Teil 2
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But you've got too much to wear on your sleeves
It has too much to do with me
And secretly I want to bury in the yard
The grey remains of a friendship scarred
- The Shins, Kissing the Lipless
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Eine Stunde später gab sie auf. Sie hatte nun schon zum dritten Mal den Faden bei dem anspruchslosen Krimi verloren, den sie eingeschaltet hatte - immer wieder kehrten ihre Gedanken zu dem Streit mit ihrem Partner zurück.
In 90 der Fälle rannte Mulder ins Verderben, wenn er ohne sie loszog. Vielleicht hätte sie doch mitkommen sollen? Auf der anderen Seite war sicherlich Agent Fowley bei ihm, und sie konnte nicht garantieren, dass sie an diesem Tag noch weitere Stunden mit dieser Person hätte verbringen können, ohne ihre Dienstwaffe gewinnbringend einzusetzen.
Vielleicht sollte sie ihn wenigstens anrufen und damit Versöhnungsbereitschaft signalisieren? Wenn er wütend war, war es viel wahrscheinlicher, dass er irgendeinen fatalen Fehler beging. Sie würde also nicht kuschen, sondern nur seine Sicherheit gewährleisten.
Was noch immer nichts an der Tatsache änderte, dass sie wirken würde wie eine gluckende Mutter.
Sie hielt noch weitere zwanzig Minuten durch, dann griff sie zum Telefon. Doch außer dem lang gezogenen Tuten des Freizeichens bekam sie nichts zu hören - Mulder nahm nicht ab.
Er kann gerade nicht, er steckt mitten in einer Observierung. Vielleicht ist er gerade beschäftigt, sagte sie sich. Womit, daran wollte sie gar nicht denken.
Nach einer halben Stunde und drei weiteren Versuchen saß sie im Wagen und fuhr in die Nacht hinein Richtung Tatort. Irgendetwas stimmte da nicht.
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I don't know if I wanna do this alone.
I don't even know if I can.
... And if I quit now, they win.
- Fight the Future
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„Sie!" Im Bruchteil einer Sekunde hatte Scully ihre Waffe im Anschlag und auf Kryceks Stirn gerichtet.
„Nur zu, bringen Sie zu Ende, was Ihr reizender Partner schon so oft angefangen hat und nie durchziehen konnte!", keuchte er und sah sie herausfordernd an.
„Ich glaube, Ihre Lage ist reichlich ungeeignet dafür, mich zu provozieren", zischte sie gefährlich und presste die kalte Mündung ihrer Pistole fester gegen Kryceks Gesicht. „Was haben Sie zu ihm gesagt?"
„Was interessiert Sie das? Er ist sowieso wie üblich dumm genug, mir nicht zu glauben." Verächtlich verzog er das Gesicht und leckte sich etwas angetrocknetes Blut von den Lippen.
„WAS HABEN SIE IHM GESAGT?" Mit der freien Hand packte sie ihn am Kragen, hob ihn ein Stück an und ließ ihn mit voller Wucht zurück auf den harten Betonboten prallen. Es gab ein hässliches, dumpfes Geräusch, als sein Schädel auf dem schmutzigen Untergrund aufkam. Er blinzelte kurz benommen und schenkte ihr dann eine hasserfüllte Grimasse.
„Sie haben sich ja schon gut an seine Methoden angepasst. Machen Sie das, um ihm zu imponieren? Nur schade, dass er doch eher den brünetten Typ bevorzugt." Sie hasste sich dafür, dass seine plumpe Provokation für eine Sekunde Früchte trug und ihr einen Stich versetzte. Nicht darauf eingehen, schalt sie sich. Sie umklammerte den Griff ihrer Waffe noch etwas fester und blickte ihn mit zusammengekniffenen Augen direkt an.
„Wo haben Sie ihn hingeschickt?", fragte sie erneut, langsam, deutlich, mit tödlicher Entschlossenheit in der Stimme. Ihr Atem ging schnell.
„Ich? Als ob er irgendwo hingehen würde, wohin ich ihn schicke! Nein, Agent Scully" - er betonte ihren Titel verächtlich - „mit dem Weg, auf dem er sich momentan befindet, habe ich nichts zu tun. Ebenso wenig wie Sie", fügte er süffisant hinzu, was ihm einen heftigen Schlag mit dem Pistolengriff gegen die Schläfe einbrachte. Doch er ließ sich nicht beirren.
