Es war ein heißer Augusttag, als Scorpius, Hyperion Malfoy das Licht der Welt erblickte. Als man Draco das kleine Ding in den Arm legte, traute er seinen Augen kaum. Dieses winzige, kleine Gesicht war das seines Sohnes! Jetzt schon erkannte man ein paar blonde Haare und die Augen waren so blau, wie der Augusthimmel.
Goldikova war mittlerweile eingeschlafen. Ihr blondes Haar war verklebt und ihr Gesicht glänzte vor Schweiß. Nie hatte er es für Möglich gehalten, dass eine Geburt so kräfteraubend war, wenn er ehrlich war, hatte er sich damit noch nie beschäftigt.
So saß er still an ihrem Bett, betrachtete seinen Sohn, der ebenfalls eingeschlafen war und hing seinen Gedanken nach. Draco hatte nun zum ersten Mal eine eigene Familie, nicht das kranke Gebilde seiner Eltern, das sich Familie schimpfte, nein, eine richtige, eigene Familie, ganz für sich allein. Der Gedanke war beruhigend und schön und doch vollkommen neu.
Der kleine Scorpius lag an der Brust seiner Mutter und schlief mit offenem Mund. Goldikovas Brustkorb hob und senkte sich schwer, sie schlief tief und fest.
Ich habe sie nicht geheiratet, ging es ihm in diesem Moment durch den Kopf. Vielleicht sollte er das schnell nachholen, wenigstens seiner Mutter zur Liebe. Aber nicht nur deswegen, der Wunsch nach seiner eigenen Familie war so stark, dass es ihm in diesem Moment als das Logischste erschien.
Abrupt öffnete Goldikova die Augen. Ihr Blick war verwirrt und erst als sie Draco sah, wurde er ruhiger.
„Was ist?", fragte er leise, damit Scorpius nicht wach wurde.
„Ich hatte einen Alptraum", murmelte sie mit belegter Stimme und regte sich vorsichtig.
„Schlaf wieder ein, ich bleibe einfach hier sitzen", flüsterte er.
Goldikova lächelte schwach, trotzdem fühlte Draco die Wärme, die er am Anfang ihrer Schwangerschaft vermisst hatte.
„Wie spät ist es denn?", fragte sie.
„Gleich sieben. Zeit für das Abendessen. Ich hätte gerne Brathähnchen", neckte er sie.
„Ich hoffe Scorpius kommt niemals nach dir", erwiderte sie gespielt streng.
Ihre Augenlider senkten sich schon wieder. Sie musste wirklich fertig sein.
Dann nahm sie seine Hand. „Wenn ich das nächste Mal die Augen öffne, Draco, dann möchte ich dass du noch genau so da sitzt, wie jetzt." Goldikovas Stimme war nun ernst.
„Versprochen", beschwichtigte er sie.
„Ich meine das ernst", fuhr sie fort, als habe sie ihn nicht gehört. „Bitte geh auf keinen Fall weg."
„Versprochen", wiederholte er. „Wir bleiben beide hier."
Sein Blick wanderte zu Scorpius, der immer noch tief und fest schlief.
Goldikova lächelte. „Dann ist es ja gut", antwortete sie schließlich...
Draco musste wohl eingeschlafen sein, denn als er aufwachte, war es bereits dunkel und er konnte aus dem Krankenzimmer den Mond sehen. Hell schien er in die Fenster hinein und hinterließ eine silbrige Spur auf Goldikovas Bett, während sie und ihr Sohn noch schliefen.
Draco streckte sich, er hatte die ganze Zeit in einer furchtbar unbequemen Haltung geschlafen und sein Nacken schmerzte fürchterlich.
Behutsam stand er schließlich auf und versuchte seinen Nacken zu dehnen. Warum dachte eigentlich in einem Hospital wie St. Mungos niemand an die Väter? Die wollten doch im Normalfall auch bei ihrer Familie bleiben. Ob es in einem Muggelkrankenhaus auch so zuging?
