Draco hob seine Hand, ganz langsam. Er war sich nie sicherer gewesen, als in diesem Moment. Es gab kein „vorbei". Das war keine seiner Launen. Er liebte Goldikova, mit all ihren verrückten Fehlern und Ungereimtheiten. Wenn sein Vater diesen verrückten Schwur haben wollte, bitte. Er hatte nicht vor sein Leben anders zu beschließen als mit ihr. Wenn es tatsächlich ein danach gab, dann war das sowieso vollkommen leer.
So reichte er seinem Vater die Hand und sah seine Mutter herausfordernd an, während Goldikovas Gesicht blutleer geworden war.
„Das darfst du nicht", wisperte sie.
Aufmunternd sah er zu seiner Mutter hinüber, doch auch die rührte sich nicht, obwohl der Blick seines Vaters mehr als streng wurde.
„Narzissa? Darf ich bitten?", hörte er die Stimme seines Vaters. Er war sich sicher, dass Lucius Malfoy innerlich vor Wut kochte. Seine Frau gehorchte nicht. Draco konnte sich an keinen solchen Tag erinnern. Seine Eltern waren immer als eine Einheit aufgetreten. Oder besser, als die Einheit, die Lucius Malfoy darstellen wollte. Seine Mutter handelte nach seinen Wünschen. War das schon immer so gewesen?
„Ich werde das nicht tun", antwortete seine Mutter ruhig.
Lucius musterte sie streng, seine Augenbrauen wölbten sich und sein Blick wurde scharf. Als hätte er Narzissa geschlagen, atmete diese erschrocken auf und trat schließlich doch hervor.
Die Spitze ihres Zauberstabs glühte, doch Draco beachtete sie nicht, er suchte den Blick seines Vaters. Goldikova rührte sich im Hintergrund, doch auch sie hatte offenbar zu viel Angst vor seinem Vater, um sich tatsächlich dagegen zu wehren.
„Wirst du, Draco Malfoy, das tun, was dein Vater von dir verlangt, wenn du dich von Goldikova Dayville trennen solltest?"
„Das werde ich", erwiderte Draco leise. Er lächelte, als sich die erste Schlinge um sein Handgelenk legte.
„Wirst du ihm gehorchen, auch wenn sein Wunsch nicht mit deinen Wünschen einhergeht?"
„Auch das schwöre ich."
„Wirst du nicht fortlaufen und dich deinem Schicksal stellen?"
„Ich schwöre es."
Als die dritte Flammenzunge sich um sein Handgelenk legte, war Draco sich bewusst, das dies sein Weg war. Egal wo der endete. Er hatte sich nie sicherer gefühlt.
..::~::..
Nur Minuten später fand sich Draco auf der Auffahrt zu Malfoy Manor wieder, doch es kam ihm vor, als seien Stunden vergangen, seitdem er den unbrechbaren Schwur geleistet hatte. Seine Mutter hatte er blass und zittrig zurück gelassen und er war sich ihrer Lage durchaus bewusst. Nur hatte er gar nicht die Absicht, diesen Schwur zu brechen, daher brauchte sie sich auch nicht sorgen.
Goldikova jedoch war so wütend auf ihn, dass sie kein Wort mehr mit ihm sprach und stumm lautstark durch den Kies hinter ihm her stapfte. Draco führte sie jedoch an diesem Abend nicht direkt zum Tor hinaus, er hatte das unerklärliche Gefühl, als müsse er Cassiopeia noch einmal besuchen.
Währenddessen brabbelte Goldikova unverständliches Zeug von hinten, ab und zu fielen die Worte „verrückt", „wahnsinnig", und einige andere Dinge, die seinen Geisteszustand beschrieben, doch das war ihm gleich. Es war ihm absolut ernst.
„Halt doch endlich den Mund", brummte er, als es ihm zu viel wurde.
„Mach's doch selber. Wahnsinniger!", knurrte Goldikova im selben Ton zurück. „Einen unbrechbaren Schwur. Was hast du dir dabei gedacht?"
