Hallo zusammen, da bin ich wieder. Einen riesen Dank an meine beiden Freundinnen für die Reviews.

Hier ist endlich das 4. Kapitel, auf das sicherlich einige gewartet haben. Viel Spaß mit den beiden... und vergesst die Reviews nicht, die bringen einen dazu weiterzuschreiben. Wenn ihr also schnell ein neues Kapitel wollt, ihr wisst ja was zu tun ist.

Disclaimer: Juana meins, alles andere gehört einer gewissen Autorin...

4. Kapitel

Tabula Rasa

Es geschah an einem Donnerstagabend nach Dienstschluss. Alle außer mir waren schon nach Hause gegangen, nur ich wollte noch einmal einen letzten prüfenden Blick in den Raum mit dem Vorhang werfen.

Ofelia hatte immer noch keinen Erfolg gehabt, was die Schrift anging, und Alejandro hat die letzten zwei Tage damit verbracht Fotos zu entwickeln. Er wollte sicher gehen, dass ihm keine Fehler unterläuft und ihm nichts entgeht, deshalb hatte er Stunden daran gesessen jedes Bild mit den Sprüchen zu bearbeiten, die man für das Entwickeln brauchte und hat mehrere Kopien angefertigt. Diese würden morgen fertig sein und ich konnte es kaum erwarten zu sehen, was ihr Motiv war.

Vielleicht konnte man so mehr über das Leben damals erfahren. Wir waren die schließlich die ersten, die Fotos in der Hand hielten, die Menschen zeigten, die schon Jahrhunderte lang tot sein sollten. Die Archäologin in mir wollte bei einem solchen Gedanken anfangen zu jubeln, aber der Rest würde es als äußerst peinlich einstufen, auch wenn momentan niemand hier war.

Mulmig war mir schon ein bisschen hier alleine, während der Nacht die langen, dunklen Gänge entlang zu gehen. Vor allem wenn man zu einem so merkwürdigen Ort unterwegs war, wie der Torraum.

Den Zauberstab vor mich gerichtet kletterte ich die Gänge entlang bis ich endlich an meinem Ziel ankam.

Mit einem Wink meines Zauberstabes entzündete ich die Fackeln. Der Vorraum war mittlerweile von den kleinen Dingen befreit worden, so dass nur noch die zwei Tische da waren, die sich dagegen sträubten sich von uns bewegen zu lassen.

Ohne ihnen eines Blickes zu würdigen ging ich in den Hauptraum und ließ den Anblick des Bogens auf mich wirken. Er hatte schon etwas majestätisches an sich. Vor allem der Vorhang, der unbewegt zwischen den beiden Sandsteinsäulen hing, verkörperte das Rätselhafte. Er war zum greifen nah. Man hatte die Möglichkeit hindurch zu gehen. Und doch ... und doch verstand man ihn nicht. Man konnte es Beschreiben, Vermutungen darüber anstellen, aber es verstehen, begreifen, nein, dazu war man nicht fähig, zumindest noch nicht.

Hinzu kam, dass die Stille, die nur durch ein leises Scharren unterbrochen war, der Atmosphäre noch zu gute kam. Es machte sich nicht mehr der emsige Eifer breit, den meine Kollegen und ich bei der Erforschung dieses Mysteriums an den Tag legten. Sondern es war still bis auf ...

... ein Scharren? Verdammt, wieso war mir das nicht vorher aufgefallen.

Ich lauschte kurz. Es kam von hinten. Darauf bedacht kein Geräusch zu verursachen drehte ich mich um. Auf den ersten Blick sah ich nichts. Ich stellte mich in den Durchgang meinen Zauberstab vor mir haltend. Man konnte schließlich nie wissen.

Ich ließ meinen Blick durch den Raum gleiten und fand nichts. Die ganze Sache wurde mir so langsam unheimlich. Nicht dass es auch noch Geräusche ohne eine Quelle gab.

Ein erneutes Lauschen brachte mir das Ergebnis, dass die Quelle theoretisch hinten links sein musste. Vielleicht hinter dem einen Tisch?

Vorsichtig näherte ich mich ihm. Da war nichts. Selbst als ich fast über ihm stand, konnte ich noch nichts erkennen. Was war hier los? Mann, diese Frage hatte ich mir in letzter Zeit oft gestellt.