Erschrocken registrierte er, was er für alberne Gedanken hatte, ganz entgegen seiner Natur. Gut, dass niemand in seinen Kopf hinein sehen konnte, sonst würden ihn die Leute für vollkommen übergeschnappt halten.
Es klopfte an der Türe.
Draco kam hastig hinüber und öffnete, damit der Besucher nicht ein zweites Mal klopfte. Es war die dicke Hebamme, die die Geburt begleitet hatte.
„Mr. Malfoy", flüsterte sie, mit einem Blick auf Mutter und Kind, „... hätten sie wohl kurz Zeit, den Namen ihres Kindes einzutragen?"
Er nickte wortlos und hoffte, dass er Goldikova nicht wecken würde.
„Folgen sie mir kurz in mein Büro", sagte die Heilerin leise. Als sie seinen unbehaglichen Blick sah, fügte sie schnell hinzu: „Keine Bange, ich schicke kurz eine Schwester zu ihrer Frau hinein, damit sie nach dem Rechten sehen kann."
Draco seufzte und folgte der Heilerin, mit einem letzten Blick auf seine kleine Familie. Eigentlich hatte er ihr versprochen, sich nicht fortzubewegen. Na ja, es waren ja nur ein paar Minuten.
Der Flur des St. Mungo Hospitals war immer noch hell erleuchtet und obwohl man es auf den Zimmer nicht hören konnte, herrschte immer noch geschäftiger Betrieb, ein Heiler, der eine Trage vor sich herschob, hastete, gefolgt von einigen Sanitätern, an ihnen vorbei und Draco schaute ihnen neugierig hinterher.
Jetzt hasste er das St. Mungos nicht mehr, jetzt kam es ihm vor, wie der schönste Ort auf Erden.
„Hier entlang, bitte", sagte die Heilerin und führte ihn einen Seitengang hinab und stieß eine grüne Tür auf. Das Büro war unordentlich, wie das eines jeden Zauberers, er fühlte sich irgendwie an Arty Binks Büro erinnert.
„Hier sind auch schon die Formulare", sagte die Hexe und reichte ihm ein verschnörkeltes Pergament. Die Geburtsurkunde.
„Einmal den Namen eintragen und unterschreiben." Offenbar leierte sie dieses Sprüchlein ständig herunter.
Draco nahm eine Feder vom Schreibtisch und schrieb: „Scorpius Hyperion Malfoy" auf die geschlängelte Linie. Eigentlich hatte er sich bis zum Schluss gegen den Zweitnamen gewehrt, Goldikova zu Liebe trug er ihn dennoch ein. Hoffentlich würde man seinen Sohn nicht hänseln.
Draußen krachte es gewaltig. Jemand schrie herzzerreißend.
Draco hob langsam den Kopf, als sei er aus einer Trance erwacht. Himmel, nein, nicht jetzt! Nicht jetzt! Die Hebamme sah sich ängstlich um, doch Draco war schon an ihr vorbei und stieß die Türe auf. Draußen, auf dem Flur war die Hölle losgebrochen, eine verängstigte Krankenschwester kauerte in der Ecke des Flurs auf dem Boden.
Er beachtete sie nicht und hastete weiter und wäre beinahe gestürzt, als er auf irgendetwas rutschiges trat und mit erschrecken erkannte er, dass es Blut war.
Dracos Hände zitterten, als er die Klinke zu Goldikovas Zimmer herunter drückte. Es war still darin. Vielleicht hatten seine Verfolger es nicht gefunden? Wann hatte er seinen Zauberstab gezogen? Er sah ihn an, als wäre es ein völlig fremder Gegenstand. Dann schloss er die Augen und trat ein.
Das erste, was er sah, waren die zerborstenen Fensterscheiben, die Krankenschwester, die die Hebamme zur Wache hinterlassen hatte, lag am Boden. Draco stieg über sie hinweg, dann hörte er einen gequälten Laut. Sein Sohn wimmerte kläglich, er lag am dem Boden und seine kleinen Fingerchen griffen ins Leere. Der Vorhang zu Goldikovas Bett war zugezogen, doch seine Enden waren zerfetzt. Mechanisch hob er Scorpius auf, in der anderen Hand immer noch seinen Zauberstab.
