Teil 3
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Far away
This ship is taking me far away
Far away from the memories
Of the people who care if I live or die
- Muse, Starlight
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Frustriert war Mulder aus dem Motelzimmer gestürmt. Konnte oder wollte sie nicht verstehen, worum es hier ging? Sie waren so nah dran. Mal wieder, hörte er die nagende Stimme der Vernunft in seinem Kopf spotten, doch er verdrängte sie. Diesmal war es anders, sie waren etwas Großem auf der Spur, etwas, das alles verändern würde. Er musste nur noch herausfinden, was genau es war. Und wenn Scully ihm nicht helfen wollte...
Ihm war völlig bewusst, dass es unfair war, so zu denken. Sie konnte nicht anders urteilen, wahrscheinlich hätte er an ihrer Stelle auch nicht anders gedacht. Sie hatte einfach nicht dieses Gefühl, das ihm sagte, dass er auf dem richtigen Weg war. Anders als...
„Fox!"
Ein Wagen war vorgefahren und hielt am Straßenrand, direkt hinter dem silbernen Mietwagen, den Mulder soeben hatte aufschließen wollen. Er hob den Kopf und sah Diana das Fenster herunterkurbeln.
„Hey", grüßte er und hob fragend die Augenbrauen. Er war sich nicht sicher, ob er jetzt gesteigerte Lust auf ihre Gesellschaft hatte; eigentlich hatte er sich alleine in der Halle umsehen wollen, in dem die Verbrennungen stattgefunden hatten, um nach dem Streit wieder zur Ruhe zu kommen.
„Mir reicht's für heute mit Aktendurchsehen", verkündete Diana lächelnd und lehnte sich lässig auf den Fensterrahmen. „Da dachte ich, ich könnte ja mal vorbeischauen und dich fragen, ob wir uns nicht mal direkt vor Ort umsehen wollen. Aber offenbar hatten wir da beide denselben Gedanken - was dagegen, wenn ich mich anschließe? Was ist mit Agent Scully?"
„Natürlich nicht." Sein Lächeln war nicht ganz echt, als er um den Wagen herumging und auf der Beifahrerseite einstieg. „Scully hat mir die Observation für heute Abend überlassen." Ja, er wollte dieser Sache nachgehen. Ja, er freute sich über Unterstützung. Offensichtlich war ja doch nicht so abwegig, was er intuitiv vermutete. Auch andere hielten es für möglich, dass hier etwas zu finden war. Aber warum nicht Scully?
Er bemerkte, dass Diana mit ihm sprach, doch er hatte verpasst, worum es ging. Aber wie er sie kannte, war das halb so schlimm, da sie sich gern in Smalltalk erging. Er gab ein unverfängliches Brummen von sich und sah aus dem Fenster hinaus in den Himmel, wo die letzten Streifen des Abendrots immer schneller an Intensität verloren und einem dunklen Grauton wichen. Schon bald zeigten sich die ersten Sterne, und wie so oft drifteten seine Gedanken in die endlosen Weiten des Weltalls ab.
„Fox!" Sein verhasster Vorname riss ihn aus seinen Träumereien. Warum hatte er ihr jemals erlaubt, ihn so zu nennen? Wahrscheinlich, weil er gedacht hatte, dass es sich für Pärchen so gehört. Er hatte es schnell bereut. Vielleicht hatte ihre spezielle Art, seinen Namen zu sagen, sogar dazu beigetragen, dass er ihn umso mehr hasste. Er verdrängte die Gedanken an vergangene Zeiten aus seinem Kopf und drehte sich etwas zu ihr um.
„Hmm?"
„Hörst du mir mal zu, ja? Wir sind da." Tatsächlich hatte sie den Wagen gestoppt und die Windschutzscheibe gab den Blick auf einen größeren Gebäudekomplex frei, an den sich mehrere große Hallen anschlossen. In der am entferntesten gelegenen hatte man die verbrannten Leichen gefunden, die als frühere Entführungsopfer identifiziert worden waren. Gelbes Polizei-Absperrband flatterte im Nachtwind, als sie ausstiegen und sich dem Tatort näherten.
Schweigend betraten sie die dunkle Halle. Obwohl das Unglück bereits mehrere Tage vergangen war, glaubte Mulder noch immer den süßlichen Geruch von verbranntem Fleisch in der warmen Luft wahrnehmen zu können.
