Dass der letzte Tag sie nicht völlig raube,
zeigt sie Publius hier gemalt im Bilde,
worauf man Issa so ähnlich wiederfindet,
dass sie nicht einmal sich selbst so ähnlich ist.
Stellt man nun Issa und das Bild zusammen,
wird man beide für wirklich lebendig halten,
oder beide für nur gemalt.
Draco hatte keine Ahnung, was die Worte bedeuten sollten, doch Goldikovas zierliche Handschrift hatte sie auf einem Pergament verewigt und diese Worte lagen nun auf seinem Küchentisch. Warum? Er verstand kein Wort davon. Er wusste, dass sie schon fort war. Ihre Prüfung war heute. Sie hatte den ganzen gestrigen Tag kaum ein Wort mit ihm gesprochen und sie war schweigend zu Bett gegangen. Was aber nun dieser seltsame Brief sollte, das verstand er wirklich nicht. Es klang ein wenig wie ein Gedicht, aber es reimte sich nicht. Und es klang auch gar nicht nach ihr. Vielleicht ein Zitat. Aber was wollte sie ihm mitteilen?
Verwirrt steckte er das Pergament ein und strich mit dem Finger über die Buchrücken von Goldikovas Büchern. Vielleicht hier heraus? Er wusste, dass sie Shakespeare liebte. Schließlich schüttelte er den Kopf. Das durfte sie ihm heute Abend selber erklären.
Aufgrund der Prüfung hatte er heute frei, doch so recht wusste er nichts mit dem Tag anzufangen. Die Nachricht beunruhigte ihn. Sie klang endgültig. Dabei hatte er ihr versprochen, dass sie ihn zu seinen Eltern heute Abend begleiten durfte. Ja, tatsächlich, das hatte er, auch wenn er es selber kaum glauben konnte. Aber er war es so unsagbar leid, dass sein Vater im Hintergrund die Fäden zog. Hätte der Werwolf nur gründlicher gejagt. Zwar verabscheute Draco sich für diesen Gedanken, doch der kam immer wieder zurück, wenn er ihn nicht verdrängte. Damit sollte heute Abend endlich Schluss sein.
Er wartete und wartete. Die Zeiger der Uhr wanderten nur langsam. Stunde um Stunde stand er in der Küche und sah die Uhr an. Müsste Goldikova nicht schon längst mit ihrer Prüfung fertig sein? Hoffentlich hatte sie sie nicht noch einmal versemmelt. Draco war sich sicher, dass sie dann alles hinschmeißen würde. Dafür war sie einfach zu stolz.
Er hörte, wie ein Schlüssel im Schloss herumgedreht wurde und hastig stürzte er in den Flur. Da stand sie einfach nur, hielt ein Pergament in der Hand und sah ihn ein wenig verwirrt an.
„Und?", fragte er ungeduldig.
Wortlos hielt sie ihm das Pergament vor die Nase.
Draco griff danach und seufzte vor Erleichterung. Mit Auszeichnung bestanden. Erst jetzt lächelte sie, als er sie endlich in den Arm nahm und ihr einen Kuss gab.
„Ein Glück", nuschelte er in ihre Haare.
Goldikova nickte, doch die Anspannung schien immer noch greifbar zu sein.
„Bleibt es bei heute Abend?", fragte sie gepresst.
Ein wenig verwirrt sah er sie an. „Ja, bleibt es." War das denn ihre einzige Sorge?
Dann musste er einfach die Frage stellen. „Was sollte dieser Brief?"
Sie lächelte undefinierbar. „Das wirst du selber herausfinden müssen."
..::~::..
War die Auffahrt von Malfoy Manor schon immer so lang gewesen? Draco war sie nie so lang vorgekommen, doch es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis sie vor dem Portal des Herrenhauses standen. Er warf Goldikova einen letzten Blick zu. Sie hatte sich wirklich Mühe gegeben, ihr Aussehen ein wenig eindrucksvoller gestaltet. Das blonde Haar hatte sie sich seitlich zurück gekämmt und in ihrem engen Kleid wirkte sie viel erwachsener als sonst. Ihre Locken waren nun nicht mehr zu sehen und ihre Augen waren sogar ein wenig geschminkt. Trotzdem war er sich nicht sicher, ob sich sein Vater vielleicht noch einmal an sie erinnerte.
Draco atmete ein letztes Mal tief durch, dann betätigte er den magischen Türklopfer. Der Schlag klang laut in seinen Ohren und es schien furchtbar lange zu dauern, bis schließlich eine Seite des Portals geöffnet wurde.
Seine Mutter hatte sich nicht die Mühe gemacht, die Tore mit der Hand zu öffnen, so begrüßte sie ihn mit dem Zauberstab in der Hand, erstarrte jedoch, als ihr Blick auf Goldikova fiel. Was sie jedoch auch immer dachte, behielt sie für sich, denn sie streckte kühl die Hand aus und sagte leise: „Narzissa Malfoy."
„Goldikova Dayville."
Seine Mutter schien zu überlegen, ob ihr der Nachname bekannt vorkam, doch offenbar fiel ihr dazu nichts ein, denn sie sprach kein weiteres Wort.
„Du hättest mir sagen können, dass du Besuch mitbringst", sagte sie an Draco gewandt.
„Hätte ich Besuch angekündigt, hätte mir keiner die Tür geöffnet", antwortete er säuerlich. Sie heuchelte einfach großartig. Sie war doch genau so darin involviert, wie sein Vater. Seine Mutter tat immer das, was sein Vater wollte und ihr war die geheime Verlobung sicherlich nicht verborgen geblieben.
