Als Goldikova erwachte, breitete sich auf ihrem Gesicht ein Lächeln aus. „Oh." murmelte sie. „Habe ich so viel getrunken? Wo kommst du denn her." Doch das Zwinkern verriet ihren Scherz und Draco musste unwillkürlich lachen.
„Du bist verrückt, weißt du das?"
Goldikova sah auf die Uhr. „Bei Merlins Bart, so spät? Arty wird uns umbringen."
Draco hob beschwichtigend die Arme. „Ich bezweifle, dass er das tut. Wir entschuldigen uns Morgen und dann ist gut."
„Das mag vielleicht für dich gelten, aber mit mir wird er strenger sein." jammerte Goldikova.
„Dann werde eben ich ihm das erklären."
Zweifelnd sah sie ihn an, doch dann nickte sie schließlich. „Meinetwegen. Ich hoffe, dass du ihn besser um den Finger wickeln kannst, als ich es kann."
Schweigen. Goldikova sah ihn an. Draco räusperte sich. Und jetzt? Erwartete sie mehr? Oder gar nichts? Oder vielleicht wollte sie auch gar nichts mehr? Was für eine verwirrende Situation. In welche Richtung wollte er nun also steuern? Er konnte sagen, dass sie sich nicht mehr erhoffen sollte, denn mehr würde sie nicht von ihm kriegen. Oder aber auch das genaue Gegenteil... Draco wusste selbst nicht so recht, was er sich gerade in diesem Moment erhoffte.
„Was geht dir gerade durch den Kopf?" fragte sie leise. Das Lächeln war verschwunden, doch ihre Augen leuchteten.
So entschloss Draco sich für die Wahrheit, er hatte überhaupt nicht mehr die Energie zu lügen: „Wie verhält man sich nach so etwas?" Er machte eine etwas hilflose Geste.
Sie schien ehrlich darüber nachzudenken und setzte sich im Bett auf. „Ich weiß nicht. Wie hast du es denn sonst immer gemacht?"
Was für eine gemeine Gegenfrage. So hakten Mädels nach etwaigen Exfreundinnen oder Affairen nach und Goldikova war keine Ausnahme. Andersrum war sie nicht das Mädchen, dass ihm die Nummer mit: „Du bist meine Erste." abnehmen würde. Bei anderen Mädchen funktionierte so etwas außerordentlich gut.
Goldikova wedelte mit der Hand vor seinen Augen herum. „Halloho. Noch da?"
Er nahm die Hand und legte sie auf seine Wange. Ihre Haut war immer noch so weich wie gestern. „Natürlich."
Als sein Blick ihren traf, musste er lachen. Doch von diesem Augenblick veränderte sich tatsächlich Etwas zwischen ihnen.
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Draco hastete durch die langen Flure des St. Mungos. Die Stimme seiner Mutter war eindringlich gewesen: „Komm sofort ins Hospital." Ging es seinem Vater schlechter? Ein erneuter Anschlag? Draco versuchte die Angst zu verdrängen, doch die Bilder der Verletzungen drängten sich ihm ungefragt immer und immer wieder auf. So viel Blut.
Schwer atmend betrat er das Zimmer seines Vaters, der sich seelenruhig einen neuen Verband am Hals anlegen lies. Verärgert schnaubte Draco. Deswegen hatte man ihn von der Arbeit abkommandiert (damit schon das vierte Mal in diesem Monat)?
„Weswegen sollte ich herkommen? Wo ist Mutter?" verlangte er zu wissen.
Lucius Stimme war nur ein Krächzen, doch tatsächlich war dies das erste Mal, dass er seit mehr als einem Monat die Stimme seines Vaters hörte.
„Deine Mutter kommt gleich." So viel Anstrengung für ein paar unwichtige Worte. Der Zorn stieg in ihm auf und er ballte seine Hände zu Fäusten, jedoch so, dass sein Vater die rüde Geste nicht sah.
Sein Vater indess schlug entnervt die helfende Hand des Heilers beiseite und setzte sich in seinem Bett auf, als wäre er in seinem Haus in Malfoy Manor und nicht im St. Mungos Hospital.
Die Tür schwang erneut auf und Narzissa Malfoy taumelte hinein. Sie war noch blasser als sonst und ihr Gesicht wirkte eingefallen und krank. Hatte sie den letzten Monat überhaupt geschlafen? Draco musste sich beherrschen, sie nicht beim Laufen zu stützen, so abgemagert und kränklich wirkte sie.
Lucius schickte den Heiler mit einem Wink vor die Türe, dann waren sie schließlich allein. Narzissa tastete nach der Hand ihres Mannes, doch Draco entging es nicht, dass sein Vater die Hand seiner Frau achtlos fort wischte und ihn zu sich heran winkte.
„Wer hat dir das angetan?" verlangte er zu wissen.
„Ein Werwolf." antwortete die heisere Stimme seines Vaters. Seine Miene blieb unbeweglich.
„Das wissen wir bereits." knurrte Draco. Sein Vater sollte sich endlich dieses Theater sparen. Er beinahe gestorben. Verstand er denn gar nichts?
„Vater, mich hat auch ein Werwolf angegriffen. Nur ein paar Tage bevor er über dich hergefallen ist. Ist das ein Zufall? Wer ist es? Greyback?"
Sein Vater neigte leicht den Kopf. War das ein Ja?