Er stellte sich inmitten die vielen Umrisse, deren weiße Umrandung sich trotz Dunkelheit gut sichtbar vom grauschwarzen Betonboden abhob, und schloss kurz die Augen. In seinem Geist sah er die Opfer vor sich, noch am Leben, wie sie hoffnungsvoll und zusammengedrängt darauf warteten, was als nächstes geschehen würde. Dann Männer ohne Gesicht, bewaffnet mit schwerem, schwarzem Gerät, wie sie in die Halle marschierten... die erschrockenen Menschen, die mit dieser Wendung nicht gerechnet hatten... und dann nur noch Feuer, Flammen, wohin das Auge reichte...
Schaudernd blinzelte Mulder. Feuer war noch immer keins der Themen, über die er gerne nachdachte. Er wollte sich nicht vorstellen, was die Opfer in diesem Moment hatten durchmachen müssen.
„Sieh mal einer an. Die Prinzessin und der Held in strahlender Rüstung. Ist ja interessant, dich hier zu treffen, Diana."
Augenblicklich fuhren beide Agenten herum, um festzustellen, wo die Stimme hergekommen war. Lange mussten sie nicht suchen, da löste sich eine wohlbekannte Gestalt aus den Schatten und schlenderte auf sie zu.
„Krycek!" Sofort verzerrten sich Mulders Gesichtszüge zu einer zornigen Grimasse. Wenn diese Ratte irgendwo auftauchte, konnte das nur Ärger bedeuten.
„Bevor Sie auf mich losgehen, sollten Sie sich vielleicht anhören, was ich zu sagen habe", antwortete Krycek und hob die Hand in einer abwehrenden Geste, als Mulder Anstalten machte, auf ihn zuzustürmen.
„Ich werde mir kein Wort von dem Dreck anhören, den Sie von sich geben!", zischte Mulder wütend und ballte die Fäuste.
„Wissen Sie Mulder, es ist schon erstaunlich. Ich hatte Sie eigentlich immer als intelligent eingeschätzt. Fehlgeleitet, aber nichtsdestotrotz intelligent. Und jetzt glauben Sie tatsächlich den Bockmist, den dieses Flittchen Ihnen erzählt. Alte Liebe macht wohl immer noch blind, was? Was ist nur aus Ihren Prinzipien geworden..." Krycek machte einen gespielt bedauernden Gesichtsausdruck und zuckte leicht mit den Schultern.
Der Kommentar, der den Streit mit Scully wieder aufwühlte, gemischt mit den Aggressionen, die Krycek von Natur aus in ihm auslöste, brachte irgendetwas in Mulder zum Explodieren. Er riss sich von Diana los, die beruhigend ihre Hand auf seinen Arm gelegt hatte, und rannte blindlings auf seinen Widersacher zu. An seine Waffe dachte er nicht - er wollte ihn mit seinen Händen verletzen. Krycek, obwohl er es hätte besser wissen sollen, blieb keine Zeit, sich wegzuducken, sodass Mulders geballtes Körpergewicht in mit voller Wucht traf und zu Boden riss. Der ungleiche Kampf war eröffnet.
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"You are weak, I am strong, and I've done nothing but lead you on," she said.
Drove around all night, stoplights were interminable,
But I get along all right as long I don't have to interact
With anyone else on a meaningful level, I'll be fine
- Harvey Danger, Moral Centralia
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„Musste das wirklich sein?", fragte Diana. Ihre Augen waren fest auf die dunkle Straße geheftet, auf der sie mit hoher Geschwindigkeit Richtung Osten fuhr. Mulder ignorierte die Frage und fuhr damit fort, seine schmerzende rechte Hand zu kneten.
„Erzählst du mir jetzt lieber, was das für ein Ort ist, wo wir gerade hinfahren? Ein Militärstützpunkt?" Eigentlich war es nicht unbedingt seine Art, bedingungslos in Autos zu steigen, ohne vorher zu wissen, wo es hingehen sollte. Allerdings war sein Geist nach der Prügelei mit Krycek noch so benebelt gewesen, dass er sich widerspruchslos von Diana in den Wagen hatte verfrachten lassen.
„Vergiss den Stützpunkt. Glaubst du, ich posaune vor Krycek heraus, wo wir als nächstes hinfahren?"
„Gut... kein Stützpunkt." Mulder rieb sich müde mit Daumen und Zeigefinger den Nasenrücken. „Und mit wem hast du da telefoniert, der dir diesen... Tipp, oder was auch immer... gegeben hat?"
„Du hast deine Quellen, ich habe meine."
