Draco starrte durch die gesplitterte Türe nach draußen. Der hatte ihm gerade noch gefehlt. Harry Potter, der Neuling der Aurorenschule, das Wunderkind und der Liebling der Zaubereigemeinschaft.

Ächzend öffnete er die grausam verbogene Türe und trat seinem Erzrivalen entgegen.

„'Nabend Potter." Er spuckte die Worte förmlich aus.

Der angesprochene reagierte wie erwartet. Er wich einen Schritt zurück und auf seinem Gesicht breitete sich Bestürzung aus.

„Du?" fragte er ungläubig.

„Was machst du hier?" sprach sein Erzrivale.

„Ich wohne hier, wonach sieht es wohl sonst aus?" entgegnete er spöttisch. Er konnte sich nicht helfen, die Rivalität mit Harry war nach wie vor da, er konnte gar nicht anders, als den ehemaligen Gryffindor zu verachten. Warum, wusste er selbst nicht. Vielleicht, weil sie sich immer gehasst hatten? Eigentlich stimmte das nicht einmal. Wirklich Zorn auf Harry verspürte er erst, seitdem Harry dafür gesorgt hatte, dass sein Vater nach Askaban kam. Und selbst das war wohl kaum Harrys wirkliche Schuld, auch wenn es wohl einen Triumph für Potter darstellen musste. Im Endeffekt war sein Vater seinen Aufenthalt in Askaban selber Schuld.

„Was ist hier passiert?" fragte Harry schließlich.

„Ich weiß nicht." antwortete Draco betont langsam. Wenn er sich das richtig besah, wusste er es selber nicht so richtig. Eigentlich war er nur von der Nachtschicht nach Hause gekommen. Dann hatten zwei Werwölfe im Flur randaliert. Das gab er auch so zu Protokoll, auch vor den herbeigeeilten Auroren, die scheinbar die Verfolgung aufgegeben hatten.

„Mr. Malfoy, wir werden den Fall im Auge behalten, dies ist nicht der erste Vorfall in diese Richtung und dann auch noch erneut in ihrer Familie..." Der ältere Zauberer schien offensichtlich nach Worten zu suchen, fand aber scheinbar keine.

„Wir melden uns." nuschelte er schließlich und gab Harry einen Schubs, was Draco mit einem Grinsen quittierte. Er hörte, wie der ältere Beamte anfing zu schimpfen. Offenbar hatte sein Lehrling noch einiges zu lernen.

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Erst am nächsten Morgen konnte Draco wieder einen klaren Gedanken fassen. So saß er nun an seinem einzigen, freien Tag in seiner Küche, hatte sich immer noch nicht dazu durchgerungen, seine Wohnungstüre zu reparieren, obwohl es ein leichtes für ihn gewesen wäre.

Er trug immer noch die Klamotten vom Vortag, denn er war am Ende einfach in sein Bett getaumelt und in einen traumlosen Schlaf gesunken. Zuviel, über das er sich nun Gedanken machen musste.

Da waren zunächst einmal seine Eltern, die vollkommen zugeknöpft waren, was diese Geschichte, in die er irgendwie hinein geraten war, betraf. Dann war da Greyback, der mit seinem Kumpan offenbar gezielt Jagd auf die Familie Malfoy machte. Und die unerfreulichste Erkenntnis war die, dass Goldikova verschwand, wenn so etwas geschah. Es musste ein ziemlicher Zufall sein, und Draco glaubte nicht an Zufälle. Dennoch verwarf er den Gedanken jedes mal aufs Neue, zu abstrus schien es ihm, dass Goldikova auch nur irgendwie in diese Sache verwickelt war. Irgendwo fehlte ihm immer noch das passende Puzzlestück. Sie war nur nach Hause gegangen, erinnerte er sich dann immer wieder. Goldikova war zu so Etwas gar nicht fähig, sie hatte Mitleid mit Spinnen und streichelte jedes Tier auf der Straße.

