Kapitel 2

Das Jahr kam...

...und genauso schnell ging es wieder. Claire und Grace waren innerhalb dieses ganzen Jahres vielleicht drei oder viermal über das Wochenende nach Hause gekommen. Sie waren viel beschäftigt, mussten lernen, sich auf ihre Arbeiten vorbereiten. Es blieb ihnen nicht viel Zeit zum Spielen.

Tess wusste, dass es nur noch gut vier Wochen dauerte, bis ihre Halbschwester wieder zurück war, dann wie schon letztes Jahr für den ganzen Sommer.

Normalerweise vermisste sie ihre Schwester nicht so sehr.

Doch dieses Jahr war etwas anders als in dem Jahr zuvor.

Sie war jetzt 5 Jahre alt und hatte begriffen, dass nicht alles so funktionieren konnte, wie es ursprünglich geplant war.

Der erste Streit zwischen ihren Eltern lag schon weit zurück, doch nacheinander folgten immer mehrere.

Jack schrie Ruth an, Ruth schrie zurück und wenn Tess am Abend in ihrem Zimmer war und sich gemeinsam mit Regan und Jasmine unter der Bettdecke versteckt hatte, konnte sie ab und zu auch einmal das laute Schellen einer Ohrfeige hören.

Auch dieser Abend war bei weitem nicht besser als die anderen.

Ein kleines Sommergewitter hatte sich angemeldet. Regan und Tess hatten sich in eines ihrer Zimmer zurückgezogen und waren damit beschäftigt, eine Höhle zu bauen. Die beiden Fünfjährigen liebten es, gemeinsam zu spielen.

„Gibst du mir mal das Tuch da hinten?", fragte Regan, deutete ein Stück von Tess entfernt auf den Boden. Tess drehte sich, griff nach dem Tuch und wollte es Regan gerade reichen, als die Tür geöffnet wurde.

Auf Zehenspitzen stehend hatte Jasmine noch die Türklinke in der Hand, ließ sie aber langsam los, während sie auf ihre Schwester zulief. „Darf ich mitspielen?", fragte sie und legte ihren Kopf schief. „Mum und Daddy schreien schon wieder und in meinem Zimmer will ich nicht bleiben."

Tess und Regan kannten diese Beklemmtheit nur zu gut. Jasmine war ihnen immer herzlich Willkommen.

„Klar, komm rein. Aber mach die Tür wieder zu.", zischte ihre Schwester, während sie sich auf den Boden kniete und einen kurzen „Höhlen-Test" machte.

„Leg noch das Tuch da oben drauf. Dann ist es ganz finster.", sagte sie und drückte Tess das soeben geholte Tuch in die Hand. Tess legte es sorgfältig auf das kleine Loch und Regan setzte ein Grinsen auf. „Jetzt ist es fertig.", rief sie. Sie winkte ihre Schwester heran. „Komm her, Jazzy!"

Das ließ sich die Vierjährige nicht zweimal sagen. Sie kroch gemeinsam mit Tess unter die von Decken umhüllten Stühle. Tess zog sorgfältig die oberste Decke nach unten.

„Ist das nicht toll?", fragte Tess ihre Cousine.

„Wann kommen denn Claire, Grace und Adam wieder?", fragte Jasmine neugierig.

Tess zuckte mit den Schultern. „Hoffentlich bald. Dann können wir ihnen die tolle Höhle zeigen."

„Mum und Tante Ruth erlauben es uns nie, dass die so lange da bleiben darf. Bestimmt müssen wir sie morgen wieder kaputt machen.", entgegnete Regan.

„Dann bauen wir eben eine neue.", sagte Tess. „Die muss dann aber so groß sein, dass die drei da auch noch reinpassen."

Die drei Mädchen kicherten. Bis es unten zum Rumpeln anfängt.

Die Kinder wurden hellhörig und wurden ganz schnell leise.

Von unten konnten sie Stimmen hören.

„Ich muss arbeiten, Ruth!"