Langsam aber sicher begann er zu verstehen, wie sich Scully fühlen musste. Es war doch enervierend, im Dunkeln gelassen zu werden, wenn gleichzeitig von einem erwartet wurde, dass man bedingungslos mitzog.
Scully. Ob er sie anrufen sollte? Er tastete nach seinem Handy, doch in seiner gewohnten Tasche war nichts zu finden. Hatte er es bei seiner Auseinandersetzung mit Krycek verloren? Wahrscheinlich. Das würde sich wieder einmal gut auf seiner Spesenabrechnung machen. Er würde sie einfach morgen früh anrufen, wahrscheinlich war sie ohnehin schon im Bett, und über seine Anrufe mitten in der Nacht war sie nie sonderlich begeistert. Außerdem hatte er keine Lust, Diana um ihr Telefon zu bitten. Ja, morgen früh war vollkommen ausreichend, im Moment hatte er sowieso noch nichts zu berichten.
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But this won't work now the way it once did
And I won't keep it up even though I would love to
Once I know who I'm not then I'll know who I am
But I know I won't keep on playing the victim
- Alanis Morissette, Precious Illusions
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„Da kommen wir niemals rein. Keine Chance", stellte Diana missmutig fest. Sie standen vor einem drei Meter hohen Stacheldrahtzaun, der alarmgesichert um eine ebenso hohe, massive Betonmauer gezogen war. Nachdem sie die ganze Anlage einmal komplett umrundet hatten, wussten sie, dass den einzige Eingang ein gut bewachtes Metalltor war, vor dem Wachen standen, die nicht so aussahen, als würde man sich mit ihnen anlegen wollen.
„Fehlt nur noch der Burggraben mit den Krokodilen", murmelte Mulder und verschränkte nachdenklich die Arme.
„Was sich mein Informant dabei gedacht hat, würde mich auch mal interessieren. Der tat so, als könnte man da einfach hineinspazieren und sich umsehen. Aber um hier Zutritt zu kriegen, müsste man schon wirklich gut Ausweise fälschen können. Und zudem wissen, wer genau hier ein und aus geht. Das kann eine wochenlange Beobachtungsphase bedeuten." Sie zuckte hilflos mit den Schultern. „Sieht so aus, als könnten wir hier nicht viel ausrichten. Tut mir Leid, dass ich dich mit hergebracht habe. Ich würde sagen, wir suchen uns ein Motel für den Rest der Nacht und machen uns dann auf den Rückweg." Mit diesen Worten drehte sie sich um und stieg in den Wagen.
Mulder folgte ihr zögernd. Das war viel zu einfach. Es sah ihr überhaupt nicht ähnlich, so eine weite Reise auf sich zu nehmen und dann so leicht aufzugeben. Irgendwas stimmte da nicht; er hasste es, Scully Recht geben zu müssen, aber offensichtlich führte Diana irgendetwas im Schilde.
In Gedanken versunken setzte er sich ins Auto und überließ ihr die Suche nach einer Unterkunft. In der Zwischenzeit ging er seine Optionen durch. Er war beinahe überzeugt, dass sich an diesem Ort wirklich etwas befand. Zwar hatte er wie immer keinen Grund, das zu vermuten, aber es war doch an der Zeit, dass er mit seinem Gefühl mal wieder richtig lag.
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And if you call, I will answer
And if you fall, Ill pick you up
And if you court this disaster
Ill point you home
- Barenaked Ladies, Call and Answer
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„Was ist das eigentlich für eine komische Nummer, von der du anrufst?"
„Dianas Handy. Und jetzt quatsch nicht, sondern kümmre dich lieber um die Alarmanlage!", zischte Mulder in den Hörer. Er lag bäuchlings im Unterholz, nur wenige Meter vom Stacheldraht entfernt. Mitten in der Nacht einen Drahtschneider aufzutreiben, ohne verdächtig zu wirken, hatte ihn zwar einiges an Nerven gekostet, aber er war entschlossen, diese Einrichtung zu inspizieren.
„Alles klar, du kannst", ertönte Frohikes Stimme. Rasch sah er sich um, doch von den Wachen war weit und breit keine Spur zu sehen. Er robbte vorwärts und schnitt mit wenigen Handgriffen den stabilen Draht durch, bis er sich durch die Öffnung zwängen konnte. Mit einem geübten Sprung erreichten seine Finger die Oberkante der Mauer - seine Gebete, dass keine Scherben oder Ähnliches darauf befestigt waren, waren offensichtlich erhört worden - und vorsichtig zog er sich hoch, bis er einen Blick auf das Gelände erhaschen konnte.
