Den Heimweg nahm Draco gar nicht wahr. Entgegen seiner nächtlichen Aktion nahm er den herkömmlichen Weg und apparierte schließlich unweit des Zaubereiministeriums und lief den restlichen Weg zu Fuß. Er war nicht einmal zum Frühstück geblieben, nur eine Blume auf Cassiopeias Grab zeugte von seiner Anwesenheit in Malfoy Manor. Seinen Vater hatte er nicht sehen wollen, er hätte nicht gewusst, wie er ihm gegenüber treten sollte, so hatte er es sein gelassen. Die Sonne schien, doch Draco nahm die Wärme nicht wahr. Kein Wunder, dass Henry Longbottom seine Familie hasste. Ob Neville von seinem Bruder wusste?

Draco fasste den vagen Entschluss, Neville einmal anzusprechen, er sah ihn öfters im Zaubereiministerium und außerdem wusste Goldikova offensichtlich mehr über ihn. Warum Henry sich jedoch nicht gegen seinen tatsächlichen Peiniger, nämlich Fenrir Greyback, gewandt hatte, das verstand Draco nicht. Für ihn schien das vollkommen logisch, doch natürlich war seine Tante Bellatrix Lestrange die Hauptschuldige. Sie hatte Henry seines Lebens beraubt, nicht Greyback. Doch Bellatrix war tot, gestorben während der letzten Schlacht um Hogwarts. Damit war Henry seines Gegenspielers beraubt worden und der nächste, lebende Anwesende dieser schrecklichen Nacht war nun einmal sein Vater: Lucius Malfoy.

Dennoch wusste Draco nicht, was wieso Henry und Greyback hinter ihm her waren. Vielleicht wollte Henry Lucius Familie etwas ähnliches antun. Außer natürlich, es war nicht Henry, oder einer der Wölfe war nicht Greyback, sondern Goldikova. Er wusste selbst nicht, warum er sie immer wieder verdächtigte, doch es konnte kaum mit rechten Dingen zugehen, wenn sie bei Vollmond verschwand. Sie war eine liebevolle Freundin, aber irgendetwas stimmte mit ihr nicht. Schon allein das Wort Freundin passte nicht zu ihr. Von Liebe hatte sie nie gesprochen und sie machte auch keine Anstalten es zu tun.

Draco tat es von sich aus ebenfalls nicht, er war einfach kein Mensch, der seine Gefühle jedem auf die Nase band und schon gar nicht ihr, denn gerade für sie hegte er tiefere Gefühle, als er es je für möglich gehalten hatte. Doch er war sich nicht sicher, ob sie das auch tat und so schwieg er einfach und hoffte, dass sich ihre ganze, seltsame Beziehung irgendwie regelte. Bisher hatte sie das auch getan, es funktionierte ja doch irgendwie. Vielleicht war es dennoch an der Zeit, sein Leben einmal zu regeln. Nichts tun hatte ihn in diese Situation gebracht. Jetzt war sein Handeln gefragt.

Er nahm an einer Kreuzung den Weg nach links und beschleunigte seinen Schritt. Er wollte zu Goldikova. Es brachte ihm nichts, darüber nachzudenken, er musste mit ihr reden.

Es war laut in den Straßen von London, überall musste Draco sich seinen Weg durch Baustellen und Menschenmassen bahnen, bis er schließlich das kleine, heruntergekommene Viertel erreichte, in dem Goldikova lebte. Dort war es ruhiger, aber auch schmutziger. Als er das Hochhaus erreichte, atmete er schwer und musste sich einen Moment sammeln, bevor er auf die Klingel drückte. Der Misstönende Laut tat ihm in den Ohren weh. Er klingelte erneut. Stille. Das durfte doch jetzt nicht sein, sie war sicherlich da, es war Samstag, normalerweise war sie bei ihm, doch er hatte sie nach Hause geschickt. Vermutlich öffnete sie einfach nur nicht, weil sie wütend auf ihn war. Wer sollte ihr das auch verübeln?

Er klingelte abermals und dann endlich ertönte der Summe. Draco seufzte erleichtert und drückte die Türe auf. Die vielen Stufen bis zu ihrer Wohnung ließen ihn schwerer atmen und dann endlich stand er vor ihrer Türe. Sie war einen Spalt breit geöffnet und von Goldikova war keine Spur zu sehen.

Dracos Körper spannte sich. Wurde er langsam paranoid, oder stimmte da tatsächlich etwas nicht? Seinen Zauberstab hatte er nun gezogen und vorsichtig, ganz wie er es in der Ausbildung gelernt hatte, schob er die Türe weiter auf. Er sah ihre düstere kleine Wohnung daliegen, doch kein Geräusch drang an sein Ohr.

„Goldikova?" rief er nun laut. Ihm war es egal, dass man genau das eigentlich nicht tun sollte, seine Sorge war größer. Noch einmal rief er ihren Namen. Er passierte das Wohnzimmer und erreichte die Küche. Beinahe hätte er einen Schrei der Erleichterung ausgestoßen, sie saß einfach nur am Küchentisch und sah ihn an, doch dann sah er, dass ihre Augen gerötet waren und sie am ganzen Körper zitterte.

