„Lass mich los", zischte sie verächtlich.
„Ich werde deinen kostbaren Hals schonen, bis du mir ein paar Antworten gegeben hast", sagte er kalt. „Danach jedoch kann ich für nichts mehr garantieren."
Ihr Blick wirkte beinahe gebrochen, als sie schließlich den Kopf senkte und er, beinahe zärtlich über ihren Hals strich. Doch da war keine Zärtlichkeit mehr, keine Wirkliche jedenfalls.
„Ich bin schwanger", flüsterte Goldikova beinahe.
Draco wiederholte die Worte in Gedanken, aber sie nahmen keine Bedeutung an... Was war sie? Schwanger?
„Was bist du?"
„Schwanger." Ihre Stimme schien nicht mehr ihr selbst zu gehören.
Erschrocken zog er seine Hände zurück und legte sie eng an den Körper, um sich nicht wie ein vollkommener Idiot zu fühlen.
„Das ist dein ernst?", fragte er noch einmal misstrauisch.
„Was sollte das denn sonst sein?", fuhr sie auf. „Ich bin schwanger. Soll ich es mir auf die Stirn schreiben?" Ihre Augen blitzten zornig und jetzt sah sie ihn auch wieder an, doch der Blick war wild und voller Hass.
„Wieso hast du nicht...?", begann Draco, doch er merkte, dass ihm die Worte fehlten und so verstummte er. Dann eine neue Eingebung: „Wo warst du gestern Nacht?"
Zornig hob sie ihr Kinn. „Bei einer Freundin du Rindvieh. Du warst nicht da. Zu wem hätte ich denn sonst gehen sollen? Ich bin so jung und jetzt schwanger. Von einem paranoiden Reinblütersnob, der nichts besseres zu tun hat, als mich zu würgen, weil er wissen will, wo ich war."
Dracos Zorn, der sich gerade erst gelegt hatte, erwachte erneut und er spürte plötzlich das heftige Verlangen, sie auf den Mund zu schlagen, damit sie nur endlich aufhörte, doch dieses Mal beherrschte er sich.
„Ich dachte wirklich du wärst...", ja, was hatte er gedacht? Eigentlich klang das so absurd, sie musste ihn auslachen, wenn er ihr das sagte.
„Was wäre ich?"
„Werwolf...", nuschelte er in sich hinein, doch Goldikova hatte verstanden.
„So, dachtest du das, Draco? Ich breche mit meinen Grundsätzen, ich sehe über deine Launen hinweg und irgendwo in dem ganzen Durcheinander habe ich mich irgendwann einmal in dich verliebt, jetzt trage ich dein Kind und du verdächtigst mich, dir nach dem Leben zu trachten? Bist du eigentlich vollkommen übergeschnappt, oder ist das nur die Paranoia, die jeden Malfoy eines Tages befällt?"
Zu viel... all das war zu viel. Vater? Er? Sein Blick streifte ihren Bauch.
„Man sieht noch nichts", murmelte Goldikova, der sein Blick nicht entgangen war.
Er fuhr sich durch die Haare. Wie war es denn nur so weit gekommen? Einen furchtbaren Moment lang, fühlte er sich seinem Vater furchtbar nah, als er sah, wie sich sein hilfloses Gesicht auf der glatten Arbeitsplatte spiegelte. Er musste ihr etwas sagen. Aber was? Alles was er zu sagen hatte, war unglaubwürdiger Blödsinn. So sehr hatte ihn das Misstrauen durchfurcht, dass immer noch ein Rest blieb. Und wenn sie log, um ihre Haut zu retten?
Schließlich sank er einfach auf dem Küchenstuhl zusammen und starrte sie an.
Goldikova weinte selten, aber jetzt sah sie aus, als wäre ihr nach weinen zu Mute. Ungelenk nahm er ihre Hand in die seine und er war froh, dass sie sie nicht zurückzog.
Goldikova sank zu Boden und kauerte nun vor ihm. Ihren blonden Schopf hatte sie auf seinen Knien gebettet und sie weinte nun doch. Draco strich ihr einfach nur die weichen, blonden Locken zur Seite und fand keine Worte, um das zu sagen, was er jetzt fühlte.
..::~::..
