Kapitel 12: Murlough

Darren Shan rannte so schnell durch die dämmerigen Strassen, dass er nicht mehr als ein verschwommener Schemen war. Zum Glück kannte er sich seit seiner Kindheit hier gut aus, so dass es ihm nicht schwer fiel, sich mit der Geschwindigkeit eines Vampirs fortzubewegen ohne dabei mit Straßenschildern zu kollidieren.

Erst als er mehrere Blocks von dem Haus seiner Eltern, in deren Vorgarten gerade ein Kampf tobte, entfernt war, blieb er keuchend stehen und schnappte nach Luft.

Was tat er hier? War es richtig gewesen, abzuhauen und Gillian allein zu lassen?

Hastig warf er einen Blick über die Schulter.

Aber niemand schien ihm gefolgt zu sein.

Bedeutete das, Gillian hatte es geschafft, den Vampaneze aufzuhalten?

Aber, was geschah mit ihr?

Kalte Furcht kroch ihm den Rücken hoch, und er fühlte sich wie ein elender Feigling.

Er sah das grinsende dreckverschmierte Gesicht des Angreifers vor sich, und seine blitzenden Zähne und messerscharfen Klauen.

Sie war verletzt worden, er hatte gesehen, wie Blut aus den Schnitten an ihrer Seite getreten war.

Viel Blut.

Darren sank das Herz. Sie hatte keine Chance.

Sie war nur eine Halbvampirin, und der Vampaneze war schrecklich schnell und stark gewesen.

Vielleicht hang er jetzt schon an ihrer Kehle und saugte das Leben aus ihr heraus…

Was sollte er tun?

Zurück laufen und Gillian helfen, auch auf die Gefahr hin, dass er selbst dann getötet wurde? Oder schnell zum Cirque rennen, und Larten Crepsley zu Hilfe holen?

Er könnte es sich nie verzeihen, wenn Gillian wegen ihm etwas zustoßen würde.

Oh, verdammt, wie konnte er Mr Crepsley Bescheid geben, ohne Zeit zu verlieren? Warum hatte der elende Vampir kein Handy?

Darren fluchte und wünschte sich, er könnte Mr Crepsley in Gedanken eine Nachricht senden, wie die Vampire in den Filmen.

Scheiße, warum klappte so etwas nicht in der Wirklichkeit? Wenn er bereits ein richtiger Vampir wäre, würde er dann jetzt seinen Vampirmeister herbeirufen können?

Darren kickte einen Stein vom Gehweg, und stieß die Fäuste in die Taschen seiner Lederjacke.

Er hatte sich entschieden.

Er würde zurückgehen.

Gerade nahm Darren einen tiefen Atemzug und wappnete sich, um erneut zu flitten, da tauchte ein verwischter Streifen in der Seitenstrasse auf.

Darrens Herz setzte aus.

Ein Vampir war in die Strasse geflittet.

War es Gillian?

Oder der Vampaneze?

Er duckte sich hinter einen Müllcontainer und spähte vorsichtig um die Ecke.

Es war nicht Gillian.

Aber es war auch nicht der mysteriöse Killer.

Es war Larten Crepsley.

Darren war noch nie so froh gewesen, den orangeroten Haarschopf des alten Vampirs zu sehen. Er stürzte hinter dem Container hervor auf ihn zu, und rief aufgeregt: "Gillian, ihr müsst ihr helfen, sie wird angegriffen!"

Larten packte ihn an beiden Schultern: "Wo?"

„Im Garten meiner Eltern!"

Der alte Vampir fackelte nicht lange: "Spring auf!" und deutete auf seinen Rücken. Darren verschwendete keine Zeit damit, seinem Meister erklären zu wollen, dass er schon alleine flitten konnte, sondern schwang sich ohne zu zögern auf seinen Rücken.

Larten schoß davon.

Darren war froh, dass er mit durfte und nicht von Mr Crepsley nach hause geschickt worden war.

In sekundenschnelle waren sie zurück in dem Viertel, wo das Haus der Familie Shan stand.

Sie stoppten im Nachbargarten und spähten durch die Hecken.