„Jedes andere Mädchen wäre erfreut, wenn ihr Mann einen solchen Schwur tätigt, um seine Liebe zu beweisen."
„Dennoch würde kein anderes Mädchen gerne mit einem Verrückten zusammen sein."
Draco schwieg und lief den Weg zum Rosenhain hinunter. Sollte sie denken, was sie wollte. Er hatte das nicht gemacht, um ihr etwas zu beweisen. Er wollte sich selbst nicht erneut ins Wanken bringen, nur deswegen hatte er es getan. Nie war er sich sicherer gewesen. Warum also das nicht unterstreichen?
Mit einem Schwenk seines Zauberstabs blühten einige Rosen in der Hecke auf, die er im vorbei gehen pflückte und mit sich trug, um sie auf Cassiopeias Grab zu legen.
„Was ist das hier?", fragte Goldikova von hinten, als sie durch das Tor des Rosenhains traten.
„Der Friedhof der Malfoys", antwortete er lakonisch und ließ die Rosen auf Cassiopeias fallen. Dann schwieg er, als er den kühlen Stein betrachtete. Saecula Phoenices nulla tulisse duos. Er war sich nicht sicher, ob er die Inschrift tatsächlich verstand.
„Niemals noch sah man zwei Phoenixe gleichzeitig", sagte Goldikova leise, als hätte sie seine Gedanken gelesen. Das geschah so oft, dass Draco sich kaum noch über sie wunderte.
„Ich verstehe es nicht", gestand er ihr.
„Das ist hübsch", murmelte Goldikova, als hätte sie ihn nicht gehört.
Offenbar verstand sie es, im Gegensatz zu ihm. Mit Worten hatte er eh noch nie etwas anfangen können.
„Sag mal, was sollte der Zettel, der auf dem Küchentisch lag?"
„Oh, ach der." Stille.
„Was wolltest du mir damit sagen?"
„Dass du acht geben sollst." Dann wies sie auf Cassiopeias kleines Grab. „Es ist das gleiche wie dort. Nur mit mehr Worten."
„Und was bedeutet es?"
Goldikova lächelte traurig und berührte seine Wange. „Ich hoffe, dass du es niemals herausfinden musst."
..::~::..
Draco konnte sich nicht daran erinnern, jemals eine so langweilige Nachtschicht gehabt zu haben. Das einzige, was sich überhaupt ereignet hatte, war, dass er Astoria Greengrass über den Weg gelaufen war, die ihn, seitdem er ihr erklärt hatte, dass er sie nicht heiraten wolle, nicht mehr ansah und jedes Mal energisch den Kopf in den Nacken warf und von Dannen stolzierte. Vermutlich waren sie und zwei ihrer Kolleginnen überhaupt die einzigen, die heute Nacht noch im Ministerium waren. Verrückt, dachte er bei sich. Was suchten Sekretärinnen denn in der Nachtschicht? Allerdings wusste er so gut wie gar nichts über ihre Abteilung und er war es ehrlich leid, auch nur an sie denken zu müssen. Sein Vater hatte tatsächlich keine Ahnung von Frauen, wenn er ihn mit so einem Mädchen hatte verloben wollen.
Das Telefon hatte nicht einmal geklingelt in der Nachtschicht (tatsächlich verfügten die „Notfallabteilungen" des Ministeriums alle über einen solchen Muggelapparat) und so fand Draco sich einmal mehr in der Cafeteria wieder, wo er über seinem Tee saß und vor sich hin grübelte.
Seitdem Goldikova ihre Prüfung bestanden hatte, musste sie nur noch sehr selten Nachtschicht schieben, sie hatte ihm allerdings gesagt, dass das durchaus so übliche wäre. Eben die unliebsame Schicht, die man gerne den Lehrlingen überträgt. Bei einem Ernstfall klingelte man sowieso nur die die Zuständigen, die Bereitschaft hatten, wach und begleitete selbst nur.