Hatte Draco sich die letzten fünf Monate davor gedrückt, mit seinen Eltern zu sprechen, so konnte er es nun nicht mehr aufschieben. Seine Prüfung hatte er mit Auszeichnung bestanden (nicht etwa, weil er gelernt hätte, sondern weil die Fragen so einfach gewesen waren), seine Verfolger hatten sich nicht blicken lassen und Goldikova war bereits im siebten Monat schwanger. Wenigstens hatte er ihr dieses Mal das Versprechen abgenommen, dass sie zu Hause blieb, wenn er mit seinen Eltern sprach.
Malfoy Manor wirkte unverändert als er über den langen Kiesweg der Allee lief. Steine knirschten und die Vögel zwitscherten. Es war Mai. Beinahe war so etwas wie Ruhe in sein Leben eingekehrt und Draco genoss es. Nur das zwischen Goldikova und ihm... das war nie richtig gekittet worden. Es tat ihm von Herzen leid, doch er war so schlecht mit Worten, das er immer den Eindruck hatte, all seine unbeholfenen Worte verschlimmerten den Riss zwischen ihnen. Konnte er ihr es verübeln? Er hatte ihr absolute Bösartigkeit unterstellt, er hatte sie angegriffen. War das zu verzeihen? Immer kehrten an diesem Punkt seine Gedanken zu seinen Eltern zurück. Sein Vater handelte noch viel grober und rücksichtsloser. Wieso nur stand seine Mutter unerschütterlich hinter Lucius Malfoy? Was tat er, oder was hatte er getan, um ihre Treue zu verdienen? Er nahm sich vage vor, seine Mutter einmal danach zu fragen.
Als er mit dem magischen Türknauf gegen das Portal hämmerte, klang es wie ein Glockenschlag in seinen Ohren. Dann tauchte aus dem offenen Spalt das Gesicht seiner Mutter auf.
Sie ist alt geworden, war Dracos erster Gedanke, doch er verscheuchte ihn.
„Ich bin so froh, dass du endlich einmal Zeit hast", sagte sie warm und nahm ihn sogar in den Arm. Eine Geste, die er lange nicht mehr an ihr gesehen hatte.
„Ich habe viel zu tun", log er und hoffte, dass seine Mutter, die die Lüge hundert Prozentig durchschaut hatte, nicht noch einmal darauf zu sprechen kam.
„Komm mit in den Salon, dein Vater ist nicht da."
Was für ein Glück er dieses Mal hatte. Nur gegen seine Mutter zu fechten war wesentlich einfacher, als sich mit beiden gleichzeitig anzulegen. So wartete er nicht einmal ab, bis Narzissa sich gesetzt hatte und sprach es einfach aus.
„Ich werde Vater."
Die Augen seiner Mutter wurden groß, ihre Hände verkrampften sich und ihre Lippen bebten.
„Nun mach nicht so ein Gesicht, ich werde nur Vater, ich bin nicht unheilbar krank", knurrte er und setzte sich auf das zerschlissene Sofa.
„Dein Vater wird...", begann sie doch die Stimme versagte ihr.
„Ja, er wird ungehalten sein, doch ich habe ihm gesagt, was meine Absichten sind und die sind es auch heute noch. Sollte sich das einmal ändern, werde ich gerne dem Schwur folge leisten, doch bis dahin bin ich ein freier Mann."
„Das weiß ich doch, Draco..." Die Stimme seiner Mutter klang nun tatsächlich zärtlich, was ihn verwunderte. Irgendwie hatte er immer angenommen, dass seine Mutter die Meinung ihres Vaters teilte. Schweigend ließ sich Narzissa neben ihm nieder.
„Was wird es denn?", hauchte sie.
„Ein Junge." Stolz erfüllte ihn, als er das sagte. Tatsächlich, stolz!
Seine Mutter strich ihm über die Schulter. „Ich freue mich für dich, Draco. Wirklich. Auch wenn ihr ein wenig... jung seid."
Eines ihrer seltenen Lächeln breitete sich auf ihren Lippen aus.
„Danke", sagte Draco leise, weil ihm nichts besseres einfiel.
„Habt ihr euch Gedanken um einen Namen gemacht?"
