Kapitel 9 – Ornamentae
Lara wurde von vielen Baljan begrüßt, als sie auf dem Weg zu Tawarin war. Das Dorf der Balja war sehr schön. Es gab viele kleine Häuser und Hütten, viele spielende Kinder und angenehme Urwaldgeräusche waren zu vernehmen. Das Dorf lag unter einem Blätterdach, das ein schönes Schattenmuster auf dem Boden bildete.
Viele Leute des Stammes begrüßten Lara freundlich. Nicht alle konnten Englisch, doch trotzdem konnte sich Lara mit den Menschen gut verständigen.
Beim Spazierengehen fiel ihr auf, dass alle Wege in die Mitte des Dorfes führten. Dort befand sich ein kleiner Marktplatz und eine große Statue einer Frau. Lara fragte einen Eingeborenen, der Englisch sprach, wer diese Frau war.
„ Das ist Daphne! Die Mutter unseres Stammes. Sie hat uns erschaffen und deswegen ist sie ein Teil unseres Lebens. Jährlich feierten wir ein großes Fest zu Ehren unserer Göttin…bis die Dinka kamen. Sie haben unserer Göttin ihr Herz gestohlen und es versteckt…seit da an ist der Feiertag ein Trauertag für uns."
„Ich danke ihnen.", sagte Lara höflich und verabschiedete sich von dem Mann.
Die Archäologin betrachtet die Statue genauer.
Daphne also…
Die Göttin bestand hauptsächlich aus Stein und Marmor. Sie hatte lange Haare und ein ebenfalls langes und luftiges Kleid. Das Kleid war an einigen Stellen mit Gold verziert. Auch die Augen waren Gold.
Sie klauten das Herz… ging es Lara durch den Kopf.
Sie sah, dass im Brustbereich eine kleine Mulde war. Etwa faustgroß.
„Da kommt dann wohl das Herz hin. Ob die Dinkas…", flüsterte Lara. Doch im nächsten Moment spürte sie einen warmen Atem in ihrem Nacken.
„Hallo Lara. Ich habe dich schon überall gesucht.", hörte sie die Stimme von Tawarin.
Sie drehte sich um und das Erste was sie erblickte waren die grünen Augen Tawarins.
„Guten Morgen Tawarin. Ich habe dich auch schon überall gesucht. Da bin ich auf diese Statue gestoßen. Eure Göttin ist wunderschön.", sagte sie.
Tawarin lächelte wieder nur.
„Komm bitte mit zu mir."
Lara nickte und folgte ihm.
Schon nach kurzer Zeit betrat die Archäologin ein großes Gebäude, das außen mit vielen bunten Mustern verziert war.
„Bitte nimm Platz.", sprach Tawarin, als sie drinnen waren.
Lara nahm auf einem kleine Hocker Platz, der neben einem kleinen Tisch stand. Tawarin setzte sich gegenüber ihr hin.
„Du weißt sicher schon, dass wir ein Fest zu Ehren unserer Göttin feiern. Dieses Fest wird in einigen Monaten stattfinden. Genau an diesem Tag werde ich zum Häuptling ernannt, da mein Vater vor einigen Wochen verstorben ist."
Lara machte eine traurige Miene und wollte einige tröstende Worte sagen, doch Tawarin war schneller.
„Ohne das Herz der Göttin jedoch kann ich kein vollkommener Häuptling werden. Genau deshalb würde ich dich um einen Gefallen bitten. Könntest du nicht für mich und meinen Stamm in den Tempel der Dinka gehen und uns das Herz wieder zurückbringen? Vielleicht kannst du dort auch deinen Schatz finden."
Wieso kann er das nicht selber machen? Aber ich schulde ihm einen Gefallen… dachte sich Lara.
„Ich werde dir und deinem Stamm das Herz zurückbringen.", sagte sie entschlossen.
„Ich danke dir Lara!", erwiderte Tawarin und umarmte sie.
„Ich glaube ich werde mich heute noch auf den Weg machen. Je eher desto besser.", meinte Lara.
