Als Draco an einem kühlen Novemberabend in der Cafeteria saß, ahnte er noch gar nicht, wie schlecht seine Nacht werden würde. Er hatte Nachtschicht, etwas, das jeder Lehrling ab und an zu absolvieren hatte, denn sein Büro war 24 Stunden besetzt. Es gab immer einige Dinge zu schlichten, oder in Ordnung zu bringen. Im Endeffekt bewachte er jedoch nur den Kamin, in dem die Notrufe eingingen, er selbst durfte nur mit einem erfahrenen Mitarbeiter im Außendienst ausrücken. Und den musste er eh bei einem Notfall aus dem Bett klingeln.
Es war ungewöhnlich still Abends in der Cafeteria, nur wenige Zauberer waren noch zu sehen. Immerhin war es sowieso für die meisten Abteilungen schon längst Feierabend und es war Samstag. Am Wochenende waren die Abteilungen, die überhaupt besetzt waren, lediglich mit ein oder zwei Mitarbeitern bestückt. Alles war lascher geworden, seitdem der dunkle Lord fort war. Eigentlich ein guter Grund.
Draco nahm einen Schluck aus seiner Kaffeetasse und betrachtete das kitschige Deckengemälde: Ein sich permanent verändernder Mondkalender, angepasst an den tatsächlichen Zyklus des Mondes. Nur hatte dieser Mond hier ein fröhliches Gesicht oder bei abnehmendem Mond ein trauriges. Jetzt gerade strahlte der Mond über seine dicken, rosigen Backen: Vollmond. Nahm er ab oder gab es gar eine Mondfinsternis, dann weinte er sogar. Gemalt war er im Stil der üblichen kitschigen Muggelzeichnungen, wie man sie bei alten Damen im Wohnzimmer fand. Goldikova nannte ihn Grinsebacke. „Lass uns zur Grinsebacke gehen." sagte sie, wenn sie in die Cafeteria wollte.
„Ist hier noch frei?" sagte eine tiefe Stimme.
Draco schreckte aus seinen Gedanken hoch. Das Mädchen kannte er vom Sehen. Schwarze, glatte Haare, adrette Kleidung, glattes, ausdrucksloses Gesicht.
„Ja." entgegnete er unfreundlicher als er wollte. Trotzdem war er misstrauisch. Immerhin waren alle anderen Tische frei, sie musste irgendetwas konkretes mit ihm im Sinn haben.
„Du bist Draco Malfoy, oder?" Sie wickelte eine ihrer schweren, schwarzen Strähnen um einen Finger. Eine nervöse Geste? Eigentlich nicht. Ihr Auftritt kam ihm geprobt vor.
„Ja." entgegnete er und fügte schließlich hinzu. „Und du bist?" Er sah keine Notwendigkeit für ein Sie.
„Astoria Greengrass." antwortete sie gekünstelt und nippte an ihrem Tee. „Ich arbeite im Sekretariat des Zaubereiministers."
Draco nickte, doch er hatte weder ein Interesse daran, das Gespräch weiterzuführen, noch sie zu ermuntern, es selbst zu tun. Astoria war der Inbegriff der Reinblütergöre.
Schließlich sagte er, natürlich nur aus Höflichkeit: „Was machst du denn so spät hier?"
„Überstunden." Sie zuckte die Schultern. „Die Auszubildenden müssen Freitags immer so lange bleiben. Die liegengebliebene Arbeit nachholen. Solchen Blödsinn halt."
Draco wollte gerade etwas erwidern, doch eine Hexe mit wallendem Blondhaar erschien in der Türe und rief nach Astoria.
„Ich komme schon, Penelope." rief Astoria ihr zu und stand auf. Dann wandte sie sich Draco zu. „Entschuldige, meine Cheffin.
Draco sah hinüber zu dem anderen Mädchen. Irgendwoher kannte er auch sie. Hogwarts. Vielleicht hätte er sich einmal mehr um die Namen seiner Klassenkameraden bemühen sollen.
„Hat mich gefreut, Draco Malfoy." Das Lächeln auf ihren Lippen war so falsch, wie die Darstellung des Mondes auf dem Deckenemblem.