Da war das Geräusch wieder. Es kam direkt aus dem nichts. Das ganze wurde mir zu bunt. Ich wollte weg. Ich könnte es morgen den anderen erzählen, dann könnten sie probieren mehr darüber herauszufinden. Aber was heute anging, würde das Rätsel ohne mich auskommen müssen.

Ich drehte mich um und sah direkt in ein paar braune Augen. Da saß der Mann von dem Foto und presste sich gegen die Wand.

Seine Mimik und seine Körperhaltung verrieten, dass er Angst hatte.

Irgendwie beruhigte es mich das vertraute Gesicht zu sehen, wieso wusste ich nicht.

„Wer sind Sie?", fragte er mich plötzlich. Seine Stimme schien schon einige Zeit nicht benutzt worden zu sein und die Sprache, die er sprach, erinnerte mich nur allzu gut, an die eines gewissen Timothy McLangly. Also ein weiterer Brite. Na Klasse. Ich musste wohl in der Pechslotterie gewonnen haben.

„Ich bin Juana Lucero", antwortete ich ihm in Spanisch und ging ein paar Schritte auf ihn zu

Er starrte mich an. Okay, anscheinend konnte er kein Spanisch. Also hieß es wohl entweder Englisch sprechen oder gar nicht kommunizieren.

Ich entschloss mich dazu nicht ganz so stur zu sein wie sonst. Dieser Mann schien wirklich Panik zu haben und ich wollte ihm helfen. Zumal ich auch herausfinden wollte, was er hier macht.

„Mein Name ist Juana Lucero und wer sind Sie?"

„Ich ... ich weiß es nicht", er sah mich mit großen Augen an.

„Sie wissen nicht, wer Sie sind?", erwiderte ich ungläubig.

Er schüttelte leicht den Kopf.

„Wissen Sie, wieso Sie hier sind?"

Er deutete mit einer schwach zitternden Hand in Richtung des Torbogens.

„Sie sind durch dieses Ding gekommen?"

Die Antwort bestand aus einem Nicken.

„Wow", mehr konnte man dazu nicht sagen. Es war einfach unfassbar, dass vor mir gerade ein Mann saß, der es geschafft hatte aus durch diesen Vorhang zu gelangen und dabei nicht zu sterben. Zudem kam er aus Großbritannien, zumindest ließ sein Akzent darauf schließen dass er daher kam. Es musste also eine Verbindung zwischen den beiden Toren geben.

„Kannst du dich noch an irgendetwas erinnern, was davor geschehen ist?"

„Nein, nichts, da ist einfach ein riesiges Loch, mehr als ein Loch sogar, da ist nichts. Ich ... ich erinnere mich an gar nichts. Ich weiß, dass man eine Mutter hat, aber ich weiß nicht wie meine heißt. Ich denke, ich könnte einen Lichtzauber wirken, aber ich weiß nicht wo ich es gelernt habe. Es ... es ist einfach so verwirrend, fast schon beängstigend. Nein, es ist nicht fast schon beängstigend, es ist beängstigend. Ich weiß nicht, was ich jetzt machen soll." Er sah mich flehend an.

Ich hatte Mitleid mit ihm. So Leid es mir tat, es war so. Ich hatte mal geschworen, dass ich nie mit jemanden, der Englisch sprach, Mitleid fühlen würde. Meine Erfahrungen berichteten mir schließlich, dass es auf Gegenseitigkeit beruhte.

Wie konnte man auch anders? Er wirkte so verwirrt, so verletzlich.

„Okay", ich holte tief Luft, das was jetzt kam kostete mich einige Überwindung. „Wie wäre es, wenn ich Sie erst mal zu mir mit nach Hause nehme. Da ist definitiv eine angenehmere Atmosphäre. Was halten Sie davon?" Ich probierte es mit einem aufmunternden Lächeln und streckte ihm meine Hand entgegen.

Es klappte anscheinend, denn er nickte und nahm meine Hand.

Ich zog ihn hoch und war überrascht von seinem Gewicht. Er wog mehr als ich ihm zugetraut hätte. So wie er zusammengekauert in der Ecke gesessen hatte, erschien es mir als wäre nicht viel Masse unter dem Umhang verborgen. Auch jetzt da er stand, schien seine Robe noch ein wenig zu groß zu sein, jedoch konnte man an einigen Stellen auch deutlich ein paar Muskeln hervorgucken sehen. Nach meinem Geschmack sah das gar nicht so schlecht aus.

