Kapitel 11: Gillian
Das Haus des Shans war am anderen Ende der Stadt.
Gillian warf einen Blick zum Himmel und fluchte. Es war noch zu hell, die Dämmerung würde erst in einer Stunde einsetzen. Am schnellsten wäre sie, wenn sie dorthin flitten würde. Sich jedoch am helllichten Tag mit der übernatürlichen Geschwindigkeit eines Vampirs zu bewegen, war unklug.
Was, wenn sie gesehen wurde?
Gillian flittete daher nur durch den Wald bis zur Strasse, wo sie sich ein Taxi heranrief.
Sie nannte die Adresse, und knallte die Tür zu.
„Und machen sie schnell, ich habe es eilig!"
Der korpulente Mann hinter dem Steuer, warf ihr einen belustigten Blick zu, woraufhin Gillian ein Bündel Scheine aus ihrem Stiefelschacht zog und auf das Armaturenbrett warf.
„Wie Sie meinen, junge Frau", brummte der Fahrer. "Aber anschnallen, bitte."
Ungeduldig zerrte Gillian den Gurt hervor und klickte sich ein.
Der Mann gab Gas, und während sie durch die Stadt flogen, starrte Gillian verdrießlich auf die sanft vor der Lüftung flatternden Scheine.
Davon hatte sie sich neue Stiefel kaufen wollen.
Der Vampir und sie lebten von dem, was ihre Auftritte im Circus abwarfen. Und das war nicht viel. Freilich benötigten sie auch weder Geld für Essen, noch für Miete oder Strom und zahlten auch keine Steuern. Aber manchmal war das Geld doch sehr knapp, und Gillian wünschte sich den einen oder anderen Komfort.
Oder eben diese Stiefel, die sie in der Innenstadt vor wenigen Wochen gesehen hatte, und auf die sie seither fleißig sparte.
Der Taxifahrer hielt Wort und schlängelte sich im dichten Feierabendverkehr geschickt an allem vorbei, ohne das wütende Hupkonzert hinter sich zu beachten.
Schneller als gehofft kamen sie in dem Wohnviertel an, in dem das Haus von Darrens Eltern stand.
Gillian ließ den Fahrer in einer Seitenstrasse halten, denn sie wollte nicht direkt vorfahren, und sprang aus dem Wagen. „Der Rest ist für sie!"
Dann schlich sie durch die Vorgärten bis zum Haus.
Es war noch immer zu hell, um sich in Schatten zu hüllen, auch wenn ein schmaler Streifen grau am Horizont erschienen war. Sie wusste nicht, ob sie sich die Dunkelheit wünschen sollte, oder nicht, denn einerseits kam sie sich sehr hilflos und entblößt vor – sie war es gewöhnt, sich nahezu unsichtbar machen zu können- andererseits bedeutete, das mit Einbruch der Nacht auch andere hierher unterwegs sein könnten.
Diener Mr Tinys.
Oder gar Vampaneze.
Das Haus lag ruhig da, kein Wagen stand in der Auffahrt.
Von Darren keine Spur.
Gillian umrundete das Grundstück, und fand ein Fenster im oberen Stockwerk, das offen stand. Sie sah sich um, und als sie sicher war, dass keiner sie beobachtete, huschte sie unter die Veranda, und kletterte auf das Geländer, um sich an der Dachkante hochzuziehen.
Rasch warf sie noch einen Blick über die Schulter, bevor sie sich über das Fensterbrett in den dahinter liegenden Raum schwang.
Sie blieb geduckt, wo sie war, bis sie sich mit einem Blick versichert hatte, dass niemand im Raum war.
Es war ein Badezimmer.
Die Tür war nur angelehnt, und Gillian lauschte auf Geräusche.
Als alles ruhig blieb, huschte sie auf den Flur und warf einen Blick in die angrenzenden Räume.
Dort fand sie Darren.
Er saß auf dem Bett in seinem Zimmer und starrte auf ein altes Spielzeug in seiner Hand.
Leise schlüpfte Gillian zu ihm und schloß die Tür hinter sich.
Erschrocken sah er auf, als die Tür leise klickte.
„Darren!", zischte sie. „Bist du bescheuert, abzuhauen und ausgerechnet hierher zu kommen?"
Darren legte das Spielzeug beiseite, und rutschte nervös vom Bett. „Du kapierst das nicht! Für dich ist das alles geil, in düsteren Kellern rumhängen und so, aber ich habe das nicht gewollt!"
„Du kannst nicht zurück. Sie glauben, du bist tot."
„Das weiß ich doch! Aber ich konnte nicht anders. Ich musste sehen, ob es ihnen gut geht." Er machte eine hilflose Geste, die den Raum und das Haus unter ihm einschloß.
Gillian lauschte auf Geräusche im Haus.
„Sie sind übrigens noch nicht da."
Gillian entspannte sich ein wenig, wollte jedoch so schnell wie möglich wieder weg.
Darren ging im Zimmer herum.
„Sie haben alles so gelassen wie es war, an jenem Tag", sagte er mit erstickter Stimme, und fuhr mit den Fingern über ein aufgeschlagenes Buch auf seinem Schreibtisch.
„Wir müssen jetzt gehen, Darren". Gillian klang streng.
„Mann, das ist nicht leicht für mich. Du und Larten, ihr tut immer so cool, aber ihr habt auch mal Eltern und Freunde gehabt. Wie war es für dich, als du dich für immer von deinem Vater trennen mußtest?"
