Kapitel 15: Gillian
Darren schlief viel länger als er wollte. Als er erwachte war es schon am späten Mittag, und die Sonne warf helle Flecken auf den Boden vor seiner Matratze. Von Evra war keine Spur zu sehen, und Darren verfluchte, dass er so lange geschlafen hatte. Er schwang die Beine aus dem Bett, und ihm wurde einen Moment schwindlig. Er fühlte sich noch lange nicht ausgeschlafen, und sein Magen meldete sich rumpelnd.
Doch zunächst wollte er nachsehen, ob Gillian zurückgekehrt war.
Noch immer in denselben Klamotten, die er am Vortag angehabt hatte, lief Darren am Käfig des Wolfsmenschen vorbei zum Zelt des Vampirs. Als er es betrat, sank sein Herz.
Keine Spur von Gillian.
Er sah ein, dass es für den Moment nichts gab, was er tun konnte, und machte sich auf, um sich ein Frühstück zu besorgen.
Nachdem er ein belegtes Brötchen gegessen, das Rhamus Twobellies ihm freundlich lächelnd gab, und einen Becher Kaffee getrunken hatte, fühlte er sich ein wenig besser.
Aber die Sorge und das Gefühl, alles vermasselt zu haben, blieb.
Er beschloß, sich wenigstens ein bisschen nützlich zu machen, und ging zurück zu Master Crepsleys Zelt, um aufzuräumen.
Mit Handfeger und Schaufel bewaffnet machte er sich daran, die Scherben des Kristallglases aufzuheben.
Gerade als er auf allen Vieren auf dem fadenscheinigen alten Teppich herumrutschte und mit spitzen Fingern kleine Splitter einsammelte, die noch übrig waren, sorgfältig darauf bedacht, sich nicht zu schneiden, wurde der Eingang aufgeschoben und jemand schlüpfte hinein.
Darren blinzelte gegen das Sonnenlicht, und sah zunächst nur einen schwarzen Schatten, da klappte die Eingangsplane wieder zu und Darren erkannte, wer es war.
„Gillian!" Darren war heilfroh, sie zu sehen.
„Hallo Darren", sagte sie und ging an ihm vorbei.
„Gillian, wo warst du? Ich hab mir Sorgen gemacht. Crepsley ist nicht wiedergekommen und ich…"
„Er ist nicht hier?" Sie sah auf ihn herab.
„Er ist nicht in seinem Sarg."
Gillian seufzte. Dann zuckte sie die Achseln. „Ich bin müde. Ich leg mich ein Weilchen hin. Weck mich in zwei Stunden."
„Was? Aber Crepsley, was ist, wenn er…"
„Du machst dir Sorgen? Bleib ganz ruhig. Es ist seine Sache, wenn er woanders den Tag verbringen will. Und da er dir nicht gesagt hat, wo, geht es dich auch nichts an. Der Meister hat viele Verstecke. Weck mich in zwei Stunden."
Darren nickte und sah zu, wie sie in den Sarg kletterte, und den Deckel schloß. Er störte sich nicht einmal an Gillians Befehlston, er hatte sich daran gewöhnt.
Außerdem war er zu froh, dass sie wieder da war.
Zwei Stunden später klopfte Darren zaghaft an den Holzsarg und als sich nichts rührte, klopfte er noch einmal, diesesmal ein wenig lauter. Sollte er den Deckel öffnen?
Doch da ging der Sarg auf und Gillian sah in mit verschlafenen Augen an.
„Du…ähm, du wolltest, dass ich dich wecke. Aber wenn du weiter schlafen willst…"
„Nein, schon gut. Wir haben noch viel zu tun."
Gillian erhob sich.
„Kommt Mr Crepsley heute Nacht wieder?"
„Das weiß ich nicht, aber wenn er kommt, dann sollte alles für ihn vorbereitet sein, meinst du nicht auch?"
Darren nickte, und gemeinsam räumten der Assistent des Vampirs und seine Studentin im Zelt auf, und bereiteten alles auf die Ankunft ihres Meisters vor.
Sie zeigte ihm, wo sie Blut aufbewahrten, und brachte ihm bei, wie man es mischte, damit es nicht gerann.
„Heute kannst du ihm mal helfen. Und sprich nicht mit ihm, bevor er dich nicht dazu auffordert. Er ist immer ein wenig muffelig, wenn er gerade erwacht ist, und möchte eine Weile in Frieden gelassen werden."
Darren fragte sich, warum Gillian so freundlich zu ihm war, aber wenn es ihm komisch vorkam, dann nicht genug, als dass er die richtigen Schlüsse daraus zog. Er war viel zu glücklich, dass sie wieder da war, und dass sie ihm anscheinend verziehen hatte, dass er sie in Gefahr gebracht hatte. Wenn jetzt noch Larten Crepsley zurückkäme, würde wieder alles beim Alten sein.
Als die Sonne langsam unterging, und sich das Zelt mit Schatten fühlte, fühlte Darren wie er immer aufgeregter wurde.
Gillian hatte sich umgezogen und ihr Haar gebürstet und sah besonders hübsch aus.
Plötzlich legte sie den Kopf schief und schloß die Augen, als würde sie einen Geruch schnuppern oder einer Melodie lauschen.
„Du kannst die Kerzen entzünden, er kommt."
Der Vampir kam zurück? Woher wusste sie das? Mit zitternden Fingern holte er ein Streichholz aus der Schachtel.
