Draco wusste, was mit Nevilles Eltern geschehen war. Trotzdem schmerzte es ihn, daran erinnert zu werden. Vor langer Zeit hatte seine Mutter es ihm einmal erzählt. Draco konnte sich nicht vorstellen, wie das für Neville sein musste, vielleicht weil er es generell vermied zu ergründen, was andere Leute dachten. Solche Dinge brachten ihn regelrecht um den Verstand.

„Oh." machte Goldikova. Offensichtlich erinnerte sie sich gerade daran, was man sich in ihrem Hogwartsjahrgang erzählt hatte. Während ihrem letzten Schuljahr hatte es die verrücktesten Geschichten über Neville gegeben und das war eine, die der Wahrheit entsprach. Goldikova jedenfalls schien nicht zu wissen, wie sie darauf reagieren sollte. Ein wenig hilflos sagte sie dann: „Sag ihnen von mir gute Besserung."

Neville lächelte jedoch und nickte. „Mache ich."

Er ließ sie auf dem Gang stehen und verschwand in einem der Krankenzimmer.

„Das ist schlimm, oder?" sagte Goldikova bedrückt, doch Draco hörte ihr nicht richtig zu. Ungefragt bildete sich in seinem Kopf ein Bild von diesem Krankenzimmer und auch das Bild eines kleinen Jungen, mit dem er gespielt hatte. Das alles war so verwirrend, sodass er langsam an seinem Verstand zweifelte.

„Lass uns gehen." murmelte er und nahm Goldikovas Hand.

..::~::..

Später in dieser Nacht lag Draco noch lange wach, wälzte sich hin und her und konnte nicht schlafen. Zu frisch war der Angriff, zu groß sein Verdacht und zu verwirrt sein Geist. Er hatte Goldikova nach Hause geschickt, was diese schweigend quittiert hatte, doch ihr Blick hatte mehr als tausend Worte gesagt. Seine Eltern hüllten sich weiterhin in Schweigen. Zeit zu handeln.

Schließlich stand er auf und ging Duschen, seine Bettdecke hatte nur so an seinem Körper geklebt. Erst danach fühlte er sich ein wenig entspannter, trotzdem knipste er alle Lichter an und wanderte ziellos in seiner Wohnung umher. Jemand trachtete ihm nach dem Leben. Seine Freundin verschwand bei Vollmond. Seine Hand schmerzte höllisch. Er entfachte ein prasselndes Feuer im Kamin. Was er brauchte, waren Antworten, keine weiteren Lügen. Eine Priese Flohpulver und die Flammen wurden grün.

Entschlossen stieg Draco in den Kamin, die Flammenzungen leckten über seine Hose hinauf zu seinem Pullover. „Malfoy Manor" rief er und dann drehte sich alles und er schloss die Augen.

Hustend und fluchend sprang er aus dem Kamin im Salon. Das Haus lag düster wie eh und je da, doch was hatte er erwartet, es war drei Uhr Nachts. Zugegeben, nicht die beste Uhrzeit für einen Familienbesuch, doch war es so oder so schon viel zu spät für seine Eltern, um endlich mit der Wahrheit heraus zu rücken.

Trotzdem ließ er sich auf dem Sofa nieder und wartete. Er hatte als Kind oft im Salon gesessen und hatte auf dem dunklen Teppich gespielt. Manchmal fragte er sich, wie lange das schon her war. Es kam ihm vor, wie eine Ewigkeit, obwohl er gar nicht so alt war, kam er sich nun alt und krank vor. Vielleicht machte das auch nur der vermaledeite Verband an seiner Hand.

Wieso hatte er nur Goldikova fortgeschickt? Misstraute er ihr tatsächlich so sehr? Warum denn nur? Wenn ihm jemand rein gar nichts getan hatte, dann war es sie. Sie tat nie Dinge, die ihm schadeten. Oder zumindest bekam er solche Sachen nicht mit. Mit diesen trüben Gedanken schlief er schließlich auf dem Sofa ein.

..::~::..

Als Draco erwachte, begriff er zunächst gar nicht, wer da an ihm rüttelte und wo er überhaupt war. Er blinzelte ein paar Mal ungläubig, dann erkannte er den düsteren Salon und schließlich auch seine Mutter, die besorgt auf ihn einredete.

„Was machst du denn hier, um Himmels Willen? Was ist mit deiner Hand?"

Draco schob sie weg und stand schlaftrunken auf. „Ich muss wohl eingeschlafen sein." murmelte er, mehr zu sich selbst.

„Wie lange bist du denn schon da? Kannst du nicht wie jeder rechtschaffene Mensch am Tag kommen?" Die Stimme seiner Mutter klang nun streng.

„Nein, denn tagsüber haben die Leute genügend Zeit ihr wahres Gesicht zu verbergen." entgegnete er scharf.

Seine Mutter schnaubte verächtlich. „Die Leier hat sich offenbar nicht geändert. In der Küche gibt es Frühstück."

„Ich möchte kein Frühstück." knurrte er.

Der Blick seiner Mutter war kühl und berechnend. So, wie sie da stand, machte sie ihm ein wenig Angst, denn er hatte sie nie so erlebt. So wirkte sie viel mehr, wie sein Vater. Immer beherrscht, immer überheblich. Vielleicht der Grund, warum die Beiden verheiratet waren.

„Die Hand hat mir ein Werwolf verletzt." Er ließ seine Mutter bei diesen Worten nicht aus den Augen und die gewünschte Reaktion trat prompt ein: Sie erbleichte.