Das Kind schrie lauter. Der Vorhang fuhr auf sein Geheiß zur Seite und dann sah er sie. Wie eine kleine Puppe, die Haus milchig weiß, ein Schnitt durch ihren Hals, beinahe wie ein roter Mund, aus dem das Blut immer noch sprudelte und Augen, die glasig ins Leere starrten. Das war das Letzte, was er sah. Hatte er wirklich geglaubt, er könne den Vollmond überlisten?
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Das kleine Grab war nur halb so groß wie das von Dracos Großeltern. Es war beinahe winzig. Ein schwarzer Vulkanstein war herangeschafft worden und er trug die Inschrift, die Draco selbst gewählt hatte:
Goldikova Victoria Malfoy
+07. August
Stellt man nun sie und das Bild zusammen,
Wird man beide für lebendig halten,
oder beide nur für gemalt...
Als er den Stein das erste Mal erblickt hatte, war es ihm, als zerbräche etwas in ihm selber. Und nun stand er hier, mit dem kleinen Scorpius auf dem Arm und betrachtete das Bildnis stumm. Wie oft hatte er Goldikova nach der Bedeutung dieses „Gedichtes" gefragt? Jetzt verstand er sie. Nichts war passender. Ein Epigramm.
Er ließ sich auf den Boden sinken und wies dem kleinen Jungen den Blick, auch wenn er bezweifelte, dass der Kleine mit seinen zwei Monaten irgendetwas verstand, was er ihm sagte.
„Vergiss sie nicht", flüsterte er seinem Kind zu.
Sein Blick fiel auf das Grab daneben. Cassiopeia. Er hätte in diesem Moment alles dafür gegeben, an Goldikovas Seite zu liegen. Tot, kalt, aber vereint. Hätte seine Schwester nicht seiner statt Leben können? Warum hatte sie nicht mit ihm tauschen können, so wäre ihm dieses Leben erspart geblieben.
Seine Mutter war unbemerkt neben ihn getreten. Seit ein paar Tagen wohnte er wieder in Malfoy Manor. Nichts in der Welt zog ihn zurück in seine kleine Wohnung in London.
„Du sollst den Kleinen nicht mit nach draußen nehmen", sagte sie in einem vorwurfsvollen Ton. „Es wird Abends zu kalt."
„Ja, natürlich", erwiderte er mechanisch.
Die weiße Schrift auf Goldikovas Grab schien in der Dämmerung zu leuchten. Draco wandte sich von dem Grab ab und stand auf.
„Komm mit nach drinnen," sagte Narzissa leise.
In ihrem Blick lag ehrliche Trauer. Vielleicht hatte seine Mutter immer mehr verstanden, als er je gewusst hatte.
Er ging voran, den ausgetrampelten Pfad am Rosenhain entlang. Seltsam, diesen Weg nach all der Zeit wieder zu gehen. Die Umrisse von Malfoy Manor tauchten hinter den Hecken auf und selbst in dem sterbenden Licht der Sonne, konnte Draco das Portal des Herrenhauses erkennen. Er blieb stehen.
„Was ist denn?", fragte seine Mutter und wollte sich an ihm vorbei drängen, doch Draco hielt sie zurück.
Vor dem Portal standen zwei Männer.
Der erste war nicht schwer zu erkennen, das war sein Vater. Er hätte ihn unter tausenden in der Dunkelheit erkannt. Den zweiten kannte er nicht, aber er schien angeregt mit seinem Vater zu plaudern. Sein Mantel war schwarz und ein bisschen zu dick für den Spätsommer, sein Haar lang und gewellt. Er erinnerte Draco an jemanden, den er kannte.