Gillian blickte ihn aus schwarzen Augen kalt an. Ihr Gesicht war unbewegt, als sie sagte: "Meinen Vater habe ich nie gekannt, und meine Mutter habe ich gehasst. Ich habe mich schon immer alleine durchschlagen müssen. Wenn jemand jemals so etwas wie ein Vater für mich gewesen ist, dann ist es Larten."
Darren starrte sie an.
„Und wie wäre es dann für dich, ihn verlassen zu müssen?".
Darren sah, dass seine Worte gesessen hatten, wandte sich von ihr ab, und wollte zur Tür gehen.
Doch Gillian packte ihn am Handgelenk.
„Wo willst du hin?", zischte sie.
„Zu meiner Schwester Annie. Sie kommt bald nach hause, ich will in ihrem Zimmer auf sie warten."
Gillian, verstärkte den Druck auf sein Handgelenk.
„Au! Keine Sorge, ich versteck mich im Schrank, ich zeige mich ihr nicht."
„Du machst alles nur noch schlimmer. Es wird dadurch nur immer schwerer für dich werden, dich endgültig zu verabschieden." Gillian und Darren starrten einander an, wie zwei Katzen im Duell.
Schließlich ließ sie sein Handgelenk los und sagte: "Außerdem bringst du sie in Gefahr. Was, wenn das Haus unter Beobachtung steht und sie nur darauf warten, dass du hierher zurückkommst? Mr Tiny ist hinter dir her. Und die Vampaneze vielleicht auch."
Die untergehende Sonne warf lange Schatten in das Zimmer und tauchte alles in einen blauen Schein.
„Was sind Vampaneze?", fragte Darren.
„Gefährliche Vampire. Vampire, die sich nicht unter Kontrolle haben. Komm jetzt. Wir verschwinden schnell."
Sie ließ Darren stehen, und ging zum Fenster, um es zu öffnen. Sie schwang sich auf das Fensterbrett und blickte durch ihr langes schwarzes Haar zu ihm zurück. „Kommst du?"
Darren nickte.
Gillian ließ sich einfach fallen, ihr Kleid folgte wie eine flatternde Schwinge.
Darren hatte die wenigen Schritte zur Fensterbank noch nicht zurückgelegt, da hörte er einen dumpfen Aufprall und ein unterdrücktes Stöhnen.
Er stürzte ans Fenster und steckte den Kopf heraus. „Gillian?"
Der Garten lag bereits im Dunkeln, und Darren kam gerade noch rechtzeitig um zu sehen, wie Gillian von einer unbekannten Kraft mit Wucht gegen einen Baum geschleudert wurde, dass es krachte, und dieser bis in die Spitze erzitterte.
„Gillian!"
Ein Mann trat aus dem Schatten eines Gebüschs hervor und blickte zum Fenster hoch.
Darren zuckte zurück und duckte sich unter das Fensterbrett. Wer war das? Der Mann hatte wild und gefährlich ausgesehen.
Darren sprang auf und rannte über den kurzen Flur schlitternd die Treppe hinunter und stürzte aus der Haustür auf der anderen Seite des Hauses. Er rannte um die Ecke in den dunklen Garten, und sah gerade noch wie die Gestalt sich mit blitzenden Zähnen und zu Klauen geformten Händen auf das Mädchen stürzte, das noch immer am Fuß des Baumes zusammengesunken lag.
Doch Gillian war nicht bewusstlos. Sie hatte gewartet, bis der Mann sich auf sie stürzte, und verpasste ihm in letzter Sekunde einen Tritt mit beiden Beinen, der den Angreifer davon schleuderte; wenn auch nicht so weit und so hart, wie sie geflogen war. Sofort kam sie auf die Beine und nahm eine kampfbereite Stellung ein, und auch der Fremde rappelte sich so schnell auf, dass Darren die Bewegung kaum wahrnehmen konnte.
Ihm wurde schlagartig klar, dass es sich bei dem Angreifer um keinen Menschen handelte. Der Mann war ein Vampir.
Oder vielleicht sogar einer dieser schrecklichen Vampaneze, die Gillian erwähnt hatte?
Ihm gefror das Blut in den Adern, und er blieb wie erstarrt stehen.
Ein schwarzer Schatten schoß auf ihn zu, und irgendwo tief in ihm drin, regte sich der Gedanke, dass jetzt der Moment gekommen war, umzusetzen, was er bei Gillian gelernt hatte. Doch er war noch immer wie gelähmt und seine Muskeln gehorchten ihm nicht, da traf ihn ein harter Schlag an der Schulter und er stürzte zu Boden.
Schwarzes seidiges Haar peitschte ihm ins Gesicht, und er begriff, dass Gillian sich auf ihn geworfen hatte, um zu verhindern, dass der Mann ihn erwischte.
Gillian schrie, und als sie sich von ihm herunterrollte und neben ihm keuchend auf ihren Knien kauernd hocken blieb, sah er wie sie sich die Hände auf die rechte Seite drückte.
Sie war verletzt.
Die scharfen Klauen des Mannes hatten ihr mehrere tiefe Schnitte verpasst, und Gillian zog scharf die Luft zwischen den Zähnen ein, bevor sie ihm zuzischte: "Los. Hau ab."
Und als er nicht gleich gehorchte: "Verschwinde!"
Und Darren floh.
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