Doch wie immer in solchen Momenten, trat genau das Gegenteil ein, Lucius kam zu ihm hinüber, gefolgt von seinen Kumpanen, und musterte Goldikova feindselig, er machte sich nicht einmal die Mühe, seine Abneigung zu verbergen. Scheinbar war sein Vater grundsätzlich darüber im Bilde, wer Reinblütig war und wer nicht. Dass er sich überhaupt noch wagte, die Nase so hoch zu tragen, das war Draco wahrhaft ein Rätsel.
Sein Vater machte sich nicht die Mühe, ihn zu grüßen. „Draco, deine Mutter lässt fragen, ob du heute mit uns zu Abend essen wirst."
Eine typische Lucius Malfoy Frage: Deine Mutter lässt fragen ob... niemals schloss er sich selbst mit ein und Draco hasste es. Das war die Strafe dafür, dass er hier mit einer Schlammblüterin Kaffee trank, da war er sich sicher.
„Richte ihr aus, dass ich nach der Arbeit vorbei schauen werde." So. Das sollte doch wohl eine passende Antwort gewesen sein. Er brauchte ihn genau so wenig. Auch wenn das eine Lüge war. Im Gegenteil, die Anerkennung seines Vaters war ihm wichtig und auch wenn er es niemals zugegeben hätte, so hatte er immer darum gekämpft.
Lucius nickte mehr sich selbst zu und verschwand dann gefolgt von seinen Kollegen.
„Dein Vater?" fragte Goldikova vorsichtig.
„Ist kaum zu übersehen, oder?"
Sie lachte. „Stimmt. Er ist streng, oder?"
Draco nickte. „Streng ist gar kein Ausdruck, für das was mein Vater ist. Ich würde es fanatisch nennen."
„Ich kenne solche Männer. Sie wollen nur das Beste, aber irgendwie machen sie alles nur noch schlimmer."
Draco runzelte die Stirn. Goldikova traf ein bisschen zu oft, für seinen Geschmack, ins Schwarze.
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Es dämmerte bereits, als Draco in der Auffahrt von Malfoy Manor apparierte und den langen Kiesweg hinunter trottete. Seiner Mutter zur Liebe war er hier, doch selbst dieses Gefühl war nicht mehr so rein wie vorher. Der Brief brannte immer noch in seinem Gedächtnis und er war sich mehr als sicher, dass seine Mutter eine Affaire gehabt hatte, oder zumindest eine hatte anfangen wollen. Und das passte nicht in das Bild, was er von seiner Mutter hatte. Seine Mutter war für ihn eine liebevolle Frau, die immer von einer gewissen Traurigkeit begleitet wurde, dennoch war sie, für ihn, ein herzensguter Mensch, egal was Andere von ihr dachten. Vielleicht war sie das aber auch nur, weil er nicht alle Seiten von ihr kannte. Und vielleicht war das sogar besser für ihn.
Die Pforte öffnete sich von alleine und Draco betrat den hell erleuchteten Flur.
„Hallo?" rief er in den Salon.
Die Stimme seiner Mutter lockte ihn in die Küche. Es war ungewohnt, dass seine Mutter am Herd stand. Seitdem er sich zurückerinnern konnte, hatte sie nie gekocht, das hatte der Hauself gemacht. Und wenn sie gekocht hatte, dann hatte er es nie mitbekommen.
„Ich weiß nicht, ob es besonders gut ist. Ich koche so selten." sie lächelte schief. Sie hatte tiefe Augenringe und Draco tat es weh, sie so zu sehen.
„Was ist los?"
„Nichts, ich habe nur in letzter Zeit nicht gut geschlafen." antwortete sie ausweichend.
„So?" Der Ärger in ihm schwelte schon seit einer Weile und wie seine Mutter sich da weigerte, da brach er aus ihm heraus. „Denkt ihr, ich wäre dumm? Ich habe mitbekommen, dass euch jemand verfolgt. Das MICH jemand verfolgt. Was ist also los, dass du Nachts kein Auge zu tust und Vater permanent ein Auge auf mich hat. Komm gar nicht auf die Idee es ab zu streiten."
Seltsamerweise war ihr Lächeln nicht gewichen, es war nur eine Spur trauriger geworden. „Draco, es gibt ein paar Dinge in der Vergangenheit, die möchte ich nicht wieder ausgraben. Wenn man davon spricht, macht man sie lebendig."
„Wenn man nicht davon spricht, verschwinden sie dennoch nicht." entgegnete er. „Mutter, sag mir jetzt endlich, was hier vor sich geht, oder ich stehe auf und komme nicht mehr zurück."
Offenbar hatte diese Drohung Erfolg, denn Narzissa schluckte und stellte den Topf ziemlich ruppig auf den Tisch.
„Denkst du, dass das der richtige Ton für ein Gespräch mit deiner Mutter ist?" zischte sie.
„Vielleicht ist er das, wenn sie dann aufhört, mich anzulügen."
Narzissas Augen wurden groß, als sie ihn ansah und Draco spürte die Furcht, von der sie ergriffen war. „Gib gut auf dich acht, mein Sohn."
Bevor Draco antworten konnte, trat sein Vater in die Küche.
