Ein wenig verwundert stieg er aus und warf einen Blick, durch die halb geöffnete Bürotüre.

Einige Zauberer und Hexen tanzten zu ziemlich altmodischer Musik und sie trugen alberne Partyhüte. Mitten unter ihnen sah er auch Goldikova, auch sie trug einen grünen Partyhut und hatte ein Glas Bowle in der Hand. Als sie ihn da, konnte er ihr Lächeln beinahe greifen und sie kam zu ihm hinüber und öffnete die Türe ein Stück weiter.

„Komm rein." sagte sie lachend. „Du brauchst einen Hut."

Draco machte eine abwehrende Geste. „Nein, danke. Ich bin nicht in Feierlaune. Was wird hier überhaupt gefeiert?"

Sie lachte immer noch und nippte an ihrer Bowle. Ihre rosigen Wangen zeigten, dass sie schon ein wenig mehr getrunken haben musste. „Doris ist zurück und hat uns Bowle mitgebracht. Das wird gefeiert."

Draco fielen ein paar unschöne Ausdrücke für so eine dämliche Idee ein. Ob hier überhaupt mal jemand arbeitete? Er seufzte schließlich und verdrängte die Gedanken. Wenn er so dachte, war er kaum besser als sein Vater. Warum sollten Andere nicht ihren Spaß haben, während es ihm eben nicht so gut ging. Die Welt drehte sich nicht nur um ihn. Im Gegensatz zu seinem Vater hatte er diesen Grundsatz zumindest begriffen.

„Ich wollte eigentlich nur kurz Bescheid sagen, dass ich morgen wieder zur Arbeit komme."

„Ach, ja... die Sache mit deinem Vater." Goldikovas Blick wurde nachdenklich. „Das tut mir Leid, ich hörte von dem Unfall."

„Danke. Würdest du es Arty ausrichten?"

Sie nickte lebhaft. „Mache ich."

Draco wollte die Türe zuziehen, doch Goldikova stellte den Fuß in die Türe. „Du willst doch nicht wirklich schon gehen, oder?"

„Sieht so aus." gab er spitz zurück.

Sie griff ihn beim Arm. „Nichts da. Du brauchst einen Hut und ein Glas Bowle."

„Eher sterbe ich, bevor ich einen so blöden Hut anziehe." grollte er.

„Aber wenigstens ein Glas Bowle. Arty würde sich so freuen." Ihre Augen blitzen vergnügt.

Draco seufzte. „Meinetwegen. Ein Glas. Aber keinen Hut, hörst du?" rief er ihr nach, denn nach seinem halben Satz war sie schon in der Menge verschwunden. Er hatte nicht gedacht, dass sie so anstrengend sein könnte und eigentlich wollte er nur nach Hause. Seine Gedanken tanzten in seinem Kopf Ringelrein und ein fieses Ziehen hatte sich in seiner Stirn breit gemacht.

„Hier." Sie hielt ihm ein Glas Bowle unter die Nase. Er hatte sie gar nicht kommen sehen.

„Danke." antwortete er und kippte das Glas in einem Zug herunter. Er knöpfte seinen Mantel zu und machte eine leichte Verbeugung vor Goldikova. „Also dann, einen schönen Abend noch."

Sie machte ein so verblüfftes Gesicht, dass er beinahe loslachen musste. Er hatte ihr doch gesagt, dass er nicht in Feierlaune war. Warum also hielt sie ihn hier fest?

„Hey!" rief sie und drückte die Türe zu. „So war das aber nicht gedacht." Ihr Blick war verwirrt.

Draco wandte sich zu ihr um. „Hör mal, ich bin wirklich heute Abend nicht gut gelaunt und deswegen gehe ich jetzt wieder. Ich wusste nicht, dass ihr heute Abend hier feiert, sonst hätte ich euch nicht gestört."

„Du störst doch gar nicht." sagte sie leise und mit großen Augen.