Nein, das hatten sie tatsächlich noch nicht. Goldikova hatte etwas von Hyperion gefaselt. Aber welcher gesunde Mensch nannte denn sein Kind Hyperion? Er jedenfalls nicht.
„Sag du mir einen", antwortete er, einer plötzlichen Eingebung folgend.
„Ich finde Scorpius hübsch. Hättest du noch einen Bruder gehabt, ich hätte diesen Namen gewählt."
„Ich werde es ihr vorschlagen", sagte er lächelnd.
„Hast du nicht vor, deine Freundin zu heiraten?"
Darüber hatte Draco sich schon ein paar Mal den Kopf zerbrochen. Ja, er wollte. Aber bei Goldikova war er sich an manchen Tagen nicht sicher. Dann war da wieder diese Befremdlichkeit, die sie vollkommen teilnahmslos erscheinen ließ.
„Ein Mädchen sollte wenigstens verheiratet sein, wenn sie schon ein Kind erwartet", fuhr seine Mutter fort. Was das anging, war Narzissa Malfoy hoffnungslos altmodisch und das wusste Draco auch. Der Erbe der Malfoys durfte nicht aus einer wilden Ehe entstehen. Aber machte das überhaupt einen Unterschied? Für ihn jedenfalls nicht.
„Das kommt noch", erwiderte er und war froh, dass sich seine Mutter mit der Erklärung zufrieden gab. Doch eine andere Frage brannte ihm ebenfalls auf der Zunge: „Glaubst du, Vater wird...?"
„Er wird toben und er wird zetern, aber er wird es nicht ändern können, oder?" Jetzt wirkte ihr Lächeln sogar frech und sie wirkte mit einem Schlag wieder viel jünger.
Aber er war seiner Mutter unendlich dankbar für die stille Zustimmung und so fragte er: „Scorpius?"
Sie nickte leicht. „Scorpius..."
..::~::..
Wann immer Draco nach Hause kam, war er erleichtert, das Goldikova noch da war. Ab und an hatte er das Gefühl, dass sie am liebsten vor ihm geflohen wäre, doch sie tat es niemals. Auch heute Abend war das Gefühl wieder da, stärker als sonst. Sie machte ihn glücklich. Hatte er ihr das jemals gesagt?
Goldikova schlief. Sie schlief in letzter Zeit beständig, wie eine Katze. Ihr Bauch wirkte kugelrund und sie hatte, wie zum Schutz, eine Hand darum gelegt. Die Sonne schien zum Fenster herein und ein warmer Wind wehte aus der offenen Balkontüre zu ihm hinüber. All das wirkte so unendlich friedlich, das er den Wunsch hatte, die Welt würde einfach stillstehen, denn er hatte das hier nie gekannt.
Goldikova erwachte und sah ihn an. Ihre blauen Augen waren klar und ruhig. „Hallo."
Er ließ sich auf eine Sofaecke sinken und sah sie weiterhin nur an.
„Was denn?", fragte sie. Es klang ein wenig ängstlich.
Sie sollte ihn nicht fürchten. Er wünschte sich die vorwurfsvollen Worte wären nie gesprochen worden. Hätte er doch nur nicht Hand an sie gelegt. Würde sie ihm das jemals verzeihen?
„Habe ich dir je gesagt, dass es mir leid tut?"
Goldikova verstand augenblicklich, was er meinte.
„Nein", erwiderte sie langsam.
„Das tut es aber. Ich weiß nicht, ob ich mir das je verzeihen kann und ich weiß schon gar nicht, ob du es mir je verzeihen kannst, was alles geschehen ist, aber..."
„Schht...", machte sie und legte einen Finger auf die Lippen. „Ich will es nicht hören."
Draco schwieg. Was hätte er auch sonst noch sagen sollen?
„Hast du dich endlich für einen Namen entschieden?"
„Scorpius", entgegnete er.
„Scorpius Hyperion Malfoy. Klingt gut."
„Ich habe dir schon hundert Mal gesagt, dass niemand so verrückt ist, sein Kind Hyperion zu nennen."
Sie lachte. So fröhlich, wie er sie lange nicht mehr gesehen hatte. „Und es bleibt trotzdem bei Hyperion."