„Du hast früh Feierabend." sagte er kühl und nahm seinen Mantel ab.
„Es war nicht viel los." gab Draco zurück, doch jede Faser seines Körpers spannte sich. Sein Vater war in miserabler Stimmung, das merkte er sofort und er wusste genau, dass es nur eine Kleinigkeit benötigte, um ihn vollends explodieren zu lassen.
Lucius ließ sich ihm gegenüber nieder und beachtete Narzissa nicht weiter. Draco hatte sich oft gefragt, ob es jemals eine Zeit gegeben hatte, in der die Beiden anders miteinander umgegangen waren. Immerhin musste da ja irgendetwas sein, dass sie zusammenhielt und er war wohl auch nicht deswegen auf der Welt, weil sein Vater mit Vorliebe seine Mutter ignorierte.
„Draco, ich glaube ich kann mich gut daran erinnern, was ich über unpassende Verbindungen gesagt habe. Kannst du mir folgen?"
Natürlich konnte Draco. Er hatte sich natürlich denken können, dass sie Sache mit Goldikova noch ein Nachspiel hatte.
„Sie ist meine Arbeitskollegin." gab er kühl zurück.
„Dann beschränke dich in Zukunft auch auf die Arbeit."
Glaubte sein Vater ernsthaft, dass es noch in seiner Macht stand, mit wem sich Draco traf und mit wem nicht? Wenn er wollte, konnte er in seiner kleinen Wohnung wilde Orgien mit Muggelmädchen feiern, sein Vater würde es nicht einmal merken und selbst wenn, was sollte er dagegen tun?
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Draco war dankbar, dass sich sein Vater nach dem Essen in den Salon verzog, denn das Essen war mehr als schweigsam gewesen und Draco hatte sich zum ersten Mal wirklich unwohl in Malfoy Manor gefühlt. Er verschwand unter dem Vorwand, frische Luft schnappen zu gehen und nahm die direkte Route durch den Park, die zu dem kleinen, entlegenen Friedhof führte.
Er schwenkte seinen Zauberstab und trug bald einen Kranz aus Sommerblumen in der Hand. Cassiopeia hatte lange auf ihre Blumen warten müssen und er hatte ein schlechtes Gewissen, auch wenn es absurd war. Wer auch immer sie war, sie konnte sich sicherlich nicht mehr darüber beklagen, dass Draco sie zu lange nicht besucht hatte.
Als er jedoch den Kreis aus Rosenbüschen betrat, fand er seine Mutter vor, die scheinbar auf ihn gewartet hatte.
„Es hat wohl nicht viel Sinn, dir zu sagen, dass du nicht herkommen sollst." sagte sie seufzend.
Erstaunlich, wie gut sie ihn durchschaute und das war Draco ein wenig unangenehm. Doch trotzdem war es ein warmes Gefühl, Jemandem nicht alles erklären zu müssen, weil der Andere auch ohne Worte bestens verstand.
Sie deutete auf die Blumen, die er versucht hatte, hinter seinem Rücken zu verstecken. „Nun gib sie ihr auch."
Draco ließ sich hinab sinken und platzierte die Blumen auf dem kühlen Stein. „Sag mir wer sie ist." versuchte er es ein letztes Mal.
Erstaunlicherweise ließ sie sich neben ihm vor dem Grab nieder und betrachtete den kalten Stein beinahe liebevoll. „Sie wäre deine ältere Schwester gewesen."
Das hatte Draco schon lange vermutet, doch die Gewissheit stimmte ihn traurig. Alle Kraft schien von ihm gewichen zu sein und auch wenn er sie nie gekannt hatte, fühlte er sich, als hätte er etwas ungemein wertvolles verloren. Wie viel schlimmer musste seine Mutter sich fühlen?
„War sie..." doch seine Stimme brach, als er in Narzissas Gesicht blickte. Nein, er wollte lieber nicht nachhaken, es bereitete ihr sichtlich große Schmerzen.
„Es tut mir Leid." murmelte er und stand auf. Ungefragt setzten sich in seinem Kopf die Puzzleteile zusammen. Frank, eine unbekannte Schwester...
Er half seiner Mutter hoch, die immer noch apathisch hinab schaute und die Inschrift des Grabes las, denn ihre Lippen bewegten sich, ohne dass ein Laut durch die Nacht drang. Draco kannte die Inschrift auswendig. Saecula Phoenices nulla tulisse duos.
„Lass uns nach drinnen gehen." sagte er leise und führte seine Mutter den überwucherten Weg bis zum Eingang des Friedhofs. Dort stand ein Mann.
Draco erstarrte und griff hastig nach seinem Zauberstab.
Der Mann im Schatten lachte. Es klang wie das Lachen eines Tieres, nicht wie das eines Menschen.
Narzissa neben ihm atmete schwer, auch sie hatte ihren Zauberstab gezückt, doch er las keine Angst in ihrem Blick. Doch er hatte keine Zeit, um sich zu fragen, warum das so war, denn der Unbekannte hielt etwas in der Hand.
Um sie herum wurde es Dunkel und Draco hörte, wie sich die Schritte des Mannes schnell entfernten.
