Die nächsten Wochen verbrachte Draco zum ersten Mal in Harmonie. Er hatte nie gewusst, dass Harmonie etwas war, das er benötigte, das ihn glücklich machte, aber so war es. Die Harmonie verdrängte beinahe alles andere in seinem Leben. Ein überwältigendes Gefühl nahezu. Goldikova bereitete sich auf ihre Abschlussprüfung vor, sie kochte für ihn, manchmal schlief sie abends einfach ein und doch war Draco damit vollkommen glücklich. Seine unheimlichen Verfolger ließen sich nicht blicken und beinahe vergaß Draco sogar, dass es sie gab. Er ignorierte beharrlich die Briefe seiner Mutter, in denen sie ihn mehrfach nach Malfoy Manor einlud, doch er wollte das Herrenhaus eine ganze Weile nicht sehen. Was er über seinen Vater erfahren hatte, machte es ihm unmöglich, die Schwelle von Malfoy Manor zu überschreiten. Außerdem haderte er ein wenig mit sich selber, ihnen Goldikova vorzustellen. So tat er einfach, als gab es seine Eltern nicht, wenigstens für eine Weile.
Zwei Tage vor Goldikovas erster Abschlussprüfung, verbrachte er die Nachtschicht auf der Arbeit. Die Mondphasen in der Cafeteria zeigten Neumond an, in dieser Nacht. Draco hatte sich in die Cafeteria gesetzt, um nicht die ganze Nacht alleine im Büro verbringen zu müssen. Ab und an traf er hier ein paar ehemalige Hogwartsschüler. Mit Manchen hatte er sich sogar angewöhnt zu plaudern. Nur, wenn er Neville Longbottom sah, dann verschloss sich irgendetwas in ihm. Er sah ihn seltsamerweise, seitdem er und Goldikova ihn im St. Mungos getroffen hatten, nun öfter. Vielleicht achtete er auch nur jetzt häufiger auf ihn, wo er doch wusste, was geschehen war. Ein paar Mal war ihm in den Sinn gekommen, den Gryffindor einfach anzusprechen, doch im letzten Moment hatte ihn der Mut verlassen. Wie hätte er ihn auch ansprechen sollen? Weißt du schon von deinem Bruder, der mir dauernd nachstellt? Sofern es denn dein Bruder ist und nicht irgend ein anderer Werwolf? Es könnte nämlich auch sein, dass der Werwolf Fenrir Greyback deinen Bruder getötet hat? Das klang so lächerlich und unglaubwürdig in seinen eigenen Ohren und so fiel ihm keine Möglichkeit ein, mit Neville in Kontakt zu treten. Und wann immer Goldikova bei ihm war, traf er Neville nicht. Eine verzwickte Situation. Trotzdem hatte er immer das Gefühl, dass er Neville warnen musste.
Es war so Dunkel an diesem Abend in der Cafeteria, dass er seinen Zauberstab hob und einige der Kerzen in seiner Sitzecke entzündete. Niemand war da, außer die kleine Hexe hinter der Theke, die war einfach immer da.
Schritte hallten durch das Gewölbe, das klang wie Schuhe mit Absätzen. Draco öffnete die Augen und sah sich ein wenig verwirrt um. Er hatte eigentlich gedacht, dass nicht mehr viele Leute im Ministerium seien.
„Draco", hörte er eine unangenehm laute Stimme, „schön, dass ich dich hier treffe. Wir müssen unbedingt einmal miteinander reden."
Er kannte diese Stimme überhaupt nicht und als er sich umdrehte, gehörte sie auch niemandem, den er auf den ersten Blick kannte. Erst, als das Mädchen sich, gewohnt forsch, ihm gegenüber setzte, erkannte er sie. Er hatte zwar nur einmal mit Astoria Greengrass gesprochen, doch er erinnerte sich noch an sie. Allerdings war sie keine gute Erinnerung. Schon bei ihrem ersten Treffen hatte er eine starke Abneigung ihr gegenüber verspürt.
„Hallo," antwortete er ihr und nahm die Füße von der Sitzbank.
Sie wartete gar nicht ab, sondern plapperte drauf los: „Es wird Zeit, dass wir uns endlich näher kennen lernen."
Warum sollten wir das?, ging es ihm durch den Kopf. Klugerweise sprach er das jedoch nicht aus und Astoria schien seinen Unwillen nicht bemerkt zu haben.
„Ich möchte dir sagen, dass ich das Angebot deines Vaters mit Freuden annehme."
„Welches Angebot?", entfuhr es ihm.
Sie schaute ihn nun wirklich ungläubig an, als hätte er etwas sehr Dummes gesagt. „Na, das Angebot."
„Ich weiß von keinem Angebot." Aber es dämmerte ihm bereits.
„Dein Vater hat anfragen lassen, ob wir an einer Verbindung mit den Malfoys interessiert wären. Aber davon weißt du doch sicher?"
„Nein, das weiß ich nicht", knurrte er.
„Ja, aber..." Sie nestelte an ihren Knöpfen herum. „Er hat in deinem Namen um meine Hand angehalten."
Draco wurde bleich, als er das hörte. Sein Vater hatte was? Wie hatte er nur denken können, das sein Vater ihn endlich in Ruhe ließ? Sein Vater zog nach wie vor die Fäden und er ließ seine Familie wie die Marionetten nach seiner Pfeife tanzen.
„Entschuldige", sagte er gepresst, „ich weiß von keinem solchen Antrag. Es ist nett, dass du ihn annehmen wolltest, aber ich habe daran keinerlei Interesse. Ich habe schon eine Freundin."