Goldikova schwieg, als seine Mutter sie bat, einzutreten und Draco sah genau, wie unwohl sie sich fühlte, als Narzissa sie zum Salon hinüber führte. Malfoy Manor war eben kein besonders einladendes Haus.
Seine Mutter öffnete die Salontüre und dann stand Draco seinem Vater gegenüber, der jedoch an ihm vorbei sah. Er betrachtete Goldikova über seine Schulter hinweg.
„Wer ist das?", fragte er nun aber doch Draco, obwohl er sie noch immer ansah.
„Das kann sie dir selber sagen. Frag sie doch", entgegnete er spitz. Heute Abend würde sein Vater einmal sehen, dass sein Sohn selbstständig war. Das klang war schrecklich kindisch, doch genau das hatte er mit diesem Abend bezwecken wollen.
„Goldikova Dayville", antwortete Goldikova stattdessen. Ihre Stimme klang fest, doch Draco konnte förmlich fühlen, dass sie Angst vor seinem Vater hatte, der sie aus kalten, grauen Augen musterte. Dieser Blick brachte die meisten zum Erstarren.
„Du hättest sagen sollen, dass du Besuch mitbringst", sagte sein Vater plötzlich und drehte ihnen damit den Rücken zu.
Goldikova sah ihn hilfesuchend an, so nahm er sie schließlich bei der Hand und setzte sich mit ihr auf das Ledersofa des Salons.
„Was verschafft mir die Ehre, Miss Dayville?", sagte Lucius, nun doch an Goldikova gewandt.
Nun war es an Draco, dieser ganzen Farce ein Ende zu bereiten. Er holte tief Luft und sagte: „Ich wollte euch meine Verlobte vorstellen."
Goldikova selbst sah ihn an, als wäre er von allen guten Geistern verlassen, denn er hatte das niemals ihr gegenüber ausgesprochen, doch er überging ihre Verwirrung und ignorierte das erschrockene Gesicht seiner Mutter. Er sah seinem Vater in die Augen. „Ich möchte, dass du dieses Heiratsversprechen an Astoria Greengrass zurück ziehst. Sie mag nett sein, doch ich bin bereits verlobt."
Wenn sein Vater nun so wütend war, wie er annahm, dann blieb er wirklich erstaunlich gelassen.
„Draco, sei vernünftig", versuchte es seine Mutter. „Nichts gegen Sie, Miss, aber ich muss an das Wohl meines Sohnes denken."
Goldikovas Augen wurden groß, als sie das hörte. Sie war wohl nie dem Hass der Reinblüter auf die Muggelgeborenen ausgesetzt gewesen und vielleicht hatte sie auch immer gedacht, dass Draco übertrieb, wenn er von zu Hause erzählte.
„Astoria Greengrass ist aus bestem Hause und eine absolut standesgemäße Verbindung."
„Das ist vollkommen gleichgültig", sagte er betont ruhig.
„Waren Ihre Eltern Zauberer, Miss Dayville?" Die Stimme seines Vaters klang wie ein Glockenschlag in Dracos Ohren.
„Nein", antwortete Goldikova leise.
Lucius nickte, als sei damit alles gesagt worden. „Wie deine Mutter bereits überflüssigerweise bemerkt hat", fuhr er nun an ihn gewandt fort, „ist Astoria Greengrass aus bestem Haus und ebenso reinblütig wie du."
„Wie ich bereits sagte, ist mir das egal. Löse die Verlobung. Ich möchte davon nichts mehr hören. Sonst werde ich einfach aus meinem Gedächtnis streichen, dass ich ein Malfoy bin."
„Sprich nicht so mit deinem Vater", wies ihn seine Mutter zurecht. Das tat sie sonst nie, das klang nach Verzweiflung. Perfekt.
„Und wie stellst du dir das vor?" Die Stimme seines Vaters klang nun eindeutig spöttisch. Er hasste diesen Unterton.
„Das ist gar nicht so schwer. Ich heirate jemanden, der mir etwas bedeutet."
Lucius schien nachzudenken, was Draco ziemlich verunsicherte. Sein Vater entsann schon wieder den nächsten schlauen Plan, um das zu erreichen, was er tatsächlich benötigte. Und tatsächlich hatte sein Vater etwas neues für ihn parat.
„Also schön. Tu, was du für richtig hältst."
Damit hatte Draco nicht gerechnet und das musste man ihm wohl angesehen haben, denn sein Vater wirkte nun eindeutig belustigt.
„Tu, was du willst. Doch sollte diese Liaison nicht gut gehen, dann wirst du jemanden heiraten, den ich für dich auswähle."
Draco lachte auf. „Du wirst sicher dafür sorgen, dass sie nicht gut geht, nicht wahr?"
Goldikova sah nun eindeutig empört aus, allerdings galt der Blick ihm, was ihn nun wieder verunsicherte. Hatte sie das als Zweifel an sich selber verstanden?
„Ich werde mich nicht einmischen." Sein Vater hob abwehrend die Hände. „Bei Merlins Stab, nein, das werde ich nicht. Aber sollte dies hier", er machte eine abfällige Geste mit seinem Zauberstab auf sie beide, „auf irgendeine Weise beendet werden, dann wirst du tun, was ich möchte."
Draco versuchte zu ergründen, was hinter der Stirn des Vaters vor sich ging, doch Lucius Malfoy verbarg seine Gedanken geschickt.
„Meinetwegen", antwortete Draco nach einer Weile.
„Meinetwegen reicht nicht, mein Sohn. Schwöre es." Und dann tat er etwas, das Draco einen kalten Schauer über den Rücken jagte: er erhob sich langsam und reichte seinem Sohn die eine Hand, während er mit der anderen seine Frau herüber winkte. Dann wiederholte er noch einmal. „Schwöre es, Draco."