„Überwachungskameras in Endlosschleife", informierte ihn Frohike. Das war das Stichwort. Er schwang sich über die Mauer und rannte aufs Hauptgebäude zu.
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You were partners til the end
Then something bends, and then it breaks, your worst mistake
Accepting enemies on bended knees; a litany of tragedies
- Barenaked Ladies, Off the Hook
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Mulder versuchte sich ins Gedächtnis zu rufen, ob er sich in seinem Leben schon jemals so erniedrigt gefühlt hatte. Er konnte sich nicht erinnern. Es fiel ihm aber auch schwer, sich auf irgendetwas zu konzentrieren, während Diana ihn hinter der Glasscheibe mit bedauernden Blicken bedachte.
„Oh Fox, eigentlich tut es mir fast Leid, dass du so durchschaubar bist", sagte sie gespielt mitleidig. „Hast du wirklich gedacht, ich würde dir den Weg zu dieser Einrichtung zeigen und glauben, dass du nicht versuchen würdest, einzubrechen?"
Mulder würdigte das keiner Antwort. Vordergründig war er sauer auf sich selbst, weil er so leichtgläubig gewesen war. Wann würde er endlich begreifen, dass das immer passierte, wenn er Scullys Ratschläge missachtete?
„Aber warum? Was wollt ihr von mir?" Das war das einzige, was nicht in seinen Kopf hineinging. Wenn sie ihn hätten umbringen wollen, hätten sie das wesentlich einfacher haben können.
„Es geht nicht immer um dich. Wichtig ist nur, dass du erst mal aus dem..." Ein Räuspern ließ sie innehalten. Mulder konnte durch sein eingeschränktes Sichtfeld nicht sehen, von wem das Geräusch kam, doch er konnte es sich nur zu gut vorstellen. Vielleicht waren die feinen Rauchschwaden aber in Wirklichkeit auch nur Schlieren auf der Scheibe, die ihn von seinen „Besuchern" trennte.
„Schade, dass es so kommen musste. Wer weiß, was geschehen wäre, wenn damals einiges anders gelaufen wäre...", sagte sie, und es war tatsächlich eine Spur echter Wehmut in ihrer Stimme.
„Darauf kann ich verzichten", versetzte er beißend. Ihr Gesichtsausdruck verhärtete sich.
„Du wirst schon noch sehen, was du von deinem Starrsinn hast. War nett, mit dir zu plaudern, Fox. Wir sehen uns." Sie stand auf und verschwand aus seinem Sichtfeld, ohne sich ein weiteres Mal umzudrehen. Als er eine Tür ins Schloss fallen hörte, schloss er die Augen und ließ sich in seinem Stuhl zurücksacken.
Was hatte Diana gesagt? Es ging nicht um hin? Um was dann? Oder... um wen? Ein schlimmer Verdacht baute sich in ihm auf.
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Like sun though the night
Just to get it right
A battle ground at my feet
An unwinable fight
Nothing happening
It's all illusion
It's all confusion
- Ben Kweller, Nothing Happening
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Rastlos ging Mulder in seiner Zelle auf und ab. Der Raum sah weniger aus wie ein Gefängnis als wie ein Untersuchungszimmer, das man notdürftig umfunktioniert hatte. Die Wände waren weiß gefliest und ein dezenter Geruch von Desinfektionsmitteln hing in der Luft, gemischt mit etwas, das er nicht identifizieren konnte. Scully hätte es mit Sicherheit gekonnt.
Er fuhr sich verzweifelt durch die Haare. Durch seine eigene Blödheit saß er hier fest, während sie... ja, was hatten sie mit ihr vor? Mittlerweile war er sich sicher, dass es um sie ging. Was sonst war ihm wichtig? Besser gesagt, wem sonst war er wichtig, sodass er als Köder hätte fungieren können? Dass seine Mutter in der Sache mit drinhing, konnte er sich kaum vorstellen. Also blieb nur seine Partnerin übrig.
Erschöpft ließ er sich auf das unbequeme Bett sinken. Er lehnte sich an die Wand und starrte geradeaus auf ein leuchtendes Biogefährdungs-Zeichen, das ihm gegenüber auf einem fest verschlossenen Schrank prangte. Was zur Hölle taten sie hier in dieser Einrichtung?
Er streckte sich auf der Liege aus und versuchte, die Augen zu schließen, doch er wusste, dass er trotz Schlafmangel sowieso nicht würde schlafen können. Es fiel ihm im normalen Leben schon schwer, ausreichend Schlaf zu finden, da war in dieser Situation überhaupt nicht daran zu denken.
