Kapitel 9: Larten Crepsley

Im Sarg war es eng. Gillian schlang ihre Arme und ein Bein um Larten und legte ihren Kopf auf seine Brust. Der Vampir rührte sich nicht.

Sie schloß die Augen und atmete seinen Duft ein.

Meister…

Gillian versuchte ihr pochendes Herz zu beruhigen. In der Brust des Mannes unter ihr regte sich nichts, kein Atem, kein Herzschlag, so dass ihr das Trommeln des eigenen Herzens unnatürlich laut vorkam. Sie wünschte, sie könnte ihrem Körper befehlen, aufzuhören zu atmen, sie wusste, sie würde nicht ersticken, ihr Halbvampirisches Blut ließ das nicht zu. Dennoch signalisierte ihr der Körper, dass der Sauerstoff knapp wurde, und Panik begann in ihr hochzukriechen.

Ruhig, ganz ruhig, ich muß nicht atmen.

Gillian konzentrierte sich auf diese Worte, wie auf ein Mantra, und langsam, ganz langsam, wurde sie ruhiger, ihr Atem und Herzschlag flacher und das klaustrophobische Gefühl wurde schwächer.

Bald lag sie regungslos da, und man hätte sie für ebenso tot halten können, wie den Vampir.

Larten, was ist es, was ihr vorhabt?

Gillian wusste, dass der Vampir sich in einer Art Trancezustand befand, bei dem er nicht hören würde, wenn sie sprach und nicht reagieren würde, wenn sie sich bewegte. Zu diesen Stunden, wenn die Sonne am Himmel stand, waren Vampire am verwundbarsten. Zwar war er in der Lage aufzuwachen, jedoch kostete es ihn ungeheure Mühe und Kraft – und Blut - sich bei Bewusstsein zu halten und zu agieren, selbst wenn er sich wie jetzt geschützt vor Sonnenlicht tief unter der Erde befand.

Aber Gillian ahnte, dass ihr Meister wahrnahm, was um ihn herum geschah.

Als sie ihn das erste Mal in diesem Zustand erlebt hatte, hatte sie große Angst gehabt. Eines Tages hatte die Neugierde gewonnen und sie hatte all ihren Mut zusammengenommen und es gewagt, den Deckel des Sarges in dem er schlief, anzuheben und hineinzublicken. Er hatte leblos dagelegen, wie ein Toter, und je länger sie ihn angestarrt hatte, desto schwerer war es ihr gefallen, zu glauben, dass er je wieder aufstehen und herumlaufen würde.

Fast hatte sie angefangen zu zweifeln, dass er jemals herumgelaufen war und mit ihr gesprochen hatte, und sie hatte begonnen zu glauben, sich alles nur eingebildet zu haben.

Doch als die Sonne hinter dem Horizont verschwunden war, hatte der Vampir seine Augen geöffnet und war dem Sarg entstiegen, erfrischt, als hätte er ein angenehmes Nickerchen gehalten.

Sie hatte fürchterliche Angst gehabt, dass der Vampir zornig darüber wäre, dass sie seinen Sarg geöffnet hatte, während er darin ruhte. Jedoch hatte er es mit keinem Wort erwähnt, und Gillian hatte sich gefragt, ob er überhaupt wusste, dass sie es getan hatte.

Dann eines Nachts, war sie das erste Mal zu ihm in den Sarg geklettert.

Es war eine stürmischer bitterkalter Tag gewesen, und sie und Larten waren gezwungen gewesen auf einem Friedhof in eine unbekannte Gruft einzubrechen, kurz bevor die Sonne aufging. Sie war müde, erschlagen und verängstigt gewesen.

Da war sie zu ihm in die improvisierte Behausung gekrochen und hatte sich an ihn gekuschelt. Auch wenn Lartens Körper ihr keine Wärme spenden konnte, so hatte sie sich sofort sicher und beschützt gefühlt, und war vor Erschöpfung eingeschlafen.

Als sie wieder erwacht war, hatte der Vampir sich nicht geregt, und er hatte nie zu verstehen gegeben, dass er wusste, dass sie bei ihm gelegen hatte.

Und doch war Gillian sich sicher, dass er es spürte.

Sie war noch ein halber Mensch und in ihren Adern strömte Blut.

Sie wusste, dass Larten sie wahrnahm, wenn sie so dicht bei ihm lag, auch wenn er bewusstlos erschien.

Gillian tastete mit der linken Hand bis diese auf dem Gesicht des Vampirs zu ruhen kam. Sanft fuhr sie ihm mit den Fingerspitzen über Wange und Lippen.

Sie seufzte, presste sich dichter an ihn, und verbarg ihr Gesicht an seinem Hals.

„Larten…", flüsterte sie und atmete den Duft seiner Haut ein.

Seine Haut war kalt und sein Körper roch nicht lebendig. Seiner Kleidung entströmte ein Patchouli ähnlicher Duft. Doch darunter nahm ihre empfindliche Nase einen weiteren Geruch war: den Geruch seines Blutes.

