Sie hörten den Schrei eines zweiten Mannes und dann war die Dunkelheit fort. Rechts von Draco, in den Rosenbüschen knackten es, doch seine Mutter war blass geworden und trat, so schnell sie konnte, zurück.
„Wir müssen ins Haus." flüsterte sie angstvoll. Ihr ganzer Körper war angespannt und ihr Blick war beinahe panisch. Draco hatte sie so nie gesehen und er Begriff die Gefahr nicht, in der er schwebte. Was war nur los? Erst in London, jetzt hier? Wer war dieser Mann?
„Zur Türe." sagte Narzissa nun bestimmter und sie bewegte sich rückwärts auf den Ausgang des Friedhofs zu.
Draco hörte ein Knurren, wie das eines Tieres und dann hörte er das Krachen von Holz. Der Fremde versuchte offenbar seinen Weg durch das Heckenlabyrinth zu nehmen.
„Stupor!" schrie Draco und schoss seinen Zauber in die Büsche, doch das Krachen und Rascheln hielt an.
Narzissa vor ihm lief los, den Weg hinunter, der zur Auffahrt führte und er holte sie erst dort wieder ein.
„Verdammt, du kannst doch nicht einfach so abhauen." raunzte er sie an, doch seine Mutter schien ihn nicht zu hören. Ihre Augen waren glasig.
„Ins Haus." brabbelte sie und Draco war sich sicher, dass sie vollkommen übergeschnappt war. Auf dem Kies der Auffahrt hallten Schritte zu ihnen hinüber. Am Tor konnte er zwei Gestalten ausmachen, die in die Nacht verschwanden, als er seinen Zauberstab erneut hob. Wie hatten sie das sehen können? Er selbst konnte nur ihre vagen Silhouetten in der Dunkelheit ausmachen.
Narzissa hinter ihm riss die Pforte von Malfoy Manor auf und stürmte hinein. „Lucius!" schrie sie und Draco tat der Schrei in den Ohren weh. Nie hatte er seine Mutter so außer sich erlebt.
„Lucius!" schrie sie noch einmal und ihre Schritte hallten durch den Flur. Draco verschloss die Haustüre hinter sich und folgte seiner Mutter mit ein wenig Abstand, aber immer noch gezogenem Zauberstab.
Die Türe zum Salon stand offen und als Narzissa ihn betrat, stieß sie einen gellenden Schrei aus und stürzte nach vorne. Sein Vater lag zusammengesunken auf seinem Schreibtisch. Aus seinem Mund sickerte tief rotes Blut und seine Augen waren eigenartig leer.
Unfähig sich zu bewegen, starrte Draco auf dieses Bild, während sich seine Mutter angstvoll über seinen Vater beugte. Er hörte nicht, was sie da sprach, er sah nur wie die schlaffe, bleiche Hand seines Vaters vom Tisch sackte. Sein Arm war beinahe bis zum Ellenbogen aufgerissen worden. Wie ein Biss, schoss es ihm durch den Kopf. Endlich erwachte er aus seiner Starre und trat neben seine Mutter, die angstvoll nach Lucius Puls fühlte.
„Mach schnell!" fauchte sie ihn an. „Ein Heiler. Irgendwer. Hol Jemanden." Sie weinte nicht. Das fand er seltsam.
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Die kühlen Gänge von St. Mungos waren Draco schon immer verhasst gewesen. Er wusste nicht, warum er sich hier so unwohl fühlte, doch er hatte sich schon als Kind geweigert, das Krankenhaus öfter zu betreten als notwendig. Es war tief in der Nacht und Draco saß immer noch an der Seite seiner Mutter hier und wartete auf Nachrichten.
Narzissa war nun endlich in tiefen Schlaf gefallen, doch Draco hatte das Gefühl, nie wieder schlafen zu können. Zu sehr pulsierte noch das Adrenalin in seinen Adern und zu viele Gedanken schossen ihm ungebeten durch den Kopf. Er konnte sich all das nicht vernünftig zusammenreimen und immer mehr Lücken taten sich auf, die er nicht füllen konnte.
Seine einfachste Theorie, war die, dass das Frank gewesen sein musste. Immer noch verfolgte ihn der Blick seiner Mutter. Wieso nur, hatte sie nicht geweint? Sie schien vollkommen erschöpft zu sein, doch lag das wirklich an der Tatsache, dass sie beinahe ihren Mann verloren hatte?
Endlich öffnete sich die Tür neben ihnen und einer der Heiler trat heraus. Seine Mutter schreckte auf und strich sich den Mantel glatt.
„Mrs Malfoy, ihrem Mann geht es den Umständen entsprechend gut. Doch er wird einige Tage auf unserer Intensivstation zubringen müssen, bevor wir ihn in ein normales Zimmer verlegen können. Die Wunden sind sehr tief und sie sind sehr speziell." er hüstelte verlegen.
Draco bemerkte, dass die Knöchel seiner Mutter weiß waren, vor lauter Anspannung.
„Wird er wieder?" fragte sie ängstlich.
Der Heiler nickte. „Ja, aber über die Langzeitschäden einer solchen Verletzung können wir aktuell nur Mutmaßen."
„Was ist denn nur mit ihm geschehen?" fragte sie hilflos.
„Ein Werwolf hat ihn angegriffen..." begann der Heiler.
Draco horchte auf. Ein Werwolf? In den letzten Tagen hatte er das Wort zu oft gehört. Und vor allem gesehen. Kein Zufall.
„Da waren Männer..." sagte Narzissa verwirrt.
