Date: 20. Dezember

Author: Beruthiel

Category: Shortstory

Characters/Pairing: Severus, Lily

Disclaimer: Mir gehört nur die Idee, die Figuren sind alle von Jo.

Authors Note :Gewidmet: Für Sevvie

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Walnusssträucher

Eine tief verschneite Lichtung im Dezemberwald. Die Dämmerung setzt gerade ein und ein Eichhörnchen huscht über den Waldboden. Ein paar Rehe begeben sich auf Nahrungssuche. Alles ist still und friedlich, bis ein Holzschlitten auf die Lichtung bricht und aufgeregt Kinderstimmen die Stille zerreißen.

„Links! Links!"

„Was 'links'? Ein Reh?"

„Du sollst links fahren! Da vorne ist ein Baum!"

„Da kommen wir schon rum!"

„Berühmte letzte Worte."

Mit voller Wucht prallte der Schlitten, den Lily zu Nikolaus bekommen hatte gegen den Baum und sie und Severus, der hinter ihr gesessen war, purzelten in den Schnee. Beide rappelten sich rasch auf und begannen sich den Schnee abzuklopfen.

„Du hast dich getäuscht, Severus. ...das war gar kein Baum. Sondern ein Strauch!"

„Ich habe fast das Gefühl, du bist absichtlich gegen diesen Baum gefahren. Denn es ist ein Baum!"

„So ein Quatsch. Und es ist ein Strauch."

„Baum!"
„Gar nicht!"

Die beiden Kindern zankten sich gutgelaunt noch etwas weiter, bis Lily ernst wurde.

„Ich muss jetzt wirklich los, es wird schon dunkel." sagte Lily und klopfte sich den letzten Schnee von der Hose.

„Können wir nicht noch ein einziges Mal den Berg runterfahren?"

„Nein, Sev, nein!" , antwortete Lily bestimmt, „noch einmal überredest du mich nicht. Und es wird Zeit, dass ich nach Hause komme, meine Eltern machen sich sonst Sorgen."

„Meine Eltern nicht. Eltern gehören abgeschafft." Severus klang fast trotzig und damit beinahe wie ein kleines Kind. Was überhaupt nicht zu ihm passte. Lily musste sich verkneifen, loszukichern.

„Mir ist aber auch kalt. Dir nicht? Ich freu' mich schon auf eine Tasse heiße Schokolade. Willst du mit zu mir kommen? Meine Mama macht dir sicher auch gern eine heiße Schokolade! Mit Sahne!Wir könnten Kekse dazu essen und meine Mama tut immer so kleine Marshmallows in den Kakao, das klingt komisch, schmeckt aber lecker und wir könnten..."

„Nein!" Severus unterbrach ihren Redeschwall grob und schüttelte den Kopf. „Das geht nicht. Das weißt du doch. Wenn mein Vater das rausfände..."

„Willst du dich nicht wenigstens kurz bei uns aufwärmen?"

„Mir ist nicht kalt." Lily schaute auf die dünnen, zu kleinen Handschuhe ihres Freundes und den schweren Mantel, dessen Ellenbogen schon ganz abgewetzt waren und schwieg. Nicht mal eine Mütze oder einen Schal trug Severus. Sie wurde fast wütend, als sie Severus mit seiner armseligen Kleidung inmitten des weihnachtlich verschneiten Waldes sah, aber sie konnte nicht sagen auf was oder wen.

„Komm, lass uns gehen, solange wir den Weg noch erkennen können." Dabei wusste sie, Severus würde den Weg selbst in der dunkelsten Nacht finden. Er ging ihn schließlich oft genug.

Severus nahm den Strick des Schlittens behutsam aus Lilys Hand und zog ihn neben sie. „Steig auf, Lily. Ich zieh' dich." Lily stutzte einen Moment. Severus sprach sie nur selten direkt mit Namen an. Er schien sich das für besondere Momente aufzuheben, die nur er zu erkennen schien. Für Lily kamen diese meist unerwartet, doch sie freut sich jedes Mal sehr darüber. Es war ungefähr so, wie wenn Lily sich mit ihrer besten Freundin eine Tüte Gummibärchen teilte und die ihr alle grünen zuschob. Oder wie, wenn ihr Vater Lily einen Kuss auf die Stirn gab und sie „Meine kleiner Lilienschwan!" nannte.