Darauf wollte Draco nicht mehr antworten. Es ging sie nichts an, wie er sich fühlte. Schließlich war sie nur seine Arbeitskollegin.

Sie schien nachzudenken. „Und wenn ich persönlich dich darum bitte zu bleiben?"

„Ich bezweifle, dass du das tun wirst, denn erst vor ein paar Wochen hast du mich noch zum Teufel geschickt."

Sie nahm einen großen Schluck Bowle und ihre Wangen wurden ein wenig röter. „Ich hab dir doch erklärt, warum..."

Draco öffnete erneut die Türe. „Viel Spaß noch."

„Bleib doch, bitte."

Draco seufzte wohl zum hundertsten Male an diesem Tag, sagte jedoch nichts.

„Es tut mir wirklich Leid, wie ich dich vorher behandelt habe." Das klang zumindest, als ob sie es ehrlich meinte. Außerdem war es nicht das erste Mal, dass sie sich für ihr Verhalten entschuldigte. Es war wohl an der Zeit, dass er sich ein wenig wohlwollender ihr gegenüber verhielt. Sie hatte ihm nichts Böses getan.

„Schön." sagte er schließlich. Und mit dem Anflug eines Lächelns fügte er hinzu: „Aber ich meine es ernst. Keinen Hut."

Sie lachte.

..::~::..

Mitternacht war längst vorbei, als Arty Binks das Büro schließlich abschloss und die kleine Gesellschaft das Atrium passierte. Draco ging schweigend neben Goldikova her. Seltsam. Er hatte den ganzen Abend nicht einmal an seine Eltern gedacht. Eigentlich hatte ihm dieser kleine Ausflug sogar gut getan, wenn er es ehrlich betrachtete, denn seine eigenen, trüben Gedanken waren ihm mittlerweile zuwider.

„Wohin musst du?" fragte er einer plötzlichen Eingebung folgend, als die Meisten schon die Kamine bestiegen hatten.

„Silk Road. Das ist fünfzehn Minuten von hier mit dem Bus." antwortete sie träge. Sie hatte wohl doch recht viel getrunken.

„Kannst du nicht dahin apparieren?"

„Meinst du, dass ich das jetzt noch könnte? Ich würde meinen Kopf verlieren. Oder zumindest einen Arm." Sie kicherte albern.

„Soll ich dich hinbringen?"

Sie blieb stehen und sah ihn lange und prüfend an. Schließlich nickte sie, aber schob hinterher. „Draco, ich bin nicht so ein Mädchen. Ich nehme dich nicht mit nach oben auf einen Kaffee."

Draco sah sie verdutzt an. Darauf war er nun ganz sicher nicht aus gewesen. „Dann ist doch alles in Ordnung. Das hatte ich auch nicht vor."

„Oh." machte sie und wurde rot. „Dann ist es okay..."

Aber was war das dann in ihrem Blick? War sie beleidigt, weil er sie eben NICHT so sah?

Er hielt ihr das Aufzuggitter auf und die verzauberte Telefonzelle schoss nach oben. Er sah, dass Goldikova sich an den Haltestangen festhalten musste. Offenbar war sie betrunkener, als man es ihr auf den ersten Blick anmerken konnte. Ihr Gesicht war blass und er merkte, dass ihre Knie zitterten, als sie schließlich ausstieg.

„Diese furchtbaren Dinger." jammerte sie und warf der Telefonzelle einen bösen Blick zu, sodass Draco lachen musste. Er hatte jedenfalls noch nie ein Mädchen gesehen, dass eine Telefonzelle beschimpfte. Und sicherlich sahen nicht viele Mädchen dabei so hübsch aus... halt, stopp. Diese Gedanken mussten definitiv aufhören. Goldikova mochte hübsch sein, wie sie wollte, er traute ihr nicht so richtig über den Weg.

Sie griff nach seinem Arm und setzte schwankend ihren Weg mit ihm fort.

„Draco, was ist mit deinem Vater?" fragte sie plötzlich.

