Und da stand er nun und sie sagte genau die Worte, die er nicht hatte hören wollen. Alles an ihr war beunruhigend. Sie wusste eine Menge mehr Dinge, als sie vorgab zu wissen und sie verbarg eine Menge mehr Dinge, als er wissen wollte. Trotzdem, er hatte ein wenig getrunken, sie auch, was war so falsch, jetzt mit ihr hinauf zu gehen.
„Weißt du..." sagte er leise. „Ich halte das für keine gute Idee. Morgen früh bereust du die Einladung, da bin ich mir sicher."
Sie lachte ihr glockenhelles Lachen. „Nein, Draco, das werde ich nicht. Ich bin alt genug für solche Dinge. Und außerdem habe ich dich nur hereingebeten, nichts weiter."
Draco machte einen Schritt auf die Türe zu, er konnte sich einfach nicht gegen die mysteriöse Anziehungskraft wehren, die von Goldikova ausging. Schließlich trat er über die Schwelle und stand mit ihr im düsteren Flur.
„Zweiter Stock."
Er konnte ihr Lächeln förmlich spüren. Warum machte er sich überhaupt Gedanken darum? Er wurde nicht das erste Mal von einem Mädchen eingeladen und für Goldikova galt wohl das Gleiche. Warum also fühlte er sich in diesem Moment so unwohl?
Die Wohnung war klein und Dunkel, sogar nachdem Goldikva das Licht angeknippst hatte. Und sie war unordentlich, das Sofa, mit rotem Stoff überzogen, stand in der Mitte des kleinen Wohnzimmers, gegenüber ein halb ausgeräumtes Bücherregal und bunte Flickenteppiche zierten den Fußboden, die nicht zueinander passen wollten. Er konnte in die kleine Küche hinaus sehen und die andere Türe führte vermutlich zu ihrem Schlafzimmer, doch diese Türe war im Moment verschlossen.
„Ist nicht hübsch." sagte sie ein wenig beschämt. „Aber mir reicht das. Setz dich."
Draco nahm auf dem roten Sofa Platz und Goldikova verschwand in der Küche. Sein Blick fiel auf die verschiedenen Fotos an der Wand. Eines zeigte Goldikova, mit vielleicht zehn Jahren. Sie hatte die Hand einer älteren Frau ergriffen und streichelte ein Pony. Ein Anderes zeigte Goldikova im Kreise der Hufflepuffs, ein typisches Klassenfoto aus Hogwarts. Einige davon erkannte Draco sogar. Das dritte Foto zeigte eine junge Frau, die Goldikova sehr ähnlich sah. Das Haar war lang und lockig, ein wenig dunkler als bei Goldikova und ihre Augen waren braun und nicht grün. Doch die Lippen glichen sich sehr und auch die hohen Wangenknochen...
„Meine Mom."
Draco schrak zusammen, als Goldikova mit zwei Weingläsern aus der Küche kam.
„Meinst du wir brauchen noch mehr?" sagte er mit einem Blick auf die Gläser.
„Wein passt doch gut zum Abschluss einer Nacht." Sie ließ sich neben ihn sinken und goss den Wein ein.
Draco nahm schweigend einen Schluck und sah sich erneut in der Wohnung um. Bücher lagen auf dem Boden, Klamotten hingen über den Stühlen und lagen auf dem kleinen Schreibtisch, verschiedene Pergamente lagen unter dem Tisch und ein umgeworfenes Tintenglas hatte Flecken auf dem gelben Teppich hinterlassen. Es lag sogar immer noch an der Stelle, wo es vermutlich hinunter gefallen war.
„Du bist unordentlich." murmelte er.
„Es reicht doch, wenn ich auf der Arbeit ordentlich bin." Sie zog einen Schmollmund.
„Mh... da hast du wohl nicht unrecht."
Draco nahm noch einen Schluck vom Wein.
Goldikova ließ sich ein Stück zurück sinken, sodass ihre Schulter jetzt seine berührte, während Draco immer noch fieberhaft überlegte, ob er diese Chance tatsächlich ergreifen sollte. So wie er Goldikova zuletzt eingeschätzt hatte, klang das alles eher nach einer Falle. So wie er sie jedoch jetzt kennengelernt hatte, war ihr das vollkommen ernst. Überhaupt, hatte dieser Abend ihm wesentlich mehr Seiten an Goldikova gezeigt, als er vermutet hatte.
Sie war fröhlich. Sie tanzte gerne, auch wenn sie es überhaupt nicht konnte. Und ihre Haut war so weich. Jetzt, in diesem Moment brannte es ihm auf den Fingern, diese weiche Haut zu berühren, egal welche Bedenken er sonst bei ihr hatte.