Er straffte seinen Körper und sah mich mit hochgezogener Augenbraue an, ein amüsiertes Grinsen umspielte seine Lippen.

Ich fühlte mich ertappt und lief rot an.

„Ähm, die Robe hattest du aber schon früher an, nicht?" Lahmer Versuch, Juana. Natürlich hatte er die Robe schon vorher an. Er musste sie schon vorher angehabt haben. Sie war zwar nicht gerade die neuste Mode, aber die vor ein paar hundert Jahren sicherlich auch nicht. Tja, irgendwie war ich schon beim „du" angekommen, aber jemand der einen so angrinst kann wohl kaum ein „sie" erwarten.

„Weiß' nicht", er grinste mich immer noch ganz unverhohlen an. Verdammt, irgendwie hat er mir verzweifelt besser gefallen.

„Hast du was dagegen, wenn du huckepack-apparierst?", fragte ich eigentlich nur um das Thema zu wechseln und da er nichts gegen das „du" einzuwenden hatte, blieb ich dabei.

„Nein, obwohl ... nein, hab ich nicht ... glaube ich", der schelmische Ausdruck war verschwunden.

„Okay, dann gehen wir am Besten nach draußen und apparieren dann. Der Raum hier ist nämlich sehr seltsam und ich möchte die Chance durchaus verpassen seine Merkwürdigkeiten am eigenen Leib zu erfahren."

Der Mann nickte. Da fiel mir ein: Wie sollte ich ihn eigentlich ansprechen? „Du Mann" war nicht unbedingt das eleganteste. „Namenlos" war auch nicht der Renner und „Hey du, der nicht weiß, wie er heißt" reimte sich auf eine lächerliche Art und Weise und war zudem viel zu lang.

Ich beschloss meine Frage an den Unbekannten weiterzugeben, während wir die Gänge entlang gingen.

„Wie du mich nennen sollst? Keine Ahnung. Nenn mich doch: Unheimlich gutaussehender Kerl, in den ich total verschossen bin."

Bei einem Blick über die Schulter begegnete mir wieder dieses Grinsen. Zugegeben es stand ihm. Es machte ihn jünger, es weckte den Anschein, als ob er ein Junge wäre, der gerade nichts gutes im Schilde führte.

Ich fand es außerdem beeindruckend, wie jemand in so kurzer Zeit von verzweifelt zu heiter wechseln konnte. Er schien ein Chamäleon der Gefühlszustände zu sein.

Na ja, ich entschied mich meinen Beitrag zur Konversation seiner momentanen Freude anzupassen. Man konnte ja nie wissen, wie lange die noch Bestand hatte.

„Nee lass mal, dann würde ich jedes Mal lügen, wenn ich dich anspreche. Wie würde das denn aussehen?"

„Dann schlag doch was besseres vor", knurrte es hinter mir.

„Wie wäre es mit: Typ, der viel zu sehr in sich selbst verliebt ist."

„Nee lass mal, dann würdest du ja jedes Mal lügen, wenn du mich ansprichst. Wie würde das denn aussehen?", machte er mich nach.

Fast gleichzeitig prusteten wir los. Sein Lachen war um einiges lauter als meins und irgendwie erinnerte es mich an den Hund meiner Eltern.

Nach kurzer Zeit verklang das Lachen und Stille ersetzte es.

Schweigend gingen die beiden eine Weile weiter, dann unterbrach der Mann hinter ihr die Stille.

„Glaubst du, dass ich jemals mein Gedächtnis wiedererlangen werde?" Er klang nicht verwirrt oder verängstigt, vielmehr ernst und nachdenklich.

Nein, um ehrlich zu sein, glaubte ich das nicht. Ich meine, bisher hatten es nicht sonderlich viele Menschen daraus geschafft und wir wussten so gut wie gar nichts über den Vorhang und was dahinter lag. Wie sollten wir also herausfinden wie dieser Mann sich wieder an seine Vergangenheit erinnern könnte?

„Ja, natürlich. Es ist bestimmt nur eine Frage der Zeit bis du dich entweder wieder von alleine daran erinnern kannst oder wir genug über dieses Tor herausgefunden haben, dass wir es dir zurückgeben können", ich hatte mich dennoch für die taktvollere Variante entschieden. Manchmal war die Wahrheit einfach nicht angebracht.

„Mmh ... " war alles, was er dazu sagte und es schien nicht so, als ob er von meinen Worten überzeugt war. Immerhin war ich es selbst nicht einmal.