Tiefe Dunkelheit umgab das Haus.

Darren blinzelte verwirrt.

Die Sonne war bereits vollständig hinter dem Horizont untergetaucht, und der Mond war nur eine helle Sichel am Firmament. Im Haus seiner Eltern brannte kein Licht, sie waren wohl noch nicht zurück… dennoch. Die Dunkelheit, die das Haus umgab, kam ihm zu dicht vor. Unnatürlich…

Nur wenige Meter von ihm und Crepsley entfernt warfen Straßenlaternen einen fahlen Schein, der bis zu den Hecken reichte, wo sie sich verbargen.

Crepsley bedeutete ihm schweigend, hier zu warten, und trat aus der Hecke heraus auf den Rasen.

Die Dunkelheit verschluckte ihn vollständig.

Für Larten Crepsley, den Vampir, war die Dunkelheit ebenfalls vollständig.

Er konnte in der schwärzesten Nacht, dem dichtesten Nebel und dem tiefsten Verlies etwas sehen.

Doch Finsternis war nicht gleich Finsternis und diese hier umspülte ihn wie Tinte in Wasser.

Sie wurde dichter, je tiefer er hinein ging.

Larten wusste: dort wo die Schatten am schwärzesten waren, da befand sich Gillian.

Sie war das tintige Herz dieser Finsternis, denn die Schatten strömten aus ihr heraus, zweifelsohne, um sie vor ihrem Angreifer zu verbergen.

Doch Vampire – und auch Vampaneze- verließen sich nie ausschließlich auf ihre Augen.

So hatte der Angreifer es geschafft, Gillian in der Schwärze ausfindig zu machen, so sehr diese sich auch bemühte, ihm auszuweichen.

Seine Nase hatte ihn direkt zu ihr geführt.

Der Geruch des Blutes an ihrer Kleidung legte eine deutliche Spur; er war wie ein Hai in dunklem Gewässer- seine Beute konnte ihm nicht entkommen.

Gillian spürte, wie sich kalte Finger von hinten um ihren Hals legten, und zuckte zusammen.

Doch es war zu spät, der Mann hatte sie so fest im Griff, dass sie nicht entkommen konnte.

Ihr zappeln und treten bewirkte nur, dass er sie am Hals hochhob, wie eine Puppe, so dass sie wenige Zentimeter über dem Boden verzweifelt mit den Absätzen fuchtelte.

„Hab ich dich", hauchte jemand ihr ins Ohr und sie roch den fauligen Atem des Mannes, der über ihr Gesicht streifte.

Sie zappelte stärker und versuchte mit ihren Händen seine Finger um ihren Hals aufzubiegen, doch es war, als läge ihr eine Stahlschlinge um den Hals, die sich langsam zuzog.

Gillian keuchte nach Luft.

„Nanana, wir wollen doch stillhalten", flüsterte der Mann und rieb seine stoppelige Wange an ihr Gesicht und drückte seine Nase in ihr Haar.

„Hmmm….", er sog den Duft ihrer Haut und ihres Haares ein, und Gillian bekam eine Gänsehaut vor Ekel. Sie drohte, zu ersticken, und Panik kroch in ihr hoch, mit haarigen Beinen.

Ganz ruhig, Gillian. Du musst nicht atmen.

Sie hörte auf zu zappeln, und konzentrierte sich ganz darauf, ihre natürlichen Reflexe zu unterdrücken.

Es klappte, die Panik kroch zurück, und Gillian blieb ganz ruhig im Griff des Mannes hängen.

„Schon besser", gurrte der Mann hinter ihr.

„Gillian. Larten Crepsleys Schoßhund. Wie ich sehe, bist du immer noch eine schwache Halbvampirin. Was ist los? Bringt der Alte es nicht über sich, dich zu verwandeln? Tststs… was für eine Schande."

Er lockerte seinen Griff um ihren Hals, nahm sie aber stattdessen in den Schwitzkasten.

Gillian ließ die Dunkelheit zwischen ihnen weichen wie einen Schleier.

Nun konnte sie sein Gesicht sehen.