„Mich auch." log er und wandte sich seiner Tasse zu. Astorias Absätze klapperten auf dem polierten Marmor und bald war sie verschwunden. Draco wollte gar nicht genau wissen, was sie tatsächlich von ihm wollte. Vermutlich ein Date. Er schien solche Mädchen geradezu magisch anzuziehen. Oder war es sein Name? Er wollte gar nicht wissen, um wie viel Wahrscheinlicher diese Tatsache war.
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Als Dracos Dienst nach einer Ewigkeit vorbei war, war er sehr erleichtert, den Heimweg antreten zu können. Wie erwartet, hatte ihn kein Notfall ereilt und er hatte eigentlich nur gegen seine Müdigkeit kämpfen müssen, was ihm freilich nicht so gut gelungen war, denn die letzte halbe Stunde seiner Schicht hatte er geschlafen. Aber wer wollte ihm das schon nachweisen? Es war ja sowieso niemand da. Er beneidete Goldikova ein wenig, sie musste die Nachtwache nicht mehr übernehmen, auch wenn sie durch die Zwischenprüfung gerasselt war, denn sie hatte schon in ihrem ersten Jahr oft genug den Notdienst übernommen. Doch es war Pflicht, dass jeder Lehrling eine gewisse Anzahl an Nachtschichten absolvieren musste und so war er nun dran. Zumindest war das fair.
Er apparierte in einer Seitenstraße, von der er wusste, das sie Nachts nur selten begangen wurde, denn einige sehr große Hunde hielten hier auf den Hinterhöfen ihrer Besitzer Wache. Die selbe Gasse, in der er Fenrir und seinem Kumpan erneut begegnet war. All das schien schon Lichtjahre her zu sein. Mittlerweile fröstelte es ihn nicht einmal mehr, wenn die Hunde in der engen Gasse jaulten. Vielleicht nahmen Fenrir und sein widerwärtiger Freund an, dass ihr Attentat auf Lucius erfolgreich gewesen war und hatten sich aus dem Staub gemacht.
Tatsächlich hatte sein Vater außer einer dünnen, weißen Narbe keinen Schaden davon getragen. Zumindest keinen konkret ersichtlichen, denn der Oberheiler hatte seine Mutter und ihn davor gewarnt, dass Lucius ein paar wölfische Züge zurückbehalten haben könnte, man wüsste noch nicht genügend über die Langzeitschäden solcher Verletzungen.
Draco konnte seinen Atem sehen, so kalt war es mittlerweile. Trotzdem, auch wenn er die Wölfe verdrängt hatte, konnte er nicht leugnen, dass er froh war, als er den Schlüssel ins Schloss steckte und den warmen Flur des Wohnhauses betrat. Draco war zwar nicht feige, aber auch nicht Lebensmüde. Immerhin verdankte er seinem Verstand, dass er überhaupt noch am Leben war.
Mit ähnlich düsteren Gedanken trabte er die Treppenstufen hinauf. Hoffentlich hatte Goldikova noch etwas zu essen gemacht. Ab und zu überraschte sie ihm mit solchen Dingen, wenn sie eher zu Hause war als er. Auch wenn es ja offiziell nicht einmal ihre Wohnung war, so war sie doch sehr oft hier. Draco hatte ihr den Zweitschlüssel ohne zu zögern übergeben. Warum auch nicht? Sie war immerhin ein... nun ja sie war nicht wunderschön, sie war nicht auffallend, aber in jeder Beziehung für Draco absolut perfekt. Gerade deswegen, weil sie es nicht war. Er war erstaunt, über ihre Vielseitigkeit und dabei gleichzeitige Einfachheit. Goldikova wusste, wie sie ihn überraschen konnte. Sie war sanft und zugleich hart wie ein Stein und absolut unnachgiebig, wenn etwas nicht nach ihrem Kopf ging.
Seine Wohnung lag im Dunkeln. Vielleicht hatte sie sich schlafen gelegt? Sie war zumindest zu Hause gewesen, als er zur Arbeit gegangen war.
