Schweigend sahen sich die beiden an. Der Aufzug ratterte im dunklen Schacht hinab und Draco kam es wie eine Ewigkeit vor, die der Aufzug brauchte.
„War das...", begann Neville zaghaft, „ein Werwolf?"
Draco nickte nur knapp. Er wusste zu viel darüber und er wollte es bei allem was ihm heilig war, nicht mit Neville teilen. Auch wenn der Gryffindor sich sehr verändert hatte, so hatte er doch das Gefühl, dass er diese Informationen nicht ohne weiteres verkraften würde. Und vielleicht würde er vor dem Ende der Nacht Nevilles Hilfe mehr als nötig haben. Nein, schweigen war klüger.
Mit einem Ruck kam der Aufzug zum stehen und vorsichtig machten Draco und Neville einen Schritt in den Gang. Selbst am Tage waren die Gerichtsräume dunkel wie die Katakomben einer großen Kirche und auch genau so unheimlich wie diese.
Nevilles Zauberstab verströmte helles Licht und Draco folgte ihm.
„Denkst du sie kommen hier herunter?", fragte Neville flüsternd.
„Ich weiß nicht", war seine ehrliche Antwort. Gab es noch andere Wege zu den Gerichtsräumen? Er hatte nicht den blassesten Schimmer. Mit seiner Abteilung war er nie hier gewesen.
Vom Aufzugschacht her erklangen Stimmen, vermutlich waren die Türen im Atrium geöffnet worden. Immer noch Schreie.
„Klingt, als hätten sie ihn nicht geschnappt", murmelte Neville.
„Sie. Es sind zwei", erwiderte Draco lakonisch.
„Ich dachte man hätte sie...", Neville machte ein fieses Geräusch.
„Nicht alle, wie mir scheint."
Draco blieb stehen. „Da ist etwas", flüsterte er zu Neville.
Neville selbst tastete sich an der Wand entlang und ergriff einen Türknauf, wie Draco im Licht seines Zauberstabes erkennen konnte.
„Das sind die Verhandlungsräume", flüsterte der Gryffindor ihm zu.
Von weiter weg klang ein Grollen zu ihnen hinüber. Das Aufzuggitter schloss sich klappernd und mit einem grausigen Geräusch setzte sich die Hydraulik in Bewegung.
„Alohomora", zischte Draco und die Tür zum Gerichtsraum sprang auf. Neville und er schlüpften hinein. Keine Sekunde zu früh, just in dem Moment, in dem Neville die Tür zuzog, ging ein Ruck durch die Tür und etwas kreischte gequält auf, als sei es ziemlich schmerzhaft dagegen geprallt.
„Verdammtes Vieh," knurrte Draco und griff nach dem kleinen Schlüssel, der von Innen steckte. Die Situation war unangenehm vertraut. Schon in seiner Wohnung hatte nur die Türe ihn vor seinen Verfolgern geschützt. Doch wie lange würde es dieses Mal brauchen, bis man ihn fand?
Neville ließ seinen Blick unruhig umherschweifen. Ein düsterer, hoffnungsloser Raum. Draco kannte ihn. Bereits zweimal war er hier gewesen, als sein Vater vor Gericht geladen wurde. Ein rabenschwarzer Tag für seine Familie. Draco hatte selbst auf diesem verfluchten Stuhl gesessen, mit schweißnassen Händen und hatte das herunter gebetet, was sein Vater ihm eingetrichtert hatte. Natürlich eine Lüge.
Nevilles Blick schien seinen zu suchen. „Was ist?"
„Nichts", entgegnete Draco. So weit kam es noch, dass er mit dem Gryffindor über den Prozess gegen seine Familie sprach. Das ging entschieden zu weit.
Kein Laut drang vom Flur zu ihnen hinüber. Das war unheimlicher als die Schreie und der Krach aus dem Atrium. Nur, um nicht vor Schreck zu erstarren, begann Draco damit, umher zu laufen.
„Denkst du die Türe hält?", fragte Neville leise.
„Ich weiß es ehrlich nicht." Draco fühlte sich langsam sehr unbehaglich, wie er hier mit Neville im dunklen saß und auf die Endgültigkeit dort draußen wartete.
„Du und Goldikova...", wechselte Neville plötzlich abrupt das Thema, „... seid ihr schon lange...?"
Draco nickte. Dann fiel ihm auf, dass der Gryffindor das in der Dunkelheit schlecht sehen konnte und schob ein rasches: „Ja", hinterher.
„Und wirst du sie...?"
„Vermutlich." Gab es ein schlechteres Thema für diese Situation als das hier? Das war schon reichlich abstrus.
