Deutlich kann ich die Tauben davon fliegen hören. Genauso wie Oscars liebliche Stimme. Aber was ist mit dieser? Sie hatte vorher schon geweint, aber nun sind ihrer Tränen auch in ihrer Stimme.
„Weißt du noch, auf dem Weg nach Arras, als wir den Sonnenaufgang beobachtet haben? Ja? Lass uns noch einmal diesen Anblick genießen. Nur wir beide. Du und ich. Hörst, du? Ganz allein. Wir werden dankbar sein, dass es uns gibt… dass wir überhaupt leben und das wir beide uns in diesem Leben begegnet sind."
Wieder wird es still. Nur die Tauben sind zu hören. Doch dann höre ich wieder ihre Stimme.
„André? Was hast du? André…"
Deutlich vernehme ich ansteigende Panik in ihren Worten. Noch nie hat sie so verletzt geklungen. In der wieder entstehenden Stille, versuche ich etwas zu sagen. Aber kein Laut verlässt meine Lippen. Dann versuche ich meine Hand nach ihr auszustrecken, jedoch spüre ich nichts. Ich fühle meinen Körper nicht mehr. Was ist geschehen? Bin… bin ich nun tot? Aber warum kann ich immer noch Oscars Stimme hören, die wütend und zugleich unendlich verletzt mich anschreit?
„Bitte, André… Lass mich nicht allein! Hörst, du?" Komm zurück! André…"
In mir steigt Panik auf. Ich will nach ihr Greifen, sie an mich drücken und sie trösten. Aber ich kann nicht. Ich spüre nichts. Rein gar nichts. Mein Körper reagiert nicht mehr auf mich, was den Eindruck auf mich erweckt, dass ich mich unendlos leicht fühle. Jedoch weiß ich wirklich noch, was Gefühle noch wirklich sind, wenn ich nicht einmal mehr Herz mehr schlagen spüre?
Aber was geschieht nun? Ich kann Oscar nicht mehr hören! Auch die Tauben oder das raunen der umstehenden Menschen. Ist es nun soweit? Ich glaube, dass es so ist. Deutlich spüre ich, dass ich unendlich leicht werde und etwas Warmes mich umschließt. Etwas was ich so noch nie gefühlt habe. Es ist wärmer, als eine Umarmung, aber nicht so warm, wie das Feuer in einem Kamin. Es ist unbeschreibbar.
Ich sehe, wie meine Seele sich von meinem weltlichen Körper trennt. Während ich Oscar beobachtete, wie sie weinend vor meinen Überresten kniet, bemerke ich, dass ich auf einmal wieder mit beiden Augen sehen kann. Meine Verletzung ist verheilt. Wenn ich könnte, würde ich mir durchs Gesicht streichen. Aber ich bin hüllenlos und nur etwas unsichtbares, etwas unfassbares, dass nicht mal sich selbst berühren kann.
Hilflos muss ich meine Oscar ansehen. Ihre Trauer fühlen und ihren Schmerz teilen, als mein Geist immer weiter in Richtung Himmel steigt.
„Ich liebe dich, Oscar. Auch wenn ich nun nicht mehr bei dir sein kann, um dich zu beschützen, werde ich immer in deinem Herzen sein. Und dies auf ewig, meine geliebte Oscar."
Deutlich vernehme ich meine klaren Worte, die scheinbar niemand außer mir gehört hat. Dies ist nun mein Schicksal. Aber für dich, nehme ich es in kauf. So verschwinde ich im Nichts.
„Lebe wohl, Oscar…"
Seine letzten Worte werden auf den Flügen der Tauben, die eine neue Zeit verkünden, davon getragen.