So, jetzt hatte er es endlich ausgesprochen. Er konnte und wollte sich gar nicht vorstellen, wie es mit jemandem, wie Astoria Greengrass war. Nichts an ihr zog ihn an. Sie mochte ganz passabel aussehen und war in jedem Fall eine auffällige Erscheinung, ganz das Gegenteil von Goldikova, doch er hatte, seitdem er sie zum ersten Mal gesehen hatte, eine tiefe Abneigung ihr gegenüber gespürt. Das hatte sich nicht verändert.
„Oh", machte sie leise. Sie schien wohl tatsächlich nicht damit gerechnet zu haben, dass er sie ablehnte. Allerdings traf sie da wohl auch keine Schuld, woher hätte sie wissen sollen, dass das Angebot nicht von ihm kam?
„Es tut mir Leid, dass mein Vater dir einen falschen Eindruck vermittelt hat, aber ich denke es ist das Beste, wenn wir davon nicht mehr sprechen. Ich möchte meine Freundin ungern verärgern und mein Vater hat sich vorher nicht mit mir besprochen."
Er hatte gedacht, dass sie diese Worte verständnisvoll aufnahm, denn er hatte sie ernst gemeint, doch was nun geschah, damit hatte er nicht gerechnet.
Ruckartig stand Astoria auf, der Tisch wackelte und Dracos Teetasse klirrte. „Verzeih mir die Störung", sagte sie mit schriller Stimme, beinahe hysterisch.
Draco wollte etwas erwidern, doch Astoria schnitt ihm mit einer harschen Geste das Wort ab. „Spar dir deine Worte, Draco Malfoy. Mich betrügt niemand. Auch nicht der Sohn von Lucius Malfoy."
Er hatte keine Ahnung, was sie damit meinte, doch verblüfft sah er ihr hinterher, wie sie aus der Cafeteria stapfte. Offenbar nahm sie das ganze sehr persönlich. Und wenn schon, sollte sie es doch. Sie interessierte ihn nicht. Dafür brannte er aber regelrecht darauf, die Einladung seiner Mutter anzunehmen.
..::~::..
Draco hatte lange mit sich gerungen, Goldikova die Wahrheit zu sagen, doch er fand es nicht richtig, sie über diese Sache im Dunkeln zu lassen. Wie erwartet, ging sie an die Decke. Sie tobte eine geschlagene Stunde, fand allerlei unschmeichelhafte Namen für Dracos Vater und zerbrach einen Teller. Und auch er kam dabei nicht gerade gut weg, immerhin hatte er seinen Eltern kein Sterbenswort von seiner Freundin gesagt. Wie immer, wenn Goldikova wütend war, ignorierte er das. Es brachte nichts, mit ihr zu streiten, nicht weil er den Kürzeren zog, sondern weil es ihn selbst so in Rage brachte. Und er war nicht zumutbar, wenn er sich aufregte. Das wollte er ihr einfach nur ersparen.
„Du wirst mich zu diesem Abendessen mitnehmen, Draco, ob es dir passt oder nicht, verdammt noch mal", fluchte sie gerade vor sich hin.
„Mein Vater setzt dich vor die Türe, da habe ich keinen Zweifel", antwortete er ihr.
„Also soll ich weiter das Mäuschen spielen und deine heimliche Freundin sein?", ereiferte sie sich erneut.
„Nein. Ich sagte nur, dass ich nicht möchte, dass du morgen Abend mitkommst. Du hast immerhin Übermorgen deine Prüfung."
Goldikova schnaubte verächtlich. „Ja und?"
Draco stöhnte. Manchmal verschloss sie sich vor sämtlichen, logischen Argumenten.
Urplötzlich wechselte sie das Thema. „Ich habe heute Neville getroffen."
„Wo?"
„In der Frühschicht. Er macht ein Praktikum in der Abteilung für Gefahrengüter und magische Pflanzen. Er studiert Kräuterkunde."
„Aha." Warum erzählte sie ihm das jetzt? Sie wusste nichts von der Geschichte, die die Malfoys und die Longbottoms verband, warum also konfrontierte sie ihn damit?
„Er ist sehr nett, weißt du?"
„Ja, und?"
„Er war schockiert, als er hörte, dass ich mit dir zusammen bin." Ihre Augen blitzten nun gefährlich. Wenn sie ihn so ansah, dann kam da meistens nichts Gutes bei herum.
„Und?", murrte er einsilbig.
„Neville hat mich vor dir gewarnt."
„Weswegen?"
„Er hat mir...", sie flüsterte plötzlich, „von seinen Eltern erzählt. Deine Tante... hat sie wirklich...?"
Warum hatte sie nur den verdammten Gryffindor getroffen? Nun war es ihr natürlich ein Leichtes, diese Verbindungen richtig zu setzen.
Er nickte nur. Sie konnte jederzeit die Akten überprüfen. Nur Bellatrix Lestrange und ihr Mann waren seinerzeit angeklagt gewesen, für die qualvolle Folter an Alice und Frank Longbottom. Es brachte nichts, diese Fakten zu leugnen.
„Fürchterlich." Ihre Stimme war leise geworden und ihr Blick kummervoll.
Ein wenig unsicher wollte er sie in den Arm nehmen, doch sie wich vor ihm zurück. „Lass das", fauchte sie, „Mit dir bin ich noch nicht fertig."
Dann stand sie auf und verließ die Küche. Er hörte, wie eine Türe geknallt wurde; Die Schlafzimmertüre. Wenn er das richtig deutete, dann war wohl ein Abend auf dem Sofa fast sicher. Weiber, dachte er bei sich. Kopfschüttelnd verließ er die Küche und ging hinüber in den Flur. Lächelnd sah er, dass Goldikova die Schlafzimmertür noch einmal einen Spalt breit geöffnet hatte.
