Teil 10

Zwei Wochen später sah es in Grissoms Wohnung vollkommen verändert aus. Irgendwie war es passiert, dass alle Kisten ausgepackt oder zur Seite geschoben wurden.

Überall war Saras Handschrift zu erkennen und das ganze machte Grissom langsam Sorgen. Das Semester war fast vorbei und er sollte ein- statt auspacken. Aber weder er noch Sara gingen auf dieses Thema ein. Er wusste nicht, ob sie es vergessen hatte oder ob sie nicht darüber nachdenken wollte. Aber vielleicht war es für sie auch ganz klar, dass sich ihre Wege trennen würden.

Seit einer Stunde saß er über der Arbeit und konnte sich nicht konzentrieren. Sara saß im Sessel und beobachtete ihn.

„Grissom, vielleicht kann ich dir helfen?"

„Was ? Nein, ich habe einfach keine Lust mehr. Wollen wir etwas unternehmen?"

„Unternehmen ? Wir könnten ins Kino fahren?"

„Fahren ?" Es gab doch ein Kino in der Nebenstrasse. Erst dann fiel ihm ein, dass man sie ja nicht zusammen sehen durfte.

„Stört es dich gar nicht, dass wir uns verstecken müssen?"

Eigentlich wollte Grissom dieses Thema nicht anschneiden, aber nun war es zu spät.

„Eigentlich nicht. Es ist ja nicht so, dass du mich vor einer Ehefrau oder Freundin versteckst, oder?"

Sara hatte noch immer nicht mehr über die mysteriöse Besucherin erfahren. Und sie konnte sie gut vorstellen, dass er eine Freundin in Las Vegas hatte.

„Willst du mich etwas fragen, Sara? Wenn ich eine feste Beziehung hätte, dann würdest du nicht hier sein. Wenn ich ein Versprechen gebe, dann stehe ich dazu."

So ein ernstes Gespräch wollte Sara eigentlich nicht führen, aber vielleicht war der Zeitpunkt einfach gekommen.

„Ich weiß. Es gibt nur so wenig was ich von dir weiß. Du redest nie über dich und dein Leben in Las Vegas."

„Weil es nicht mit uns zu tun hat. Wir haben von Anfang an gewusst, dass unsere Zeit hier begrenzt ist."

Er sah zu Sara hinüber. Genau das hatte er befürchtet. Von sich selbst kannte er behaupten, dass er seine Gefühle kontrollieren konnte. Aber Sara. Sie hatte angeboten ihr Studium abzubrechen. Seinetwegen. Einfach so.

„Wenn du damit nicht mehr klarkommst, dann sollten wir vielleicht …"

„Nein, ich komme damit klar."

Sara war aufgestanden und zu Grissom gegangen.

„Wir müssen nicht ins Kino gehen, Professor."

Sie setzte sich auf seinen Schreibtisch.

Grissom ging auf ihr Spiel ein. Eigentlich wollte er auch noch nicht dass die Zeit mit Sara zu Ende war. Wenn er ehrlich mit sich selbst war, dann musste er sich allerdings eingestehen, dass es mit jeden Tag schwerer werden würde sich von ihr zu trennen.

„Tatsächlich, Miss Sidle. Was haben Sie denn im Sinn?"

Sara stand auf und machte die Stereoanlage an.

„Ich wollte schon immer einen Striptease ausprobieren. Würde dir das Gefallen?"

Sie begann sich langsam zur Musik zu bewegen und bemerkte zuerst nichts von Grissoms Reaktion.

Als er aufstand, dachte er zuerst dass er zu ihr kam. Aber er ging an ihr vorbei und schaltete die Musik aus.

„Du musst das nicht machen."

Sie sah ihn erstaunt an. Von müssen war keine Rede gewesen. Sie dachte, dass es ihnen beiden Spaß machen würde. Aber wenn sie Grissoms Gesichtsausdruck sah, dann war das eher nicht der Fall.

„Hey, ich wollte dir eine Freunde machen."

„Damit machst du mir keine Freude."

„Ok, das sehe ich. Entschuldige, kommt nicht wieder vor. Ich wollte dir nur gefallen."

Sie sah Grissom an und wartete auf eine Art Erklärung. Umsonst. Grissom hatte sich wieder an den Schreibtisch gesetzt und tat so als wenn er arbeitete.

Anscheinend hatte er auch kein Interesse mehr am Kino. Vielleicht sollte sie einfach gehen und ihn in Ruhe lassen. Sie waren jeden Abend und jede Nacht zusammen gewesen. Eine Pause schien im Moment eine gute Lösung zu sein.