„Ist Ihnen bewusst, dass er vor ein paar Tagen drauf und dran war, gemeinsam mit Agent Fowley seinen Arsch zu retten? Die beiden waren schon fast auf dem Weg zur El Rico Air Force Base."
Das ist ein Albtraum. Das kann alles nicht wirklich wahr sein, dachte Scully bitter. Sie kniete mitten in der Nacht in einer gottverlassenen Lagerhalle, hatte seit 36 Stunden nicht geschlafen oder geduscht und musste sich nun ausgerechnet von Krycek anhören, dass Mulder beinahe mit Diana Fowley durchgebrannt wäre.
Es war einfach zu viel. Später wusste sie nicht mehr, welcher der zahlreichen, irrwitzigen Aspekte sie dazu gebracht hatte, doch plötzlich lockerte sie ihren Griff um Kryceks Kragen und ließ die Schultern herabsacken.
Wie hieß es so schön? Manchmal ist die Wahrheit so skurril, dass man nicht zu lügen braucht, weil einem ohnehin keiner glaubt.
Doch gerade aus diesem Grund glaubte sie ihm. Sie wollte nicht, aber sie tat es, so sehr sie sich auch dagegen wehrte. Kraftlos ließ sie sich zurücksinken und sah zu, wie Krycek sich aufrappelte und sie misstrauisch musterte. Als keine weitere Reaktion von ihr kam, schien er einen Entschluss zu fassen.
„Schön, anscheinend hat wenigstens einer von Ihnen noch einen Rest Vernunft übrig. Es ist mir persönlich scheißegal, mit wem Mulder in die Kiste steigt, aber es liegt auch in meinem Interesse, dass diese Welt nicht komplett vor die Hunde geht. Und leider spielt Mulder dabei noch immer eine zentrale Rolle. Wenn er sich jetzt von Agent Fowley einlullen lässt, sind wir, gelinde gesagt, alle am Arsch. Also finden Sie ihn gefälligst und bringen Sie ihn zur Vernunft!"
Regungslos ließ Scully die Worte auf sich einprasseln. Ihn finden, ihn zur Vernunft bringen. Wie oft hatte sie das schon getan? Es schien ihre allumfassende Aufgabe zu sein. Und was hatte es im Endeffekt genützt? Immer wieder hatte er sie erneut sitzen lassen, war auf eigene Faust losgestürmt, ohne ihr Bescheid zu geben
Du hast kein Monopol auf Mulder, sagte sie sich. Das war ihr, rational gesehen, vollkommen klar. Das Problem war nur, dass er eines auf sie hatte, ob sie wollte oder nicht. Es tat weh.
Sie war es leid, dieses immerwährende Spiel fortzusetzen. Hatten sie jemals irgendetwas gewonnen? Der permanente Kampf zehrte an ihren Kräften. Und nun sollte sie allein weiterkämpfen? Selbst Mulder hatte einst gesagt, dass er das nicht könnte. Welch Ironie.
„Cassandra Spender lebt." Kryceks Worte hallten seltsam hohl von den Wänden wider und es dauerte einige Sekunden, bis Scully ihren Inhalt begriff.
„Wie bitte?", fragte sie ungläubig.
„Die Rebellen haben sie nicht zusammen mit den Mitgliedern des Syndikats verbrannt. Sie haben sie mitgenommen. Die Grauen sind stinksauer, denken, die Verschwörer haben mit den Rebellen kollaboriert und ihre Abmachungen gebrochen. Ich wage mir nicht auszumalen, welche Konsequenzen das haben kann."
Der plötzliche Überfluss an Informationen machte Scully sprachlos. Ihr Gehirn überschlug sich bei dem Versuch, die Implikationen des Gesagten zu begreifen.
„Das ist absolut absurd", brachte sie hervor. Das war ihre rationale, in der Logik begründete Meinung, doch sie konnte nicht verhindern, dass sie eine kalte Furcht packte.
„Das streite ich nicht einmal ab. Das hat die Wahrheit ab und zu an sich."
Scully sparte es sich zu fragen, woher er dieses Wissen hatte. Unabhängig davon, ob sie der Geschichte Glauben schenkte - Mulder tat es sicherlich. Was bedeutete, dass er garantiert gerade auf dem Weg war...
„Wo ist sie?"