Er brauchte ein zweites Streichholz, da ihm das erste abbrach, und gerade als er die Kerze entzündet hatte, und sie das Zelt erhellte, drohte sie wieder auszugehen, als ein Luftzug sie aufflackern ließ…
Jemand hatte das Zelt betreten.
Darren sah auf und musste lächeln, als er den orangeroten Haarschopf seines Vampirmeisters erkannte.
Larten Crepsley betrat mit schnellen Schritten das Zelt und ging auf seinen Sessel zu. Unter dem Arm trug er ein Paket.
Er hielt Gillian das Paket hin: "Hier. Für dich."
Erstaunt blickte sie zu ihm auf, und nahm das Paket entgegen.
Sie zog die Schleife auf, die darum gewickelt war, und wühlte sich durch raschelnde Schichten Seidenpapier bis ein paar Stiefel zum Vorschein kamen.
„Oh", Gillians Lippen formten sich zu einem erstaunten Ausdruck. „Die Stiefel…", sie sah zu Larten Crepsley auf. "Aber woher wusstet ihr?".
Der Vampir legte ihr eine Hand unter das Kinn und lächelte. „Ich kenne dich gut, Gillian."
„Danke", hauchte sie, und Darren glaubte zu sehen, dass sie den Tränen nahe war.
Crepsley schien zufrieden mit sich selbst und ließ sich von Darren aus dem Mantel helfen.
„Probier sie an", befahl er, da Gillian die Stiefel noch immer vor die Brust gedrückt hielt, und keine Anstalten machte, sie anzuziehen.
Sie schüttelte den Kopf.
Crepsley runzelte die Stirn und Darren beeilte sich, ihm Blut aus der Karaffe einzuschenken. „Hier", sagte er nervös und hielt ihm das Glas hin, und hoffte, das würde die Aufmerksamkeit des Vampirs auf sich ziehen. Doch Larten nahm das Glas ohne ihn anzublicken, seine Aufmerksamkeit lag noch immer bei der Studentin.
Gillian zögerte lange, doch dann sagte sie: "Wenn ihr mich so gut kennt, dann wisst ihr ja, was ich mir am allermeisten wünsche…"
„Gillian…", Larten stöhnte auf, und Darren konnte es ihm nicht verübeln. Mußte sie schon wieder damit anfangen?
Gillian straffte die Schultern. „Darren. Würdest du uns bitte für einen Moment alleine lassen?"
Darren sah zu Crepsley, der ihm resigniert zunickte, und er zog sich nach nebenan zurück.
Er setzte sich zu Madam Octa und lauschte angespannt hinter dem dünnen Vorhang, was Gillian als nächstes tat.
Sie legte die Stiefel vorsichtig zurück in das Papier und nahm all ihren Mut zusammen.
„Master Larten…".
Der Vampir hatte sich in den Sessel gesetzt und die Fingerspitzen an die Stirn gelegt.
„… ich frage euch noch einmal. Wann gedenkt ihr, mich zu einer der Euren zu machen?"
„Gillian, ich bitte dich…tu mir das nicht an…".
Darren erschrak über den fast flehenden Ausdruck in der Stimme des Vampirs.
„Ich muß…", flüsterte sie. „Ihr bleibt also dabei?"
„Ich werde dich verwandeln, Gillian. Aber nicht jetzt, noch nicht…".
Gillian verzog gequält das Gesicht.
Der Vampir wurde immer leiser: "Versteh das doch… ich kann nicht…"
„Das dachte ich mir." Gillian nickte traurig. „Und darum habe ich einen Entschluß gefasst."
Sie griff hinter einen Vorhang und brachte eine gepackte Tasche zum Vorschein.
Darrens Herz fing an zu pochen.
„Ich habe gestern mit Gavner Purl gesprochen. Ich gehe mit ihm. Er wird vollenden, was ihr begonnen habt. Es ist besser so."
Gillian wirkte ganz ruhig und zu allem entschlossen, aber Darren glaubte zu wissen, dass in ihr ein Sturm tobte.
„Es ist alles abgesprochen. Er wartet draußen auf mich." Ihre Stimme brach. Sie wandte den Blick ab, und drehte sich abrupt um, und wollte fort.
Larten war aus dem Sessel aufgesprungen, und so schnell bei ihr, dass Darrens Blick ihm nicht folgen konnte.
Eben noch hatte er mit gesenktem Kopf im Sessel gesessen, plötzlich stand er neben der Schülerin und hielt sie sanft am Arm zurück. „Du musst das nicht tun", flüsterte er ihr ins Ohr.
Gillian sah dem Vampir geradewegs in die Augen: "Doch. Ich muß. Hier ist kein Platz mehr für mich."
Und Lartens Herz sank, als er sah, wie entschlossen sie war.
Kraftlos ließ er seinen Arm sinken.
Gillian ging an ihm vorbei.
Als sie am Ausgang war, rief der Vampir ihr nach:" Gillian?"
Sie drehte sich noch einmal um.
„Kannst du einem alten Vampir sein schwaches Herz verzeihen?"
Gillian lächelte. „Es ist dieses schwache Herz, das ich an dem alten Vampir liebe."
Dann wandte sie sich ab und war fort.
Larten stand lange mit hängenden Schultern da und sah ihr nach.
Als der alte Vampirmeister sich nach einer Ewigkeit umdrehte, konnte Darren sein Gesicht sehen.
Er erschrak.
Aus Larten Crepslyes Augen quoll eine blutige Träne, rollten über seine Wangen und tränkte sein Hemd und seinen Mantel mit blutrotem Kummer.
…to be continued
The Vampires Student Teil II: „Freunde und Feinde der Nacht"
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