Offenbar hatten beide Männer das Gespräch beendet, denn der Mann gab Lucius die Hand und wandte sich nun zum gehen und kam ihnen entgegen.
Draco setzte sich in Bewegung, seinen Sohn eng an sich gepresst. Narzissa folgte ihm stumm.
Er kannte den Mann irgendwo her. Seine Bewegungen waren geschmeidig und sein Blick fest auf ihn gerichtet. Als er ihn passierte, sprach er kein Wort. Stumm schritt er die Allee hinab. Für einen kurzen Moment wandte er den Kopf ihm zu, als sie einander ganz nahe waren. Draco konnte ihn sogar riechen. Er roch irgendwie nach Wald, nach Tannenadeln und nach feuchtem Gras.
Seine Augen glitzerten amüsiert, als sich ihr Blick traf. Draco erwiderte den Blick gelassen.
„Guten Abend," sagte der Fremde.
Die Stimme klang krächzend, als gebrauche er seine Stimmbänder nicht oft.
Draco erwiderte den Gruß nicht und schritt auf das Haus zu. Das fremde Gesicht, das doch so bekannt war, immer vor Augen. Das Gesicht hätte auch seinem Mitschüler Neville Longbottom gehören können.
Er fuhr auf dem Absatz herum. Der Fremde war fort. Nicht einmal seine Spuren waren im Kies zurückgeblieben.
Draco fühlte sich, als habe man ihn geschlagen. Er beschleunigte seinen Schritt, und war nach wenigen Metern bei seinem Vater angelangt.
Lucius Malfoy lächelte.
„Du...", begann Draco, doch mit einer herrischen Geste schnitt Lucius ihm das Wort ab.
„Ich habe eine Nachricht von Astoria Greengrass's Vater bekommen. Sie würde sich sehr freuen, wenn du sie einmal besuchen würdest. Ihre Familie hält nach wie vor sehr viel von dir und legt Wert auf diese Verbindung."
Tausend Dinge hätte Draco in diesem Moment am liebsten erwidert. Das Erste, was ihm einfiel, war diesen widerwärtigen Menschen, der sich Vater nannte, mit einem unverzeihlichen Fluch zu Boden zu strecken. Tausend Dinge hätte er ihm sagen sollen. Oder einfach Scorpius und seine Mutter packen sollen und fliehen.
Der Moment schien unendlich zu sein. Sein ganzes Leben mit Goldikova drang aus seiner Erinnerung hoch. Sein Vater hatte das geplant. Vom allerersten Moment an. Er hatte den Werwolf irgendwie gezähmt... Seines Vaters Hunde hatten ihre Arbeit getan...
Sein Blick fiel auf das Gesicht seines Sohnes, der friedlich in seinem Arm schlummerte.
Dann hob er den Blick und sah seinem Vater in die eisgrauen Augen.
„Wie du wünschst, Vater..."
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Ende
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Ihr habt nun sicher noch einige Fragen, aber ich hoffe doch, dass ich die euch mit Futureperfect beantworten kann. Ja, es gibt auch noch den dritten Teil, wie versprochen. Ich habe lange mit mir gehadert, ob ich es tatsächlich so enden lassen sollte, aber da ich Wert darauf lege, dass das ganze canongetreu bleibt, musste es so enden. Und ich bin mir sicher, dass jetzt viele Leser Lucius noch mehr hassen, als schon bei Bind, Torture and Kill. WIE Lucius das gemacht hat, werde ich im oben erwähnten dritten Teil lüften. Ich bedanke mich ganz herzlich bei all den vielen Lesern, vor allem bei Lex, die mir wirklich jedes Kapitel ein super liebes Review geschrieben hat und mich am schreiben gehalten hat. Aber auch all die anderen treuen Schwarz- und Weißleser, die mich mit Reviews und Favo Einträgen verwöhnt haben. Vielen, vielen Dank. Ohne euch gäbe es die Geschichte gar nicht. Wir sehen uns im dritten Teil meiner Malfoy Saga.
Eure Kakyuu