„Und ich nicht?"

„Hört doch auf, euch zu streiten!", sagte eine dritte Stimme.

„Sag du uns nicht, was wir tun sollen. Du bist doch keinen Deut besser!", schallte es zurück.

„Hugh, wie kannst du nur..."

Regan, von allen noch die Mutigste, drängte sich an Jasmine vorbei und krabbelte aus der Höhle. Sie ging bis zur Tür, dort blieb sie stehen, setzte sich hin und hörte zu, was da unten los war.

„Dir ist die Arbeit viel zu wichtig. Warum kannst du nicht auch mal ein paar Tage mit mir verbringen. Oder mit den Kindern. Sie sehen dich nur noch, wenn du Abends nach Hause kommst. Und dann willst du deine Ruhe haben."

„Claire und Adam sind alt genug. Sie verstehen das!"

„Und Tess? Denkst du denn kein bisschen an sie? Tess ist 5 Jahre alt. Sie braucht einen Vater."

„Einer muss sich hier doch um das Geld kümmern. Oder willst du, dass wir bald auf dem Trockenen sitzen? Die Farm habe ich mit bloßen Händen aufgebaut. Und habe dafür gesorgt, das sie auch funktioniert."

„Ist...ist euch die Farm denn wichtiger als die Kinder?", fragte nun Hannah dazwischen.

„Schweig!", rief Hugh. Unter dem lauten Befehlston zuckte Regan erschrocken zusammen.

„Was ist denn los?", fragte Jasmine mit einer weinerlichen Stimme.

„Sie streiten. Wieder mal.", sagte Tess bedrückt. Dazu brauchte sie gar nicht hören, was vor sich ging. Sie hatte es im Gefühl. Es war immer das Gleiche. Das hatte schon angefangen, kurz nachdem die Großen wieder in die Schule gegangen sind.

Adam würde zwar heute noch nach Hause kommen, aber erst spät in der Nacht. Claire und Tess waren das letzte Mal vor drei Monaten da gewesen, in den Ferien.

„Ich will nicht, dass sich Mum und Daddy streiten.", sagte Jasmine.

„Ich auch nicht."

„Und ich auch nicht.", sagte Regan.

Die Kinder lauschten an der Tür, bis der Streit vorüber war.

Dann hörten sie hastige Schritte, die immer näher kommen. Regan krabbelte zurück zu Tess und Jasmine. Dann ging die Tür erneut auf.

Hannah und Ruth gingen auf die Knie. Sie wussten, wo sie ihre Töchter finden konnten.

„Hey.", sagte Hannah. Ihr Gesicht war noch etwas blass und gerötet um die Augen.

„Was ist denn los?", fragte Regan hilflos.

„Nichts. Nur ein kleiner Streit. Nichts Ernstes.", flüsterte Ruth, während sie Tess in den Arm nahm.

„Lasst ihr euch denn jetzt trennen?", fragte Jasmine.

„Wie kommst du denn darauf, Liebling?"

„ Das hat Nicole gesagt. Ihre Eltern haben sich auch immer gestritten, bis sie dann woanders hingezogen sind. Ihre Mum ist einfach weggegangen und hat sie mit ihrem Daddy alleine gelassen. Macht ihr das auch?"

„Nein, meine Kleine.", sagte Hannah und drückte Jasmine fest an sich.

„Versprochen?", fragte Tess ihre Mutter.

„Versprochen.", sagte Ruth.

Tess konnte sich noch genau daran erinnern. „Versprochen hat sie gesagt.", murmelte sie vor sich hin.

Sie stand am Fenster ihres Zimmers und starrte nach draußen. Es war früher Nachmittag. Ein weiterer Monat war vergangen.

Claire und Grace sind seit zwei Tagen wieder zurück auf Drover's Run. Sie hatten den Anfang nicht einmal mitbekommen. Wie es zu all dem kam.