„Ich habe zwei gesehen." entgegnete Draco.
Sein Vater und seine Mutter tauschten einen seltsamen Blicke aus. Warum konnten sie nicht endlich davon ablassen? Was verbargen sie nur vor ihm. Schon wieder ein Berg von Fragen über Fragen.
„Wer war der Zweite?"
„Ein anderer Werwolf." antwortete seine Mutter leise.
„Und? Kennst du ihn?" Das war wie auf tiefem Sand laufen. Man kam kaum von der Stelle und man verausgabte sich. So fühlte es sich an.
„Nein." Das kam definitiv zu schnell. Und seine Mutter war schon immer eine miserable Lügnerin gewesen.
„Wisst ihr, es sollte mir eigentlich egal sein, was aus euch wird. Denn ihr Beide seid fürchterliche Lügner." schrie er sie nun endgültig an. Er wusste, dass es ihm nachher leid tun würde, doch jetzt platzte einfach alles aus ihm heraus.
„Ich habe mir Sorgen gemacht. Um zwei Lügner! Ihr habt einander wirklich verdient. Beide seid ihr großartig im Heucheln und Vertuschen."
Seine Mutter wollte ihm beschwichtigend ihre Hand auf die Schulter legen, doch er wich zurück. „Lass das." fauchte er.
„Draco, du weißt nicht, wovon du sprichst." wisperte sie erschrocken.
„Ich kenne Fenrirs Helfer nicht. Doch ich weiß, dass er Rache sucht. Oder sie..." Die Stimme seines Vaters brach erneut.
„Und warum an dir?"
Doch sein Vater schüttelte den Kopf. „An uns." korrigierte er heiser.
„Aber warum?" Draco konnte sich einfach nicht mit den wenigen Informationen zufriedengeben, die sein Vater ihm da präsentierte.
„Rache. Neid. Voldemort. Wer weiß das schon?"
Draco bekam eine Gänsehaut. Er hatte noch nie gehört, dass seine Mutter diesen Namen aussprach und der Blick, mit dem sie ihn jetzt bedachte, der war fürchterlich. Ihre Augen waren starr vor Kälte und sie schien sich vor sich selbst zu ängstigen. „Draco, du solltest auf der Hut sein. Er wird wiederkommen. Oder sie Beide."
Ein Orakelspruch. Ob er sich bewahrheiten würde, das kümmerte Draco in diesem Moment herzlich wenig, er kehrte seinen Eltern den Rücken und verließ das St. Mungos Hospital. Nichts ahnend, dass er früher zurückkehren würde, als es ihm tatsächlich lieb war.
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Draco folgte der langen Nebenstraße. Nur Heim. Seine Eltern waren das Letzte. Nein, sie waren Grausam. Warum verschwendete er nur seine Mühen und seine Ängste auf sie? Ach ja, richtig, weil sie seine Eltern waren. Das war natürlich ein Grund. Und scheinbar auch ein durchaus brauchbarer Grund für seine Eltern, um ihren Sohn anzulügen. Das war für seine Eltern etwas vollkommen legitimes und offenbar absolut richtig.
Er beschleunigte seine Schritte und passierte einige Muggelgeschäfte, die auf der linken Straßenseite lagen. Eigentlich hätte er auch apparieren können, doch Draco tat das Laufen gut, so hatte er ein wenig Zeit sich selbst abzukühlen. Mittlerweile hatte er gelernt, dass er in seiner Hitzigkeit dazu neigte, immer das Falsche zu tun. Er musste wenigstens einmal einen kühlen Kopf behalten. Nicht noch einmal würde er nachgeben. Seine Eltern würden damit rechnen, dass er sie erneut löchern würde. Das würde er nicht noch einmal tun.
Als er die Haustüre erreichte, atmete er tief durch und schob dann schließlich den Schlüssel ins Schloss. Und als er die Türschwelle überschritt, da waren die düsteren Gedanken wie weggewischt. Seine kleine Wohnung lag da, wie er sie verlassen hatte. Und das war gerade das Wunderbare. Goldikova war auch noch da.
Sie war in seinem Sessel zusammen gesunken, ihr Kopf war nach hinten gesackt und sie schlief. Sie war später als er aus dem Büro gekommen, doch immer öfter war sie nun statt nach Hause, zu ihm zurückgekehrt. So mysteriös sie manchmal war, so gut tat sie Draco. Selbst wenn sie nur dalag und vor sich hin schnarchte, das reichte ihm vollkommen. Allein das Gefühl, dass sie verbreitete, wenn sie im selben Raum mit ihm war, machte Draco, so abgedroschen das klang, glücklich.
Er wusste selbst nicht recht, wie es angefangen hatte, doch nun war er mitten drin und es gefiel ihm, so wie es war.
Goldikova schrak hoch und sah sich verwirrt um. „Tut mir leid. Ich war so müde und..." Die blonden Locken waren platt gedrückt und sie sah immer noch schläfrig aus.
Draco lachte leise. „Schon okay."
„Ist mit deinem Vater alles in Ordnung?" fragte sie hastig.
„Ja." Er hatte sich nicht dazu durchringen können, ihr die endgültige Geschichte zu erzählen. Zu untrennbar war der Tod ihrer Familie damit verbunden und er wollte das nicht erneut aufleben lassen. Vielleicht war er manchmal wirklich nicht besser als sein Vater, dachte er beschämt bei sich.
