Das Schlimmste daran war, dass Draco dieser Blick wohl vertraut war, ein Schauer überlief ihn und er taumelte Rückwärts, seinen Zauberstab auf das Paar Augen gerichtet. Sah er doppelt? Da war ein zweites Paar Augen und er hörte ein Grollen, wie von fernem Donner. Das waren keine Hunde.
„Stupor." zischte er und er hörte wie eines der Tiere in der Dunkelheit verschwand. Das Zweite tauchte am Ende der Gasse auf und die Umrisse des Werwolfs waren nun klar erkennbar. Das Tier stieß erneut ein hohes Jaulen aus und Draco floh hinaus in die Nacht.
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Als Draco am nächsten Morgen zur Arbeit kam, war er immer noch vollkommen durch den Wind. Er hatte kaum geschlafen und die Meiste Zeit seine Haustür beobachtet und auf das verräterische Jaulen gehorcht. Werwölfe? Mitten im Herzen von London, nahe des Zaubereiministeriums? Hatte er Halluzinationen? Er musste komplett übergeschnappt sein. Am liebsten wäre er nicht mehr vor die Tür gegangen, er hatte keinen Grund, sich diesen Biestern zu stellen, doch Tagsüber sah das ganze natürlich anders aus, kein Werwolf konnte tagsüber über ihn herfallen. Außerdem hätte das Fernbleiben von der Arbeit unweigerlich seinen Vater auf ihn Aufmerksam gemacht und darauf konnte und wollte er verzichten.
Er kramte nach seinem Stundenplan, den Goldikova ihm gestern wortlos in die Hand gedrückt hatte, während er mit dem Aufzug fuhr und versuchte ihre Handschrift zu identifizieren. Da stand etwas von „Katalogisieren", wenn er richtig gelesen hatte. Das klang langweilig. Vielleicht war langweilig heute Morgen perfekt.
Binks und auch sein Hassobjekt Nummer eins begrüßten ihn und parkten ihn an einem Schreibtisch mit gefühlten hunderttausend Pergamenten, die alle sortiert werden mussten.
„Miss Dayville wird ihnen zeigen, wie das geht. Morgen wird auch endlich wieder Doris Sundance zurück sein. Die Gute ist auf Hochzeitsreise, müssen sie wissen." erklärte ihm Binks. Hörte der Mann eigentlich nie auf, für alles Erklärungen zu suchen?
„Ja." murmelte Draco, weil er nicht die ganze Zeit schweigen wollte und nahm sich das erste Blatt hervor. Da standen Namen, Daten und Vergehen drauf. Aber das Pergament war augenscheinlich alt, denn es war mit 1980 datiert.
„Ist das sein ernst?" fragte er Goldikova.
Sie ließ sich Zeit mit der Antwort und zog erst einmal umständlich ihren Pullover aus. „Ja, ist es. Du musst sie nach Datum und Alphabet sortieren. Hinter dir sind die Ordner."
Draco machte sich wortlos an die stupide Arbeit, er hatte das Gefühl, dass die Zeit so zäh herum ging, wie Kaugummi. Auch Goldikova sah manchmal auf die Uhr zu ihrer linken, doch sie arbeitete ebenso stumm und verbissen wie er, bis sie schließlich inne hielt und ihn ansah.
„Es tut mir Leid wegen gestern."
Draco hätte beinahe sämtliche Papiere, die er in der Hand hatte, fallen gelassen. „Hm?" machte er.
„Ich hätte dich wohl nicht dafür verantwortlich machen sollen..." begann sie.
„Für was?" hakte er nach. Auf was wollte sie da eigentlich hinaus? Sie war ihm ein Buch mit mindestens sieben Siegeln, wenn nicht mehr.
Es schien sie jedoch tatsächlich ehrlich zu bekümmern, was sie ihm gesagt hatte, das sah man ihr an. „Weißt du, meine Großeltern mussten sterben wegen... du-weißt-schon-wem."
Draco bemerkte, dass sie nicht einmal das richtig über die Lippen bekam. „Warum?" fragte er.
„Ich weiß nicht. Weil sie gerade da waren. Sie waren einfach nur ein Muggelpaar was zur falschen Zeit am falschen Ort war. Sie haben ihm gar nichts getan. Sie wussten ja nicht einmal etwas von ihm."
Draco verkniff sich die Frage, was er damit zu tun hatte, denn er war zu froh, dass sie überhaupt mit ihm sprach. Warum eigentlich?
„Das tut mir Leid." sagte er schlicht. Etwas besseres fiel ihm sowieso nicht ein.
„Meine Großmutter hat mich aufgezogen. Meine Mom starb bei der Geburt." begann sie von neuem. Warum erzählte sie ihm das jetzt?
„Du musst mir das nicht alles erzählen, wenn du nicht willst. Gestern Abend hast du mir sehr klar gemacht, wie du mich siehst." Das war so ziemlich das Falscheste was er hätte sagen können, doch zu sehr hatte ihn dieses kurze Gespräch beschäftigt.
„Ja, das stimmt. Ich war wohl einfach ein bisschen verwirrt. Wir haben uns zu einem etwas ungünstigen Zeitpunkt kennengelernt."