Sie haben nur noch mitbekommen, wie Ruth und Hannah die Taschen vollgepackt hatten und sie nach draußen auf die Veranda gestellt hatten. Hugh und Jack waren arbeiten. Irgendwo auf einer von den vielen Koppeln.

Ruth hatte ihr versucht zu erklären, dass sie beide nun woanders hinziehen würden. Zusammen mit Tante Hannah und ihren Cousinen.

„Und was ist mit Claire und Adam? Und mit Daddy?", hatte Tess einmal gefragt. „Ich kann doch Claire nicht alleine lassen..."

„Claire kann uns doch besuchen kommen."

„Du hast mir versprochen, dass alles wieder gut wird. Du hast gelogen!", weinte Tess.

Ruth wollte ihre Tochter umarmen, doch Tess hatte Reißaus genommen.

Sie rannte die Treppen nach unten. Draußen auf der Veranda stand Claire, verwirrt vor sich hin starrend.

„Ich will hier nicht weg.", sagte Tess, als sie neben ihrer großen Schwester stehen blieb. „Ich will bei dir bleiben. Und bei Daddy."

„Komm mit!" rief Claire, nahm Tess an die Hand und zog sie mit sich. Die beiden rannten in den Stall. Claire schob den schweren Riegel einer der Boxen zurück. Das kleine Pony, welches sie von ihrem Vater zum vierten Geburtstag bekommen hatte, stand schnaufend darin und starrte die zwei Mädchen mit großen Augen an.

Claire zögerte nicht lange, warf der Stute das Zaumzeug über und zog sie nach draußen.

„Komm, steig auf.", sagte sie zu Tess und half ihrer Schwester auf das Pferd. Tess hielt sich gut an ihrer Schwester fest, während die beiden Mädchen davon ritten.

„Wohin willst du denn?", fragte Tess. „Mum wird bestimmt böse sein, wenn ich nicht da bin."

„Wenn wir verschwunden sind, kann sie nicht gehen. Weil sie dich mitnehmen will. Das geht nicht, wenn wir weg sind. Wir bleiben zusammen!", sagte Claire.

Die beiden Mädchen ritten bis zu einer alten Hütte oben auf einem Hügel. Dort blieben sie stehen und ließen sich in das hohe Gras fallen.

„Grace, Regan und Jasmine gehen auch weg. Dann bin ich ganz alleine.", sagte Claire.

„Du hast doch Adam.", sagte Tess.

„Ich hasse Adam." Claire sprach es das erste Mal so aus, wie sie es immer fühlte.

„Wegen Adam ist meine Mum jetzt im Himmel. Das werde ich ihm nie verzeihen.", sagte sie mit einer weinerlichen Stimme. „Ich will nicht, dass du weggehst. Du bist meine Schwester. Und meine beste Freundin. Ich will nicht, dass du gehst."

Die beiden Schwestern hielten sich in den Armen. Jede der beiden weinte für sich selbst. Weinte für die andere. Denn keiner wollte eine Schwester verlieren. Und dennoch musste es so kommen.

Das Versteckspiel flog jedoch ziemlich schnell auf. Hugh und Jack waren beide auf die Suche nach dem beiden Mädchen gegangen. Letztendlich hatten sie die beiden gefunden. Es war schon dunkel geworden, als die Mädchen endlich wieder auf Drover's waren. Wenn auch nicht für lange. Die panische Sorge um ihre Tochter veranlasste Ruth, nur noch schnell von der Farm wegzukommen.

„Steig ein, Tess.", sagte sie schnell.

„Aber ich will nicht."

„Steig jetzt ein, verdammt noch mal!"

Das erste Mal wurde Tess von ihrer Mutter angeschrieen. Schnell kroch sie in das Auto. Und während Ruth auf dem Fahrersitz Platz nahm und voranfuhr, drehte sich Tess auf der Rückbank um und winkte Claire hinterher, die in ihrem Zimmer am Fenster stand und leise vor sich hin weinte.

„Ich werde dich vermissen, Tess.", flüsterte sie.