Sie redete sich ein, dass sie es tat, um Cassandra zu helfen.
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Traurig sein hat keinen Sinn
Die Sonne scheint auch weiterhin
Das macht den Schmerz ja so brutal
Die Sonne scheint, als wär' es ihr egal
- Farin Urlaub, Sonne
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Wie betäubt fuhr Scully Meile um Meile in der Gluthitze der Wüste New Mexicos den Highway entlang. Das geöffnete Fenster brachte wenig Kühlung. Krycek, mit Handschellen an die Innentür gefesselt, hatte bereits vor Stunden aufgegeben, Konversation treiben zu wollen und vertrieb sich die Zeit mit kurzlebigen Nickerchen, aus denen er immer wieder hochschrak.
Scully beachtete ihn nicht. Sie hätte gut auf seine Gesellschaft verzichten können, doch blindlings im Alleingang Hinweisen hinterher zu jagen war eher Mulders Revier. Sollte es eine Falle sein, konnte sie Krycek wenigstens noch als Geisel verwenden - auch wenn sie bezweifelte, dass sein Leben irgendjemandem etwas wert war.
Immer wieder schielte sie auf ihr Mobiltelefon. Es war nicht Mulders Art, sich so lange überhaupt nicht zu melden. Normalerweise verschwand er höchstens 24 Stunden, um sie dann aus Wisconsin, Alaska, Russland oder Timbuktu anzurufen, weil er dubiosen Tipps von zwielichtigen Informanten gefolgt und wieder einmal auf die Nase gefallen war. Diesmal sah die Sachlage etwas anders aus. Und Scully wäre definitiv jeder noch so obskure Informant lieber gewesen als dieses Weibsbild.
Auf dem Beifahrersitz regte sich Krycek, versuchte sich aufrecht in eine einigermaßen bequeme Position zu bringen, was nicht so einfach war, wenn man mit beiden Händen an die Tür gefesselt war. Scully war sich etwas albern vorgekommen, eine Prothese in Handschellen zu legen, doch man wusste ja nicht, wozu er damit fähig war. Und sie ihm abnehmen... nein, es war schon ganz gut so.
„Lady, wenn ich Ihnen nicht die Polster versauen soll, sollten Sie demnächst mal anhalten", verkündete er mit rauer Stimme und ließ mit geschlossenen Augen den Kopf gegen die Lehne sinken. Er kurzer Blick nach rechts zeigte ihr, dass er in etwa so fertig aussah, wie sie sich fühlte.
Fünf Minuten Pause würden das Kraut nicht fett machen, beschloss sie. Da weit und breit absolut nichts außer Wüste war, fuhr sie kurzerhand rechts ran und schaltete den Motor ab. Die plötzliche Stille war, gemeinsam mit dem wegfallenden Fahrtwind, erdrückend. Für einige Sekunden starrte sie bewegungslos in die Staubwolken, die der Wagen aufgewirbelt hatte und die nun träge an ihnen vorbei zogen.
Kryceks entnervtes Räuspern holte sie in die Realität zurück. Sie schnallte sich ab und stieg aus, ging um den Wagen herum und befreite ihn von seinen Handschellen. Allein in der Wüste würde er sowieso nicht weit kommen, und sollte er doch zu fliehen versuchen, hatte sie immer noch ihre Waffe. Mit einer Kugel im Bein konnte er ihr genauso nützlich sein wie ohne.
„Zwei Minuten", sagte sie knapp, als er sich der Privatsphäre wegen ein paar Schritte entfernte.
„Ich hab' sowieso keine Zeitung mit", entgegnete er sarkastisch ohne sich umzudrehen.
Während er beschäftigt war, ging Scully zurück zur Fahrertür und angelte nach ihrem Handy. Zur Hölle mit dem Stolz. Entschlossen wählte sie Mulders Nummer und wartete.
„Ja?"
Sie erstarrte. Das war nicht Mulder. Es war nicht einmal eine männliche Stimme.
„Wer ist da bitte?", fragte die Stimme weiter. Scully brauchte die Frage nicht zurückgeben.
„Wo ist Mulder?" Zornig umklammerte sie das Telefon so fest, dass ihre Knöchel weiß hervortraten.