„Sie ist sehr nett", sagte Neville schließlich und begann ebenfalls im Raum herum zu gehen.
Draco antwortete darauf nicht. Er versuchte, die Decke zu erkennen, doch viel zu hoch waren die Kerkermauern hier, als das er irgendetwas hätte erkennen können.
Aus den Augenwinkeln sah Draco die Bewegung: der runde Türknauf aus Messing drehte sich zaghaft, doch lautlos. Hastig legte er die Hand darauf. Neville hatte die Bewegung ebenfalls gesehen und war hinzu gekommen.
Draco wusste selbst nicht, was in diesem Moment in ihm vorging, doch er war es so furchtbar leid, sich dauernd zu flüchten, zu verbergen und davonzulaufen, ohne Neville vorzuwarnen riss er die Türe auf, den Zauberstab hoch erhoben, doch auf dem Flur lauerte nur die höhnische Stille und das Echo seiner eigenen Bewegungen schien ihn auszulachen.
Neville stieß einen Seufzer aus, als er erkannte, dass der düstere Korridor leer war. „Du hättest mich wirklich vorwarnen können, Malfoy."
Draco zuckte vage die Schultern. Das brennende Gefühl in seiner Kehle ließ nicht nach, doch trotzdem fühlte er die unbestimmte Gewissheit, dass seine Verfolger fort waren. Einmal mehr.
..::~::..
Nach dieser Nacht, machte Draco sich nicht mehr die Mühe, zu Fuß zu seinem Appartement zu laufen, er apparierte auf der Stelle und fand sich nur wenige Sekunden später in der kleinen Seitengasse wieder, die direkt zu seiner Wohnung führte.
Er wusste nicht, woher der Zorn kam, doch gerade im Moment hätte er am liebsten irgendetwas zerschlagen und seine Schritte weckten vermutlich die Nachbarn, so unbeherrscht benahm er sich in diesem Moment. Die beiden Wölfe waren nicht dumm. Sie trieben ihn vor sich her, sie lockten ihn und sie verspotteten ihn. Nur selten hatte er sich noch hilfloser als jetzt gefühlt. Alte Erinnerungen trieben in ihm hoch, Momente in denen all diese Gefühle ihn heimgesucht hatten. Er schluckte sie herunter und riss seine Haustüre auf. Goldikova... sie musste ihn beruhigen. Draco hatte das Gefühl, verrückt zu werden. Sein Gesicht brannte und er jagte in die Küche und trank gierig aus dem Wasserhahn. Als er tief durchatmete kam ihm ein neuer Gedanke: So benimmt sich ein Irrer.
Doch dann kam der nächste Gedanke und der war viel unheimlicher. Goldikova. Wo war sie?
„Hallo?", rief er in die Stille seiner Wohnung. Kein Laut.
Er durchquerte den Flur und erreichte das Wohnzimmer. Kein Licht, keine Goldikova. Schlafzimmer leer. Badezimmer leer. Ein erneuter Blick in die Küche. Keine Nachricht. Kein Wort. Und dann dämmerte es ihm... Immer war sie fort ohne Erklärung. Dürftige Ausreden hatte sie auch stets parat. War er dermaßen blind? Hatte sie ihm nicht ins Gesicht gesagt, wie sehr sie ihn und seine Familie hasste, weil sie Todesser waren? Sie hatte ihn gewarnt und er hatte sich wie der letzte Narr aufgeführt. Wie dumm war er in die Falle getappt? Schamesröte stieg ihm in die Wangen. Der Verdacht war immer wieder dagewesen und er hatte sie selbst immer wieder entschuldigt.
Heute Nacht gab es keine Entschuldigungen mehr. Sie war ein geschicktes Ding, das musste man ihr lassen, sie hatte ihn vollkommen um den Finger gewickelt, er hatte wegen ihr einen unbrechbaren Schwur geleistet! Er musste wahnsinnig und blind gewesen sein. Sie hatte ihn beschimpft, sie hatte ihn nach ihrer Pfeife tanzen lassen, sie hatte ihm vorgespielt das sie ihn liebte...
Der Zorn loderte so plötzlich wieder in ihm hoch, dass ihm heiß wurde. Wo war diese kleine Hure nun? Er würde ihr eigenhändig die Kehle zudrücken. Jetzt erschreckte ihn dieser Gedanke nicht einmal mehr.
Erst jetzt merkte Draco, dass er ziellos in seiner Küche umher rannte. Er blieb stehen und griff nach der Flasche Whiskey. Für solche Nächte war Alkohol gemacht worden. Er stürzte die bräunliche Flüssigkeit hinab und schnappte nach Luft, als das Brennen seine Kehle fühlte.