Mittlerweile musste es gegen vier Uhr nachts sein und außer einem gleichmäßigen, allgegenwärtigen Summen war kein Geräusch auszumachen. Doch plötzlich klopfte es leise an der Tür. Zuerst dachte er, er sei doch eingenickt und hätte es geträumt, doch dann folgte ein zweites, etwas energischeres Klopfen. Sofort war er auf den Beinen und lief zur Tür.
„Wer ist da?", fragte er argwöhnisch und schielte durch das glaslose, vergitterte Fenster in die Dunkelheit.
„Pssst, nun schreien Sie doch nicht so herum. Ich bin's, Cassandra."
Mulder glaubte sich verhört zu haben. Das konnte doch nicht...?
„Cassandra Spender?", vergewisserte er sich.
„Höchstpersönlich."
„Alle denken, Sie seien tot", flüsterte er ungläubig.
„Das ist auch das, was alle glauben sollen", gab sie zurück. „Hören Sie, ich habe nicht viel Zeit, die Wachen können mich jeden Augenblick entdecken."
„Was ist... wie kommen Sie hier her? Warum..." In Mulders Kopf überschlugen sich wieder einmal die Gedanken. Das war einfach zu unglaublich.
„Ich kann Ihnen nicht alles erklären, die Geschichte ist viel zu lang und kompliziert. Das Wichtige ist: Wie Sie bestimmt schon mitbekommen haben, ist der ganze Plan zum Teufel gegangen. Dadurch, dass Sie den Impfstoff in die Finger bekommen haben und Dana gerettet haben, und dadurch, dass sich diese gesichtslosen Aliens in die ganze Geschichte eingemischt haben. Sie haben fast alle Verschwörer von damals verbrannt, gemeinsam mit den Entführungsopfern. Aber mich haben sie verschont, fragen Sie mich nicht, warum. Vielleicht dachten sie, ich könnte als einziges erfolgreiches Experiment noch zu irgendetwas gut sein. Fakt ist... die Kolonisten sind sauer. Sie denken, die Verschwörer hätten mit den Rebellen zusammengearbeitet und wären nie daran interessiert gewesen, tatsächlich einen Hybriden zu erschaffen." Sie machte eine Pause und gab Mulder einen Moment Zeit, das Gesagte zu verdauen. Es fiel ihm nicht leicht, aber er beschloss, lieber später darüber nachzudenken und Cassandra erst einmal weitererzählen zu lassen.
„Okay, was noch?", hakte er atemlos nach.
„Die Rebellen sind wieder von der Erde abgezogen und haben mich im Zuge dessen freigelassen. Na ja, frei, wie man es nimmt. Die Kolonisten sinnen auf Rache, aber sie können hier auf der Erde vorerst nichts ausrichten, weil sie davon ausgehen, dass der Impfstoff flächendeckend verfügbar ist und sie daher mit ihrem schwarzen Öl keinen Erfolg erzielen können. So weit ich es verstanden habe, sehen sie sich nun auf anderen Planeten um, um dort genügend Embryos für eine Invasion zu erzeugen. Ich weiß nicht, wieso sie es so auf die Erde abgesehen haben, aber vielleicht ist einfach ihr Stolz verletzt?", sinnierte sie und lachte leise. „Männer."
„Was hat das alles mit Scully zu tun?", fragte Mulder ungeduldig. Bisher konnte er noch nicht die geringste Verbindung zwischen Cassandras Erzählungen und seiner aktuellen Lage herstellen.
„Da kommt mein geschätzter Ex-Mann ins Spiel. Er versucht nun mit allen Mitteln, doch noch seinen Arsch zu retten und sich mit den Grauen gut zu stellen. Deshalb klammert er sich an den letzten Strohhalm und sammelt verbliebene Entführungsopfer zusammen, um sie den Kolonisten anzubieten, damit die Experimente weitergeführt werden können. Er hat also mal wieder überhaupt nichts verstanden."
Wie betäubt hörte Mulder Cassandras Ausführungen zu. Der Raucher hatte Scully in diese Falle gelockt... vermutlich mit der Hilfe von Krycek und Diana... und seiner eigenen. Zum tausendsten Mal trat er sich mental in den Hintern, wie er so blöd gewesen sein konnte.
