„Sag mal, Mutter. Wer ist eigentlich Frank?" Draco registrierte mit Genugtuung, dass seine Mutter beinahe einen der Teller fallen ließ, die sie gerade abtrocknete.
„Wie kommst du auf die Idee, dass ich einen Frank kenne?" fragte sie betont arglos.
Seine Eltern waren alle Beide wahre Schauspieler. Vermutlich schon ihr ganzes Leben lang gewesen.
„Mir ist da ein Brief in die Finger gefallen." er entschied sich dafür, dass es das beste war, in diesem Punkt nicht zu lügen. „Er war leider nicht vollständig, aber das Nötigste springt einem sofort ins Auge."
Narzissas Gesicht blieb ausdruckslos und sie beschäftigte sich nun voll und ganz damit, eines der Handtücher auf die kleine, improvisierte Leine an der Heizung schweben zu lassne.
Langsam machte Draco dieses Getue wütend. „Weiß Vater davon, dass du einen anderen Mann hast? Oder zumindest hattest?"
Die Reaktion von ihr hätte nicht seltsamer ausfallen können, denn plötzlich lachte sie. Ein freudloses Lachen. „Draco, du bist weiter von der Wahrheit entfernt, als du dir vorstellen kannst."
„Und warum schreibt dieser Kerl dir, dass er dich sehen will und warnt dich vor Vater?"
„Das würdest du wohl nicht verstehen." antwortete seine Mutter einsilbig.
„Ich bin achtzehn Jahre alt." ereiferte er sich. „Ich habe Seite an Seite mit Todessern gekämpft, ich habe den Elderstab besessen, ich habe..."
Doch Narzissa machte eine herrische Geste. „Genug davon. Ich möchte nichts mehr davon hören." zischte sie zornig.
„Du kannst die Augen nicht immer vor der Wahrheit verschließen. Ich bin nicht mehr dein kleiner Junge. Ich brauche meine eigene Wahrheit und meine eigene Geschichte. Wirst du mir nun also sagen, wer dieser Frank war?"
Narzissa verschränkte die Arme und sah zu Boden. „Es gibt auch einige Wahrheiten, die deiner Mutter unangenehm sind. Kannst du das verstehen?"
„Nein." gab er zurück. „Kann ich nicht. Aber ich muss es wohl akzeptieren." Verärgert griff er nach seinem Brot und verließ die Küche durch die Terrassentüre. Erst als er im hellen Tageslicht stand, kühlte sein Zorn ein wenig ab und er ließ sich auf einen der Gartenstühle sinken.
Wie konnte seine Mutter ihm nur solche Märchen erzählen? Natürlich hatten sie und dieser Frank irgendetwas zu verheimlichen gehabt. Ach, warum war der Brief auch so verkohlt, es wäre tausend mal einfacher gewesen, seine Mutter darauf festzunageln, solange sie vor unveränderbare Tatsachen gestellt wurde. Aber so hatte er nichts in der Hand, um endlich einmal die Wahrheit aus ihr herauszukitzeln. Und bei seinem Vater wollte er es gar nicht mehr versuchen. Lucius Malfoy war in diesem Punkt wie Granit. Aber er hatte wenigstens gehofft, dass seiner Mutter ein wenig mehr daran lag, dass ihr Sohn die Wahrheit kannte. Doch die Wahrheit, die er kannte, die verdrängte seine Mutter. Ein verrückter Teufelskreis, mehr nicht.
Verärgert starrte er in das grüne Gras. Eigentlich war das Wetter schon zu gut für einen so schlechten Morgen.
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Unruhig schritt Draco im Salon auf und ab. Sein Vater kam zu spät. Dabei hatte er ihm dieses eine Mal etwas Wichtiges mitzuteilen. Er hatte sich entschieden. Fort. Hauptsache fort, das war sein Motiv. Alles andere würde sich ergeben. Er war es leid in einem Meer aus Lügen und Halbwahrheiten zu ertrinken. Er war weder ein kleines Kind, noch ein naiver Bursche und damit mussten seine Eltern nun leben. Das hatten sie sich und ihrer Eitelkeit ganz alleine zuzuschreiben.
Der Kamin neben ihm loderte auf und erschrocken machte Draco einen Schritt zurück, als sein Vater aus den grünlich zischenden Flammen trat.
„Hast du auf mich gewartet?" erkundigte er sich im vorbeigehen und hängt seinen Mantel an die Garderobe im hinteren Teil des Zimmers.
Draco schluckte. Er durfte seinem Vater keine Angriffsfläche bieten. Dieses Mal musste er standhaft bleiben. Doch das Lächeln, dass die Lippen seines Vaters umspielte, das machte ihm ein wenig Angst, auch wenn sein Gesicht ausdruckslos blieb.
„Ich weiß doch bereits Bescheid, dass du dich in Artys Abteilung eingeschrieben hast. Arty spricht von nichts Anderem. Falls das als Überraschung geplant war, rate ich dir, in Zukunft ein wenig weiter zu denken."
„Oh." entfuhr es Draco schließlich doch.
„Ich freue mich, dass du dich nun doch für einen Weg im Ministerium begeistern konntest." sagte Lucius schließlich, auch wenn sein Gesicht keine Freude zeigte.
„Danke." murmelte Draco schließlich, weil es sich eben so gehörte.
„Wir sollten dir dann ein passendes Appartement in London suchen. Ein junger Mann sollte einen Platz zum lernen haben."