Spöttisch blickte der Vampaneze auf Gillian herab, die in seinem Arm klein und zerbrechlich wirkte. Er trug eine fleckige französische Uniform aus dem vergangenen Jahrhundert, und roch nach Tod.

Ruhig blickte Gillian ihm in die Augen und konzentrierte sich.

Sie durfte keine Angst zeigen, sie musste bei klarem Verstand bleiben.

Dem Vampaneze schien zu gefallen, was er sah.

Er grinste sie lüstern an, und fuhr ihr mit der freien Hand über die Brust.

„Vielleicht bist du aber auch gar nicht seine Schülerin, vielleicht hält er dich nur als kleines Spielzeug. Wie läuft das? Trinkt er von dir?"

Gillian zappelte wieder und versuchte, seine Hand von ihrem Körper zu stoßen, doch er packte nur fester zu. Er zwang ihr Gesicht dicht an seines und Gillian befürchtete, er wolle sie küssen.

Das tat er aber nicht.

Er flüsterte: "Wie wäre es, kleine Gillian? Ich lasse dich los, und du kommst mit mir. Ich verspreche, nicht so lange rumzuzögern wie dieser Schwächling Larten Crepsley. Noch heute Nacht könntest du verwandelt werden."

„Laß sie los, Murlough!"

Murlough, der Vampaneze wirbelte herum, und Gillian schlackerte in seinem Arm wie eine Stoffpuppe.

Larten Crepsley trat aus den Schatten hervor, und Gillians Herz machte einen Sprung.

„Ah, wenn man vom Teufel spricht." Murlough grinste breit und entblößte dabei eine Reihe gelber spitzer Zähne.

„Laß sie los, habe ich gesagt."

Sein Lächeln gefror und er legte den Kopf schief.

Dann breitete er die Arme in einer spöttischen Verbeugung aus, und Gillian war frei.

"Wir haben nur ein Schwätzchen gehalten."

Gillian beeilte sich hinter Lartens Rücken zu kommen. Ihr Herz pochte bis zum Hals.

„Nur ein kleine Unterhaltung, nicht wahr, Gillian? Warum regst du dich deswegen so auf, Crepsley? Darf sie nicht sprechen mit wem sie will?"

Larten ließ sich nicht provozieren.

„Du verschwindest jetzt besser, elender Vampaneze, bevor ich dich frage, wieso ihr Blut an deinen Fingern klebt."

Trotz des ruhigen Tons schwang die unterschwellige Drohung deutlich mit.

Murlough grinste unverschämt und steckte drei Finger seiner rechten Hand in den Mund um genüsslich das Blut von ihnen zu lecken.

Langsam wich er rückwärts in die Dunkelheit zurück.

„Eine Schande…", murmelte er noch, den Kopf schüttelnd, und dann verschwanden auch seinen stechenden Augen, die unverwandt auf Gillian gerichtet waren, in der Nacht.

Gillian wagte es, wieder zu atmen.

Sie und Crepsley blieben noch einen Moment Rücken an Rücken stehen, während Gillian langsam die Dunkelheit um sie herum aufhob.

Der Vampir beobachtete die Umgebung und gab ihr dann ein Zeichen, ihm zu folgen.

Er stapfte über den gestutzten Rasen davon, sein roter Mantel schwang ihm nach.

Gillian folgte ihm, bis sie in einer Hecke auf Darren trafen, der ihnen mit großen Augen entgegen blickte.

„Er ist fort", sagte Larten einsilbig. „Und wir verschwinden jetzt auch."

Er bedeutete Darren wieder, dass er auf seinem Rücken aufsteigen sollte.

Darren wollte protestieren. Doch dann fiel sein Blick auf Gillian.

Sie sah schrecklich aus.

Ihr Kleid war in Fetzen gerissen und blutverschmierte Haut blitzte darunter hervor. An ihrem weißen Hals waren rote Würgemale und ihr sonst so schönes Haar war verfilzt und strähnig.

Das schlimmste aber war ihr grimmiger Gesichtsausdruck.

Und die Kälte in ihren Augen.

Gillian war so beherrscht wie sonst nur ihr Meister.

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