Dann, ganz plötzlich breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus und er ließ sich in den Küchenstuhl sinken. Goldikova würde wiederkommen. Sie machte sich immer einen Spaß daraus und erschien am nächsten Morgen, ganz verwundert, ohne eine wirklich glaubhafte Ausrede, warum sie verschwunden war. Vielleicht machte es ihr Spaß? Wer wusste schon, was in dem verdrehten Kopf eines Werwolfmädchens vor sich ging. Er legte die Beine auf die Küchenplatte und starrte in die Dunkelheit. Jemand lachte und Draco schrak hoch. Doch es war sein eigenes Lachen, kalt, verzweifelt und wahnsinnig und hastig schloss er den Mund und fuhr sich mit den Fingern darüber. Er wurde wirklich wahnsinnig... Er würde warten. Einfach nur warten. Seine Augen fielen zu.
Als er die Augen erneut öffnete, war es bereits wieder hell und erschrocken sprang Draco auf und sah sich um. Immer noch hatte er die Whiskeyflasche in der Hand und draußen zeichnete sich langsam die Morgendämmerung ab. Die Straßenlaternen auf dem Marktplatz unten waren bereits erloschen. Sein Blick fiel auf den Kühlschrank. Kleine Briefchen pinnten daran, wie Goldikova sie ihm öfters geschrieben hatte. Mit einem Wink seines Zauberstabs gingen sie in Flammen auf und hinterließen braune Stellen auf der weißen Oberfläche. Ihren letzten Brief jedoch rührte er nicht an. Nicht, bevor er nicht wusste, was diese Worte bedeuten sollten.
Auf seinen Lippen zeichnete sich nun ein Lächeln ab, er hörte, wie ein Schlüssel ins Schloss geschoben wurde und ganz langsam lehnte er sich gegen die Arbeitsplatte und knackte mit den Handgelenken. Sein Zauberstab ruhte in seiner linken Hand.
„Guten Morgen", sagte er laut.
Im Flur ließ jemand einen Schlüsselbund fallen.
„Erschrocken?", fragte er in den Flur hinein.
Er hörte, wie der Schlüssel aufgehoben wurde, dann Schritte und dann stand sie vor ihm. Das blonde Haar zerzaust und eigentümlich dreckig, um die Augen tiefe Ringe, abgeblätterter Nagellack und ihre Lippe wirkte irgendwie, als hätte sie darauf herum gebissen. Oder vielleicht hatte sie jemand geschlagen. Damit musste sie rechnen, wenn sie so tollkühn war und in das Ministerium einbrach. Vielleicht hatte sie nicht mehr genügend Kontrolle über sich selber gehabt.
Als sie ihn sah, zuckte ihr Blick unruhig hin und her. Sie schien ihm nicht in die Augen sehen zu wollen. Gut so. Dracos Lächeln wurde breiter. Spiele konnte er genau so spielen. Nur leider war ihr Spiel nicht besonders komisch gewesen.
„Hattest du einen schönen Abend?", sagte er betont fröhlich.
Sie schüttelte störrisch den Kopf.
„Warum begrüßt du mich nicht?"
Wieder nur Kopfschütteln und eine abwehrende Körperhaltung.
„Wo warst du denn gestern Abend?", hakte er nun nach. Langsam kroch der Zorn wieder in ihm hoch. Wenn sie nicht sofort sprach, würde er sie auf der Stelle erwürgen.
„Weg", antwortete sie gepresst.
„Ich weiß."
Ihr Blick wirkte verwirrt. Man sollte ihr einen Preis verleihen, sie war eine erstklassige Schauspielerin, ja, wirklich!
„Zufällig im Ministerium?"
Nun sah sie noch viel verwirrter aus, als vorhin schon. Wirklich gut. „Nein..."
Stille. Draco wiederholte im Geiste immer nur wieder die Frage, wie er hatte so blind sein können.
„Lügnerin", zischte er.
„Nein!", antwortete sie trotzig und sah ihm nun zum ersten Mal in die Augen. Waren ihre Augen immer so durchsichtig gewesen? Warum fühlte er sich an einen tiefen See erinnert, wenn er ihr in die Augen sah?
„Draco, ich muss dir etwas sagen", begann sie erneut.
Draco erschrak selbst über seine Heftigkeit, doch mit einem Schritt war er bei ihr und griff mit seinen beiden Händen nach ihrer Kehle.
Goldikova stieß einen erschrockenen Schrei aus und krallte sich in seine Finger.
„Ja, mein Liebling", klang seine Stimme verächtlich, „es interessiert mich wirklich sehr, was du mir zu sagen hast. Nur raus damit."