„Er ist gerade verhindert, kann ich ihm etwas ausrichten?", säuselte Diana selbstzufrieden. Scully hätte schreien können. Hörte sie da im Hintergrund Wasser rauschen? Eine Dusche vielleicht? Nein, das war reine Paranoia, die ihr Bilder von Mulder und dieser Person unter einem dampfenden Wasserstrahl ins Hirn setzte. Sie zwang sich, ruhig zu bleiben.
„Wo sind Sie?"
„Das sollte ich eher Sie fragen. Wir sind im Hotel."
Scully wusste, jetzt würde ihr Kopf gleich explodieren. Und dann schien er es tatsächlich zu tun.
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Your skin
Oh yeah your skin and bones
Turn into something beautiful
D'you know for you I bleed myself dry
For you I bleed myself dry
- Coldplay, Yellow
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Der Albtraum wollte kein Ende nehmen. Als sie erwachte, war das erste, was sie wahrnahm, die höllischen Schmerzen, die von ihrem Hinterkopf ausgingen und das Denken beinahe unmöglich machten. Sie öffnete die Augen und sah für einen Moment nur pulsierende Sterne, bis sie einigermaßen fokussieren konnte und im Halbdunkel schemenhaft ihre Umgebung erkannte. Gefesselt war sie nicht, aber das war auch gar nicht nötig, da es in dem kleinen Raum ohnehin nichts gab, das sie zu irgendetwas hätte verwenden können. Sie saß unbequem an eine Wand gelehnt; das einzige Licht drang durch ein vergittertes Sichtfenster in der massiv wirkenden Tür hindurch.
Sie versuchte, ihren Verstand einzusetzen, ihre Situation realistisch einzuschätzen. Die Luft war kühl, feucht und roch ein wenig moderig - vermutlich befand sie sich in einer unterirdischen Zelle. Vielleicht eine möglicherweise stillgelegte Militärbasis. Wahrscheinlich noch immer inmitten der Wüste New Mexicos.
Zu viele „Vielleichts". Niemand würde sie hier jemals finden, da keine Menschenseele auch nur ansatzweise wusste, wo sie hingefahren war.
Mulder. Mulder würde sie finden. Eine verzweifelte Hoffnung loderte in ihr auf. Er hatte sie sogar in der Antarktis unter dem Eis gefunden, hatte das Unmögliche möglich gemacht. Der Unterschied war, dass er sie damals hatte finden wollen. Ihre Hoffnung verschwand so schnell, wie sie gekommen war.
Mulder würde nicht kommen. Nicht dieses Mal.
Eine Träne der Verzweiflung bahnte sich ihren Weg über ihre Wange, hinterließ einen hellen Streifen auf der schmutzigen Haut. Wütend wischte sie sie fort. So würde es also enden? Sechs Jahre für das hier?
Krycek, diese Ratte. Er musste sie niedergeschlagen haben, als sie wegen des Telefonats unaufmerksam gewesen war. Wann hatte sie verlernt, dass sie niemandem trauen durfte? Wahrscheinlich im gleichen Moment, als sie angefangen hatte, Mulder zu misstrauen.
Er hatte ganz Recht gehabt. Wenn sie seiner Einschätzung geglaubt hätte, hätte sie ihm niemals hinterher spioniert. Dann hätte sie nie Krycek Glauben geschenkt, sich nie von ihm verleiten lassen, einen aberwitzigen Trip in die Wüste zu machen, um genau den Gespenstern hinterher zu jagen, die sie Mulders sonst immer ausreden wollte. Dann würde sie jetzt sicher im Hotel sitzen, Dianas Gesellschaft noch zwei, drei Tage ertragen und dann wäre alles wieder beim Alten.
Vorausgesetzt Diana hatte nicht gelogen, was ihren Aufenthaltsort betraf. Es machte sie wahnsinnig, hier zu sitzen und nichts tun zu können. Warum war sie überhaupt hier? Was hatte Krycek mit ihr vor? Sie konnte sich keinen Reim darauf machen. Selbst wenn er für den Raucher arbeitete, ergab es keinen Sinn. Ob sie mal wieder als Lockvogel für Mulder eingesetzt werden sollte? So erniedrigend, wie das früher immer gewesen war, so sehr tat es jetzt weh, dass sie da in diesem Fall wohl schlechte Karten hatten.
Mutlos ließ sie sich ein Stück an der kalten Wand herunterrutschen. Sich darüber den Kopf zu zerbrechen hatte absolut keinen Sinn. Sie würde einfach abwarten müssen.