Sie stand auf, suchte ihre Sachen zusammen und nahm ihre Tasche.

„Dann gehe ich mal."

Er sah nicht einmal auf.

Langsam ging Sara zur Tür. Noch immer keine Reaktion.

Sie musste sich zwingen die Tür zu öffnen und nicht zu ihm zurück zu laufen. Nein, wenn er sie nicht hier haben wollte, dann war das so. Sie würde sich nicht aufdrängen.

Trotzdem dreht sie sich um und sagte leise: „Gute Nacht, Griss."

Dann fiel die Tür zu.


Grissom sah von seinem Buch auf. Er hatte es tatsächlich geschafft, dass Sara gegangen war. Das war es doch was er wollte, oder?

Sara stand noch eine Weile vor der Tür und wartete darauf, dass Grissom kam und sie zurückholte. Vergeblich.

Grissom lag die halbe Nacht wach. Niemals hatte eine Frau sein Leben so beeinflusst. Sara war in seinen Gedanken und seinen Träumen. Was hatte er sich nur dabei gedacht sich auf die Affäre einzulassen. Wie sollte er nur ohne sie leben?

Sara war daran gewöhnt, dass das Glück nicht anhielt. Sie hatte die schönste Zeit ihres Lebens mit diesem Mann verlebt und nun schien es zu Ende sein. Wie immer.

Mit diesem Gedanken fiel sie in einen tiefen Schlaf.


Zwei Tage danach tauchte Sara zum ersten Mal wieder bei Grissom in der Universität auf. Sie hatte insgeheim auf einen Anruf von Grissom gewartet. Aber nun hatte sie aufgegeben und war in der Uni aufgetaucht. Da ihre eigentliche Arbeit beendet war, kümmerte sie sich inzwischen vor allem um seine Post und seine Termine.

Als erstes ging sie Grissoms Post durch und fand dabei auch einen großen Umschlag auf dem Betrifft: Sara Sidle stand.

Merkwürdig.

Sie war noch dabei den Umschlag zu drehen als Grissom hereinkam.

„Guten Morgen."

„Hallo, du siehst müde aus. Willst du trotzdem arbeiten?"

Müde war kein Ausdruck, dachte Grissom. Wenn er nicht wach gelegen hatte, dann dachte er daran wie er die Situation bereinigen konnte.

„Du siehst gut aus", sagte er und es stimmte. Das war wahrscheinlich die Jugend. Sie war so jung. Zu jung für ihn?

„Danke. Griss, ist wieder alles in Ordnung?"

Atemlos wartete sie auf seine Reaktion. In den letzten Tagen hatte sie überlegt was ihr lieber war, das sofortige Ende oder eine schöne verbleibende Zeit. Und wenn sie letzteres wollte, dann musste sie Grissom das zeigen. Sonst würde er so tun als wenn es nie etwas zwischen ihnen gegeben hätte. So gut kannte sie ihn schon.

Mit ihrer Frage zeigte sie ihn was sie wollte und zeigte ihm einen Ausweg.

„Willst du das?"

Sie hätte ihm so gern gezeigt wie gern, aber das ging leider nicht. So nickte sie nur und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln.

Und er lächelte zurück. „Gut."

„Ich habe deine Post durchgesehen und da gibt es einen Brief der mich betrifft. Worum geht es?"

Sie reichte ihm den Umschlag.

„Oh, das. Es geht um deine Arbeit. Ich habe sie nachdem ich sie gelesen hatte, an einen Kollegen geschickt. Sie war wirklich sehr gut. Aber ich wollte sicher gehen, dass ich nicht aus persönlichen Gründen eine falsche Beurteilung abgebe. Es war zwar eine Zuarbeit für mich, aber sie geht in deine Akten ein und ich möchte einen Teil davon mit deinem Namen veröffentlichen."

Sara war sprachlos. Sie hatten kaum über ihre Beurteilung gesprochen. Zuerst hatte sie gedacht, dass er nicht zufrieden mit ihr war und es nicht sagen wollte, weil sie zusammen waren. Aber er hatte ihr mehrfach gesagt, dass die Arbeit sehr gut war und man werde sehen. Nie hatte sie gedacht, dass er eine so hohe Meinung von ihrer wissenschaftlichen Arbeit hatte. Sie konnte ihm gar nicht beschreiben wie viel ihr das bedeutete.

„Wirklich, das ist toll. Danke."

„Nicht nötig, die Arbeit war sehr gut und du hast es verdient. Kommst du heute Abend zum Essen?"

„Ja gern."

„Gut. Können wir dann mit der Arbeit beginnen?"

Professor Grissom war wieder da.


TBC