Hämisch starrte die „Grinsebacke" ihn mit seiner kitschigen Fratze von oben an. Wer hatte sich nur ein so hässliches Deckengemälde einfallen lassen? Im Atrium hörte er laute Stimmen, offenbar waren doch ein paar mehr Leute dort, als er angenommen hatte. Er hörte, wie jemand davonlief, dann krachte etwas laut. Erschrocken sprang er auf und taumelte nach vorne, den in dem Moment, in dem er aufgestanden war, ging ein Ruck durch das ganze Gebäude und mit einem beinahe menschlichen Seufzer erloschen sämtliche Lichter des Ministeriums.
„Lumos", flüsterte Draco und hielt seinen Zauberstab hoch. Immer noch erregte Stimmen von draußen. Schritte von links. Er bahnte sich seinen Weg durch die spärlich beleuchtete Cafeteria. Nur sein Zauberstab und das grinsende Gesicht des vollen Mondes leuchteten ihm den Weg.
Wieder Schritte, dann stieß ihm jemand gegen den Rücken und japsend fand sich Draco auf dem Boden wieder, der Zauberstab unerreichbar davon gerollt.
„Au", klang eine recht bekannte Stimme zu ihm hinüber. Zumindest gehörte die Stimme niemandem, der ihm Böses wollte. Vorsichtig tastete er nach seinem Zauberstab und leuchtete dann in das Gesicht von Neville Longbottom, der nun seinerseits ebenso verwirrt aussah, wie er sich fühlte.
„Was ist denn hier los?", fragte der mittlerweile ziemlich große, junge Mann.
„Keine Ahnung", flüsterte Draco.
Neville hatte sich schließlich aufgerappelt und ergriff nun ebenfalls seinen Zauberstab. „Im Atrium habe ich Schreie gehört. Wir müssen nachsehen, was..."
Draco hörte ihm jedoch nicht mehr zu. Magische Strafverfolgung hin oder her, aber hier hieß es gerade: egoistisch denken. Etwas geschah im Atrium. Gut, sollte es da geschehen. Das ergab mehr Zeit, um sich selbst zu flüchten. Ominöse Dinge gehörten nicht in seinen Aufgabenbereich, sondern nur Zauberer und Hexen, die über die Stränge schlugen.
Wieder krachte es im Atrium. Neville schien mit einem Mal gar nicht mehr so entschlossen, wie vorhin, denn er spähte nun hinter Draco den Gang hinunter, wo die Aufzüge lagen. Offenbar waren sie beide zu dem selben Ergebnis gekommen, denn Neville und er liefen gleichzeitig los und dann brach hinter ihnen die Hölle los, Flüche prallten von den Marmorsäulen ab und etwas kratzte über die Fliesen, wie lange Krallen auf glattem Untergrund. Krallen... Dracos Gedanken überschlugen sich. Er hatte die Warnung nicht verstanden. Die hässliche Fratze des Mondgesichts...
Sie erreichten die Aufzüge und entschlossen zog Neville das Gitter zu: Keinen Moment zu früh, eines der Ungetüme prallte gegen das Aufzugsitter und blieb einen Moment benommen liegen.
Draco und Neville wichen zurück an die Wand und geistesgegenwärtig schlug Draco auf die unteren Knöpfe, in der Hoffnung, dass der Aufzug sich endlich in Bewegung setzte.
Schwer atmend blickte Draco hinaus zu dem Werwolf. Der Zweite war nicht zu sehen, doch Draco war sich sicher, dass er dort draußen, in der Dunkelheit, sein musste.
Draco hielt seinen Zauberstab vor sich. Und dann endlich, nach einer Ewigkeit, setzte sich der Aufzug krachend und quietschend in Bewegung und Neville und Draco atmeten beide erleichtert auf. Der Werwolf verschwand jedoch quälend langsam aus ihrem Blickfeld. Ihre Blicke folgten dem Halbwesen und als er von der Dunkelheit verschluckt wurde, da war sich Draco nicht sicher, ob er damit wirklich fort war.
„Wohin fahren wir?", flüsterte Neville zu ihm hinüber.
Draco warf einen Blick auf die Armaturen. „Gerichtsräume. Ich hab die untersten Knöpfe gedrückt."