Draco knippste die Lichter im Flur an und lugte schließlich ins Schlafzimmer. Keine Goldikova. Das Bett lag ordentlich gemacht da. Auch im Wohnzimmer war sie nicht. War sie nach Hause gegangen? In der Küche fand er nur einen kleinen Topf auf dem kalten Herd, in dem sich Milchreis befand. Offenbar hatte sie gekocht, denn sein Duft erfüllte die Küche.
Unwillkürlich musste Draco an Fenrir denken, verwarf den Gedanken jedoch augenblicklich wieder. Niemand wusste, dass er und sie miteinander... nun... was eigentlich? Die Beiden sprachen nie über Liebe.
Erleichtert sah er, dass an seinen Kühlschrank ein Zettel gepinnt war. Darauf stand:
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„Erhol dich gut von deiner Nachtschicht. Ich musste kurz nach Hause, ich komme nach der Arbeit wieder mit zu Dir...
Goldie."
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Er war tatsächlich erleichtert. Draco war kein eifersüchtiger Mensch und er war sich vollkommen sicher, dass Goldikova keinen Grund zum Lügen hatte. Lediglich die Tatsache, dass sie nicht da war, gab ihm einen feinen Stich im Herzen.
Aus den Ritzen an der Haustür drang Licht herein und Draco hörte Stimmen auf dem Flur. Vermutlich die alte Mrs. Dirkes von Unten, die mit der Nachbarin von gegenüber quatschte. Musste sie das immer auf dem Flur tun? Das hallte furchtbar und Draco verstand beinahe jedes Wort, wenn er in der Küche stand.
Es krachte. Jemand schrie und dann hörte er Schritte. Nicht die eines Menschen. Er hörte das Kratzen von Krallen auf dem blanken Fliesen des Hausflurs.
Hastig verschloss Draco die Haustüre. Mit klopfendem Herzen lehnte er sich dagegen. Sein Zauberstab bereit. Noch einmal hörte er Schreie. Ein wildes Tier knurrte.
Dann barst ein Teil der Türe. Splitter flogen an seinem Kopf vorbei und durch die Öffnung drang der widerwärtige Atem der Kreatur.
„Stupor." schrie er und jagte seinen Fluch direkt durch den Spalt. Das er getroffen hatte, entnahm er dem verärgerten Knurren. Doch da war noch eine zweite Kreatur, sie waren tatsächlich alle Beide gekommen. Greyback und sein verdammter Freund. Draco hörte das Jaulen des zweiten Tieres. Natürlich, warum hatte er darauf nicht geachtet? Der grinsende Mond hatte ihm höhnisch ins Gesicht gelacht: Vollmond du Trottel!
Er hörte das Scharren erneut und am Schlitz unter der Tür konnte Draco die massiven Krallen erkennen, die versuchten, die leichte Holztüre aufzubiegen. Ein Wunder, dass sie überhaupt noch hielt.
Der zweite Fluch traf ebenfalls und eine der Kreaturen zog sich schrill jaulend zurück, während die andere, vor Wut rasend aufschrie. Die Türe erzitterte unter dem Gewicht des Werwolfs, doch sie hielt.
„Reparo." flüsterte Draco, der gesehen hatte, dass sich eines der Scharniere löste.
Ein zweiter Aufprall. Der Boden schien zu beben. Draco war sich sicher, dass die Türe keinen erneuten Ansturm aushalten würde, doch dann wurden die Stimmen aus dem Treppenhaus wieder lauter und ein erneuter Ansturm blieb aus. Stattdessen hörte er das Kratzen erneut. Einer der Werwölfe stieß einen gellenden Schrei aus.
Männer auf dem Flur schrien, offenbar Zauberer, denn Draco hörte einige Flüche. Etwas Splitterte und Draco wusste genau, was es war: Das große Fenster auf der Rückseite des Flures. Eine der Bestien war gesprungen. Offenbar wollten sie um jeden Preis vermeiden, von den Männern gefangen genommen zu werden.
Sie Männer schrien wild durcheinander, er hörte, wie sich einige entfernten, ganz als ob sie hofften, den Wolf noch einholen zu können, doch Draco war sich sicher, dass Beide schon über alle Berge waren.
Jemand klopfte an seine Türe und dann sprach plötzlich eine schrecklich bekannte Stimme: „Im Namen des Zaubereiministeriums, öffnen Sie die Tür!"