Draco traute seinen Ohren nicht. Das Ganze war viel zu einfach. Es musste einen Hintergedanken dabei geben, doch dieses Mal sagte er lieber nichts, bevor sich sein Vater wieder umentschied.
„Das wäre schön." sagte er schlicht und Lucius nickte großmütig und ging an ihm vorbei auf den Flur. So einfach war das also? Ein kurzes Nicken, ein kleines „Dankeschön" und Lucius Malfoy war zufrieden? Nein, das konnte sicherlich so nicht richtig sein.
Er blieb im Dunkeln zurück, denn das Kaminfeuer war durch das Flohpulver erloschen und Draco machte sich nicht die Mühe, es neu zu entfachen. Vielleicht, überlegte er, hat es auch mit dem Brief zu tun. Eine Bestechung, damit ich nicht weiter nachfrage. Das kam ihm viel eher wie eine logische Erklärung für das Verhalten seines Vaters vor. Es war nicht das erste Mal, dass Draco dachte, wie furchtbar es war, wenn man seinen eigenen Eltern dauernd das Schlimmste unterstellen musste. Nur leider war das Schlimmste meist nur die halbe Wahrheit in Malfoy Manor.
Schließlich folgte er seinem Vater in den Flur. Aus der Küche drang schwacher Lichtschein und er lauschte auf die Geräusche aus der Küche.
Mit leiser Stimme sprach sein Vater auf seine Mutter ein, doch er konnte die Worte nicht verstehen und näher zu schleichen wagte er nicht, denn dann kam er sich wie ein Lauscher vor. So, wie er jetzt war, hörte er wenn überhaupt nur zufällige Worte aus einem zufälligen Grund.
„Ich finde es nicht richtig." sagte die Stimme seiner Mutter laut und klar.
„Er wird es nie erfahren." grollte Lucius dagegen. „Und er wird niemals mit ihm zu tun haben. Warum also die unnötige Aufregung?"
Draco hörte, wie die Terrassentüre geöffnet wurde und sich die Schritte entfernten. Seine Eltern mussten wohl nach draußen auf die Veranda gegangen sein.
Nun, das schien wohl die Fortsetzung des Gesprächs von vorgestern gewesen zu sein. Da hatte seine Mutter auch von Jemandem gesprochen, denn niemand mehr gesehen hatte. Abgesehen davon, dass Draco sich nicht gerne wie ein kleines Kind behandeln ließ, brannte dennoch die Neugierde stark in ihm. In dem Gespräch war dieser Unbekannte doch eindeutig mit ihm in Zusammenhang gebracht worden.
Eigentlich nur, um nicht noch länger in der Dunkelheit zu stehen, machte sich Draco schließlich auf in sein Zimmer.
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Draco konnte es immer noch nicht glauben, wenn aus den Fenstern seiner Dachwohnung auf den kleinen Marktplatz schaute. Er hatte seine eigenen vier Wände. Erstaunlich reibungslos war das Ganze verlaufen und so war er, keine drei Wochen nach seinem Entschluss, Besitzer dieser Zweizimmerwohnung. Wie merkwürdig kam es ihm vor, als er auf die Türklingel schaute und dort seinen Namen las. Mochten seine Eltern auch sehr viel Wert auf Magie legen, so war doch zumindest die Muggelküche in der Wohnung geblieben. Von dort aus hatte Draco freien Blick auf den Marktplatz, doch andersrum konnte niemand herein sehen und das gefiel ihm so. Nach nur einem Tag war die Küche sein Lieblingszimmer.
Schlaf und Wohnzimmer lagen direkt nebeneinander und ein langer Flur verband Küche und Bad mit den gegenüberliegenden Zimmern. Ein kleiner Balkon auf der anderen Seite rundete die Wohnung ab, allerdings war die Aussicht in die andere Richtung eher ernüchternd, er konnte von dort die Bahngleise sehen und es war laut und gammelig in den Hinterhöfen darunter. Und trotzdem gefiel es ihm so wie es war, denn es war Seins. Gut, sein Vater hatte sowohl die Kaution, als auch die erste Miete gezahlt, aber trotzdem: Seins.
Von hier aus war es nur ein Fußweg von fünf Minuten bis zu einem der Eingänge zum Ministerium, die es zuhauf in Londons Gassen und Straßen gab.
Als Draco an seinem ersten Abend in der Küche bei einem Glas Wein saß, da fühlte er sich zum ersten Mal befreit. Morgen früh würde er seinen ersten Weg zur Arbeit antreten. Das mochte vielleicht kein Traumjob sein, aber es war zumindest einfache Arbeit und für ein so starkes Gefühl, wie Ehrgeiz, fehlte ihm im Moment einfach der Antrieb.
Er legte die Füße auf die Anrichte vor ihm und lehnte sich in seinem Stuhl zurück, während in der Dämmerung draußen langsam die ersten Sterne funkelten. Es hätte tatsächlich ein perfekter Abend werden können, wenn die Vergangenheit endlich begraben worden wäre. Und Draco wünschte sich an diesem Abend wirklich von Herzen, dass irgendwer kommen und sie begraben möge und wenn es auch nur für kurze Zeit war. Aber, diese Stimme meldete sich immer wieder in seinen schwachen Momenten, dem Netz, das seine Eltern um sich gesponnen hatten, dem konnte er nicht entrinnen.
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