Lily hatte das Gefühl jetzt schon eine Tasse heiße Schokolade getrunken zu haben und lächelte Severus an. Es war zwar dunkel, doch Lily wusste, ihr Freund hatte es gesehen. Sie ließ ich damenhaft auf den Schlitten sinken und sagte hoheitsvoll: „Zieht, mein Prinz!"

Severus zögerte keine Sekunde und zog den Schlitten so sacht an, dass Lily davon fast nichts bemerkte. Als sie so zusammen durch den Wald tapsten (bzw. in Lilys Fall fuhren) wurde Lily seltsam weihnachtlich zu Mute und sie begann leise „Jingle Bells" zu singen. Als Severus keine Anstalten machte mit einzustimmen, brach sie ab und begann stattdessen zu plaudern.

„Ist das nicht toll? In ein paar Wochen ist Weihnachten! Heute Abend will Mama mit mir schon Plätzchen backen. Ich mag am liebsten Vanillekipferl. Und du?"

„Du weißt doch, dass ich keine Süßigkeiten mag. Und meine Mutter backt auch keine Kekse. Mein Vater findet das albern, überhaupt findet er Weihnachten eine Zeit- und Geldverschwendung. Er hasst es."

„Wie kann man Weihnachten hassen? Ich liebe es! Die guten Sachen, die es da zu essen gibt. Und die Geschenke natürlich! Und alle sind nett und lieb zueinander. Das ist doch schön, oder?"

Severus erwiderte nichts und zog schweigend den Schlitten weiter. Als er merkte, dass Lily auf eine Antwort wartete, murmelte er schließlich zögernd: „Bei uns ist Weihnachten nicht so...toll. Meine Mutter macht immer Fisch zu essen, auch wenn sie ihn nicht mag. Ich mag ihn auch nicht, aber Vater liebt ihn. Behauptet er zumindest, ich glaube ihm schmeckt er auch nicht. Er will Mutter damit nur ärgern..." Severus stockte, als wäre ihm plötzlich peinlich so viel von sich preisgeben zu haben und zog den Schlitten etwas schneller.

Lilys gute Laune war mit einem Mal verflogen, sie hatte nur Mitleid mit ihrem Freund. Fast hätte sie etwas tröstendes gesagt, hielt sich im letzten Moment jedoch zurück, da sie wusste, Severus wäre das unangenehm. Lily würde ihn am liebsten zu Weihnachten von seiner schrecklichen Familie wegholen und zu ihrer bringen. Doch sie wusste, es würde nicht klappen. Schließlich hatte sie Severus schon oft zu sich eingeladen, er hatte jedes Mal abgelehnt. Zuerst hatte er sich seltsame Ausreden ausgedacht und später hatte er erklärt, sein Vater würde nicht gern sehen, wenn er Kontakt zu anderen Leuten hatte. Warum sagte er nicht, doch Lily konnte es vermuten.

Severus stapfte immer noch ohne ein Wort durch den Schnee und um das Schweigen zu durchbrechen, sagte Lily : „Und es war doch ein Strauch!"
„Nein, es war ein Baum. Ein junger Walnussbaum um genau zu sein."
„Wachsen Walnüsse nicht auf Sträuchern?"

„Nein."
„Und Bonbons?" , witzelte Lily.
„Nein.", Severus nahm es ernst, „In was für einer Welt lebst du denn?"

„In einer mit dir, hoffe ich."

„Und Walnusssträuchern offensichtlich."

„Die gehören dazu! Es ist nicht das selbe ohne Walnusssträucher!"

Nachdem Severus Lily vor ihrer Haustür abgesetzt hatte und den Schlitten im Schuppen verstaut hatte („Ich mach das schon, der ist dir doch zu schwer und du frierst.") sah Lily ihm von Wohnzimmerfenster noch lange nach. Sie hätte ihn gerne nach Hause begleitet, doch er schob sie förmlich ins Haus und in die Arme ihrer Mutter. Die begrüßte „den kleinen Gentleman" freundlich und bat ihn, doch zum Abendessen und Kekse backen zu bleiben. Severus lehnte höflich doch bestimmt mit der Begründung ab, er wolle niemandem zu Last fallen und außerdem würde er zu Hause erwartet werden. Lily schnürten sich bei seinen Worten die Kehle zu. Sie hätte Severus am liebsten in den Arm genommen, wie einen verwahrlosten kleinen Hund und nie wieder losgelassen. Lilys Mutter schien es ähnlich zu gehen, denn sie versucht Severus eine Dose Plätzchen aufzudrängen, doch dieser lehnte vehement ab und verließ das Haus so schnell wie möglich.