Vampirblutes.

Die Adern an seinem Hals pulsierten nicht, und auf seinen Wangen war kein Hauch von Röte. Dennoch trug er einen Duft an sich, der in Gillian ein Kribbeln entstehen ließ, das von ihrer Kopfhaut bis in ihre Fingerspitzen kroch.

Dies war nicht der Geruch gewöhnlichen Blutes.

Gewöhnliches, echtes, warmes Blut, ließ ihr den Magen knurren und machte sie hungrig, wie einen Tiger, vor allem wenn sie lange keines bekommen hatte.

Lartens Blut dagegen, elektrisierte sie.

„Wann werdet ihr mich zu euch holen?", flüsterte sie an seinem Ohr. „Ich bitte euch, Meister, ich bin so weit. Macht mich endlich zu Euresgleichen. Lasst mich an eurer Seite kämpfen, wenn ihr Euch gegen Mr Tiny stellen wollt. Lasst mich euch endlich als nützlich erweisen".

Ihre Hand fuhr an seinem Hals lang und ihre messerscharfen Fingernägel ritzten seine Haut.

Gillian wusste, sie spielte mit dem Feuer.

Wenn sie einen schlafenden Vampir verletzte, war es gut möglich, dass dieser instinktiv reagierte, und sie angriff, bevor er wahrnahm, um wen es sich bei dem Angreifer handelte.

Dennoch schob sie seinen Hemdkragen sachte beiseite und verpasste seinem Hals einen kleinen Schnitt, gerade tief genug, dass ein wenig Blut hervorquoll.

Sanft presste sie ihre Lippen auf die Wunde und leckte den hervorquellenden köstlichen Tropfen auf.

Ein Schauder durchlief ihren Körper, während das Blut auf der Zunge prickelte und ihr Herz pochen ließ.

Die kleine Wunde hatte sich unter ihren Lippen fast sofort geschlossen, so dass sie nur einen winzigen Schluck genommen hatte, doch ihre Sinne forderten mehr.

Bevor sie jedoch reagieren konnte, bewegte der Vampir sich: sein Arm schoß hervor und packte sie unsanft am Nacken.

Ein Knurren entfuhr seiner Brust, das Gillian zu jedem anderen Zeitpunkt vor Furcht hätte erstarren lassen.

In diesem Moment jedoch war sie zu keinem Gedanken fähig, das Vampirblut rauschte durch ihren Körper und hinterließ ein Hochgefühl, wie auf Droge.

„Gillian", knurrte der Vampir.

Er zog sie mit nur einer Hand von seinem Hals weg, doch Gillian rekelte sich vor Wonne und schlang Arme und Beine um ihn.

„Was fällt dir ein !?!", schalt Larten sie.

Sie hörte jedoch kaum hin, fühlte dem Geschmack seines Bluts auf ihrer Zunge nach, und hatte das Gefühl, sich ihm nahe zu fühlen, wie noch nie.

Und dieses Gefühl war so großartig für sie, dass es ihr egal war, ob ihr Meister zornig auf sie war.

Sie würde jede Strafe, die er ihr geben mochte, geduldig ertragen, wenn sie sich dafür, und sei es auch nur für kurze Zeit, sich ihm so nahe fühlen durfte wie jetzt.

Larten Crepsley schluckte hart, als er verstand, was sie fühlte.

Gillian zitterte, als der Vampir seinen Griff in ihren Nacken verstärkte, und ihr Hochgefühl verflog, als sie merkte wie zornig ihr Meister war.

Hatte sie sich getäuscht? Für eine Sekunde war ihr gewesen, als spüre sie, wie Larten sich ebenso sehr nach ihrer Nähe sehnte, wie sie sich nach ihm.

Als hätte sein Blut transportiert, was er fühlte.

Doch das Gefühl war verflogen, jetzt war da nur der eiskalte Verstand des Vampirs und die einzige Emotion, die er zu haben schien, war Wut.

Was Larten sagte, war jedenfalls unmissverständlich: „Du hast einen Auftrag; bewache den Jungen!", und sein starker Arm zerrte sie von sich weg, während er sich aufrichtete und den Sargdeckel aufschob.

Gillian wurde aus dem Sarg geschleudert dessen Deckel sich sofort wieder schloß, bevor sie einen Blick auf das Gesicht des Vampirs hatte werfen können.

Sie rappelte sich vom kalten Steinboden auf und rieb sich den Ellbogen.

Sie versuchte weder zu zittern, noch zu weinen, denn sie wollte nicht, dass Darren sah, wie verängstigt sie war.

Sie wand sich rasch ab und wollte ihre Haare richten.

Doch ein neuer Schreck ließ ihr alles Blut aus dem Gesicht weichen.

Darren war nirgendwo zu sehen.

Der Assistent des Vampirs hatte sich aus dem Staub gemacht.

******