Goldikova schien ebenfalls in Gedanken zu sein, sie starrte auf das Glas in ihren Händen und sprach nicht. Ihr Atem schien schneller zu gehen, als fühlte sie sich nicht wohl, oder aber als kämpfe sie mit sich selbst. Ihr fröhliches Gesicht wirkte angespannt.
„Alles in Ordnung?" fragte er vorsichtig.
„Ja. Nein. Ach, vergiss es..."
Draco wusste selbst nicht so recht warum, aber er griff unter ihr Kinn und zwang sie, ihn anzusehen.
Goldikovas Augen blitzten. War sie zornig, obgleich dieser ziemlich groben Behandlung? Draco wusste selber nicht, warum es plötzlich so in ihm tobte, doch er lockerte seinen Griff nicht.
„Erzähl es mir." forderte er sie auf. Ein Befehl.
„Draco, du tust mir weh." sagte sie gepresst.
Draco atmete tief durch und zwang sich, loszulassen. Was war das, dass da Furchtbares in ihm schlummerte? Innerlich verfluchte er sich selber. Wie hatte er sich so ihr gegenüber benehmen können? Es war wohl das beste, wenn er einfach ging.
Schließlich tat Goldikova jedoch etwas Eigenartiges, sie stellte ihr Glas auf den Tisch, ohne ihn eines Blickes zu würdigen und trat hinüber zu ihrer Schlafzimmertüre, sie sie einen Spalt breit öffnete.
Dann wurde ihr Blick plötzlich neckisch und ihre Stimme nahm einen geradezu verführerischen Klang an. „Ich steh auf diese Befehlsnummer."
Sie verschwand im Schlafzimmer und Draco blieb im Wohnzimmer zurück. Ein wenig ungläubig blickte er immer noch auf den Türrahmen. Hatte sie das jetzt wirklich gesagt? Er hatte sie nicht verschreckt? Sich selbst zumindest hatte er zutiefst verschreckt, denn diese Ader, die sich ihren Weg ins freie bahnte, die hatte er nun erkannt: Sie gehörte seinem Vater. Er kannte diesen Befehlston. Sein Vater sprach so mit seiner Mutter. Und auch oft mit ihm. Das durfte ihm nie wieder passieren.
Und schließlich, wie an der Schnur gezogen, folgte er Goldikova doch ins Schlafzimmer. Ihre Nachttischlampe schenkte nur spärliches Licht und Goldikova hatte sich auf ihrem Bett niedergelassen und sah in prüfend an.
„Ist das dein ernst?" hakte er nach. Er konnte sich das alles nicht wirklich vorstellen.
„Wonach sieht das aus, Mr. Malfoy?" sagte sie immer noch mit diesem lauernden Unterton.
„Nenn mich bloß nicht so." grollte er. „Mr. Malfoy ist mein Vater."
„Und trotzdem bist das auch du." Der Satz war verdammt zweideutig gewesen. Nicht das erste Mal hatte er das Gefühl, dass Goldikova ihn durchschaute wie ein offenes Buch.
Goldikova indessen, ließ sich auf ihrem Bett zurückfallen und beobachtete ihn unter ihren Augenlidern aufmerksam.
Dann ging alles plötzlich sehr schnell, er berührte Goldikovas zarte Haut und schließlich lag sie in seinen Armen und er küsste ihre roten, süßen Lippen.
Und am Ende war es doch so einfach, wie es das immer gewesen war, schließlich geschah genau das, was er und sie erwartet hatten und gewollt hatten.
..::~::..
Als Draco an diesem Morgen erwachte war es viel zu spät, um noch zur Arbeit zu gehen. Träge rieb er sich die Augen und sah auf seinen Nachtisch, um schließlich festzustellen, dass dort keine Uhr stand. Er war nicht zu Hause. Und in seinem Arm lag seine Arbeitskollegin, von der er immer noch nicht sicher war, ob er sie hassen oder lieben sollte.
Sie schlief noch. Ihr Atem ging regelmäßig und er fühlte, wie ihr Herz schlug. Das blonde Haar stand nach allen Richtungen ab und ihre Schminke hatte schwarze Schatten um ihre Augen hinterlassen.
Sie sah unendlich jünger aus, wenn sie so schlief, mehr wie ein kleines Mädchen. Ihr Körper war so zierlich und blass. Und immer noch ging etwas Beunruhigendes von ihr aus. Er wusste nie, was sie fühlte und wie sie empfand, doch andersrum schien sie das genau zu wissen. Vielleicht war das gar nicht so schlecht, wenn sie ihn verstand, denn er verstand sich selbst oft genug nicht.
Und doch, sie gab ihm ein gutes Gefühl, auch wenn sie ihn gleichzeitig beunruhigte. Vielleicht sollte er aufhören, jede ihrer Bewegungen zu beurteilen. Vielleicht tat sie es nicht einmal absichtlich.