Lily schaute immer noch zum Fenster hinaus, als ihre Mutter ihr eine Tasse heiße Schokolade brachte. „Damit du nicht frierst." sagte sie lächelnd.

In diesem Moment kam Lily eine Idee: „Mama, haben wir grüne und silberne Wolle?"

Am Vormittag des 25 Dezembers trafen sich Lily und Severus in ihrem Geheimversteck am Fluss, um Geschenke auszutauschen. Severus schenkte Lily ein selbst geschnitztes Reh aus Holz: „Vom Walnussstrauch. Siehst du? Wenn man gegen seine Stirn tippt, fängt es an zu laufen. Wenn man nochmal dagegen tippt, bleibt es wieder stehen. Ich hab das so gemacht, damit du keinen Ärger wegen 'Zauberspielzeug' bekommst." Lily war sehr gerührt über das Geschenk und staunte darüber wie glatt und weich Serverus das Holz bekommen hatte.

Dann gab sie Severus sein Geschenk: eine grün und silbern gestreifte Mütze und einen dazu passenden Schal. Lilys Mutter hatte ihr in den letzten Wochen stricken beigebracht, aber viel Spaß machte ihr das Ganze nicht. Nur der Gedanke daran, Severus eine Freude zu bereiten, hatte Lily oftmal davon abgehalten, die Nadel quer durchs Zimmer zu werfen und die armseligen Strickversuche in dem Müll zuwerfen.

Severus betrachtete die Geschenke, die Lily ihm hinhielt mit einem kaum deutbaren Gesichtsausdruck. Lily wurde unsicher, gefiel es ihm nicht? Vielleicht hatte sie die Farben falsch in Erinnerung gehabt! Dabei wollte sie die Sachen unbedingt in den Farben von Severus Lieblingshaus in Hogwarts stricken. Oder fand er, das war kein richtiges Geschenk?

Nervös begann Lily zu erklären: „In die Mütze hab ich Walnusskekse getan, darum kannst du die jetzt leider nicht gleich aufsetzten. Aber den Schal kannst du gleich anziehen. Darf ich?" Sie drückte ihm die mit Keksen gefüllt Mütze in die Hände, trat einen Schritt näher an ihn heran und band ihm, so vorsichtig wie sie konnte, den Schal um den Hals. „Damit du nicht frierst." Dann ging sie rasch wieder zurück, sie wusste, Severus mochte es nicht sehr, berührt zu werden. Unbehaglich, schaute sie ihn an.

Severus drückte sich mit einer Hand die Mütze gegen die Brust und strich mit der anderen sanft über den Schal. Er schien etwas verwundert. Er suchte Lilys Blick. Und lächelte. Ein winzig kleines Lächeln, aber Lily freute sich darüber mehr als alle Geschenke, die sie zu Weihnachten bekommen hatte. Sie hatte ihn selten so glücklich gesehen.

„Danke, Lily."

„Gern geschehen, Severus." Sie lächelte auch. „Meine Mutter hat dich zum Essen und heiße Schokolade trinken eingeladen. Sie hat gesagt, du musst kommen, sie weiß nicht wohin mit all den Marshmallows und Keksen."

„Gibt es Fisch? Ich hasse Fisch!"

„Ich hasse Fisch auch! Und es gibt Gans."

„Ich hab noch nie Gans gegessen."
„Dann wird es Zeit. Komm, lass uns gehen." Lily ging ein paar Schritte voraus und dreht sich dann auffordernd um.

Severus zögerte noch etwas, folgte ihr dann jedoch.

„Was sind eigentlich Marshmallows?"
„Die wachsen auf Sträuchern!"
„Das hab ich mir gedacht!"