darren war nur ein dummer Junge, der in etwas hinein gestolpert war, von dem er nichts verstand.

Was wollte Mr Tiny von ihm?

Er würde den Jungen benutzten, um einen Grund zu haben, Streit mit Larten Crepsley zu entfachen.

Eigentlich sollte sie dem Jungen dafür dankbar sein, denn weil er hier war, war Larten bestimmt bald endlich bereit, ihre Verwandlung abzuschließen.

Es war kein Platz für zwei Studenten in seinem Leben.

Bald würde sie so sein wie er.

Gillian schloß für einen Moment lächelnd die Augen und atmete tief ein.

In ihrem Bauch krabbelte eine Tarantel mit sanften Beinen und löste dieses kitzlige Gefühl aus.

Wie gerne wäre sie jetzt bei ihm.

Wenn Darren nicht da wäre, hätte sie sich zu ihm gelegt.

Gillian zögerte.

Konnte sie?

Die Versuchung war groß.

Ich kann von dort aus genauso gut aufpassen, dachte sie trotzig.

Entschlossen verließ sie ihren Posten, und ging hinüber zum Sarg.

Darren drehte den Kopf und blickte sie erstaunt an.

Gillian hob den Deckel und blickte auf den Vampir herab, der mit geschlossenen Augen ruhte.

Sie kletterte zu ihm und schmiegte sich an ihn.

Bevor sie den Sarg schloss, warf sie Darren noch einen hochmütigen Blick zu.

Jetzt weißt du, wo du stehst, dachte sie.

Ich stehe Larten sehr viel näher als du.

Zufrieden schloß sie den Deckel über sich.

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