„Du hast mich wirklich erschreckt." sagte er leise.

Ihr Blick hob sich nun vollständig. Ihre Augen waren groß und ausdruckslos. Und sie weinte.

„Was ist denn los?" fragte Draco sanft und ging zu ihr hinüber.

Sie schüttelte nur langsam den Kopf und vergrub das Gesicht in den Händen. Nun war Draco ehrlich ratlos, Goldikova weinte so gut wie nie. Gut, er hatte sie verheult kennengelernt, doch sie war keines der Mädchen, dass bei jedem Streit in Tränen ausbrach oder bei Liebesfilmen in ihr Kissen heulte. Er ging zu ihr hinüber und strich ihr über den blonden Schopf.

„Was ist denn?" fragte er noch einmal.

„Was machst du hier?" stellte sie die Gegenfrage.

„Ich wollte dich sehen." antwortete er ein wenig verwirrt.

„Gestern hörte sich das aber noch ganz anders an." Jetzt klang ihre Stimme eindeutig gereizt.

„Darüber wollte ich ja mit dir reden." versuchte er sich zu erklären, doch er bemerkte, dass die Stimmung eindeutig kippte. War Goldikova eben noch eindeutig traurig gewesen, so war sie nun unmissverständlich wütend.

„Ich höre." entgegnete sie knapp.

„Ich war gestern..." Ja, was wollte er ihr eigentlich sagen? Er hatte sich nur darüber Gedanken gemacht, dass er unbedingt mit ihr reden wollte, aber er hatte sich nicht überlegt, was er ihr eigentlich hatte sagen wollen. So sprach er einfach das aus, was ihm als Erstes in den Sinn kam: „Ich musste gestern darüber nachdenken, was alles geschehen ist."

Das war dämlich. Und lahm. Und tatsächlich verzog Goldikova nur spöttisch das Gesicht.

„Aha." machte sie und verschränkte die Arme vor der Brust. „Und?"

Draco hätte sich am liebsten geohrfeigt, doch er hielt den Atem an und versuchte es noch einmal von vorne. „Ich habe ein paar Dinge erfahren, die ziemlich beunruhigend sind." Warum kam nur Blödsinn aus seinem Mund? Auch das war es nicht, was er ihr hatte sagen wollen.

Sie schien das ähnlich zu sehen. „Was du mir natürlich, so wie immer, sowieso nicht mitteilen wirst."

„Nein..., also schon, aber..." Alles lief gerade fürchterlich schief, konnte sie nicht einfach nur zuhören? Wie schaffte sie es nur immer, ihn so aus der Fassung zu bringen.

„Was dann?"

„Kannst du nicht einmal zuhören?" herrschte er sie schließlich an und ihre Augen verengten sich zu Schlitzen. Tatsächlich schwieg sie nun aber endlich.

„Ich möchte, dass du bei mir bist." platzte es nun aus ihm heraus.

Goldikova hob spöttisch eine Augenbraue. „Dann wenn es dir passt?"

„Nein. Gib deine blöde Wohnung auf und zieh bei mir ein."

„Warum? Damit du mich in Zukunft auf den Flur schicken kannst, wenn du lieber alleine bist?"

„Nein." Er rang einen Moment mit sich. „Weil ich dich brauche."

Sie lachte freudlos. „Draco, manchmal reicht das nicht mehr. So wie jetzt... Du hast mich fortgeschickt, als ich dir beistehen wollte. Ich habe das verstanden. Doch damit hat das hier keine Zukunft mehr."

Wieso verlief das Gespräch so vollkommen anders? Draco hatte sich irgendwie ausgemalt, dass sie sich freuen würde, wenn er ihr das sagte, doch stattdessen war sie im Begriff, ihn aus der Wohnung zu werfen und ihre Beziehung zu beenden.

„Geh jetzt bitte, wenn dir nichts besseres mehr einfällt."

Draco wandte sich zum gehen, blieb aber noch einmal im Türrahmen stehen und sah dann wieder Goldikova an. Ihr Gesicht war unbewegt, doch er merkte, dass es in ihrem Inneren brodelte.

„Mir fällt noch Etwas ein." murmelte er.

„Was denn?" erwiderte sie betont ruhig.

„Ich liebe dich." Das hatte ihn zwar viel Überwindung gekostet, aber es war die Wahrheit, wenn genau darüber nachdachte. Er liebte es, morgens neben ihr aufzuwachen und er liebte es, wie sie ihre Klamotten in der Wohnung verteilte und er liebte es ebenfalls, wenn sie Morgens kein Wort mit ihm sprach, weil sie es hasste, am Morgen auch nur irgendetwas gefragt zu werden.

Goldikova war aufgestanden und stand ihm nun gegenüber, den Kopf erhoben, um ihm ins Gesicht sehen zu können. Doch endlich lächelte sie wieder. „Der Grund geht in Ordnung. Ich liebe dich auch, Draco."

Sein Herz schlug schneller und als er sie küsste, wunderte er sich, wie es doch hatte so einfach sein können. Egal welche Zweifel er vorher gehabt hatte, sie schaffte es immer wieder, diese fort zu wischen. Wie auch immer sie das machte, sie tat ihm gut.