Und dann war da noch die Wunde. Gestern Abend hatte er sie gar nicht bemerkt, er konnte sich auch nicht direkt erinnern, wie das geschehen war, doch in seiner Hand hatte heute Morgen ein langer Splitter gesteckt. Bestimmt fünf Zentimeter war er lang gewesen und die Wunde hatte stark geblutet. Das war nicht das Beunruhigende, er war ein Zauberer und sein Lebensweg quasi mit Verletzungen der abstrusesten Art bisher verlaufen, doch die Wunde schloss sich nicht richtig. Immer wieder öffnete sie sich, egal, ob er sie mit Diptam Essenz bestrich oder auf Muggelart einen Verband darum legte. Sie brannte. Sie brannte höllisch.

„Was zum...?" hörte er Goldikovas Stimme aus dem Flur. „Draco?" Sie hörte sich ängstlich an. Die Türe krachte ins Schloss und dann stand sie in der Küchentüre. „Ich hatte schon Angst, dass..." sie sprach nicht weiter, sondern fiel ihm um den Hals. „Im Ministerium haben sie von nichts anderem mehr gesprochen..."

Auch wenn sie versuchte, die Tränen zurückzuhalten, gelang ihr das nicht wirklich.

„Schon gut." beschwichtigte er sie und gab ihr einen Kuss. „Es ist nichts passiert."

Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen. Sie hatte den Verband gesehen. Draco zog hastig die Hand zurück und verschränkte die Arme hinter dem Rücken.

„Das habe ich gesehen." sagte sie streng.

Er kam sich ein wenig blöd vor, als er ihr schließlich die Hand reichte. Sie griff danach und zog den Verband zur Seite. „Woher hast du das?" zischte sie.

„Ich weiß es nicht, das muss von gestern sein. Die Splitter sind überall herum geflogen, als die Biester die Türe zerschlagen haben."

„Hast du Diptam darauf geschmiert?"

„Natürlich."

„Und es ist nicht besser geworden?"

„Sieht es so aus?" Langsam verfärbte sich die Haut um die Wunde und nahm einen grünlichen Schimmer an.

„Das ist kein normaler Splitter." sagte sie langsam und strich behutsam über die Wunde, trotzdem zuckte Draco zusammen. Die Ränder des Schnittes platzten wieder auf und erneut begann es zu bluten. Sein ganzer Handrücken war mittlerweile verfärbt.

„Ist der Splitter raus?" wollte Goldikova wissen.

„Ich denke ja."

„Himmel, du denkst? Draco das hier ist doch wohl offensichtlich gefährlich. Hör auf den Sturkopf zu spielen. Wir müssen ins St. Mungos."

Draco sprang auf. Er hasste das Hospital und das wusste sie ganz genau. Er hasste generell Arztbesuche, auch wenn er dafür keine Erklärung hatte.

„Du gehst mit mir ins St. Mungos." zischte sie. „Ich lasse nicht zu, dass..." ihre Stimme brach. Dann waren die Tränen wieder da. Ein wenig hilflos tätschelte Draco ihr die Schulter. Weinende Frauen waren unberechenbar, so sagte er vorsorglich gar nichts.

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Fünf Stunden später saß Draco auf dem Flur vor einem der Behandlungsräume und wartete darauf, dass der Heiler mit den in Brennnesselsaft getränkten Leinen erschien, die die Heilung seiner Wunde unterstützen sollten. Goldikova war in der Zwischenzeit nicht von seiner Seite gewichen. Auch jetzt saß sie stumm neben ihm und hielt seine gesunde Hand. Ihr Gesicht war blass und müde, immerhin war sie schon seit fünf Uhr morgens im Büro. Doch all das beruhigte Draco ungemein, denn das hieß im Umkehrschluss nichts anderes, als dass sie sich um ihn sorgte. Mehr, als er es jemals für Möglich gehalten hatte und das tat ihm gut.

Schließlich erschien der Heiler mit großen, grauen Tüchern. Eine Schwester winkte ihn ins Behandlungszimmer. Seine Hand wirkte mittlerweile wie betäubt und er hatte keine Ahnung, ob das ein gutes, oder schlechtes Zeichen ist.