„Eins muss ich dir noch sagen. Wenn du der Siedlung der Dinkas näher kommst, achte auf die kleinen Lehmkugeln, die in den Bäumen hängen. Sie enthalten Duftstoffe, die lähmend wirken und dich zum Schlafen bringen. Auch der Tempel ist sehr gefährlich. Pass auf.", warnte er die Frau.
Ohne ein weiteres Wort machte sich Lara auf den Weg zu ihrer kleinen Hütte.
„Und genau diese Kugeln brachten mich zum Schlafen! Argh…", sagte Lara in ihr Headset zu Zip.
„Ach! Mach dir keinen Kopf und verschwinde da lieber bevor du wieder einpennst!", meinte er.
„Du hast Recht…hat Alister eigentlich die Informationen über den Tempel um die ich ihn gebeten habe?"
„Das sagt er dir am besten selbst!"
„Hallo Lara!", meldete sich der Historiker, „ Leider konnte ich nicht allzu viel herausfinden. Der Tempel der Dinka heißt Ornamentae und ist größtenteils unter der Erde. Man kann aber auch von oben reingehen. Ich glaube das wird weniger umständlich. Wie jeder Tempel hat auch dieser viele Fallen! Also bitte sei vorsichtig!"
„Danke Ailster.", erwiderte Lara.
Es war Nachmittag, als Lara bei den Dinka angekommen war. Sie hielt sich etwas weiter von der Siedlung entfernt, um nicht in die Falle zu tappen. Hinter einem Busch fand sie ein passendes Plätzchen. Sie kniete sich hin und nahm ihr Fernglas.
Sie konnte einige der Eingeborenen erkennen, die gerade am Beten waren.
„Sie beten Richtung Osten. Genau da könnte der Tempel liegen.", flüsterte Lara.
Als die Archäologin an eine kleine Lichtung kam, machte sie eine Trinkpause. Es war immer noch unerträglich heiß und der Tempel war immer noch nicht in Sicht. Lara setzte sich auf einen Stein, der im Schatten lag und nahm einige kräftige Schlücke aus der Wasserflasche.
„Wie lang wollen wir denn noch so spazieren gehen? Es sind schon zwei Stunden vergangen und dieser Tempel ist immer noch nicht zu sehen!", hörte sie Zip quengeln.
Plötzlich fing Lara an in der Erde zu versinken.
„Ohoh…das sieht gar nicht gut aus!", sagte Lara geschockt, doch schon im nächsten Moment spürte sie keinen festen Boden mehr unter den Füßen und fing an zu fallen.
„Scheiße! Lara!", schrie Zip schockiert.
„Mach doch was!", sagte Alister besorgt.
Als Lara eine Art Stange erkannte, warf sie ihren Magnethacken aus. Doch anstatt sich irgendwo festzukleben, wickelte sich dieser um die Stange.
Lara kam abrupt zum Stehen. Sie blickte hoch und sah, dass sie an einem Ast hing.
Zip und Alister atmeten erleichtert auf.
Vielleicht wäre der andere Haken sicherer gewesen in diesem Gebiet…
Unten erkannte Lara eine kleine Plattform, die sie leicht erreichen konnte. Sie versuchte etwas Schwung zu holen, doch der Ast hielt das nicht aus und zerbrach.
Wieder fiel Lara doch glücklicherweise konnte sie an einer Stange Halt finden, die sich in derselben Höhe wie die Plattform befand.
Lara holte auf der Stange Schwung und sprang zur Plattform. Mit beiden Händen ergriff sie die Kante und zog sich hoch.
Sie befand sich nun einige Meter unter der Oberfläche. Oben sah sie ein großes Loch, das einige Sonnenstrahlen durchließ.
Neben der Plattform befanden sich viele kleine Risse, die Lara gleich als Kletterhilfe benutzte.
Als sie glaubte die Höhe wäre sicher genug zum Runterspringen, lies sie den letzten Riss los und landete auf einem weichen Haufen Erde.
Sie wischte sich den schweiß von der Stirn und lockerte ihre Muskeln.
„Das ist noch mal gut gegangen!", sagte Alister.
„Und unseren Tempel haben wir auch gefunden.", fügte die Archäologin hinzu.