„Finden Sie Dana. Früher oder später wird auch meinem Ex-Mann klar werden, dass er auf verlorenem Posten steht. Die Grauen werden die Schmach nicht auf sich sitzen lassen und dafür sorgen, dass auch er zur Rechenschaft gezogen wird. Und wer sich dann noch darum kümmert, was mit den Gefangenen geschieht, können Sie sich ausrechnen."
Ja, das konnte er. In seiner Vorstellung sah er Scully in einem dunklen Verlies dahinsiechen, darauf vertrauend, dass er sie retten würde, so wie er es immer tat. Er hatte ihr Vertrauen in letzter Zeit schon genug überstrapaziert; er konnte nur hoffen, dass sie nicht bereits aufgegeben hatte. Er musste hier raus, musste sie retten... musste einfach.
„Aber wie..."
„Da kommt jemand. Viel Glück, Fox!" So schnell die Stimme aufgetaucht war, so schnell war sie nun verschwunden und ließ ihn mit einem überwältigenden Berg Informationen zurück, die er nun alleine verdauen musste.
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Our time is running out
Our time is running out
You can't push it underground
You can't stop it screaming out
How did it come to this?
- Muse, Time Is Running Out
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Drei Tage später war Mulder vollkommen mit den Nerven am Ende. Pausenlos ratterten Cassandras Worte durch seinen Geist, bis er sich einigermaßen sicher war, dass er ihre Bedeutung erfasst hatte. Das änderte allerdings immer noch nichts an der Tatsache, dass ihm die größte Wahrheit über außerirdische Kolonisten nicht half, hier herauszukommen und zu Scully zu gelangen. Ob die Grauen sich mittlerweile am Krebskandidaten vergriffen und die Gefangenen ihrem Schicksal überlassen hatten? Es machte ihn wahnsinnig, nichts unternehmen zu können. Wenn er hier raus kam, würde er die Schweinehunde verklagen, allesamt, wegen Freiheitsberaubung, Beihilfe zum versuchten Mord und was ihm noch so alles einfiel.
Seufzend lehnte er sich an die Wand und starrte einmal mehr das Biogefährdungs-Zeichen an. Selbstverständlich war ihm klar, dass rechtliche Schritte vollkommen sinnlos waren, selbst wenn er es in der Lage wäre, einen Verantwortlichen zu benennen. Er hielt sich nur selbst zum Narren.
Die Schuldgefühle wurden immer größer. Er war dafür verantwortlich, dass Scully... er wollte es nicht einmal fertig denken. Er musste hier raus und sie retten! Wer außer ihm konnte das schon tun? Ihm wurde bewusst, dass er sich ein Leben ohne Scully überhaupt nicht mehr vorstellen konnte. Sie war einfach immer da, und er hatte es jahrelang beinahe als selbstverständlich angesehen. Er hätte ihr öfter sagen müssen, was sie ihm bedeutete. Er betete, dass er die Chance bekommen würde, das nachzuholen.
Irgendwann übermannte ihn die Erschöpfung und er fiel in einen ohnmachtsähnlichen Schlaf.
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Wir haben geträumt von einer besseren Welt
Wir haben sie uns so einfach vorgestellt
Wir haben geträumt, es war ne lange Nacht
Ich wünschte, wir wär'n niemals aufgewacht
- Die Ärzte, Kopfüber in die Hölle
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„Das ist ja typisch. Da kommt man ihn retten, und was tut er? Er pennt!"
„Und wir dachten, du stehst hier gestiefelt und gespornt. Hey, Mulder! Schönheitsschlaf beendet!"
Langly rüttelte heftig an seiner Schulter, bis er schließlich ruckartig aus den Tiefen seines Schlafes auftauchte und für eine Sekunde vor Schreck beinahe in Kataplexie verfiel. Den Anblick, der sich ihm bot, hatte er wirklich als allerletztes erwartet.
„Langly...?", murmelte er schlaftrunken und setzte sich hastig auf.
„Schick, oder?" Der blonde Schütze drehte sich einmal mit seiner Uniform um die eigene Achse und zog die Mütze, um den wenig formschönen, blonden Dutt darunter zum Vorschein zu bringen.
„Wenn du dann fertig bist mit deinem Laufstegtraining, können wir vielleicht gehen? Wir können hier nicht ewig herumspazieren", grummelte Frohike, dessen Uniformgröße eindeutig nicht mehr vorrätig gewesen war. Er krempelte ein Stück heruntergerutschtes Hosenbein wieder nach oben und schritt mit erhobenem Kopf zur Tür hinaus.
„Kommt ihr?"