„Vielleicht wäre es nun an der Zeit, die Wahrheit zu sagen."

„Draco, du verstehst das nicht, ich..." rief sie ziemlich hilflos.

„Ich stehe auf und gehe, wenn du mir nicht endlich die Wahrheit sagst. Ich gehe und komme nie wieder zurück." Er wusste selbst, dass das gelogen war, doch seine Mutter schien die Drohung ernst zu nehmen. Eine Weile schien sie mit sich zu kämpfen, doch offensichtlich kapitulierte sie dann doch. Hektisch schloss sie die Türen des Salons und sah sich ein wenig ängstlich um, jetzt wieder ganz seine Mutter und nicht mehr die kalte Herrscherin von Malfoy Manor.

„Lass das niemals deinen Vater wissen. Er würde mich umbringen."

Das bezweifelte Draco stark. Er wusste selbst nicht, woher er die Gewissheit nahm, aber er hatte immer den Eindruck gehabt, dass seine Mutter für seinen Vater das allerwichtigste auf Erden war.

„Wer ist Frank?" Die Frage brannte ihm, seitdem er den Brief gefunden hatte, auf den Nägeln.

Nun wurde ihr Blick eindeutig spöttisch. „Ich dachte, dass du dir das selbst zusammenreimen könntest."

Verwundert sah Draco zu ihr hinüber. „Wieso?"

„Frank Longbottoms Sohn ist immerhin im selben Jahrgang mit dir gewesen."

Wie Schuppen fiel es Draco von den Augen. Natürlich, seine Mutter war mit Frank Longbottom und seiner Frau zur Schule gegangen. Wie hatte er nur so blind gewesen sein können? Dass sie sich aber tatsächlich näher gestanden hatten, das hätte er nun ehrlich nicht gedacht.

„Und bevor du jetzt auf die wunderlichsten Geschichten spekulierst, Frank war ein Freund. Mehr nicht." Seine Mutter sah nun eindeutig amüsiert aus.

„Und warum schreibt er dir solche Briefe?"

„Warum wohl? Jeder weiß, wem dein Vater damals angehört hat. Dem absolut innersten Kreis von du-weißt-schon-wem. Und Frank wusste das auch. Er war nicht so wie..." ihre Stimme erstarb, sie räusperte sich und fuhr dann fort. „... wie wir. Frank kümmerte sich erst um die Anderen, verstehst du?"

Draco verstand. Zum ersten Mal verstand er auch den grundlegenden Unterschied zwischen Slytherin und den anderen Häusern. Vielleicht war der sprechende Hut doch mehr, als ein verstaubtes Relikt, dass lediglich auf die verschiedenen Häuser der Zaubererschule einteilte.

„Und was haben die Longbottoms mit uns zu tun?"

„Du kennst die Geschichte doch. Meine Schw... Bellatrix..." Draco wusste, dass sie sich zwang, den Namen auszusprechen. Für seine Mutter war Bellatrix nicht mehr ihre Schwester. „Sie hat Frank und Alice beinahe umgebracht. Und sie hat ihren Sohn dem Verderben anheim gegeben."

Draco horchte auf. Was war denn mit Neville? Er hatte ihn schließlich gestern erst gesehen und rein äußerlich wirkte er so normal wie immer.

Seine Mutter schien seine Gedanken zu lesen, denn sie sagte: „Nein, nicht Neville. Der erste Sohn der Longbottoms, Henry."

Draco hatte diesen Namen noch nie gehört.

„Lass uns ein wenig nach draußen gehen." schlug sie plötzlich vor. Er wusste, wohin es seine Mutter zog. Zu dem kleinen Grab im Rosenhain. Er konnte nicht erklären, wie das zueinander passte, doch irgendwie wusste er es einfach.

„Ich muss das wissen, Mutter." flehte er sie schließlich an.

Ihr Blick wurde glasig, als ob sie sich an eine längst vergangene Zeit erinnerte.

„Bellatrix hat ihn an Greyback gegeben."

Draco schluckte. Das Puzzle fügte sich zusammen. Henry Longbottom war der zweite Werwolf gewesen, der ihn attackiert hatte. Er kannte Greybacks Vorliebe für Kinder. Ihm wurde schlecht bei dem Gedanken an den armen Henry Longbottom.

„Bist du dir sicher, dass er..." er sprach das nicht aus.

„Ich weiß es nicht. Wenn Greyback ihn nicht getötet hat, ist es nicht unwahrscheinlich, dass er ihm gesagt hat, wer ihn verkauft hat. Und dein Vater hat all dies damals gebilligt. Er allein ist der Einzige, der überhaupt übrig blieb von dem Kommando, das in das Haus der Longbottoms eingedrungen ist."

„Vater hat...?" Die Übelkeit stieg erneut in ihm hoch. Er wusste, wie erbarmungslos Voldemorts Maschinerie funktioniert hatte, er selbst war ein Teil davon gewesen, wie das dunkle Mal auf seinem Arm eindrucksvoll bewies, doch es war verblasst und irgendwie hatte er immer angenommen, dass sein Vater nicht mit Freuden jeden Befehl des dunklen Lords ausgeführt hatte. Doch das ließ ihn erschaudern. Sein Vater hatte geholfen, eine Familie zu zerstören, er hatte gebilligt, dass ein kleiner Junge als Pfand an einen Werwolf gegeben wurde. Das hätte genau so gut er sein können. Er schluckte die bittere Galle hinunter. Alles um ihn herum drehte sich.