Goldikova war draußen geblieben und als die Schwester die Türe schloss, fühlte er sich beinahe ein wenig verloren.

„Mr. Malfoy." meinte der Heiler seufzend. „Ihre Wunde ist der ihres Vaters nicht unähnlich. Doch ist sie auch gleichzeitig vollkommen anders. Das was Sie für einen Splitter gehalten haben, ist das Stück einer Werwolfkralle. Nur ein kleines Stück und wir konnten es jetzt entfernen. Aber diese Wunde wird auf herkömmliche Weise heilen müssen und es wird eine Narbe zurückbleiben. Welche Spätfolgen die Wunde haben wird, können wir Ihnen, wie auch im Fall Ihres Vaters nicht sagen."

Dafür, dass er ein Heiler war, wusste er eine ganze Menge nicht, dachte Draco bei sich. „Womit habe ich also zu rechnen?"

„Vermutlich mit gar nichts. Dennoch sollten Sie auf die Signale Ihres Körpers achtgeben und nichts überstürzen. Der Brennnesselaufguss muss alle zwei Tage erneuert werden. Alle nötigen Dinge dazu erhalten Sie in der Apotheke."

Draco nickte nur, als der Heiler ihm die wichtigsten Dinge aufschrieb, die in den Aufguss auf jeden Fall gehörten.

Als er, nach einer Ewigkeit, wie es ihm schien, entlassen wurde, fühlte er sich wie neu geboren. Seine Abneigung gegen Heiler, Ärzte und Krankenhäuser mochte albern sein, doch er konnte sie einfach nicht abschütteln.

Eigentlich erwartete er, auf dem Flur Goldikova wiederzusehen, doch sie war fort. Ein wenig verwundert sah er nach beiden Seiten, konnte sie aber nirgends ausmachen, so folgte er dem Flur hinab und betrat den hinteren Teil des St. Mungos.

Er hörte Stimmen, darunter auch Goldikovas Stimme. Sie unterhielt sich mit Jemandem. Erleichtert schritt er den Gang entlang und als er um die Biegung kam, sah er, dass Goldikova sich mit einem groß gewachsenen, jungen Mann unterhielt. Draco kannte ihn sogar: Neville Longbottom.

„Das ging aber schnell." rief sie verblüfft, als sie Draco sah.

Er zuckte vage die Schultern. Was hatte sie denn erwartet? Er und Neville musterten sich kurz, dann beschloss Draco jedoch, sich nicht noch einmal so bescheuert wie vor Harry Potter aufzuführen, und gab dem ehemaligen Klassenclown der Gryffindors die Hand.

Neville jedenfalls schien mit einem Blick erfasst zu haben, was sich zwischen Draco und Goldikova abspielte, denn er hob eine Augenbraue und sah Goldikova mit einem seltsamen Blick an, den Draco nicht zu deuten wusste.

„Ihr kennt euch?" fragte er.

„Ich habe in Kräuterkunde öfters neben Neville gesessen." erklärte sie.

„Und sie hat abgeschrieben." sagte Neville lachend.

Eigenartig, wie sehr sich ein Mensch verändert konnte, dachte Draco bei sich. Wie oft hatte er Neville aufgezogen? Er hatte ziemlich auf dem dicklichen Gryffindor herum getrampelt. Doch er hatte auch erlebt, was für ein Kämpfer hinter dieser Hülle steckte. Sein letztes Schuljahr war ihm noch lebhaft in Erinnerung. Und es war verdammt unangenehm auf Neville zu treffen. Eigentlich war es generell mehr als unangenehm, seine alten Klassenkameraden zu treffen. Diese Woche hatte er eindeutig zu viele ehemalige Hogwartsschüler getroffen, die er nicht mehr hatte treffen wollen.

„Was machst du denn überhaupt hier?" erkundigte sich Goldikova gerade bei Neville.