Bevor Draco nachfragen konnte, was sie meinte, schob sie hinterher: „Na du weißt schon," sie lächelte schief, „die Prüfung..."
Jetzt verstand Draco. Er hatte sie in einem ziemlich schwachen Moment erwischt, sie hatte scheinbar nicht damit gerechnet, jemanden draußen im Flur anzutreffen und sie schämte sich dafür. „Ach so. Ja, da hast du wohl recht."
Er legte ein weiteres Pergament auf den rechten Stapel. War das alles so einfach?
„Du siehst sehr blass aus." stellte sie fest.
„Kann sein." antwortete er einsilbig. Nur weil sie einem Fremden ihre halbe Lebensgeschichte erzählte, musste er das nicht auch tun. Um nicht schon wieder unfreundlich zu wirken, schob er hinterher: „Ich glaube ich werde krank."
Das argwöhnische Funkeln in ihren Augen entging ihm nicht, doch er ließ es bleiben. Er musste das empfindsame Gleichgewicht, dass zwischen ihnen Beiden gerade bestand nicht direkt wieder zerschlagen.
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Seine Mittagspause verbrachte Draco in der Cafeteria, wo er schweigend über einen Tagespropheten gebeugt saß. Goldikova war sich einen Kaffee holen gegangen, doch als sie zielstrebig auf seinen Tisch zusteuerte, wunderte er sich dennoch. Gestern hatte sie ihn offensichtlich gehasst. Heute bemühte sie sich um ihn und am allerersten Tag hatte sie Angst gehabt? Wie passte das zusammen. Wie hatte sein Leben innerhalb weniger Tage so auf den Kopf gestellt werden? Er wurde von Werwölfen angegriffen, seine Arbeitskollegin war offenbar ein verwirrtes Mädchen, das keine Ahnung hatte was sie wollte und zu allem Überfluss starrte ihn schon seit einer Viertelstunde eine junge Frau von einem der Tische weiter hinten an. Sie hatte langes, schwarzes Haar, zu einem strengen Zopf gebunden und sie wirkte unnatürlich dürr. Draco zwang sich weg zu schauen. Er hatte schon genug Unsinn am Hals und das Mädchen da hinten sah aus, wie der Inbegriff der verzogenen Reinblüterin.
Goldikova ließ sich ihm gegenüber nieder und trank einen Schluck.
„Bist du immer so still?" wollte sie wissen.
Er sah sie nachdenklich an. Kein Wunder, dass er still war, denn man wusste nie, wie sie auf seine Antworten reagieren würde und das war ihm alles zu anstrengend. „Manchmal."
„Du warst in Slytherin." bemühte sie sich um ein Gespräch.
„Ja, aber an dich kann ich mich nicht erinnern."
„Wäre auch komisch. Ich war in Hufflepuff."
„Trotzdem kann ich mich nicht an dich erinnern."
„Aber ich mich an dich." murmelte sie. Ihrem Blick nach zu Urteilen, waren das keine positiven Erinnerungen. Gut, Draco hatte sich selbst oft genug aufgeführt, wie der kleine Reinblutprinz, der er hatte sein wollen, aber sie machte eine Miene, als wären sie auf einer Beerdigung. So schlimm konnte er gar nicht gewesen sein.
Sie nahm noch einen Schluck und Draco schlug seine Zeitung zu. Das schwarzhaarige Mädchen von den hinteren Tischen, starrte ihn immer noch an.
„Weißt du wer die da hinten ist?" fragte er schließlich, als seine Neugierde siegte.
„Die ist Sekretärin des Zaubereiministers. Nun, eine davon, er hat wohl Hunderte und sie habe ich öfters dort gesehen. Sie starrt dich an, oder?"
„Woher weißt du das?"
„Ich hab es gesehen, als ich für meinen Kaffee angestanden habe."
Draco war erstaunt, wie viel Goldikova tatsächlich mitbekam, auch wenn sie oft einen abwesenden Eindruck machte.
„Und so was siehst du?" fragte er.
„Ja. Das muss man doch, wenn man in der magischen Strafverfolgung arbeiten will. Man braucht einen Blick für das Ganze. Dann ist es viel einfacher."
„Und was siehst du sonst?"
„Dass du eine ziemlich schlechte Nacht verbracht hast."
Draco verschluckte sich beinahe und begann zu husten. „Wie kommst du darauf?" fragte er argwöhnisch.
„Du hast Augenringe." Und dann begann sie zu lachen, nicht gemein und über ihn, sondern einfach so und das gefiel ihm. Es schien ihm, als hätte er nie einen Menschen fröhlicher Lachen gehört.
„Was ist?" fragte sie erstaunt.
Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er sie angestarrt hatte. „Nichts, entschuldige."
Eigentlich hatte Draco mehr sagen wollen, doch er erstarrte, als sein Vater die Cafeteria betrat, gefolgt von zwei grobschlächtigen Männern, die Draco aus dem Kreis um Voldemort noch sehr genau im Gedächtnis hatte. Erstaunlich, wie viele Leute der magischen Strafverfolgung entkommen waren, dachte er düster und betete, dass sein Vater ihn bloß in Ruhe ließ.