„Was soll mit ihm sein? Er hatte einen Unfall." antwortete Draco knapp und hoffte, dass sie nicht weiter fragte.

„Wird er wieder gesund werden?"

„Ich weiß es nicht. Ich schätze ja..." Warum erzählte er ihr überhaupt davon? Das ging sie nichts an. Und er wollte auch nicht darüber reden, tatsächlich war ihm der Abend zu Schade, um den mit Mutmaßungen über seinen verqueren Vater zu verbringen.

„Dann ist es ja gut." sagte sie und nickte, als ob sie ihren Worten Nachdruck verleihen wollte.

Vielleicht wollte sie aber auch wirklich einfach nur nett sein. Ein Anflug von Reue traf Draco, schließlich waren ihre Eltern tot und ihre Großeltern auch, da war es vielleicht natürlicher, sich nach einem Unfall zu erkundigen. Das hatte wohl nichts mit Neugier zu tun. Zum ersten Mal dachte er sogar nicht über den mysteriösen Angreifer nach und blickte sich ebenso nicht ständig nach Verfolgern um. Sie schien das alles mit ihrer Präsenz auszulöschen.

Sie lief mit ihm durch die Straßen von London und Draco vergaß alles um sich herum. Sie sprach selten und wenn sie es tat dann war es wohltuend und warm. Später hatte er keine Ahnung mehr, worüber mit ihr gesprochen hatte, aber er hatte nicht das Gefühl, dass das wirklich wichtig war. Wichtig allein war das Gefühl, dass er in ihrer Nähe hatte.

„Ist es noch weit?" fragte er schließlich.

Sie nickte. „Ja, und wie!" Ihr Blick war todernst.

„Wirklich?"

„Nein." Goldikova kicherte in seine Jacke hinein.

„Du bist verrückt." sagte Draco tadelnd.

„Ich weiß. Übrigens, wir sind da." Sie zeigte auf einen düsteren Eingang, ein typischer, Londoner Wohntrakt, Hochhaus, gesichtslos. Wenn Draco da an seine wunderbare, ruhige Wohnung dachte. Nun, die hatte ihm sein Vater besorgt. Wie hätte wohl seine Wohnung ausgesehen, wenn sein Vater nicht gewesen wäre?

„Gefällt es dir?" fragte sie.

„Hübsch." zwang sich Draco zu sagen.

„Du bist ein miserabler Lügner." grinste sie. „Niemand findet das hier hübsch. Jedenfalls Niemand, den ich kenne."

„Da hast du wohl Recht." antwortete er ergeben. Die Frau war wirklich nicht blöd. Wenn er da an sein letztes Date dachte... Pansy hatte seine Ironie nicht verstanden und seine Heuchelei nicht durchschaut.

Goldikova kramte in ihrer Handtasche nach dem Schlüssel. „Irgendwo muss der doch sein." jammerte sie und durchwühlte die ganze Tasche, bis sie ihn schließlich triumphierend in den Händen hielt.

„Ein Glück. Sonst hätte ich heute Nacht bei dir Schlafen müssen."

„Ich hätte dich im Leben nicht mit rein genommen." antwortete Draco mit gespieltem Ernst und sie musterte ihn erst eine Weile prüfend, ob er das wohl ernst gemeint hatte. Darüber musste er lachen.

„Hättest du doch." Sie drehte den Schlüssel im Schloss herum und öffnete die Haustüre. „Vielen Dank für's Heimbringen, Draco. Das war ein netter Abend."

Draco blieb ein wenig unschlüssig auf dem kleinen, gepflasterten Weg stehen. Der Hinterhof war heruntergekommen und verschiedene Paletten dienten als Zäune, während auf der anderen Seite diverse Mülltonnen ihr Dasein fristeten, ohne dass sich die Bewohner wirklich Mühe gaben, ihren Müll zu sortieren.

Goldikova drehte sich zu ihm um und jetzt hatte ihr Lächeln etwas Beunruhigendes, als sie sagte: „Möchtest du nicht mit herein kommen?"