„Die Verletzungen stammen nicht von der wölfischen Form des Werwolfs, sondern von seiner Menschlichen. Deswegen wird ihr Mann nicht die üblichen Schäden haben. Wir hatten bisher nur einen Patienten, der diese Symptome gezeigt hat und daher..."
„Davon will ich nichts hören." fauchte Narzissa ihn an. „Ich will nur wissen, ob es meinem Mann gut geht."
„Den Umständen entsprechend." antwortete der Heiler entrüstet. „Sie können jetzt zu ihm. Doch er schläft und wird vermutlich nicht so schnell wieder aufwachen."
„Danke." gab Narzissa zurück und schob sich hastig an dem Mann vorbei und betrat das Krankenzimmer.
Draco warf ihm einen entschuldigenden Blick zu und beeilte sich, seine Mutter einzuholen.
Jetzt sah es tatsächlich so aus, als ob sein Vater nur schliefe. An seinem Arm befand sich ein dicker Verband, der eine gelbliche Farbe an einigen Stellen aufwies. Die Schulter war ebenfalls verbunden und die grässliche Wunde an seinem Hals war sorgsam verschlossen, doch ein wenig Blut war immer noch zu sehen.
Narzissa war neben ihm niedergesunken und hielt seine unverbundene Hand fest. Sie war noch blasser als eben auf dem Flur und ihre Lippen zitterten.
„Er wird wieder gesund werden." versuchte Draco seine Mutter zu beruhigen und legte ihr eine Hand auf die Schulter, doch Narzissa schien ihn nicht gehört zu haben.
„Du brauchst Schlaf." murmelte er.
Sie nickte mit offenem Mund und sah ihn schließlich an.
„Wieso passiert das nur?" wimmerte sie.
„Ich weiß es nicht." antwortete er wahrheitsgemäß. Seine Mutter sah aus, als würde sie jeden Moment in Ohnmacht fallen. „Mutter, du brauchst wirklich Schlaf. Ich werde den Heiler fragen, ob du über Nacht hier bleiben kannst, in Ordnung?"
Seine Mutter antwortete schon wieder nicht. Ihre Gedanken schienen sich auf etwas völlig anderes zu konzentrieren und Draco kam nicht umhin zu denken, dass sie genau wusste, weswegen das alles geschah.
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Die nächsten Tage schien Draco innerhalb eines Traumes zu verleben. Er hatte sich von der Arbeit abgemeldet (man hatte viel Verständnis für seine Lage gehabt) und verbrachte jeden Tag im St. Mungos. Nicht so sehr um seines Vaters Willen, mehr für seine Mutter. Denn die schien vollkommen ausgebrannt zu sein. Sie war schreckhaft, nervös und ängstlich, Züge, die er von seiner Mutter nicht kannte. Seine Mutter war eine kühle, berechnende, aber auch liebevolle Frau und es erschreckte ihn über alle Maßen, sie so zu sehen. Er hatte den Gedanken verworfen, dass seine Mutter nicht recht unglücklich über die Lage war. Tatsache war, dass sie kaum einen Schritt ohne ihren Mann tun konnte. Oder es nicht wollte, denn sie saß nur an seiner Seite, ob er schlief oder wach war und sprach kaum ein Wort.
Lucius selbst sprach ebenfalls nicht. Jedoch nicht, weil er nicht wollte, sondern weil er nicht konnte. Draco hatte sich das vom Heiler erklären lassen, der Kehlkopf war verletzt worden und es konnte einige Wochen dauern, bis sein Vater wieder sprechen konnte.
Das machte die ganze Geschichte noch schwieriger, denn Draco brannte darauf, zu erfahren, was tatsächlich in Malfoy Manor geschehen war. Man hatte ihn und seine Mutter gezielt abgelenkt, um Lucius... ja, zu töten, er musste das in Betracht ziehen, nur warum? Es gab eine Menge Leute, die dem Namen Malfoy nicht wohlgesinnt waren, doch das tatsächlich in diesen friedlichen Zeiten jemand so weit gehen würde, das wollte er nicht glauben. Außerdem hatte er keine Ahnung, wer seinen Vater so sehr hasste, dass er dazu bereit war, sein restliches Leben in Askaban zu verbringen.
Als er das St. Mungos Hospital an diesem Abend verließ, nahm er sich vor, noch in der Arbeit vorbei zu gehen, um Bescheid zu sagen, dass er wohl morgen wieder kommen würde. Er konnte seinen Vater auch nach der Arbeit besuchen und sein Leben musste weitergehen. Ja, seltsamerweise wollte er, dass es endlich weiterging mit ihm.
Öfter als sonst sah er über die Schulter zurück, immer auf der Hut, ob ihn jemand verfolgte. Ein beunruhigendes Gefühl, das ihn verfolgte. Ob das jemals wieder anders sein würde?
Er erreichte einen der Besuchereingänge und fühlte sich erst besser, als der Aufzug nach unten ratterte und er im Atrium aussteigen konnte. Schnellen Schrittes durchquerte er den riesigen Raum, der nur noch schwach erleuchtet war am Abend und drückte am anderen Ende der Halle die Knöpfe für die Aufzüge.
Sobald mein Vater seine Stimme zurück bekommt, sind sie mir Rede und Antwort schuldig, dachte er verbittert. Das Gitter wurde wie von Geisterhand aufgeschoben und dann befand er sich plötzlich in einer anderen Welt. Aus ihrem Büro drang Musik und laute Stimmen. Offenbar wurde dort gefeiert.
Ein wenig verwundert stieg er aus und warf einen Blick, durch die halb geöffnete Bürotüre.