„Und was ist, wenn ich es nicht wiederbekomme? Ich meine, ich bin dann ja ein nichts, ich hab keine Identität, keine Familie, keine Freunde."

„Manch dir da erst mal keinen Kopf drüber. Zunächst kannst du bei mir wohnen" – wirklich? – „und dann sehen wir weiter. Bis dahin hat sich sicherlich was ergeben."

„Wie kannst du dir da so sicher sein? Was wisst ihr eigentlich bisher über das Ding, aus dem ich gekommen bin?"

„Äh, nicht viel, aber wir erwarten noch jede Menge unterlagen, in denen sicherlich etwas hilfreiches steht." Mann, dieser Mutmachen-Job war anstrengend. Zum Glück trabte er immer noch hinter mir her, denn so musste ich ihm nicht direkt ins Gesicht lügen, anders konnte man das nicht bezeichnen.

„Bitte lass es. Okay? Ich habe das dumpfe Gefühl, dass mir Menschen schon viel zu oft in meinem Leben falsche Hoffnungen gemacht haben. Du brauchst es nicht auch noch tun. Oder glaubst du etwa die Worte, die du da sagst?" Seine Worte klangen harsch

Ich schluckte. Meine Aufmunterungsversuche waren wohl nach hinten losgegangen. Also blieb wohl nichts anderes als die Wahrheit.

„Ja, du hast wohl Recht. Aber was willst du denn hören?", jetzt war ich die Verzweifelte.

„Die Wahrheit, deine ehrliche Meinung. Weißt du, es bringt einem nichts die schönsten Märchen erzählt zu kriegen, wenn man doch weiß, dass es Lügen sind."

„Du willst also eine ehrliche Antwort: Gott verdammt, ich habe keine Ahnung. Ich bin kein Heiler oder so, ich bin Archäologe. Vielleicht sollten wir morgen einfach gemeinsam zum Krankenhaus gehen und gucken, ob die etwas für dich tun können."

Die Schritte hinter mir verstummten. Ich drehte mich um, um zu sehen, warum er stehen geblieben ist. Er schien zu überlegen.

„Nein. Nein, das ist keine gute Idee. Irgendetwas sagt mir, dass das nicht gut ist. Es ... es wäre glaube ich am Besten, wenn niemand davon weiß, dass es mich gibt."

„Wieso? Diese Leute können dir vielleicht helfen. Ich denke ein Versuch ist es wert."

„Nein, ich habe dabei kein gutes Gefühl", erwiderte mein Gegenüber bestimmt und damit war die Diskussion beendet.

Sprachlos blickte ich ihn an. Er wollte nicht zum Arzt, weil er „kein gutes Gefühl" hat. Ich verstand ihn nicht. Aber gut, man konnte jemanden nicht zu seinem Glück zwingen. Also ließ ich es auf sich beruhen. Ich könnte ihn ja später noch mal danach fragen. Vielleicht änderte er dann ja seine Meinung.

Und wieder gingen wir in Stille weiter.

oOoOoOo

Heute bin ich immer noch erstaunt darüber, dass ich ihn einfach so aufgenommen habe. Damals war ich nicht der Typ dafür, jemanden wildfremdes mein Vertrauen zu schenken (und man bedenke, dass er Engländer war). Ich weiß nicht, ob ich es heute bin. Man kann die Dinge immer deutlich besser aus der Distanz betrachten. Auch das habe ich von ihm gelernt wie so vieles.

Was wäre wohl aus meinem Leben geworden, hätte ich es nicht getan?

Ich weiß es nicht. Ich will es auch gar nicht wissen. Ich bin glücklich so wie es jetzt ist. Wie könnte ich auch anders? Jeder, der in meiner Situation unglücklich wäre, hat die falsche Entscheidung getroffen und wird wahrscheinlich die falsche treffen.

Es war ein langer Weg bis hier hin, den ich ... den wir gemeistert haben. Und wer weiß, was die Zukunft bringen wird?

Da ist er also endlich. Falls ihr Fragen oder Wünsche habt, könnt ihr euch wie immer an mich wenden. Vielleicht ist euch ja auch etwas aufgefallen ;). Hab einen besonderen Wunsch an alle interessierten, die mir helfen wollen: Wie soll Juana IHN denn jetzt nennen? Wer Anregungen hat, bitte reviewn. Schließlich soll er ja nicht als John Doe enden, oder?